Ausgabe 05/2013 - Schwerpunkt Besitz

Sharing Economy

Meins bleibt meins

- Der kleine Laden, der Teil einer revolutionären Bewegung sein soll, liegt unauffällig in einer ruhigen Wohnstraße im Hamburger Stadtviertel St. Pauli. Laufkundschaft kommt keine vorbei, aber die wollen die beiden Betreiberinnen auch nicht haben. Wer shoppen will, ist hier fehl am Platz.

Der Laden heißt Kleiderei. Pola Fendel, 24, und Thekla Wilkening, 25, haben ihn im November 2012 eröffnet. Das Besondere ist das Abo-Prinzip: Frauen können sich hier gegen eine Monatspauschale vier Kleidungsstücke für jeweils zwei Wochen ausleihen - neben ausgefallenen Abendkleidern, Hüten und Glitzerfummeln auch Jacken, Blusen und Pullis für den Alltag.

Ein Großteil des Sortiments stammt aus dem Kleiderschrank der Betreiberinnen. Nach und nach kamen Spenden von Sympathisantinnen hinzu sowie Einkäufe vom Flohmarkt und Einzelanfertigungen von jungen Designern, die sich erhoffen, durch die Präsenz in dem kleinen Laden bekannter zu werden. 800 Kleidungsstücke hängen hier jetzt dicht an dicht. "Die Kleiderei ist ein begehbarer Schrank, den wir und unsere Kundinnen gemeinschaftlich nutzen", sagt Wilkening. Die Zahl der Kundinnen will sie nicht verraten. Das Interesse aber sei riesig - "wir haben schon jetzt fast 2500 Facebook-Likes".

Und ein Medienecho, von dem gewöhnliche Einzelhändler nur träumen. Nicht nur die gesamte Hamburger Lokalpresse hat über die Kleiderei berichtet, sondern auch Regionalzeitungen aus ganz Deutschland, das Frauenblatt "Brigitte", das Lifestyle-Magazin "Couch", die "Welt am Sonntag", Deutschlandradio, Focus Online, Spiegel Online und viele andere. Das Abo-Prinzip mag originell sein, aber ist es Grund genug für dieses Aufsehen? Fendel und Wilkening referierten jüngst auf einer Wissenschaftstagung in Maastricht und diskutierten in Hamburg auf dem Podium eines Zukunftskongresses. Es ging dabei um viel mehr als eine neue Geschäftsidee. Es ging um eine Revolution des Konsums, der Wirtschaft und der Gesellschaft - nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt.

Ohne es geplant zu haben, wurden die Gründerinnen der Kleiderei Teil einer Bewegung, die derzeit Trendforscher und Vordenker einer sogenannten Postwachstumsökonomie elektrisiert. Sharing Economy und Collaborative Consumption lauten die Schlagwörter, mit denen sie eine Menge Gutes verheißen: Wenn wir aufhören, permanent einzukaufen und Besitz anzuhäufen und stattdessen teilen, tauschen und leihen, können wir die Ressourcen besser nutzen, den Gemeinsinn stärken und ganz vielen Menschen eine Teilhabe an der wirtschaftlichen Wertschöpfung ermöglichen.

"What's mine is yours" heißt der Titel des Buches, das eine Art Manifest der Bewegung ist. Geschrieben hat es die international bekannte Trendforscherin Rachel Botsman zusammen mit dem Unternehmer Roo Rogers. Botsman sieht sich als Botschafterin der Sharing Economy und wird inzwischen häufig als Rednerin zu internationalen Konferenzen geladen. "Wenn der eine hat, was der andere braucht", fragt sie, "warum soll man sie nicht zusammenbringen?"

Der Gedanke ist nicht neu. Vor allem die kapitalismusfeindliche Ökobewegung der Siebzigerjahre schwärmte vom Nutzen-statt-kaufen-Prinzip. Eine Kultur des gemeinschaftlichen Konsums, hoffte sie, würde der Ausbeutung der Natur ein Ende machen. Durchgesetzt hat sich die Idee nicht - sie entsprach einfach nicht den Bedürfnissen der Bevölkerung.

