Ausgabe 04/2013 - Schwerpunkt Handel

Die Einkaufsschlacht

Die Versuchsanordnung

Meine Schwiegermutter liebt kleine Buchhändler. Ich bin Amazon-Prime-Kunde. Sie probiert stundenlang Schuhe in Boutiquen. Ich liebe Zalando. Sie stöbert Schätze in Fachgeschäften auf. Ich vergleiche im Netz die Preise. Sie mag große Supermärkte. Ich lasse den Boten vom Lieferdienst die Taschen schleppen. Heute treten wir gegeneinander an. Ein identischer Einkaufszettel. Schwiegermutter offline, ich online. Das ist das Experiment.

Der Einkaufszettel

Abendessen (geröstete Auberginen)

2 Auberginen, frische Petersilie, 3 Mini-Salatgurken, 90g Kirschtomaten, 1 Granatapfel, 70g Tahin, Knoblauch, 1 Zitrone;

4 Käsekuchen im Glas

1 Flasche Rotwein

1 Ananas

1 Packung Espresso (fair gehandelt)

1 Packung Aspirin

1 Blumenstrauß (für M.)

1 Buch (Geschenk für M., verpackt)

1 kleines Spielzeug für die Tochter D.

1 Paar Kinderhausschuhe Größe 27

Wäscheklammern

Energiesparlampe Warmton, E27-Fassung

Der Versuch

9.02 Uhr, Sofa. Der Kampf Baumwollbeutel gegen elektronischer Warenkorb beginnt. Meine Schwiegermutter schnappt sich die Einkaufstaschen, ich das iPad. Wer gibt mehr Geld aus, wer kauft was in welcher Qualität? Und wer bringt mehr Unnötiges zurück? Schwiegermutter kämpft gegen den kältesten Tag des Frühjahrs. Ich mache es mir auf dem Sofa bequem. Ich trinke einen Espresso und lese noch mal die Studien der Marktforscher. "Customer Journey" nennen sie den Weg vom ersten "Trigger" bis zum Kauf eines Produktes. Mit "Konversionsraten" beschreiben sie den prozentualen Anteil der Kunden, die in den von ihnen besuchten Läden tatsächlich kaufen. Marktstand, Einkaufs-App und Webshop sind in der Forscherperspektive "Channel". Und die meisten Kunden sind heute ständige Kanalwechsler. Insofern ist unser Versuch eine Art künstliche Laborsituation.

Ich schaue auf den Einkaufszettel: Gemüse, Lebensmittel und der übliche Kleinkram. Eben das, was ich früher bei Karstadt gekauft hätte. Höchstens 100 Euro wird unser Einkauf kosten, da waren wir uns einig. Oder weniger. Online bin ich ganz Homo oeconomicus, kaufe zielgerichtet, rational und sparsam.

9.24 Uhr, Isemarkt, Hamburg-Harvestehude. Gedränge. Geschiebe. Analoger als auf dem Wochenmarkt kann man nicht einkaufen. Einige Händler bauen noch ihre Stände auf. Den ersten Gemüsestand lässt Schwiegermutter links liegen. Den zweiten auch. Die Auswahl ist groß. Die Entscheidung fällt ihr schwer. Sie kauft nichts, sie dreht erst mal eine Runde über den Markt. "Um einen Überblick zu bekommen", wie sie sagt. "Allein die Gerüche, die kann mir kein Online-Einkauf bieten." Sie badet im "Wohlfühlerlebnis", das der stationäre Handel für sich in Anspruch nimmt.

9.26 Uhr, Google.de. Ich nehme mir den schwierigsten Posten zuerst vor: Wo bekomme ich online Gemüse? Die Antwort kennt Google. Dort begrüßt mich die weiße Lupe auf blauem Untergrund. Neun von zehn aller Netzkäufer beginnen ihren Einkauf dort. Ich bin 31 Jahre alt, meine Passwortverwaltung hat Benutzerkonten von 107 Online-Shops gespeichert. Keiner davon hat Gemüse. Ich liebe den Online-Einkauf. Die Ruhe. Die Auswahl. Die ankommenden Pakete. Ich werde nicht nur schneller sein als meine Schwiegermutter. Ich werde auch Geld sparen, da bin ich mir sicher. Auberginen habe ich noch nie im Netz gekauft. Nach Eingabe von "Aubergine liefern" spuckt Google mir einen Sushi-Express um die Ecke aus und auberginefarbene Utensilien. Bei Amazon entdecke ich zwischen Auberginen-Samen und Dosen-Auberginen frische Bio-Auberginen. Das Kilo für 9,48 Euro, "Gewöhnlich versandfertig in 2 bis 3 Tagen". Dazu kommen Versandkosten von 4,95 Euro. Ich google weiter.

