Ausgabe 04/2013 - Gute Frage

Gute Frage: Was bringt eigentlich die Mülltrennung?

• Seit 1991 trennen die Deutschen ihren Müll. Wir sammeln Verpackungen und Papier, Braun- und Weißglas, diverse Einweg- und Mehrwegpfandflaschen, Biomüll und Restmüll, Kleidung und Schuhe, Elektroschrott, Batterien und Sperrmüll. Alles in der Hoffnung, dass wir etwas Gutes für die Umwelt tun und die Wertstoffe recycelt werden. Die Erfolge sind allerdings immer noch bescheiden.

Was bringt es?

Bei Papier und Glas funktioniert das Recycling mit rund 80 Prozent Wiederverwertung zwar relativ gut. Das Problem sind die Kunststoffe. Rund zehn Millionen Tonnen werden pro Jahr in Deutschland neu hergestellt. Vier Millionen Tonnen entfallen davon auf Verpackungen. Aber nur 0,8 Millionen Tonnen tragen den Grünen Punkt. Davon werden etwa 60 Prozent wieder eingesammelt, und nur ein Drittel dieser Menge wird am Ende wiederverwertet.

Recycling bedeutet nicht, dass aus einem Joghurtbecher wieder ein Joghurtbecher wird. Stattdessen werden die Kunststoffabfälle zu Parkbänken, Blumenkübeln oder Lärmschutzwänden verarbeitet. Downcycling nennt man das, da das Endprodukt nicht mehr die ursprüngliche Qualität des Ausgangsmaterials erreicht. Zudem verbraucht die Aufbereitung viel Energie, und die Verpackungen reisen im Schnitt 300 Kilometer durchs Land.

Für Christiane Schnepel, beim Umweltbundesamt zuständig für Nachhaltige Produktion und Kreislaufwirtschaft, sind Mülltrennung und Recycling trotzdem die beste Art der Wiederverwertung. "Ich hätte auch nichts gegen noch mehr Parkbänke", sagt sie.

Was kostet es?

Etwa 1,5 Milliarden Euro jährlich kostet allein der Grüne Punkt die Kunden, die an der Supermarktkasse einen Aufpreis für jede Verpackung bezahlen müssen. Damit finanzieren die Verpackungshersteller die Lizenzgebühren für den Grünen Punkt. Das Geld geht an die Organisatoren der Mülltrennung: zum Beispiel an das Duale System Deutschland GmbH (DSD).

Einst als Non-Profit-Organisation des Handels im Jahr 1990 gegründet, wuchs das Unternehmen dank des Gesetzgebers zu einem mächtigen Spieler im Abfallgeschäft heran. 2005 musste das DSD aus kartellrechtlichen Gründen privatisiert werden. Der US-Finanzinvestor Kohlberg Kravis Roberts übernahm die Mehrheitsanteile und verkaufte sie 2010 an die britische Private-Equity-Gesellschaft Solidus Partners weiter. Die Amerikaner bezeichneten den Deal später als ein gutes Geschäft.

Das DSD fungiert als Makler des Abfallstroms. Die Firma kassiert Lizenzgebühren von den Verpackungsherstellern und beauftragt private Unternehmen, den Müll zu sammeln, zu sortieren und zu verwerten.

2007 machte das DSD einen Umsatz von 946 Millionen Euro, 2009 waren es 684 Millionen Euro. Aktuellere Angaben macht die Firma nicht. Der Umsatz sank, weil seit 2005 weitere Anbieter auf diesem Markt tätig sind. Mittlerweile hat das DSD neun Konkurrenten und hält noch einen Marktanteil von zirka 50 Prozent. Mit Müll lässt sich viel Geld verdienen.

Die eigentliche Arbeit machen sich andere - und sie machen sie gern. Alba aus Berlin etwa ist eine jener Firmen, die vom DSD mit dem Abtransport und der Sortierung beauftragt werden. Einst ein kleiner Familienbetrieb, ist Alba heute europaweit aktiv und beschäftigt 9000 Mitarbeiter, leert laut eigenen Angaben mittlerweile jede vierte gelbe Tonne in Deutschland und macht damit einen Umsatz von 3,2 Milliarden Euro im Jahr. Das Geld kommt vom DSD, aber vor allem aus den Gewinnen des Weiterverkaufs der gesammelten und sortierten Kunststoffe. Eine Tonne PE- oder PP-Verpackungen hat einen Marktwert von 200 bis 350 Euro. Aluminium bringt bis zu 1000 Euro. Geschredderte PET-Flaschen erzielen 400 Euro pro Tonne und landen oft als Sekundärrohstoff in China. Dort werden sie eingeschmolzen und zu Polyesterfäden gesponnen, etwa für Fleece-Pullover. Mindestens die Hälfte der zurückgegebenen PET-Flaschen landet, so eine Schätzung von Greenpeace, in Asien.

Was bleibt übrig?