Ist das heute anders? Diese Frage steht am Anfang einer Reise durch die deutsche Sharing-Szene - zu Menschen, die untereinander Kleider tauschen, ihr Auto mit anderen teilen, ihre Wohnung zur Mitnutzung anbieten oder eine Smartphone-App entwickeln, die das Ver- und Ausleihen von Dingen erleichtern soll. Wer und wie viele sind sie? Was treibt sie an? Was bewirken sie?

Teilen kann nur, wer etwas hat

Auf der Suche nach dem Wesen der neuen Bewegung wird sich zeigen, wie wenig sie mit den Öko-Aktivisten der Siebzigerjahre verbindet. Ihre Mitglieder gehören zur Generation Facebook - junge Menschen, die gewohnt sind, sich virtuell zu vernetzen und Musik, Fotos und Gedanken mit ihren Freunden und den Freunden ihrer Freunde zu teilen. Zwar pfeifen viele von ihnen auf den Besitz bestimmter Dinge, die der Generation ihrer Eltern noch heilig waren. Teilen heißt für sie aber nicht verzichten, sondern dient, so paradox es klingt, genau dem Gegenteil: mehr zu haben.

Auf Pola Fendel und Thekla Wilkening scheint das auf den ersten Blick nicht zuzutreffen. Sie sitzen auf einer Bank vor ihrem Laden und genießen im lässigen Secondhand-Look die Sonne. "Ich habe mir seit November kein einziges Kleidungsstück gekauft", sagt Fendel und macht dabei ein sehr zufriedenes Gesicht. Die Kleiderei hat nur nachmittags für drei bis fünf Stunden geöffnet. Vormittags studiert Fendel Kunst an der Hochschule für Bildende Künste, Wilkening Bekleidung, Technik, Management an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Die beiden Freundinnen bestätigen, was mehrere Studien ergaben: Es gibt unter den jungen Deutschen eine gewachsene Sensibilität für das Thema Umweltschutz. Fendel und Wilkening gefallen sich in der Rolle der Sharing-Pioniere, die eine Alternative zur Wegwerfgesellschaft aufzeigen. Noch stärker aber ist der Drang nach Inszenierung ihrer selbst.

Sie erzählen, dass sie sich bis vor Kurzem ständig neue Klamotten gekauft haben, die sie dann nur ein- oder zweimal trugen. Mit Kleidung drücken sie ihre Stimmungen aus, und die wechseln häufig. "Wenn es meine Gemütslage erforderte, musste ich das Blümchenkleid unbedingt haben", sagt Fendel. "Doch am Tag darauf hatte ich vielleicht schon keine Lust mehr, das süße Mädchen zu sein. Dann musste die coole Lederjacke her." Ein Lebensstil, der ins Geld ging.

Um ihn sich leisten zu können, tauschten Fendel und Wilkening ihre Kleidung untereinander und verkauften auf Flohmärkten all jene Sachen, die beide nicht mehr tragen wollten. Bis ihnen etwas Besseres einfiel: "Warum das Tauschprinzip nicht auf einen größeren Kreis ausdehnen und damit Geld verdienen?", erklärt Wilkening die der Kleiderei zugrunde liegende Idee.

Sie entsprang keiner Anti-Konsum-Haltung, sondern einem kreativen Geschäftssinn. Fendel und Wilkening erwägen, bald weitere Kleidereien in Berlin und Köln zu eröffnen. Auch dort gibt es viele potenzielle Kundinnen, die es lieben, mit Kleidungsstilen zu experimentieren und sich täglich neu zu erfinden. Woher aber, fragt man sich, soll die Ware für die neuen Läden kommen, wenn die beiden Betreiberinnen nicht bald zu alter Shopping-Laune zurückfinden?

Wer sich in die Sharing Economy begibt, erfährt eines ganz schnell: Ohne Besitz ist man verloren. Denn wer nichts hat, was andere begehren, der kann auch nichts verleihen oder tauschen. Das gilt für die Betreiberinnen der Kleiderei genauso wie für die jungen Frauen, die in Scharen zu den Swap-in-the-City-Partys in allen Teilen der Republik laufen. Nirgendwo lässt sich der konsumfreudige Charakter der Sharing-Szene besser beobachten als bei dieser Veranstaltungsreihe, die ein israelischer Geschäftsmann vor drei Jahren ins Leben rief und die von etlichen Unternehmen aus der Beauty-Branche gesponsert wird.