9.51 Uhr, Paracelsus-Apotheke. Sie geht in eine Apotheke, kauft Aspirin. Moment, genauer: Als die Tabletten schon auf der Theke liegen, fragt sie den Apotheker, ob es nichts anderes gebe, "etwas Günstigeres", wie sie sagt. Der Apotheker guckt gequält und verkauft ihr ASS von Ratiopharm, 50 Tabletten für 3,49 Euro.

9.53 Uhr, Sonntagmorgen.com. Ich kaufe erst mal Kaffee. Bei Sonntagmorgen.com stelle ich mir meinen eigenen Kaffee zusammen. Ich mische die Sorten Guatemala Finca Bourbon, Brasilien Senhora de Fatima und Äthiopien Yirgacheffe Chelba. Individuellen Kaffee, das gibt es nur online. 6,73 Euro: gemischt. Gekauft. Mit Paypal bezahlt. Hat höchstens drei, vier Minuten gedauert. Als Nächstes kaufe ich Blumen. Ein Fleurop-Strauß ist mir zu hässlich, ich bestelle drei Rosen beim Hamburger Floristen Loy, mit Fairtrade-Siegel für 12 Euro. Nur, wo bekomme ich Auberginen?

9.55 Uhr, Isemarkt. Zielgerichtet steuert Schwiegermutter einen Stand auf der rechten Seite an. Sie kauft einen Granatapfel, "fest und schon etwas braun, so gab es die nur an diesem Stand", erklärt sie mir später. Am Stand gegenüber folgt eine einzelne Zitrone für 35 Cent. Sie schaut, prüft, wählt aus. Wenige Meter weiter glänzen Auberginen dunkelviolett. 4,50 Euro soll das Kilo kosten. Die Marktfrau lässt sie die Größe der Auberginen auswählen. Schwiegermutter nimmt auch Tomaten, Petersilie und Knoblauch. Ihr Rucksack füllt sich. Noch arbeitet sie strikt den Einkaufszettel ab. "Hier auf dem Markt gibt es so viel Auswahl. Und man kriegt auch ausgefallene Sachen."

Meine Schwiegermutter ist 47, sie leitet in einer kleinen nordrhein-westfälischen Stadt einen Kindergarten. Sie kommt uns oft besuchen, dann geht sie shoppen. Aus Sicht der Marktforschung ist sie noch Traditionalistin: Einmal unterwegs, bleibt sie auf ihrer "Konsumentenreise" offline. So ist sie ein gefundenes Opfer für die Verführungen des stationären Handels. Menschen wie sie haben die Fußgängerzonen zum Blühen gebracht. Doch der Anteil der Menschen, die alles offline kaufen, schrumpft. Untersuchungen beziffern ihn auf unter 30 Prozent.

Seit ein paar Wochen liegt ein Smartphone in der Handtasche meiner Schwiegermutter. Sie ist bei Facebook und hat ein Amazon-Konto. Für die Marktforscher ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie es das erste Mal nutzen wird, einen Preis nachschaut oder gleich online bestellt, was sie offline sieht. "Der Amazon-Preis ist der Referenzpreis", sagt Kai Hudetz vom Institut für Handelsforschung in Köln, "mit diesem Preis muss der Handel klarkommen."

10.03 Uhr, Sofa. Mein nächster Versuch, Auberginen zu kaufen: Bringmeister heißt der Lieferdienst von Kaiser's Tengelmann. Der Service ist die Zukunftshoffnung von Deutschlands drittgrößter Supermarktkette. Mulmig wird mir schon bei dem Hinweis: Preise sind vorläufig, tagesaktuell und abhängig vom Lieferdatum. Hängen die solche Schilder auch in ihren Märkten auf? Die Bringmeister-Suche findet "aubergine" nicht, schlägt "birken" vor. Ich stelle mir eine Marktfrau vor. Kunde: "Haben Sie Auberginen?" Marktfrau: "Meinten Sie Birken?"

