Ausgabe 06/2013 - Schwerpunkt Motivation

Die Frontkämpfer der Globalisierung

- Als Roland Raschmann zurück ist, als alle um ihn herum Deutsch sprechen und die Kollegen ihn mit "Ah, der Chinese!" begrüßen, als ihm die Sekretärin das Merkblatt zur Materialbeschaffung überreicht und er das Formular für die Kantinenkarte ausfüllt, da weiß er endlich, was ein Kulturschock ist. In China war er stets darauf gefasst, plötzlich von dem Gefühl überwältigt zu werden, ganz und gar am falschen Ort zu sein. Gewundert und geärgert hat er sich zwar häufig, aber ein Schock? Nein. Zurück in Deutschland überrascht der ihn deshalb umso mehr. "Ich fühlte mich wie ein Rennfahrer, der sich in eine Treckerkolonne eingliedern muss, und für die nächsten hundert Kilometer gibt es keine Überholmöglichkeit", sagt der Mittvierziger.

Vier Jahre lang hat Raschmann freie Fahrt gehabt. In einer chinesischen Millionenstadt, deren Name er bis heute nicht richtig aussprechen kann, hat er eine Fabrik aufgebaut. Wo bei seiner Ankunft Bauern Gemüse pflanzten, laufen heute Autoteile vom Band. Das neue Werk sei ein wichtiger Pfeiler in der Wachstumsstrategie des Unternehmens, sagte der Vorstand, und Raschmann hat ihn errichtet. Man könnte auch sagen: errungen. Denn der Aufbau war ein Kampf mit dubiosen chinesischen Partnern, zwielichtigen Bürokraten und anderen widrigen Umständen. "Wenn ich nicht selbst gesehen hätte, wie das in China läuft, würde ich es nicht glauben", sagt Raschmann.

Er heißt in Wahrheit anders, aber weil manche seiner Erlebnisse in China schlecht in das Bild passen, das sein Arbeitgeber für die Öffentlichkeit und Investoren zu zeichnen versucht, muss sein Name für diese Geschichte geändert werden. Dabei hat er eigentlich nur das getan, was sich jeder Chef von seinen Angestellten wünscht: Er hat sich mit ganzem Herzblut in die Arbeit gestürzt und leidenschaftlich dafür gekämpft, das Unternehmen zum Erfolg zu führen.

Im Ausland zu arbeiten ist für viele Angestellte international agierender Firmen ein Traumjob. In einem fremden Land Vertretungsbüros, Produktionsstätten, Vertriebs- und Servicenetze aufzubauen ist eine Aufgabe für Abenteuerlustige. Und davon gibt es in Deutschland viele. So wie es für Studenten heute selbstverständlich ist, einige Semester ins Ausland zu gehen, führen inzwischen auch Karrieren oft in die Welt hinaus. Neben dem Reiz der Ferne locken spannendere Aufgaben, mehr Verantwortung, höhere Anerkennung, attraktive Gehaltszulagen und bessere Aufstiegschancen, sagt Tobias Busch, Gründer der Frankfurter Personalberatung Personalglobal. "Für gut geführte Unternehmen gehört es zunehmend zur Personalentwicklung, Mitarbeitern die Möglichkeit für Auslandseinsätze zu bieten", sagt der 55-Jährige, der einst für Siemens Nixdorf das Asiengeschäft betreute und Volkswagen-Chef in Indien war. "Wer in hohe Positionen aufsteigen will, muss heute auf jeden Fall Auslandserfahrung vorweisen können."

Grundsätzlich sind die Chancen, im Ausland zu arbeiten, gut. Laut einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsfirma Ernst & Young unter global tätigen Unternehmen nimmt die Zahl der Entsendungen zu. Mehr als die Hälfte gab an, 2012 mehr sogenannte Expats (kurz für "Expatriates" - "außerhalb des Vaterlandes" Wohnende) entsandt zu haben als im Vorjahr. 60 Prozent gehen davon aus, dass die Zahl in den kommenden zwei bis drei Jahren weiter steigen wird, vor allem in China und Afrika. Viele Expats beschreiben ihren Auslandseinsatz als die anstrengendste, aber auch erfüllteste Zeit ihres Berufslebens.