Zwei Drittel der eingesammelten Verpackungen aus dem Grünen Punkt enden in der sogenannten thermischen Verwertung. Mit anderen Worten: Sie werden verbrannt. Etwa in der Hamburger Müllverwertungsanlage Rugenberger Damm, wo insgesamt 320.000 Tonnen Verpackungen und Restmüll pro Jahr verfeuert werden. Daraus entsteht Fernwärme für Wohnungen und Strom. Im Jahr 2010 machte die Anlage einen Gewinn von knapp 20 Millionen Euro und erzielte eine Umsatzrendite von mehr als 42 Prozent. Haupteigentümer ist der Energiekonzern Vattenfall.

Der oft nasse Restmüll brennt nicht gut. Daher ist man am Rugenberger Damm froh über jede Kunststoffverpackung und jedes Stück Papier, das irrtümlich in die Restmülltonne geworfen wurde. Das erhöht den Brennwert. Um den Brennwert noch zusätzlich zu steigern, wird der Müll gezielt mit Kunststoffen und geschredderten Holzteilen aus dem Sperrmüll angereichert. Konditionierung nennen das die Fachleute.

Die Ursprungsidee der "stofflichen Wiederverwertung" wird durch die Verbrennung konterkariert. Aber ist das so schlimm? Als Brennstoff ist Abfall heute genauso wertvoll wie Braunkohle, die aufwendig gefördert werden muss. Selbst Greenpeace sieht, im Gegensatz zu früher, die Müllverbrennung nicht mehr als großes Übel: Dank strenger Umweltauflagen sei die Dioxinbelastung seit 1990 auf ein Tausendstel des damaligen Werts gesunken. Eine Studie komme sogar zu dem Schluss, dass die Anlagen der Luft Giftstoffe entzögen - denn würde man die entsprechende Menge Strom und Wärme in Kohlekraftwerken erzeugen, würden zusätzlich drei Tonnen Arsen, Cadmium und andere Schwermetalle die Luft belasten. Selbst die Kohlendioxidbilanz der Anlagen sei besser als ihr Ruf.
Je weiter der Preis für fossile Energieträger steigt, desto wertvoller wird der Müll als Ersatzbrennstoff.

Es braucht neue Ideen, will man Recycling ernsthaft vorantreiben. Und neue Gesetze. Der Abfallwissenschaftler Klaus Wiemer hat in Kassel ein Konzept mit nur noch zwei Abfalltonnen erprobt: eine für nassen und eine für trockenen Müll. Das würde vor allem die Logistikkosten und Fehlwürfe verringern, denn in großen Städten landet bis zu 50 Prozent des Abfalls in der falschen Tonne. Der trockene Müll könnte dann besonders leicht maschinell sortiert werden. Der nasse Abfall könnte zur Energiegewinnung genutzt werden, zum Beispiel durch Biogas.

Der kommunale Zweckverbund Abfallwirtschaft in Trier ging noch einen Schritt weiter und kippte den getrennt gelieferten Müll wieder zusammen und beobachtete, wie Bakterien ihre Energie aus dem Biomüllanteil bezogen und in Wärme umwandelten, sodass der Abfall trocknete. Er ließ sich hinterher wunderbar sortieren. Maximilian Monzel, der Geschäftsführer, hält den gelben Sack denn auch für überflüssig.

Beide Modelle sind vorerst gescheitert. "Die Probleme bestehen auf organisatorischer und verwaltungstechnischer Seite", sagt Wiemer. Die Kommunen kommen aus den Verträgen mit dem DSD nicht heraus und sind an die gesetzlichen Vorgaben gebunden. Und die schreiben die Mülltrennung vor.

Eine Petition an den Bundestag vom Januar 2012 fordert daher auch, die gesetzlich vorgeschriebene Mülltrennung zu streichen und stattdessen die Wiederverwertung zu verankern.

Das Hickhack hat einen gewichtigen Grund: "Eigentlich möchte man gar kein echtes Recycling", sagt Michael Braungart vom Institut für Internationale Umweltforschung EPEA. "Man will eher noch mehr Müll für die Verbrennung, um die Anlagen auszulasten." Braungart plädiert dagegen dafür, einen echten Stoffkreislauf zu etablieren (siehe brand eins 09/2008 und brand eins 06/2010). "Bislang versuchen wir ständig, das Falsche zu perfektionieren", sagt er. "Wir müssen lernen, in Nährstoffen zu denken, nicht in Abfall. Sonst kommt auch weiterhin nur Abfall dabei heraus." ---

Mehr aus diesem Heft

Handel 

Wandel lohnt sich

Der Onlinehandel wächst und wächst und wächst - auf Kosten des stationären Handels. Aber das ist kein Naturgesetz.

Lesen

Handel 

Knick in der Optik?

1995 sah niemand, dass ein Onlinehändler den Buchhandel aufrollen kann. Bis auf Jeff Bezos, den Gründer von Amazon. 2008 sah niemand, dass man Brillen im Netz handeln kann. Bis auf den Mister-Spex-Gründer Dirk Graber.

Lesen

Idea
Read