Ich wechsle zur Konkurrenz von Edeka: "Die Edeka-App macht das Einkaufen noch einfacher und bequemer." Na, also. Ich lade sie herunter. Das Menü zeigt mir das "Edeka-Wurst-Schneidespiel" und einen "BMI-Rechner" zur Ermittlung des Body-Mass-Indexes. Aber wie kommt man an Auberginen? Die Funktion "Angebot suchen" führt zu einem leeren Fenster. Bestellen scheint nicht zu gehen. Ich spiele eine Runde Wurstschneiden und denke nach. Der Auberginen-Erwerb online wird härter, als ich dachte.

10.15 Uhr, Isemarkt. Der Wochenmarkt sticht in diesem Moment das Netz aus. Am gelben Wagen der "Pastafrauen" wird Schwiegermutter schwach. Es gibt frische Nudeln und Nachtisch. Kurz entschlossen beschließt sie, beim Dessert umzudisponieren, und kauft drei Portionen Pannacotta mit Himbeer- und Cassis-Soße für 8,55 Euro. Das ist sie, die Offline-Falle, sie verführt durch süße Augenblicke. Der Preis ist egal, wenn einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Ihr Einkaufszettel ist schon zur Hälfte abgearbeitet.

10.17 Uhr, Rewe-online.de. Der Amazon-Wucherpreis für Auberginen ist leicht zu schlagen. Im Rewe-Online-Shop gibt es Auberginen zum Stückpreis von 1,40 Euro. Zumindest sei das der ungefähre Stückpreis, wie mir wortreich erklärt wird. Zwei Auberginen landen im Einkaufswagen.

Online ist leider kein Blick in fremde Einkaufswagen möglich. Dafür meldet der Shop: "Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch: Bio-Speisemöhren". Sonst ist dieser Online-Supermarkt ein verwirrendes Labyrinth. Schlimmer: Die Suchmaschine hat von Lebensmitteln keine Ahnung. Ich suche nach "Salatgurke" und erhalte eine Liste von fertigen Kartoffelsalaten, die Suche nach "Tahin" spuckt Cranberry-Saft aus. Gurken finde ich noch, aber Tahin, Energiesparlampen und Blumensträuße scheint es bei Deutschlands zweitgrößter Supermarktkette online nicht zu geben. Oder ich finde sie nicht.

Als ich meine Lebensmittel beisammen habe, fehlen noch 23,49 Euro zum Mindestbestellwert von 40 Euro. In mir wächst das Verlangen, aufzuspringen und im Supermarkt auf der anderen Straßenseite einen Wagen vollzupacken. Dann lege ich doch noch zwei Zitronen (für 1,49 Euro das Stück!) hinzu, ersetze den billigen Wein durch eine teurere Flasche (9,49 Euro) und nehme noch eine Tüte Lakritz. Endlich ist der Mindestbestellwert erreicht. Noch am Abend zwischen 17 und 19 Uhr soll die Lieferung direkt aus dem nächsten Rewe-Markt kommen. Die gut 55 Euro für ein halbes Abendessen lassen mich an der Paypal-Kasse kurz zusammenzucken. Aber ich habe keine Idee, wo die Auberginen online sonst herkommen sollen.

Google, Amazon, Bringmeister, Edeka, Rewe: Der Besuch von fünf Online-Stationen ist viel Aufwand für den Kauf von zwei Auberginen. Doch nicht unüblich für moderne Konsumenten. In einem Beispielfilm, den mir die Konsumforscher der GfK senden, hat die "Konsumentenreise" zum Kauf eines Joghurts fünf Stationen.

10.26 Uhr, Apo-rot.de. Die Online-Apotheke finde ich schnell. Für 3,55 Euro landet eine Packung Aspirin im Einkaufskorb. Nach zwei Minuten ist der Einkauf erledigt. Der Kurier kostet 4,50 Euro. Für einen Kurier ist das ein guter Preis.

