Ausgabe 05/2013 - Schwerpunkt Besitz

Raus aus der Komfortzone

- Als ich 1977 auf die Idee kam, mich von meinem gesamten Besitz zu trennen, war ich 50 Jahre alt. Ich gab meinen gut bezahlten Job beim "Stern" auf. Bei einem Garage Sale versteigerte und verschenkte ich meinen Haushalt. Meine italienischen Maßanzüge landeten in einem Depot des Roten Kreuzes. Als Nächstes kündigte ich meine Versicherungen - und erschrak, wie viele es waren. Am Ende räumte ich mein Bankkonto ab und verkaufte meine Aktien.

Wohin mit dem ganzen Geld? Ich spendete es 1977 dem Aschram des indischen Weisen Bhagwan, der sich später Osho nannte. Nein, ich stand nicht unter Hypnose und war auch nicht das Opfer einer Gehirnwäsche, wie manche meiner Kollegen vermuteten. Ich war lediglich zu der Überzeugung gekommen, dass ich bei mir selbst anfangen musste, wenn ich die Welt ein wenig besser machen wollte.

Schon seit Langem hatte ich das Gefühl, dass Geld für mich eine immer größere Rolle spielte. Ich wollte immer mehr davon haben. Warum eigentlich? Ich besaß doch genug. Oder war es vielleicht inzwischen so, dass das Geld mich besaß? War ich Opfer meiner Gier geworden? Und wenn es so war - woher kam die Gier? Die Frage beschäftigte mich oft.

Ich war schon vorher im Aschram gewesen, in den Selbsterfahrungsseminaren hatte ich bereits wichtige - und nicht immer erfreuliche - Erfahrungen mit mir selbst gemacht. Nun wollte ich wissen, wie es sich anfühlt, wenn man plötzlich vor dem materiellen Nichts steht. Ich landete nicht unter der Brücke. Vielmehr hatte mich Osho in seinen Aschram eingeladen ("This is your home. Come whenever you like!"). Also flog ich mit einem Einweg-Ticket nach Indien.

Bei freier Unterkunft und Verpflegung und auf einer Wohnfläche von knapp zehn Quadratmetern, die ich mir allerdings mit zwei anderen Sinnsuchern teilen musste, bemühte ich mich beharrlich, mein Ego loszuwerden. Doch das hatte nicht die geringste Lust, sich von mir abschieben zu lassen. Ständig meldete es sich und stieß schrille Warnungen aus: "Wieso glaubst du denn, dass dein Guru ein erleuchteter Meister ist? Der kann doch ebenso gut ein Scharlatan sein! Dann stehst du plötzlich auf der Straße und hast dich total blamiert. Als Journalist bist du doch sowieso schon unten durch, denk doch mal an dein Alter! Was soll denn aus dir werden, ohne Geld und ohne Beruf?

Ich hatte oft das unheimliche Gefühl, dass mir der Teppich unter den Füßen weggezogen wurde. Aber eine Rückkehr in die Komfortzone kam für mich nicht infrage. Also versuchte ich, Vertrauen aufzubauen.

Das gelang durch Meditation. Mir wurde bewusst, dass die Organe meines Körpers ohne mein Zutun funktionierten. Der Stress ließ nach. Ängste verschwanden, und während das Vertrauen wuchs, wurden Energien frei, die vorher mit der Bewältigung der Ängste beschäftigt waren. Und schließlich stellte sich bei mir die befreiende Gewissheit ein: Die Existenz trägt mich, so wie sie alle anderen Wesen auf diesem Planeten trägt.