Die Soziologiestudentin Magdalena Olschytzka, 25, war vor wenigen Wochen dabei. Sie gehörte zu den 700 Frauen, die eine der begehrten Karten für die Swap-Party in Düsseldorf ergattern konnten. 18 Euro kostete der Eintritt, dafür durfte sich die Studentin von Profis schminken, maniküren und frisieren lassen, sie bekam eine Tüte mit Shampoo, Nagelfeile und Lippenstift sowie einen leckeren Cocktail. Zwei Stunden später war es so weit: fünf, vier, drei ... der Countdown zum eigentlichen Höhepunkt des Abends, dem Kleidertausch. Wie immer bei Swap in the City sollte jeder Partygast drei bis acht Kleidungsstücke mitbringen. Möglichst neuwertig, am besten Markenware. Für jedes Teil, das es durch die Kontrolle am Eingang schafft, gibt es einen Chip, der eingelöst werden kann, sobald der Countdown abgelaufen ist.

Bei "eins" stürmten mehrere Hundert Frauen zu den Kleiderständern, rissen T-Shirts und Blusen von den Bügeln, griffen gierig nach den schicksten Schuhen. Meins ist auch deins? Bei Swap in the City wird der Slogan der Sharing Economy ad absurdum geführt. Hier gilt "jeder gegen jeden". Olschytzka ist mit ihrer Ausbeute zufrieden. "Ich habe mehrere Oberteile mitgebracht und dafür zwei Röcke und wunderschöne Schuhe abgestaubt." Zu Hause hat sie ein ganzes Ankleidezimmer voll mit Klamotten, erzählt sie, "aber irgendwie kennt der Reiz des Neuen kein Ende".

Und wo ist die neue Konsumkultur, die den Botschaftern der Sharing Economy den Glanz in die Augen treibt? Es verändere sich nicht so sehr, was wir konsumierten, sondern wie, sagt Rachel Botsman. Verantwortlich dafür sei das Internet, weil es das perfekte Instrument sei, den, der hat, mit dem zusammenzubringen, der braucht. Dadurch trete ein, was der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin schon vor 2000 in seinem Buch "Access" ankündigte: "Die Ära des Eigentums geht zu Ende, das Zeitalter des Zugangs beginnt." Soll heißen: Was ich jederzeit nutzen kann, muss ich nicht mehr selbst besitzen.

Dass das nicht ganz falsch ist, belegt das Carsharing (siehe Seite 100). Das Geschäftsmodell existiert schon lange. Erfolgreich ist es aber erst, seit mobile Technik die Nutzung des Leihautos um vieles einfacher und für Kunden wie Lars Gurow, 33, attraktiv machte. Am Beispiel des in Berlin lebenden leitenden Angestellten lässt sich zeigen, inwiefern sich im Verhältnis zu Besitz tatsächlich etwas verändert hat und was am Hype um die Sharing Economy nichts als heiße Luft ist.

Gurow will sich das Leben so einfach wie möglich machen. Deshalb überlegt er genau, was er kauft oder lieber leiht. Er besitzt eine Bohrmaschine, weil er die schnell zur Hand haben will, wenn er sie braucht. Einen großen und sperrigen Koffer hingegen, der nur einmal im Jahr zum Einsatz kommt, leiht er sich lieber von einem Freund. Er hat einen Bollerwagen, weil sich damit in den nahen Geschäften am besten einkaufen lässt. Ein Auto aber braucht er in Berlin selten. Leisten könnte er es sich locker, aber wieso sollte er? "Man muss es pflegen, reparieren, durch den TÜV bringen. Ein eigenes Auto bedeutet Aufwand."

Das ist der Unterschied: War Eigentum früher der wichtigste Maßstab für Erfolg, ist es heute zuweilen lästig. Vor allem jungen Menschen, die im Wohlstand aufgewachsen sind. Und die schon deshalb einen anderen Blick auf das Leben haben, der sich im Konsumverhalten widerspiegelt, sagt Robert Kecskes, Analyst bei der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg.