10.28 Uhr, Isemarkt. Die Schwiegermutter kauft am Gemüsestand Borowski eine Ananas für 3,95 Euro. "Die war teuer", sagt sie, "aber sie sah reif aus und roch so gut." Sie ist jetzt schon voll bepackt. In der linken Hand hält sie einen mächtigen Blumenstrauß aus rosa Ranunkeln und Efeu (22,50 Euro). Sie geht zu einem Stand der Halstücher verkauft. Sie hat es nicht eilig und probiert Schals an, während die Menschen sich an ihr vorbeidrängen.

10.50 Uhr, Zalando.de. Ich suche Kinderhausschuhe, natürlich beim Einzelhändlerschreck Nummer eins. Beobachten Sie mal Verkäufergesichter, wenn Sie das Z-Wort aussprechen. Schreckstarre. Existenzangst. Zalando hat Hunderte verschiedener Kinderhausschuh-Modelle. Ich entscheide mich schnell für eines für 9,95 Euro, schließlich will ich nach den teuren Lebensmitteln sparen. Dann lese ich die Bewertungen. "Niedlicher Schuh, aber nach einer Woche in der Kita fielen schon die Knöpfe ab." Ein anderer Kunde bemängelte, dass sich nach einem Tag die Sohle löste. Ich suche weiter. Ein türkisfarbenes Paar der Marke Stups hat bessere Bewertungen. Von der Marke habe ich noch nie etwas gehört. Eine Google-Suche verrät, dass es sich um eine Zalando-Eigenmarke handelt. Beim Material hält sich der Schuhversender bedeckt. "Obermaterial: Textil", das klingt nicht nach Schurwolle. Ich kaufe sie trotzdem, es gibt ja 100 Tage Rückgaberecht.

11.05 Uhr, Isemarkt/Sofa. Die Schwiegermutter ruft an. "Ich hab' schon fast alles. Und du, bist du schon fertig?", fragt sie. "Ähm, klar, geht ja schnell online", sage ich, "bis gleich." Sie ertappt mich dabei, wie ich seit zehn Minuten bei Amazon.de Kundenrezensionen über Wäscheklammern lese: "Sie hinterlassen so gut wie keine Abdrücke auf der Wäsche." 1487 Treffer hatte Amazon ausgespuckt. Zu wissen, dass es irgendwo da draußen eine bessere Wäscheklammer gibt, verhindert eine Entscheidung, die in der Drogerie weniger als drei Sekunden dauert. Diese riesige Auswahl vergrößerte die Bedeutung von Marken, hatte mir der Marketing-Professor Peter Kenning von der Zeppelin Universität in Friedrichshafen erklärt.

Tatsächlich bin ich gerade dabei die ersten Marken-Wäscheklammern meines Lebens zu erwerben. Die mit dem Soft-Touch gegen Spuren auf der Wäsche. Eine Energiesparlampe liegt im Warenkorb. Fehlt noch das Buch. Meine Frau hat gerade "Frühstück bei Tiffany" von Truman Capote ausgelesen. Also nehme ich das erste Buch, das Amazons "Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch ..."-Funktion anzeigt. Titel und Preis habe ich sofort vergessen, nicht jedoch den Preis der Geschenkverpackung: 2,60 Euro.

11.09 Uhr, Twitter. Amazon fragt mich nach der Online-Bestellung, ob ich meinen Followern per Tweet mitteilen möchte, was ich eingekauft habe. Ich stimme zu. @vicari "Ich habe kürzlich gekauft: 'Rapunzel Tahin weiß (Sesammus), 1er Pack (1 x 250 g) - Bio' von Rapunzel über @amazon t.co/Nj5hmRrz".

11.43 Uhr, U3. Zwei Taschen und ein Rucksack voll - das ist die Beute der Schwiegermutter für 45 Euro und 32 Cent. Sie steigt in die U-Bahn, die sie vom Markt in Richtung der Fußgängerzone von Hamburg-Ottensen fährt. Sie hat eine genaue Vorstellung davon, was sie wo findet, selbst wenn sie dafür quer durch die Stadt fahren muss. Ich verliere mich immer noch in den Tiefen von Amazon. Wonach suche ich eigentlich?

12.17 Uhr, Bahnhof Hamburg-Altona. Schwiegermutter ist angekommen. Zielsicher steuert sie das Einkaufszentrum Mercado an. Sie hat sich schnell orientiert, offenbar kennt sie den universellen Plan aller Einkaufscenter. Mit der Rolltreppe fährt sie in die erste Etage.

