Ausgabe 07/2013 - Schwerpunkt Fortschritt wagen

Indische Raumfahrt

Ein Land hebt ab

• Zuerst taucht ein kleiner heller Punkt am Horizont auf. Er wächst mit jeder Sekunde und wird zur Feuersäule, die den wolkenlosen Abendhimmel in zwei Teile teilt. An deren Spitze ist die Rakete deutlich zu erkennen.

Die Menschen, die sich an den Rand des Feldweges gesetzt haben, springen auf und reißen die Köpfe nach oben. Die Frauen in bunten, knöchellangen Saris rufen etwas vor sich hin, was wie eine Beschwörungsformel klingt. Nur zwei kleine Hunde machen sich nichts aus dem Spektakel und spielen fröhlich im Sand.

Nach zwei Minuten ist alles vorbei. Die Feuersäule hinterlässt nur einen Kondensstreifen am Himmel, den der Wind verweht. Der Feldweg leert sich, die Dorfbewohner kehren zum Abendessen in ihre Häuser zurück.

„Einige Leute aus dem Dorf arbeiten drüben im Weltraumzentrum, sie mähen Rasen und machen sauber“, sagt ein alter Mann, der auf einem Hocker vor seinem Häuschen sitzt. „Das bringt Geld. Wir warten aber immer noch darauf, dass uns diese Raketen den Regen bringen. Der letzte Monsun war sehr schwach.“ Er zeigt auf die Lagune Pulicat, die sein Dorf von dem Weltraumbahnhof Satish Dhawan trennt. Sie ist fast komplett ausgetrocknet.

Der Griff nach den Sternen

Diese Erwartung mag etwas hochgesteckt sein. Doch Indien arbeitet in Satish Dhawan, in Trivandrum, in Bangalore und an vielen anderen Orten an einer neuen, großen Erfolgsgeschichte. Nach dem internationalen Durchbruch ihrer IT-Industrie wollen die Inder nun auch den Weltraum erobern. Fast unbemerkt vom Rest der Welt, hat das Land eine Weltraumindustrie aufgebaut, die über zuverlässige Trägerraketen verfügt. Nach Russland, den USA, der Europäischen Union und China hat Indien die meisten kommerziellen Raketenstarts zu verzeichnen. Damit liegt das Land noch vor Japan, der Ukraine, Brasilien und Israel. In diesem Jahr soll eine Sonde zum Mars geschickt werden. Und dann soll der globale Satellitenmarkt erobert werden.

Die Regierung misst dem Weltraumprogramm eine große Bedeutung bei. Zum jüngsten Start einer Trägerrakete am 25. Februar 2013 im Satish Dhawan Space Center nördlich von Chennai war sogar der Präsident geeilt. Nachdem sieben Satelliten reibungslos in den Orbit ausgesetzt wurden, beglückwünschte er die Ingenieure. „Meine Damen und Herren, damit Indien den ihm zustehenden Platz in der Gemeinschaft der Länder einnehmen kann, müssen wir mit aller Kraft die Innovation und den technischen Fortschritt vorantreiben“, sagte Pranab Mukherjee. „Die Indische Organisation für Weltraumforschung (ISRO) muss immer an der Spitze dieser Bemühungen stehen.“ ---

Von Beginn an dabei: der Weltraumphysiker Subramanyan Chandrasekhar
Susmita Mohanty geht es nicht schnell genug voran

Das Weltraumprogramm sollte von Anfang an Indiens Anspruch untermauern, zu den führenden Mächten der Welt zu gehören. Vor genau 50 Jahren hat eine Handvoll Wissenschaftler in dem bitterarmen und rückständigen Land angefangen, die Grundlagen für die Eroberung des Alls zu legen. 1975 gelang es ihnen, den ersten Satelliten „Aryabhatta“ zu bauen, der von einer sowjetischen Rakete in den Orbit gebracht wurde. Fünf Jahre später hob zum ersten Mal die indische Trägerrakete SLV mit dem „Rohini“-Satelliten an Bord ab.

„Wir haben wirklich ganz klein angefangen, mit ein paar Mann und einem winzigen Budget“, sagt der Weltraumphysiker Subramanyan Chandrasekhar, einer der Pioniere. „Dennoch gab es immer wieder Leute, die uns vorwarfen, Geld für nutzlose Missionen zu verschwenden, statt Hunger zu bekämpfen.“

Die indische Politik hielt eisern an dem Programm fest. Der erste Ministerpräsident des Landes, Jawaharlal Nehru, pflegte zu sagen: „Nur die Wissenschaft ist in der Lage, die Probleme wie Hunger und Armut, Hygienemangel und Analphabetismus zu lösen, Probleme eines reichen Landes, das von hungernden Menschen bewohnt wird.“ Und er war sich sicher, dass in der Zukunft „die Länder, die über Technologien verfügen, zu den Siegern gehören werden“.

