Ausgabe 02/2013 - Blick in die Bilanz

Blick in die Bilanz: Not for profit

Die Umsatzentwicklung (total net sales) des Internet-Kaufhauses im dritten Quartal 2012 (jüngere Zahlen liegen noch nicht vor) war wieder einmal beeindruckend: ein Plus von 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Online-Handel insgesamt wächst seit Jahren nur etwa halb so schnell, die stationäre Konkurrenz bewegt sich im mittleren einstelligen Bereich. Das Tempo, das die Amerikaner vorlegen, ist umso beeindruckender, als es nicht nachlässt - was zu erwarten wäre. Erreicht eine Firma eine gewisse Größe, ebbt das Wachstum für gewöhnlich ab. Amazon indes steigert seinen Umsatz seit Jahren im Schnitt um rund 30 Prozent.

Allein die Profitabilität lässt zu wünschen übrig: Die operative Marge (income from operations als Anteil der net sales) ist so gering wie im stationären Handel, sie liegt zwischen einem und vier Prozent - Tendenz fallend. Nach jeweils gut vier Prozent in den Vorjahren schaffte Amazon 2011 nur noch 1,8 Prozent, in den ersten neun Monaten 2012 sank die Marge gar auf knapp 0,7 Prozent. Der Konzern rutschte erstmals seit fünf Jahren in die roten Zahlen - im dritten Quartal mit 274 Millionen Dollar. Die mangelnde Profitabilität ist nicht einer fehlgeschlagenen Strategie geschuldet. Sie wird bewusst in Kauf genommen. Das dritte Quartal wurde zwar auch belastet durch eine hohe Abschreibung (169 Millionen Dollar) auf ein misslungenes Investment, die Rabattplattform Living Social. Weit stärker aber schlugen um mehr als 400 Millionen Dollar erhöhte Ausgaben für neue Techniken zu Buche, etwa in Amazon Web Services, einen Dienst, der Kunden Speicherplatz in einer von Amazon betriebenen IT-Infrastruktur anbietet, einer sogenannten Cloud.

Das Unternehmen verzichtet bewusst auf Profit zugunsten von Wachstum. Das zeigt sich am Online-Lesegerät Kindle Fire. Amazon schlägt auf die Materialkosten gerade 17 Prozent auf, Apple verlangt beim iPad 43 Prozent mehr. Die Strategie geht auf. Der Kindle Fire ist das bestverkaufte Produkt bei Amazon - gemessen an Umsatz und sogar Stückzahl weit vor weltweiten Megasellern wie etwa der Erotik-Saga "Fifty Shades of Grey". Gleichzeitig befeuert der Kindle weitere Umsätze: Wer das Amazon-Gerät besitzt, kauft auch die Inhalte bei dem Online-Händler. Auch Amazon Web Services floriert - seine Umsätze stecken in den Service Sales, die in den ersten drei Quartalen 2012 um 58 Prozent zulegten.

Amazon ist extrem kostenbewusst, diverse Male geriet die Firma wegen zu geringer Löhne in die Kritik. Die Amerikaner haben dabei nicht die Gewinnmaximierung im Sinn, sondern geben Kostenvorteile an die Kunden weiter - wiederum, um weiter zu wachsen. Am Beispiel der Shipping Costs, also der Versandkosten (die Lohnkosten werden in den Finanzberichten nicht ausgewiesen), wird dies augenfällig: Amazon bekommt aufgrund seiner Größe beste Konditionen bei Logistikfirmen. Dennoch steigt der Anteil der Versandkosten am Umsatz; gleichzeitig fällt der Prozentsatz, der Kunden in Rechnung gestellt wird. Für sie wird der Einkauf immer billiger.

Die Firma kann sich ihre geringe Profitabilität leisten, weil sie sehr liquide ist, im Finanzjargon: einen hohen Cash Flow erwirtschaftet. Das, was sie im Laufe eines Jahres an Barmitteln einnimmt, übersteigt meist deutlich die Summe, die sie für Investitionen benötigt. Amazons Bilanz ist daher praktisch schuldenfrei: Finanzschulden von 2,7 Milliarden Dollar stehen rund 3 Milliarden Dollar an Cash gegenüber. Die Eigenkapitalquote liegt bei 33 Prozent. Das ist ein Grund, warum Investoren die Aktie lieben. Der zweite ist, dass das hohe Wachstum bislang die Kurse antrieb, die im vergangenen Jahr weit über dem Markt lagen. Schließlich hoffen die Anleger, dass Amazon irgendwann seine Investitionen zurückfährt und ordentlich Gewinn macht. Allein, das jetzige Modell der Firma funktioniert so gut, und das seit immerhin 18 Jahren - da können die Börsianer unter Umständen lange warten. -

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Amazon wurde 1994 von Jeff Bezos gegründet und ging 1997 an die Börse, wo die Firma aktuell gut 96 Milliarden Euro wert ist. Als Buchhändler gestartet, macht der Onine-Händler heute doppelt so viel Umsatz mit Unterhaltungselektronik und anderen Waren, von Winterstiefeln bis Windeln. Mit günstigen Preisen, vor allem bei Markenartikeln, bringt die Firma stationäre Händler und Hersteller gegen sich auf, die Zahl der Kundenkonten, 188 Millionen derzeit, steigt stetig. Amazon beschäftigt 81000 Mitarbeiter, zur Weihnachtszeit zusätzlich rund 60000 Aushilfskräfte.

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