Bei Deichmann kauft sie ein Paar rote Kinderhausschuhe aus reiner Schurwolle. Dann wechselt sie in die Buchhandlung Hugendubel nebenan. Auf dem Einkaufszettel steht ein Buchgeschenk für meine Frau. Sie will sich beraten lassen. Schwiegermutter nimmt Bücher zur Hand, legt sie wieder hin. Nach zehn Minuten suchenden Herumstromerns zwischen den Aktionstischen verlässt sie die Filiale wieder. "Die Verkäufer haben mich ignoriert. Dann kaufe ich halt nichts", sagt sie. Sie läuft in ihrem Ärger auch am Spielwarengeschäft vorbei und verlässt das Center.

12.53 Uhr, Denn's. Im Bio-Supermarkt erwirbt Schwiegermutter Rotwein, Espresso, Tahin. Gewohnheitskäufe. Geübter Griff, schnelle Entscheidung. Draußen ist es kalt, der Rucksack ist schwer. An ihr vorbei hasten beladene Menschen. Rempler, Drängler, Trödel-Touristen. Schwiegermutter ist guter Laune. Für sie ist das ein gelungener Einkaufstag. Mit einem Lächeln bummelt sie die Ottenser Hauptstraße entlang als gäbe es keinen Wettkampf. Ihr Ziel ist der kleine Spielzeugladen, in dem sie einen Holzhund kaufen wird. Natürlich erst nach intensiver Beratung.

13.06 Uhr, Lego.com. In meinem Postfach türmen sich Bestellbestätigungen, Registrierungen, Newsletter-Bestellungen, Versandbestätigungen, Paypal-Belege. Nach einem Tag Online-Shopping habe ich den Überblick über meine Einkäufe verloren. Eine halbe Stunde schon suche ich auf der Website von Lego nach einem passenden Geschenk für meine Tochter. Eigentlich weiß ich genau, was ich suche: eine kleine Schachtel mit einem Feuerwehrauto. Doch auch nach einer halben Stunde irre ich durch die Kategorien, blättere von "Fahrzeuge" zu "Packages" zu "Saisonale Sets", klicke mich durch die Themenwelten "City", "Seltene Sets" und "Steine & Co". Das kleine Feuerwehrauto finde ich nicht wieder. Eigentlich würde ich jetzt zu Amazon wechseln. Das kommt mir wie Kapitulation vor. Ich will meiner Schwiegermutter ja beweisen, dass der Online-Handel vielfältig und überlegen ist.

13.36 Uhr, Google.de. Zurück also zu Google. Lego-Feuerwehr, erster Treffer. Ich bin erleichtert, dass ich das Auto gefunden habe. 7,90 Euro ist ein guter Preis. Der Name des Shops ist kryptisch, das ist mir egal. Beim Check-out weist man mich rüde darauf hin, dass der Mindestbestellwert bei 9,90 Euro liege. Erschöpft lege ich noch eine Lego-Bauplatte in den Einkaufskorb. Mein Mitbringsel für 7,90 Euro kostet mit Versand jetzt mehr als 20 Euro. Aber ich bin durch mit dem Zettel.

Jetzt heißt es: warten. Natürlich wurmt es mich, dass Schwiegermutter gleich voll beladen nach Hause kommen wird. Und ich nichts vorzuweisen habe als ein paar E-Mails. Ich träume von der Zukunftsvision der Shuttle-Lieferung: Die schnelle Verfügbarkeit ist neben der fehlenden Haptik der Hauptmangel des Online-Einkaufs. Amazon hat so einen Shuttle-Service in Großstädten schon erprobt, Ziel höchstens 60 Minuten bis zum Kunden. Wieso können das mein Supermarkt, der Schuhhändler, der Spielzeugladen um die Ecke nicht?