Das Gefühl, zum inneren Kreis zu gehören

An einem Sommerabend im Jahr 2007 hört Roland Raschmann seinen Vorstand zum ersten Mal vom Segeln erzählen. Sie sitzen in der Bar eines Schanghaier Luxushotels, ein paar Kollegen und der Chef. Das Ambiente ist futuristisch, aus dem Panoramafenster blickt man über den nächtlichen Glitzerteppich der Metropole. Der Vorstand ist bester Laune. Die Gespräche für das neue Werk sind gut gelaufen, und das Gefühl, gemeinsam in der Fremde zu sein, verwischt die Hierarchiegrenzen. Das Bier kommt auf die Spesenrechnung. Es ist der Anfang von Raschmanns Expat-Leben.

Raschmann ist damals Ende 30, Wirtschaftsingenieur und seit seiner Diplomarbeit im Konzern. Als Vertriebsmanager reist er regelmäßig nach China. Die Dienstreisen sind für ihn der Höhepunkt seines Arbeitslebens, das sich sonst hinter seinem Schreibtisch und in Sitzungsräumen abspielt. Er ist begeistert von Chinas Dynamik, den boomenden Städten, den Menschen, die so viel moderner sind, als er sie sich vorgestellt hat, und natürlich vom Essen. Auch das Geschäft läuft gut. Deutsche Autohersteller bauen in China ein Werk nach dem anderen und ziehen ihre Zulieferer mit. Der Bau einer eigenen Fabrik ist nur eine Frage der Zeit. Raschmann gibt sich Mühe, in möglichst vielen Strategierunden, in denen das China-Thema zur Sprache kommt, mit am Tisch zu sitzen.

Eine Beratungsfirma wird beauftragt, einen geeigneten chinesischen Joint-Venture-Partner zu finden und präsentiert schließlich einen saloppen Mittfünfziger, der passabel Englisch spricht und früher Professor für Ingenieurwissenschaften an einer renommierten chinesischen Universität war. Viele seiner ehemaligen Studenten und Kollegen seien heute wichtige Entscheidungsträger, erklärt er und stellt sich bereitwillig den deutschen Fragen nach Technologieklau und Vertragssicherheit. "Als Privatunternehmer habe ich die gleichen Sorgen", beteuert er. "Deshalb bin ich mit meiner Firma in eine Entwicklungszone im Landesinnern gezogen, ein Modellprojekt der Provinzregierung, deren Gouverneur persönlich dafür sorgt, dass die Gesetze eingehalten werden."

Nach wenigen Wochen ist man sich einig: Die Deutschen stellen die Technologie und den Löwenanteil der Investitionen. Der Professor soll sich um den Vertrieb der Produkte, die Zulieferer, Mitarbeiter und politischen Kontakte kümmern. Raschmann, der inzwischen den Ruf eines China-Experten hat, wird gefragt, ob er das Joint Venture in der Aufbauphase leiten wolle.

Formell ist die Stelle keine Beförderung, aber durch Auslandszuschläge, die sogenannte Busch- oder Wüstenzulage, verdoppelt sich Raschmanns Gehalt. Außerdem bezahlt ihm das Unternehmen in China ein Haus, das im Monat bis zu 4000 Euro kosten darf, dazu ein Auto samt Fahrer und jährlich zwei Heimflüge in der Business-Class. Obwohl Raschmann Single ist, enthält der Entsendungsvertrag auch Klauseln für eine mögliche Familiengründung: Seine Frau bekäme eine Entschädigung für verpasste Karrierechancen, seine Kinder einen Platz in einem internationalem Kindergarten.

Er sei geradezu überrascht gewesen, wie viel er dem Unternehmen wert sei, sagt Raschmann. "Das tut natürlich gut." Auch die Anerkennung durch die Vorgesetzten motiviert ihn. "Wenn dein Vorstand dir von seinem Segelurlaub erzählt, hast du das Gefühl, zum inneren Kreis zu gehören", erinnert er sich an den Abend in der Schanghaier Hotelbar. Zum Abschied klopft ihm der Chef vertrauensvoll auf die Schulter. Sein Job werde sicher nicht leicht werden, aber wenn er etwas brauche, solle er sich melden. "Wir bauen auf Sie!"