Der Staat hielt schützend die Hand über das Prestigeprojekt, ohne dem Größenwahn zu verfallen. Den indischen Wissenschaftlern um den Physiker Vikram Sarabhai, der als Vater des Programms gilt, war von Anfang an klar, dass sie mit den führenden Nationen USA und der Sowjetunion nicht mithalten können. Sie verzichteten auf die Planung von bemannten Missionen und beteiligten sich nicht an dem Wettlauf zum Mond oder zu anderen Planeten. Das indische Programm sollte sich auf praktische Anwendungen konzentrieren. „Wir wollen die Weltraumtechnologien nutzen, um das Leben der Menschen in Indien zu verbessern“, sagte Sarabhai. „Space for Development“ hieß die Devise.

Die Inder bauten von Anfang an Kommunikations- und Erdbeobachtungssatelliten zur Erforschung von Wetter, Ernten, Wasserressourcen, Bodenerosion sowie Biodiversität. Und sie entwickelten Trägerraketen, um diese Satelliten unabhängig von anderen Ländern in den Orbit zu schicken. „Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, diese Technologien international einzukaufen“, sagt Chandrasekhar. „Sie sind unsere strategische Ressource.“ Man wollte sozialen Fortschritt in die entlegenen Ecken des Landes bringen, versuchte mithilfe von Satelliten die Stadtplanung, medizinische Versorgung und Bildungsangebote zu verbessern. Vor allem baute Indien seine Telekommunikationsnetze aus. Auf dem Subkontinent gibt es heute etwa 800 TV-Satellitenprogramme.

Zuletzt wuchs die Weltraumindustrie besonders schnell. Im laufenden Jahr gibt die indische Regierung 1,3 Milliarden Dollar für das Weltraumprogramm aus – doppelt so viel wie 2005 und etwa ein Zehntel des Nasa-Budgets. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Indien hat 101 Weltraumstarts auf dem Konto, seine Trägerraketen brachten mehr als 65 Satelliten ins All. 2008 landete die indische Chandrayaan-1-Sonde auf dem Mond, eine zweite soll 2014 folgen. Dieses Jahr ist eine Mission zum Mars geplant, dann eine Sonnensonde und in fünf Jahren vielleicht gar ein bemannter Raumflug.

Die ehrgeizigen Pläne stoßen aber auf Kritik. Tatsächlich ist der Kontrast zwischen dem archaischen Lebensstil der Landbevölkerung und den ambitionierten Weltraumprojekten enorm. Mehr als 300 Millionen Menschen leben in bitterster Armut. Die Infrastruktur ist marode, im Juli 2012 brach fast überall die Stromversorgung für zwei Tage zusammen, 650 Millionen Menschen waren davon betroffen. „Warum will Indien eine Mission zum Mars schicken, wenn die Hälfte seiner Kinder unterernährt ist und die Hälfte der Familien keinen Zugang zu Sanitätseinrichtungen hat?“, fragt Jean Dreze, ein renommierter belgisch-indischer Entwicklungsökonom in Delhi. Die Regierung eines Entwicklungslandes müsste alle Ressourcen dransetzen, um zuerst Hunger und Krankheiten zu bekämpfen.

Indien sei ein Land der zwei Geschwindigkeiten und „unterschiedlichen Realitäten“, kontert Krishnan Lal, Präsident der Indischen Akademie der Wissenschaften. „Auf der einen Seite haben wir die Weltraummissionen, auf der anderen die große Zahl von Ochsenkarren. Wir können nicht zuerst die Ochsenkarren abschaffen und dann den Weltraum erobern. Wir müssen gleichzeitig auf allen Ebenen vorankommen.“

Wer über Sinn oder Unsinn der kostspieligen Weltraumprogramme in einem Entwicklungsland wie Indien diskutieren will, muss nach Bangalore, wo die ISRO ihr Hauptquartier hat und auch alle großen IT-Konzerne sitzen. Bangalore steht für das moderne Indien – ein Indien verspiegelter Bürotürme und moderner Einkaufszentren. Die Stadt ist stolz auf ihre Hochschulen, die zu den besten des Landes gehören. Allen voran das Indian Institute of Management, wo die Elite des Landes studiert.