Anfang der Achtzigerjahre zog Oshos Kommune in eine Halbwüste des US-Bundesstaats Oregon um und baute auf dem kargen Boden einer riesigen heruntergewirtschafteten Ranch eine Stadt auf. Mit allem Drum und Dran: Wohnhäuser für 1800 Menschen, ein Staudamm für die Bewässerung von 5000 jungen Obstbäumen und der Gewächshäuser der Bio-Farm. Eine biologische Abwasser-Aufbereitungsanlage (die erste in den USA), ein Vier-Sterne-Hotel, eine Meditationshalle für 3000 Menschen, ein Bürgermeisteramt mit Büros für die Verwaltung, ein Flughafen für die vier Maschinen der kommune-eigenen Fluggesellschaft Air Rajneesh, ein Straßennetz für die Busse, die im Stundentakt verkehrten. All das und vieles mehr wurde aus Spenden finanziert und aus dem Erlös der Sannyas-Festivals, zu denen jedes Jahr 15 000 zahlende Besucher aus aller Welt anreisten. Sie wohnten in riesigen Zeltlagern, die nach dem Festival wieder abgebaut wurden.

Die Kommune-Mitglieder arbeiteten ohne Lohn zehn Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Wohnen, Kleidung und Essen waren kostenlos. Die Stimmung war super. Alle glaubten, dass sie die Musterkommune für das 21. Jahrhundert bauten.

Aber es kam anders. Nach fünf Jahren, 1985, brach die Kommune zusammen. Ich war darauf gefasst, denn ich hatte mir nicht vorstellen können, dass Politik und Justiz es hinnehmen würden, Oshos Stadt ohne jede Baugenehmigung einfach so davonkommen zu lassen. Auch den Nachbarn - durchweg erzkonservative Viehzüchter - war die Kommune von vornherein ein Dorn im Auge. Die von Osho eingesetzte Kommune-Chefin trat im Fernsehen auf und nannte unsere Nachbarn blöde Steinzeit-Deppen.

Legal? Illegal? Scheißegal

Die Kommune-Mitglieder waren auf dem Weg zur Erleuchtung nur langsam vorangekommen, wenn überhaupt. Es ging ihnen um den Aufbau der Stadt. Ob der legal war oder illegal, kümmerte sie nicht. Viele hatten in Straßenkämpfen gegen den Vietnamkrieg protestiert und von der Polizei Prügel bezogen. Von Politik hatten sie die Nase voll. So waren sie total überrascht, als Osho plötzlich verhaftet und des Landes verwiesen wurde. Damit war das Schicksal der Kommune besiegelt.

Ich hätte nach Deutschland zurückkehren und mich in das soziale Netz fallen lassen können. Das fand ich aber zu langweilig. Also tat ich mich mit einem Dutzend Kommune-Freunden zusammen und versuchte mit ihnen einen Neustart im paradiesischen Santa Barbara an der kalifornischen Pazifikküste.

Der Neustart begann mit einem Wunder. Eine gutgläubige Immobilienhändlerin, der wir uns als ein deutsches Filmteam vorgestellt hatten, vermietete uns eine ziemlich schicke Villa ohne Vorauszahlung. Die Frauen in unserer Gruppe waren die Ersten, die Geld verdienten - als Putzfrauen. Die Männer brauchten länger. Ich machte mich als Fensterputzer selbstständig, ging nach einer Woche pleite und zog einen Job als Fahrer eines Behinderten-Busses an Land. Kurz vor Monatsende war die erste Miete fällig. Wir legten unser Geld zusammen und zahlten pünktlich. Aber dann war nichts mehr in der Haushaltskasse. Kurz darauf war auch der Kühlschrank leer, und wir hatten kein Geld mehr für den Supermarkt.

Jetzt wird es spannend, dachte ich. Wir hatten keine Ahnung, wie es weitergehen sollte, aber es brach keine Panik aus. Am nächsten Morgen klingelte das Telefon - ein Freund aus Deutschland. "Ich habe von dir geträumt", sagte er. "Erzähl mal", sagte ich. "Ich habe geträumt, dass ich dir 1000 Dollar schenken soll!" "Toller Traum", antwortete ich. "Wenn du das Geld mit Western Union schickst, ist es in drei Stunden hier."

PS: Heute, 27 Jahre später, lebe ich mit meiner Partnerin in einem schönen Haus. Wir haben es 1992 mithilfe von Freunden in Stellshagen gebaut, einem kleinen Dorf nahe der mecklenburgischen Ostseeküste. Wir betreiben hier ein Seminarzentrum, in dem wir unter anderem Meditationskurse anbieten. -

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