Die Last der Geschichte

Expats wie Raschmann sind die Nachfahren von Handelsreisenden, Missionaren, Kolonialbeamten und anderen Welteroberern. Seit jeher faszinieren die Frontkämpfer der Globalisierung die Daheimgebliebenen mit ihren Geschichten von ruhmreichen Schlachten, neuen Entdeckungen und treuer Kameradschaft. Dabei waren ihre Motive und Methoden nicht immer edel. In China drangen sie Mitte des 19. Jahrhunderts ein, mit Kanonenbooten, weil der chinesische Kaiser sein Reich nicht freiwillig für den Welthandel öffnen wollte. Bald war das Reich der Mitte dem Opium verfallen, das die Engländer aus ihren indischen Kolonien herbeischafften. Die Ausländer bauten ihre eigenen Städte, lebten nach ihren eigenen Traditionen und Gesetzen, verdienten gutes Geld und hatten dabei kein schlechtes Gewissen. Schließlich trugen sie das Licht der Moderne in Chinas mittelalterliche Finsternis, oder etwa nicht?

Das imperiale Zeitalter ist längst Geschichte. Undenkbar wären heute Tiraden wie die berüchtigte Hunnenrede von Kaiser Wilhelm II., der seinen Soldaten im Juli 1900 befahl, in Fernost dafür zu sorgen, "dass auf Tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!" Moderne Politiker beschwören den Dialog auf Augenhöhe. Unternehmen beteuern ihren Respekt vor den Bräuchen und Gesetzen des Landes und schicken ihre Mitarbeiter zu interkulturellen Trainings. Doch die Vergangenheit hat trotzdem ihre Spuren hinterlassen. Die Chinesen empfinden bis heute die Schmach der Unterdrückung, und der Komplex, nicht respektiert zu werden, nährt nationalistische Rachegelüste. Bei den Nachkommen der einstigen Eroberer haben dagegen weder politische Korrektheit noch Bewunderung für Chinas Entwicklung das alte Überlegenheitsgefühl zu verdrängen vermocht. Das Expat-Dasein trägt bis heute postkoloniale Züge, und das interkulturelle Miteinander ist noch immer oft ein Gegeneinander.

Als Roland Raschmann zum ersten Mal das Feld betritt, auf dem einmal seine Fabrik entstehen soll, spricht er gerade genug Chinesisch, um den Bauern, die dort ihre letzte Ernte einholen, Guten Tag zu sagen. Trotzdem ist er nicht unvorbereitet nach China gekommen. Er hat viel gelesen und weiß, wie leicht sich westliche Firmen im Netz aus fremder Mentalität, undurchsichtigen Märkten und politischer Einflussnahme verheddern. Er ist darauf gefasst, dass es Probleme geben wird. Ein wenig freut er sich sogar darauf.

Den ersten Adrenalinstoß versetzt ihm die Erklärung des Professors, dass er seinen ohnehin kleinen Teil an den Investitionen nicht leisten könne. Raschmann hört, der Mann sei bei seiner Bank nicht kreditwürdig. Dafür schickt der Professor am Ende des ersten Monats eine gepfefferte Rechnung für die Büroräume, die Raschmann mit seinem Aufbauteam bezogen hat und die er eigentlich kostenlos zur Verfügung stellen sollte. Raschmann hält Rücksprache mit dem Vorstand und überweist dann kommentarlos. Das Projekt ist zu wichtig, um es wegen solcher Kleinigkeiten platzen zu lassen.

Raschmanns Adrenalinspiegel steigt weiter, als die Kostenvoranschläge für den Fabrikbau weit über dem Budget liegen, das der Professor ursprünglich veranschlagt hatte. Der Deutsche setzt sich mit allen Baufirmen einzeln zusammen und verhandelt. Seine Übersetzerin fordert wegen der mühsamen Arbeit eine Gehaltsverdopplung und kündigt, als sie diese nicht bekommt. Schließlich kann Raschmann die Baukosten um ein Drittel drücken. "Ihr Deutschen seid wirklich gewissenhaft", sagt der Professor. Raschmann hat das gute Gefühl, sich Respekt verschafft zu haben.

Wenige Monate nach seiner Ankunft steht der erste Baukran auf dem Feld. Fundamente werden gegossen, Stahlgerüste emporgezogen, Wände gesetzt. Die Arbeiten gehen schnell voran, fast zu schnell für Raschmanns Geschmack. Denn er und seine deutschen Kollegen kommen kaum hinterher, die Baumängel zu protokollieren und Nachbesserungen zu fordern: fehlerhafte Betonarbeiten, gefährliche Elektroinstallationen, unsichere Gasleitungen. "Die Bauqualität war unterirdisch", erinnert er sich. Dass Zulieferer ihn als Rassisten beschimpfen, weil er die Fenster nicht bezahlen will, weil sie nicht ordentlich schließen, wird für ihn bald zur Normalität. Der Professor ist keine Hilfe, die Stimmung zwischen den Partnern angespannt.