Hier lehrt Subramanyan Chandrasekhar. „Ein großes Land wie Indien kann nicht nur an Brot und Butter denken“, sagt er. „Wir brauchen große Projekte, um die jungen Leute zu begeistern und Talente im Land zu halten. Sonst wandern die Besten nach Amerika aus.“ Die Diskussion über die Kosten der Weltraumprogramme hält er für müßig. „Wenn im 22. Jahrhundert die Rohstoffe auf der Erde zur Neige gehen, müssen wir technisch in der Lage sein, sie auf dem Mond zu fördern“, sagt er. „Außerdem haben die indischen Satelliten bereits das Zehn- bis Zwanzigfache der eingesetzten Investitionen eingespielt.“

In Zukunft könnte es noch viel mehr werden. Denn Indien will sein Know-how auch anderen Ländern zugänglich machen. In den kommenden zehn Jahren müssen etwa 1200 Satelliten in den Orbit gebracht werden, ein Markt der jährlich etwa 180 Milliarden Dollar Umsatz macht. Die ISRO will sich einen Anteil von 20 Prozent an dem Kuchen sichern. Vor allem die Schwellenländer wie Nigeria, die Türkei oder Indonesien, die selbst keine Trägerraketen besitzen, haben bereits angefragt.

Das Ziel ist ehrgeizig. In spätestens drei Jahren will die ISRO eine Weltraummission pro Monat starten, doppelt so viele wie heute. „Für die ersten 50 Weltraummissionen brauchten wir 27 Jahre, für die weiteren 50 zehn Jahre“, sagte der ISRO-Präsident K. Radhakrishnan im vergangenen November bei der hochrangig besetzten Veranstaltung zur Feier der 100. Weltraummission. „In den kommenden fünf Jahren planen wir insgesamt 58 verschiedene Missionen.“

Indien hat heute zwei Trägerraketen, die PSLV und die GSLV. Erstere, die Polar Satellite Launch Vehicle, deren Jungfernflug 1997 war, ist das Arbeitstier und hat 21 erfolgreiche Starts vorzuweisen. „Sie ist ein perfekter Träger für Erdbeobachtungssatelliten“, sagt Susmita Mohanty, Geschäftsführerin und Gründerin von Earth2Orbit, dem ersten indischen Start-up der Weltraumbranche. Die Firma arbeitet mit ausländischen Kunden, die Trägerraketen für ihre Satelliten suchen und entwirft die Architektur, damit diese auf die Rakete passen.

Der Staat ist überfordert

Die Trägerrakete für geostationäre Satelliten GSLV wurde entwickelt, um Telekommunikationssatelliten in die Erdumlaufbahnen zu bringen. Nach dem missglückten Erststart im Jahr 2001 gab es drei erfolgreiche Missionen und drei Fehlstarts. Der Kryogen-Antrieb der letzten Stufe bereitet den Indern Probleme. „Ursprünglich wollten wir die Lizenz für den Kryogen-Antrieb von Russland kaufen“, sagt Chandrasekhar. „Doch die Gespräche wurden auf Druck der USA abgebrochen.“ Die Amerikaner haben 1998 Sanktionen gegen Indien verhängt, nachdem der Staat mehrmals eigene Atomwaffen getestet hat. Somit war es verboten, Raketentechnik an Indien zu verkaufen, die auch militärisch genutzt werden konnte.

„Wir müssen die gesamte Entwicklungsarbeit selbst leisten“, sagt der Physiker. Im kommenden Jahr soll die neue GSLV Mark III starten, die bis zu fünf Tonnen Last in die geostationäre Umlaufbahn transportieren soll. Vom Erfolg dieser Trägerrakete, die mit der amerikanischen Falcon 9 und russischen Sojus 2 konkurriert, wird Indiens Anteil am globalen Satellitengeschäft abhängen.

