Ausgabe 04/2013 - Wirtschaftsgeschichte

Wirtschaftsgeschichte: Heute hier, morgen fort

- Als ihnen drei Arbeiter vom Schlachthof Anglo den Tipp gegeben hatten, musste es schnell gehen. Mitglieder des argentinischen Senats und Beamte der Polizei fuhren im Winter 1935 zum Hafen von Buenos Aires. Dort lag, fertig zum Auslaufen Richtung London, der unter englischer Flagge fahrende Dampfer "Norman Star" am Kai. Ohne sich lange mit Formalitäten aufzuhalten, kletterten die Beamten an Bord, stiegen in den Frachtraum und fanden dort unter einer Ladung Stickstoffdünger, wonach sie suchten: 20 Kisten Corned Beef, versiegelt vom argentinischen Agrarministerium. Darin war aber kein Fleisch. Sondern wie erwartet: die gesamte Buchhaltung des Schlachthofs Anglo.

Für Lisandro de la Torre, der vom Senat dazu bestellt worden war, die Machenschaften der ausländischen Schlachthöfe aufzuklären, ein beachtlicher Erfolg. International tätige Konzerne beherrschten den Markt in Argentinien: Das Fleisch kam aus der Pampa, verarbeitet und exportiert wurde es von meist britischen Firmen. Die aber weigerten sich beharrlich, Steuern zu bezahlen, und wenn doch, dann nur einen Minimalbetrag. Besonders hartnäckig dabei war der Schlachthof Anglo. Er gehörte zum Imperium von William und Edmund Vestey, den Gründern des damals größten Fleischhandelskonzerns der Welt.

Die Brüder sahen es nicht ein, irgendwo auf der Welt Steuern zu zahlen. Nicht in Argentinien und auch nicht in ihrer Heimat Großbritannien. Selbst als Finanzbeamte den Argentinien-Chef ihres Imperiums in Beugehaft nahmen, blieb dieser stur, weigerte sich zu kooperieren und sagte nur: "Wir haben keine Controlling-Abteilung, wir führen nicht Buch über unsere monatlichen Kosten."

Der Inhalt der Corned-Beef-Dosen bewies das Gegenteil: In den sichergestellten Dokumenten waren die Einnahmen und Ausgaben peinlich genau aufgelistet, darunter auch die Schmiergeldzahlungen an argentinische Beamte und Minister. Offiziell hatte Anglo den Steuerbehörden einen Gewinn von 75000 Pesos für das Vorjahr gemeldet. Tatsächlich standen in den beschlagnahmten Büchern Gewinne von 37,8 Millionen Pesos - pro Monat.

Nur keine Spuren hinterlassen

Die Vestey-Brüder hatten damals ihre Zentrale in Großbritannien, aber sie waren auf der ganzen Welt aktiv. 1897 begannen sie damit, Fleisch von Chicago in ihre Heimat Liverpool zu importieren. Das dabei verdiente Geld investierten sie in Hühnerfarmen in Russland und China. In der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts importierten sie dann preiswerte Eier nach Europa. Sie bauten Kühlhallen und Lagerhäuser in Großbritannien, Frankreich, Russland, den USA und Südafrika. 1911 gründeten sie mit der Blue Star Line eine Reederei, die später von P&O Nedlloyd übernommen wurde, 1913 expandierten sie nach Argentinien, Brasilien, Australien und Venezuela, kauften überall Farmen und Schlachthöfe. Es war genau diese Art von Unternehmen, die im beginnenden 20. Jahrhundert den Nationalstaaten ein Problem bescherte: Wie sollten international operierende Konzerne besteuert werden?

Für die Regierungen war es schier unmöglich, die Einnahmen solcher Firmen sicher zu ermitteln. Großbritannien verzichtete daher zunächst komplett darauf und verlangte keine Steuern von Unternehmen, die zwar ihren Sitz im Königreich hatten, ihr Geld aber im Ausland verdienten.

Doch als der Erste Weltkrieg ausbrach, brauchte die Regierung Geld - und schaute den Konzernen genauer auf die Finger. Auch den Vesteys. 1914 änderte das Parlament das Steuerrecht, und fortan mussten britische Unternehmen auf ihr weltweites Einkommen Steuern zahlen, ganz gleich, ob die Gewinne ins Königreich zurückflossen oder nicht.

Die Vesteys waren davon wenig begeistert - und verließen ihre Heimat. Sie siedelten zuerst nach Chicago um und später nach Argentinien. Doch während des Krieges zog es sie nach Hause. Und sie ließen sich einiges einfallen, um weiterhin steuerfrei leben zu können.

Zunächst reisten sie als Gäste ins Land, nicht als Staatsbürger. Sie versprachen dem Premierminister, viele Arbeitsplätze zu schaffen - wenn sie im Gegenzug von der Steuer befreit würden. Als sie schließlich im Jahr 1920 von einer Regierungskommission angehört wurden, behauptete William Vestey: "Bei einem Geschäft dieser Art kann man nur schwer sagen, wie viel Geld in diesem oder in jenem Land verdient wurde. Sie schlachten ein Tier, und die Produkte werden dann in 50 Länder verkauft. Man kann nicht sagen, wie viel in England verdient wurde und wie viel im Ausland."

Als die Brüder mit dieser Argumentation nicht durchkamen, bedienten sie sich eines Tricks: Sie gründeten einen Trust. Trusts waren im Mittelalter entstanden. Als die Kreuzritter in die Schlachten zogen, überließen sie ihren Besitz einem Verwalter, der sich im Interesse der Ehefrau und der Kinder darum kümmerte. Ein Trust war schon zu jener Zeit eine Vereinbarung zwischen drei Beteiligten: dem Besitzer, dem Begünstigten und dem Verwalter.

Im Dezember 1921 unterzeichneten die Vesteys im Pariser Büro der britischen Anwaltskanzlei Hall & Stirling den Vertrag. Darin war geregelt, dass sie ihre gesamten Besitztümer in Übersee an eine Firma namens Union Cold Storage Ltd. mit Sitz in Großbritannien vermieten.

Die Union Cold Storage wiederum zahlte die Leasinggebühr an zwei Rechtsanwälte und einen Firmendirektor in Paris, die das Vertrauen der Vestey-Brüder genossen. Den dreien wurde das Recht eingeräumt, Investitionen zu tätigen - unter der Anweisung von bestimmten "autorisierten Personen", wie es im Vertrag hieß. Diese autorisierten Personen waren die Vestey-Brüder, die wiederum die Trust-Mitglieder anweisen konnten, der Union Cold Storage Geld zu leihen - und so in Großbritannien an ihr Geld kamen.

Durch den Fund an Bord der "Norman Star" konnten die Behörden das System der Vesteys erstmals durchschauen. Um die Machenschaften der Brüder aufzuklären, verbündeten sich sogar britische und argentinische Finanzbeamte. Doch es gelang ihnen nie, in die Bücher in der Zentrale in London zu schauen. Lisandro de la Torre, der Mann, der den Vesteys auf die Schliche kam, nahm sich am 5. Januar 1939 das Leben. In seinem Abschiedsbrief begründete er diesen Schritt mit seiner Enttäuschung über die Schlechtigkeit der Menschen.

Die Familie der Vesteys gehört bis heute zu den reichsten in Großbritannien - und in Steuerangelegenheiten wohl zu den gewieftesten. Als 1993 ein Gesetz selbst die Queen dazu verdonnerte, Einkommensteuer zu zahlen, sagte Lord Vestey, ein Nachfahr der Brüder: "Dann bin ich jetzt wohl der Letzte." -

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