Aber Raschmann ist entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Er, der Spezialist für internationalen Vertrieb wird zum Experten für Baufragen, geht mit deutscher Gründlichkeit gegen chinesischen Pfusch vor. Bis tief in die Nacht sitzt er in seinem Luxusapartment und schreibt Listen, Protokolle, E-Mails. Sein Privatleben beschränkt sich auf gelegentliche Skype-Gespräche mit Freunden in Deutschland und Kneipenabende mit anderen Expats, die ähnliche Probleme haben wie er. Um sich abzureagieren, geht er ins Fitness-Studio und ist bald besser in Form als jemals zuvor. "Ich habe mich gefühlt wie David im Kampf gegen Goliath", sagt er, "aber gut dabei." Anders als bei deutschen Bürogefechten weiß er in China, wofür er arbeitet.

"Auslandseinsätze sind oft Extremerfahrungen", sagt Peter Kruse. Der Mittsechziger ist seit fünf Jahren Pastor der evangelischen Gemeinde in Schanghai und damit einer der wichtigsten Seelsorger für die schätzungsweise zehntausend Deutschen in der Hafenstadt. Gleichzeitig arbeitet der Theologe, der auch Psychologie und Wirtschaft studierte, als Coach bei Bosch, eines der wenigen Unternehmen, das erkannt hat, dass viele entsandte Mitarbeiter und ihre Familien während ihres Auslandsaufenthalts Unterstützung brauchen. Zwar erlebe die überwiegende Mehrheit ihre Auslandszeit als große Bereicherung. Doch welche Schattenseiten das Expat-Leben haben kann, erkennen viele erst, wenn es zu spät ist.

"Wenn die Arbeit plötzlich so viel Spaß macht wie nie zuvor, kommt das Privatleben oft zu kurz", hat Kruse beobachtet. Während der arbeitende Partner, meist der Mann, aufblühe, hätten ihre Frauen es oft schwer, Anschluss und Beschäftigung zu finden. Das treibe einen Keil in viele Familien. Bei den Männern führe die Mischung aus großer Bestätigung im Job und schlechtem Gewissen zu Hause leicht dazu, sich in Liebesabenteuer zu stürzen, zumal die Angebote dafür in China vielfältig seien. Viele zerbrochene Familien seien die Folge. Daran sei dann zwar oft nicht allein der Auslandsaufenthalt schuld. "Aber die Hemmschwelle, Grenzen zu ignorieren und Regeln zu brechen, ist im Ausland niedriger", sagt Kruse.

Außerdem seien längst nicht alle dem beruflichen Stress im Ausland gewachsen. Der hohe Erfolgsdruck und die Angst, an den oft unbekannten Aufgaben zu scheitern, lasse viele zu Alkohol oder Beruhigungsmitteln greifen. Andere stürzen sich in Extremsport. "In Deutschland habe ich noch nie jemanden getroffen, der für den Iron Man trainiert", wundert sich Kruse. "Hier in Schanghai kenne ich vier." Das sei zwar gesünder als Schnaps oder Tabletten, aber nicht unbedingt ein Zeichen innerer Balance.

Der Kater nach dem Rausch

Nach zwölf Monaten Bauzeit steht Raschmanns Werk. Das Budget hat er überschritten, aber den Zeitplan eingehalten, und wer nicht so genau hinschaut wie er, spricht von einem Gebäude deutscher Qualität. Einen "klasse Job" habe er gemacht, sagt der Vorstand, als er zu Besuch kommt. Auch der Professor führt regelmäßig Gäste durch die Werkshalle "seines" Joint Ventures. Raschmann hört, er wolle damit seine Kreditwürdigkeit verbessern.