Schon heute zeichnet sich ein weiteres Problem ab: Die Weltraumindustrie ist inzwischen so groß geworden, dass der Staat die Aufgaben nicht mehr allein bewältigen kann. Die ISRO stößt an ihre Grenzen. Bisher hat die Weltraumagentur die Herstellung von Trägerraketen und Satelliten selbst koordiniert und kontrolliert. Rund 400 Industrieunternehmen, staatliche wie private, haben unter strenger Aufsicht Teile und Komponenten produziert, die danach von ISRO-Ingenieuren zusammengebaut wurden. Die ISRO lieferte alle für die Produktion notwendigen Rohstoffe, von Stahl bis zu Schrauben, und sorgte dafür, dass kein geheimes Patent an die Öffentlichkeit drang. „Dieses Modell hat sich überlebt“, sagt der Chef der Organisation Radhakrishnan. „Der Erfolg macht ein Umdenken notwendig.“

Bis zum Jahr 2017 will Radhakrishnan die Fertigung ganzer Raketen und Satelliten an die Industrie abgeben, die die komplette Trägerrakete PSLV bauen und auch die Verantwortung für deren Qualität übernehmen soll. Die ISRO würde sich dann ausschließlich auf die Forschung und Entwicklung neuer Träger und den Bau besonders innovativer Systeme konzentrieren. „Das ist ein echter Paradigmenwechsel“, sagt Susmita Mohanty in Mumbai. „Wenn Indien mit anderen Weltraummächten konkurrieren will, gibt es dazu keine Alternative.“ Doch kann der Wandel wirklich gelingen?

Die indische Industrie hat in den vergangenen 20 Jahren zwar bewiesen, dass sie effizient produziert und innovativ ist, und auch abseits der IT-Branche sind, etwa im Maschinen- und Fahrzeugbau, inzwischen international tätige Konzerne wie Tata, Mahindra, Godrej oder Aditya Birla erfolgreich. Doch es gibt in Indien zurzeit kein Unternehmen, der sich auf die Fertigung und Erforschung von Weltraumtechnik konzentriert. „Das ist ein Nachteil. Sie müssten ein Konsortium gründen, in dem sie ihre Weltraumaktivitäten bündeln“, sagt Ashok Saxena, der lange Geschäftsführer der staatlichen Luft- und Raumfahrtfabrik Hindustan Aeronautics Limited war und die Industrie kennt wie kaum ein Zweiter. „Die ISRO, die Unternehmen und die Regierung müssen sich alle an einen Tisch setzen.“

Die Konzerne sind zur Kooperation bereit, doch bislang ist die Zusammenarbeit zwischen Staat und Privatwirtschaft noch unterentwickelt. So ist etwa Taneja Aerospace & Aviation Ltd. das einzige private Unternehmen in Indien, das Flugzeuge, Drohnen und Hubschrauber baut. Ein großer Teil der Produktion ist militärischer Natur, Taneja Aerospace arbeitet eng mit dem Verteidigungsministerium zusammen. Das Unternehmen hat einen guten Ruf. Für die ISRO stellt Taneja seit einem Jahrzehnt die riesigen Ringe der ersten Raketen-Antriebsstufe her.

„Die Industrie kann viel mehr für das Weltraumprogramm tun als heute“, sagt Geschäftsführer S. M. Kapoor. Er wäre jederzeit bereit, die Qualitätskontrolle von ISRO zu übernehmen. Indiens Regierung könnte der Industrie am besten helfen, wenn sie gegen den Protektionismus der Industrieländer vorgehen würde. „Wir sind international wettbewerbsfähig, könnten verschiedene Elemente auch für die Nasa und ESA herstellen – zu deutlich niedrigeren Kosten. Diese stellen aber unzählige Barrieren auf, um die nationale Industrie zu schützen.“

Vieles deutet darauf hin, dass es der Regierung in Delhi mit ihren Plänen ernst ist. „In 20 Jahren, wenn Weltraumreisen so normal sein werden wie Flugzeugreisen heute, wollen wir keine Tickets für Weltraumflieger der anderen kaufen müssen“, sagt Madhavan Nair, der Ex-Chef der ISRO. In den vergangenen Jahren wurde bereits die zweite Startrampe auf dem Weltraumbahnhof Satish Dhawan gebaut, auf dem ein Raketenstart pro Monat möglich ist. Die Anlage, auf einer vorgelagerten Insel in der Bucht von Bengalen gelegen, ist durch einen Deich mit dem Festland verbunden. Dort können sich die Dorfbewohner künftig über deutlich mehr Start-Spektakel freuen.

Doch damit das ehrgeizige Programm gelingen kann, muss die Regierung die sozialistisch geprägte Denkweise der Bürokratie brechen, die es gewohnt war, das letzte Wort zu haben. „Vielen Leuten wird der Wandel Probleme bereiten“, sagt Susmita Mohanty. „Sie verstehen nicht, dass Indien mit den Satellitenstarts Geld verdienen kann. Wir sitzen auf einer Goldader und tun zu wenig, um das Gold zu fördern.“ ---

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