13.38 Uhr, Buchhandlung Christiansen. Schwiegermutter hat sich im Spielzeuggeschäft einen Buchladen empfehlen lassen. So steht sie nun in der Buchhandlung Christiansen am Spritzenplatz und lässt sich ausführlich beraten. Der Buchhändler greift zu einem roten Hardcover. "Das ist ein ganz wunderbares Buch. Wirklich das beste, das ich seit Langem gelesen habe", sagt er. Schwiegermutter liest den Klappentext und kauft "Wunder" von Raquel J. Palacio für 16,90 Euro. Dabei wollte sie ein Taschenbuch kaufen. Weder von dem Buch noch von der Autorin hat sie vorher gehört. Das Buch wird ihr geschmackvoll eingepackt. Es bestätigt, womit sich der Kleinverleger André Thiele von Amazon verabschiedet hat: "Und im Buchhandel bekommt man noch etwas, das man bei Ihnen ganz sicher nicht bekommt: kompetente und individuelle Beratung. Diese mögen Ihre Algorithmen nachäffen, so viel sie wollen, sie können sie nicht ersetzen."

13.54 Uhr, Fußgängerzone. Die Schwiegermutter verlässt die Buchhandlung und läuft zu Conrad Elektronik, um den ungeliebten letzten Posten auf dem Einkaufszettel zu erledigen: die Energiesparlampe. Schwiegermutter hasst das kalte Licht der Sparlampen. Und doch gelingt ihr das Wunder: Der Verkäufer führt ihr verschiedene Modelle vor. Er verrät ihr sogar seinen Trick, die Lampen zu schütteln, damit sie schneller angehen. Sie entscheidet sich für eine Megaman, 7,49 Euro.

14.01 Uhr, Sofa. Wo wart ihr, angepriesene Hotlines, kompetenter Live-Support, virtuelle Assistentin? Ich war einsam online, musste meine Entscheidungen allein treffen: Auswahl. Kein Feedback. Kauf.

16.12 Uhr, Wohnung. Schwiegermutter kommt nach Hause. Sie hat keinen einzigen Kauf ohne Beratung getätigt. Beim Auspacken erzählt sie vom Duft des Marktes, von Gesprächen und Schnäppchen. Stück für Stück holt sie aus dem Rucksack. Sie zeigt uns, wie der Verkäufer Energiesparlampen geschüttelt habe, als wäre das eine Kulturtechnik. Meine Frau und meine Tochter lachen. Obwohl ich fast genauso lang unterwegs war, habe ich nichts zu erzählen.

17.15 Uhr, Haustür. Die ersten Online- Käufe kommen mit dem Rewe-Boten. Der Supermarkteinkauf unterscheidet sich ästhetisch nicht von einem klassischen. Die Waren kommen in zwei transparenten Plastiktüten. Neu sind nur die Enttäuschungen beim Auspacken: Statt einer Tüte habe ich versehentlich zweieinhalb Kilo Lakritz gekauft. Und die vermeintlich gute Flasche Wein ist in Wahrheit eine überdimensionierte 1,5-Liter-Flasche. Meine Rosen kommen noch am Abend. Der selbst gemischte Kaffee, die Hausschuhe und die Wäscheklammern sind am nächsten Tag da. Die Apotheke liefert doch nicht per Kurier. Und das Spielzeug braucht fast eine Woche.

Das Ergebnis

Erlebt haben wir zwei verschiedene Welten. Gekauft haben wir ähnliche Dinge. Wir sind beide überrascht, wie viel wir ausgegeben haben. 119,06 Euro die Schwiegermutter, ich 121,84 Euro. Das ist ein Fünftel mehr als gedacht. Dazu kommen erhebliche Versandkosten bei mir und etwas Strom. Die Schwiegermutter investierte in drei U-Bahnkarten. Am Abend bereite ich geröstete Auberginen zu. Mit den Offline-Zutaten, die Schwiegermutter mitgebracht hat. Sie erzählt von ihrem Tag. Ich komme mir wie ein Verlierer vor. Mein halber Einkauf ist noch unterwegs. -

------------

Wie wir reisen

Die digitale Evolution hat unsere Reisegewohnheiten durch die Einkaufswelt verändert. Die Reisen sind vor allem komplexer geworden. Der Wechsel zwischen den Informationskanälen ist stark ausgeprägt. 54 Prozent der Kunden, die sich einen Tablet-Computer kaufen wollen, informieren sich sowohl online als auch offline. Andererseits zeigte eine GfK-Studie vor Weihnachten, dass immer noch 27 Prozent der Kunden reine Offliner sind.