Doch der Deutsche hat wenig Zeit, sich mit seinem unzuverlässigen Partner zu befassen. Aus seinem kleinen Aufbauteam wird innerhalb kurzer Zeit eine Belegschaft von mehreren Hundert Mitarbeitern. Mit seiner kleinen, überwiegend deutschen Führungsmannschaft muss er sich um die Installation von Maschinen kümmern und Trainingsprogramme für seine Produktionsmitarbeiter entwerfen. Er muss Kontakt zu möglichen Kunden aufnehmen und Messeauftritte vorbereiten. Er muss täglich große und kleine Entscheidungen treffen: Welche Bonussysteme sollen die Arbeiter an die Firma binden? Soll er die Kantine verpachten oder eigene Köche einstellen? Wie wird Rauchen in der Werkshalle geahndet?

Die Beschlüsse fallen oft bei Besprechungen, auf dem Flur, beim Essen oder im Auto. "In Deutschland hält man für kleine Entscheidungen große Meetings ab", erzählt Raschmann. "In China läuft es andersrum." Nicht alle Entscheidungen seien glücklich gewesen, gesteht er, aber was richtig und falsch sei, habe sich oft erst im Nachhinein erkennen lassen. Fehler machen, zugeben und korrigieren zu können, ohne dass jemand das gegen ihn verwendet habe, sei eine der großen Freiheiten, die er in China gehabt habe, erinnert er sich. Der Vorstand interessiert sich nicht für Prozesse, sondern für Ergebnisse.

Zwar läuft der Produktionsbeginn keineswegs reibungsloser als der Hallenbau - der Professor wirbt Raschmanns frisch ausgebildete Arbeiter ab, um sie in seinem eigenen Werk einzusetzen. Zulieferer schicken Material, das nicht brauchbar ist. Die Behörden halten dringend benötigte Maschinen im Zoll fest. Doch Raschmann bleibt hartnäckig. Knapp drei Jahre nach seiner Ankunft befindet er sich auf der Zielgeraden. Der Vorstand hat Headhunter beauftragt, einen Nachfolger zu suchen, der das Werk langfristig leiten soll, einen Chinesen mit Auslandserfahrung. Als sich die Suche als schwierig erweist, wird Raschmanns Entsendungsvertrag noch einmal um ein Jahr verlängert. Er ist froh darüber, denn er ahnt, dass ihm die Rückkehr nicht leicht fallen wird.

"Die Rückkehr ist für viele Expats zunächst einmal eine Enttäuschung", sagt der Personalberater Tobias Busch. Denn oft sei es für Unternehmen kaum möglich, für sie in der Heimat eine Aufgabe zu finden, die mit ihrer Verantwortungsfülle im Ausland vergleichbar sei. Bei vielen nage das am Selbstwertempfinden. "Sie haben das Gefühl, für die Firma im Ausland Großes geleistet zu haben, und wollen dafür belohnt werden." Langfristig nütze ein Auslandseinsatz zwar jeder Karriere, aber kurzfristig entstehe bei vielen der Eindruck, heruntergestuft zu werden. Denn selbst wer formal befördert wird, muss durch den Wegfall der Auslandszulagen in der Regel mit weniger Gehalt auskommen. Auch Vergünstigungen wie bezahlte Wohnungen und Dienstwagen fallen weg, und zum inneren Kreis gehören wieder andere. Das brennende Engagement, mit dem Mitarbeiter im Ausland ihrem Job nachgehen, wird bei der Rückkehr kalt gelöscht. "Um es in der Fußballersprache zu sagen: Ein Auslandseinsatz ist wie ein Pass in den freien Raum", meint Busch. "Er ist immer ein Risiko, und ob er sich gelohnt hat, weiß man erst, wenn man ihn gespielt hat." In der Hälfte der Fälle gehe das schief, in der anderen Hälfte allerdings auch gut.

Roland Raschmann arbeitet heute nur noch halb so viel wie in China. Seinem neuen, alten Leben kann er durchaus etwas abgewinnen. Wenn er das Büro verlässt, hat er einen freien Kopf. Er verbringt seine Freizeit wieder außerhalb von Expat-Kneipen. Die Wochenenden gehören ihm. Seinen Sport macht er in der Natur statt im Fitness-Studio. Sein Nachfolger in China ist nur wenige Monate geblieben und dann zu einer anderen Firma gewechselt. Dass man ihn nicht gefragt hat, ob er zurückgehen möchte, hat ihn gewurmt, aber der Vorstand wollte es noch einmal mit einem chinesischen Geschäftsführer versuchen. "Irgendwann will ich schon noch einmal raus", sagt er. Bis dahin baut er statt Fabriken Präsentationen für seinen Chef. Die nächste in Powerpoint muss tipptopp sein. -

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