Er spricht von einer "flexiblen Generation" und meint damit jene zwischen 1980 und 1995 geborenen Menschen, die sich keine großen Hoffnungen auf ein kontinuierliches Arbeitsleben machen können. Jederzeit müssen sie mit Brüchen und der Möglichkeit des Scheiterns rechnen. Die Anhäufung von Besitz widerstrebt ihnen schon deshalb, weil der sie in ihrer Flexibilität beschränkt. Etwas anderes kommt hinzu, sagt Kecskes. Die jungen Leute, die sich auf dem Arbeitsmarkt permanent vermarkten und inszenieren müssten, seien im Privaten auf der Suche nach dem Authentischen. So erkläre sich ihre Vorliebe für frische, regionale Lebensmittel und andere Produkte von hoher Qualität und ebenso ihre Sehnsucht nach Beziehungen. Interessanterweise bleibe die Selbstinszenierung aber auch im Privatleben ein wichtiger Faktor. Die jungen Leute kauften bevorzugt Marken und andere Dinge, die in das Bild passten, das sie gern abgeben möchten. "Besitz", sagt der Konsumforscher, "repräsentiert in der flexiblen Generation nicht mehr Erfolg, sondern den persönlichen Lebensstil."

Lars Gurow ist stolzer Familienvater, was aus seiner Sicht aber nicht heißen muss, dass die Wohnung mit Kinderkram vollgerümpelt sein muss. Er mag es gern reduziert. Überflüssiges zu verkaufen gibt ihm ein gutes Gefühl. Dabei ist er alles andere als ein Asket: Er liebt gutes Essen, kauft gern Kleidung, unternimmt häufig Wochenendausflüge und hat ein Faible für elektronische Geräte. So besitzt er vier E-Gitarren, die er kaum noch benutzt, aber einfach nicht hergeben will. Nach wie vor hat Eigentum manchmal auch eine emotionale Komponente. Gurow zeigt beispielhaft: Eigentum ist nicht altmodisch geworden, sondern lediglich ausgewählter.

Das Internet hat einiges zu dieser Veränderung beigetragen. Auch weil man jetzt viel günstiger individuell gestaltete Produkte einkaufen kann - und wieder verkaufen, sobald man sich daran sattgesehen hat. Das ist vor allem Ebay zu verdanken. Das Online-Auktionshaus verhalf schon vor vielen Jahren dem Gebrauchtwarenhandel zu neuer Dynamik.

Zu jenem tiefgreifenden Wandel, den Trendforscher nun in der Sharing Economy erkennen, führte es aber nicht. Dabei sind die beliebtesten Plattformen der Teil- und Tauschökonomie nichts anderes als das, was Ebay lange war und teilweise noch ist: ein Marktplatz für den Handel zwischen Privatleuten.

Nicht alles, was vernünftig ist, ist eine Revolution

Beispiel Airbnb. Die Internetplattform, die 2007 von zwei Kaliforniern in San Francisco gegründet wurde und heute in mehr als 190 Ländern Zimmer auf Zeit vermittelt, gehört zu den Vorzeigeprojekten der Sharing-Szene. Kein Wunder: Was könnte den Wandel von der Ich- zur Wir-Kultur auch besser untermauern als die wachsende Schar an Menschen, die für Reisende aus aller Welt immer ein weiches Bett zur Verfügung halten?

Ein schönes Bild, das allerdings die Realität verzerrt. Vielen Airbnb-Gastgebern geht es in erster Linie um das Geld, das sie als Vermieter verdienen. Manche leisten sich, die Zusatzeinnahmen einkalkulierend, sogar eine größere oder besser gelegene Wohnung. Teilen, um mehr zu haben, lautet ihr Kalkül. Nicht untypisch ist auch das Motiv von Michael Fritz, 24. Obwohl der in Berlin lebende IT-Berater einen Großteil seiner Freizeit mit seiner Freundin verbringt, wollen beide ihre Wohnung nicht aufgeben. Heißt: Ständig ist eine ungenutzt. Monatlich 400 bis 500 Euro bringt Fritz die Vermietung ein. "Ein starker Anreiz", findet er. Dass er auf diese Weise auf die unterschiedlichsten Menschen treffe, sei ein zusätzliches Bonbon. Allerdings habe er immer ein mulmiges Gefühl, wenn er nach Abreise der Gäste das erste Mal wieder in seine Wohnung komme. Ist alles okay? Sind die Möbel heil geblieben? "Wenn ich dann entdecke, dass mit der Gabel in meinem guten Wok rumgekratzt wurde oder eine Ecke vom Schrank abgeplatzt ist, finde ich das schon ärgerlich." Fritz nimmt diese Nachteile in Kauf, weil die Vorteile des Vermietens überwiegen. Aber klar ist: Meins bleibt meins.

