Ausgabe 07/2013 - Editorial

Scheitern erlaubt

• Indiens Weltraumprogramm ist ein Erfolg (S.24). Wenn das keine gute Nachricht ist. Obwohl: Weltraum? Indien? Ist das nicht das Land, in dem es auch immer noch bittere Armut gibt? Und dann schießen die Raketen in den Orbit?

Fortschritt war immer schon eine umstrittene Angelegenheit. Spätestens seit den ersten Maschinenstürmern teilt sich die Welt in Fortschrittsgläubige und -gegner. Die einen hoffen auf Verbesserung. Die anderen – oft die, denen es bereits gut geht – wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Und beide Seiten müssen mit Irrtümern und Rückschlägen leben.

So hatten die Bewahrer in den vergangenen 200 Jahren wenig zu lachen. Mit den ersten Maschinen begann eine Umwälzung der Verhältnisse, die ohne Beispiel ist und deutlich mehr zum Guten gewendet hat, als selbst die Optimisten zu hoffen wagten (S.44). Aber auch wer auf den Fortschritt setzt, hat keineswegs grundsätzlich recht. Oft erweisen sich Innovationen als überschätzt, sinnlos oder auch gefährlich. Und oft genug zeigt sich, dass ein scheinbar gelöstes Problem zu zig neuen Fragen führen kann.

Beide Seiten haben somit Gründe, auf ihrer Seite im Ring zu verharren. Und jeder kann entscheiden, zu wem er sich gesellt. Diese Ausgabe ist ein klares Plädoyer für den Fortschritt. Dafür, sich immer wieder auf Neuland zu wagen, Bestehendes infrage zu stellen, die bessere Lösung zu suchen – und dabei immer beweglich genug zu bleiben, um zu verwerfen, was nur fortschrittlich scheint. Oder nach Möglichkeiten zu suchen, die Dinge doch noch zum Guten zu wenden.

Denn schnurgerade ist der Weg nach vorn so gut wie nie. Vielleicht noch bei der Entwicklung eines neuartigen Thermostats (S.112), ganz sicher nicht mehr, wenn es um Gesundheit geht. So zeigt Christian Weymayrs Definition von Wirkung, Wirksamkeit und Nutzen, dass selbst ein Placebo ein Fortschritt sein kann. Und in der Debatte um die Fallpauschale wird klar, dass auf einem so komplexen Gebiet Fortschritt ohne Nachteil nahezu unmöglich ist (S.106,100).

Aber was ist schon "nicht komplex"? Der Plastikmüll in unseren Meeren? Die Entwicklung Afrikas oder die Frage, wie Bildung endlich zeitgemäßer werden kann? Wer vorankommen will, muss mit Widersprüchen leben – und Bescheidenheit lernen: So manches, was sich als Entwicklungssprung verkleidet, ist bestenfalls ein kleiner Hüpfer. Gleichzeitig kommen echte Innovationen auch gern mal ganz beiläufig daher (S.54,60,124,128,30).

Den Unterschied erkennt, wer offen bleibt – und immer wieder Fragen stellt. Bringt die nahezu explodierende Förderung junger Dramatiker wirklich das Theater voran (S.132)? Was steckt hinter dem brasilianischen Wirtschaftswunder (S.90)? Sind Indexfonds nur ein weiterer Weg, Bankkunden das Geld aus der Tasche zu ziehen (S.84)? Und wie kann es sein, dass eine Hypothekenbank wie Fannie Mae gestern pleite war und heute Milliardengewinne macht (S.68)?

Wer sich dann noch die Freude an erfreulichen Entwicklungen erhält, wird es nicht schwer haben, sich mit dem Fortschritt zu verbünden. Schon gar nicht, wenn er so herzlich daherkommt wie bei der Tübinger Buchhandlung Osiander. Oder so bunt wie im schwer gebeutelten Wuppertal (S.36,138).

Davon, so werden selbst die Pessimisten sagen, darf es gern mehr geben. Aber so einfach macht es einem der Fortschritt nicht. Wer ihn will, muss auch das Scheitern riskieren.---

Gabriele Fischer
Chefredakteurin

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