Wurden früher nur wichtige Produkte online gesucht, sucht heute schon ein Drittel der Käufer nach sogenannten Low-Involvement-Produkten wie Joghurts und Auberginen. Dabei entscheidet kaum der Preis. Der Marketing-Experte Peter Kenning hat herausgefunden, dass sich Käufer, im Hirnscanner vor die Entscheidung gestellt, stets für ihre Lieblingsmarke entscheiden. Im Kopf läuft dabei ein festgelegtes Programm ab, so starr, als gäbe es keinen freien Willen.

Jakob Vicaris Reise

9.02 Uhr: Google.de

9.53 Uhr: Espresso, 6,73 Euro [+3,90 Euro Versand] (Sonntagmorgen.com)

9.55 Uhr: Rosen, 12 Euro [+8,95 Euro] (blumenloy.com)

10.17 Uhr: Auberginen, Petersilie, Gurke, Tomaten, Granatapfel, Knoblauch, Zitrone, Schokoladensoufflé, Ananas, Rotwein, 42,66 Euro [+ 0 Euro] (Rewe.de)

10.26 Uhr: Aspirin, 3,55 Euro [+4,50 Euro] (Apo-rot.de)

11.00 Uhr: Hausschuhe, 16,95 Euro [0 Euro] (Zalando.de)

11.03 Uhr: Energiesparlampe, 7,99 [0 Euro] (Amazon.de)

11.09 Uhr: Buch, Tahin, Wäscheklammern, 15,98 Euro [+2,60 Euro] (Amazon.de)

13.06 Uhr: Spielzeug Lego 15,98 Euro [+4,90 Euro] (e-shop-direct.com)

Besuchte Shops: 8

Bezahlt: 121,84 Euro [plus Versand 24,85 Euro]

Schwiegermutter Christas Reise

9.24 Uhr: Ankunft Isemarkt

9.51 Uhr: Aspirin, 3,99 Euro [Paracelsus-Apotheke, Grindelberg 88]

10.07 Uhr: Granatapfel, 2 Euro [Gemüsestand Önok, Isemarkt]

10.10 Uhr: Zitrone, 0,35 Euro, [Gemüsestand, Isemarkt]

10.15 Uhr: Auberginen, Tomaten, Petersilie, Knoblauch, 7,97 Euro [Isemarkt]

10.23 Uhr: Pannacotta, 8,55 Euro [Pastafrauen, Isemarkt]

10.28 Uhr: Ananas, 3,95 Euro [Gemüsehandel Borowski, Isemarkt]

10.45 Uhr: Blumenstrauß, 22,50 Euro [Francken Blumen, Isemarkt]

12.22 Uhr: Kinder-Hausschuhe, 17,90 Euro [Deichmann, Einkaufszentrum Mercado]

12.53 Uhr: Tahin, Espresso, Rotwein, 16,27 Euro [Denn's, Ottenser Hauptstr. 39]

13.20 Uhr: Spielzeug, Holztier, 9,90 Euro [Cleos für Kinder, Ottensen]

13.38 Uhr: Buch, 16,90 Euro [Buchhandlung Christiansen, Spritzenplatz]

14.00 Uhr: Wäscheklammern, 1,29 Euro [Budni, Einkaufszentrum Mercado]

14.13 Uhr: Energiesparlampe, 7,49 Euro [Conrad Elektronik]

Besuchte Geschäfte: 13

Bezahlt: 119,06 Euro (plus Fahrkarten 4,20 Euro)

Mehr aus diesem Heft

Handel 

Knick in der Optik?

1995 sah niemand, dass ein Onlinehändler den Buchhandel aufrollen kann. Bis auf Jeff Bezos, den Gründer von Amazon. 2008 sah niemand, dass man Brillen im Netz handeln kann. Bis auf den Mister-Spex-Gründer Dirk Graber.

Lesen

Handel 

Wischen, schrubben, fegen

Vogelkot auf Autolack, Malzbierflecken auf Wildleder, Wachsreste auf Birkenfurnier: Bei Putzkult kümmert man sich um jeden Dreck. Den Gründern des Kirchheimer Unternehmens hilft das nicht nur, Reinigungsmittel zu verkaufen, sondern auch ihr eigentliches G

Lesen

Idea
Read