Das sieht selbst Harald Heinrichs so. Seitdem der an der Leuphana Universität Lüneburg lehrende Professor für Nachhaltigkeit und Politik eine - von Airbnb finanzierte - Studie über die Sharing Economy in Deutschland veröffentlicht hat, ist er eine Art Gallionsfigur der hiesigen Szene. Immerhin ergab Heinrichs Studie (Titel: "Auf dem Weg in eine neue Konsumkultur?"), dass es sich nicht um ein Nischenphänomen handelt. 23,5 Prozent der Deutschen zählen demnach zur Gattung der "sozialinnovativen Ko-Konsumenten" - Menschen, die "postmaterialistische Werte wie Kreativität und Interesse an einem abwechslungsreichen Leben hoch bewerten" und "ihren eigentumsorientierten Individualkonsum um alternative Besitz- und Konsumformen und die damit verknüpften (sozialen) Erfahrungen erweitern". Heinrichs meint Menschen wie Pola Fendel, Thekla Wilkening, Magdalena Olschytzka, Lars Gurow und Michael Fritz. Alles sozialinnovative Ko-Konsumenten. Doch was folgt daraus? Nicht viel, wie der Professor selbst einräumt. "Ein revolutionärer Umbruch hin zu einer gemeinschaftlichen Konsumkultur ist nicht erkennbar", sagt er. Führt das Teilen wenigstens zur besseren Ausnutzung der Ressourcen und damit zu mehr Nachhaltigkeit? Der Professor zuckt mit den Schultern. Natürlich würden Ressourcen geschont, wenn sich Menschen ein Auto leihten, statt es zu kaufen. Aber die entscheidende Frage sei, was sie mit dem Geld machten, das sie dadurch einsparten. "Das wurde bisher nicht untersucht."

Ein Leben, wie Philipp Glöckler, 29, es momentan führt - das ist es, was den Propagandisten der Sharing Economy als Ideal vorschwebt. Wie so oft sitzt der Absolvent der European Business School (EBS) mit seinem Laptop in einem Hamburger Café, trinkt ein Glas Rhabarberschorle und arbeitet.

Glöckler hat abgesehen von Lebensmitteln und Hygieneartikeln seit Anfang des Jahres nichts gekauft. Was er brauchte, hat er sich von Freunden geliehen: ein Longboard, Bierbänke, einen Dampfgarer, eine Gitarre und sogar ein Segelboot. Da er nicht nur nehmen, sondern auch geben will, bot er seine Handschuhe, Bücher und Magazine zum Ausleihen an. Gemeinschaftlicher Konsum, wie er im Buche steht. Laut Heinrichs Studie aber höchst selten praktiziert wird.

Auch Glöckler will nicht ewig so weiterleben. Es geht ihm vor allem darum, die von ihm entwickelte Smartphone-App (Whyownit.com) zu verbessern . Die App vernetzt Freunde nach dem Facebook-Prinzip und zeigt darüber hinaus an, was jeder besitzt. So soll das gegenseitige Ausleihen in Schwung kommen. Glöckler ist derzeit seine eigene Testperson.

In der Szene kennt man ihn, die Medien berichten gern über ihn, und auf der diesjährigen Computermesse Cebit (Motto: Shareconomy) hielt er mehrere Vorträge. Glöckler steht für das besitzlose Leben. Dabei hat er gar nichts gegen das Kaufen und schon gar nichts gegen gute Produkte wie etwa sein ledernes Portemonnaie, "das mit der Zeit so schön nachdunkelt". Sein Ziel ist vielmehr, die Leute dazu zu bewegen, wieder mehr offline zu leben. "Das Leihen", sagt er, "soll nur der Anlass sein, sich mit Freunden zu treffen und sich über ein Buch oder einen Film zu unterhalten. Oder gemeinsam segeln zu gehen."

Ohne diesen Mehrwert findet selbst Glöckler das Teilen viel zu aufwendig. Im Internet suchen, wer zum Beispiel eine Bohrmaschine hat, dann einen Termin machen, das Gerät abholen und später wieder zurückbringen: "Wer", fragt der Star der deutschen Sharing-Szene, "soll dafür Zeit haben?" -

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