Ausgabe 05/2013 - Schwerpunkt Besitz

Ein Hauch Autarkie

- "Ich will von einem Kirchturm senkrecht nach unten schießen", sagt Christian Meyer. "Ich will in enge Räume und dicht dran, überall dort, wo Bewegung ist. Und ich will es in 3D." Deshalb ist der 39-jährige Kamera-Assistent aus München zum Entwickler geworden. Nun hält er sein "MiniRig" in den Händen, ein filigranes Aluminiumgebilde, etwas kleiner als eine Bierkiste.

Darin platziert er zwei Minikameras im rechten Winkel zueinander, die zeitgleich aufnehmen und so dreidimensionale Bilder erzeugen. "Eine Kamerahalterung wie diese gab es nicht auf dem Markt", sagt Meyer. "So etwas kannst du nicht mit der Handfeile fabrizieren. Du brauchst eine Werkstatt mit modernen Maschinen. Keine Ahnung, was ich ohne das Haus der Eigenarbeit gemacht hätte."

Diese Münchner Werkstatt bietet seit 1987 Räume und Werkzeuge für jedermann. Christian Meyer entwarf sein MiniRig gemeinsam mit einem befreundeten Regie-Assistenten und gelernten Industriemechaniker. Er konnte den Prototypen auf der CNC-Fräse immer wieder überarbeiten und brauchte keine Firma zu beauftragen, die er ohnehin nicht hätte bezahlen können. Meyer folgte seiner Leidenschaft und entwickelte dabei ein Produkt, das noch in diesem Jahr auf den Markt für Kameraprofis kommen soll, zu einem Preis von mehreren Tausend Euro.

Dank moderner Technik und öffentlicher Werkstätten können heute auch Privatleute Ideen verwirklichen, für die man früher eine industrielle Infrastruktur gebraucht hätte. Das ist die Basis für die Verwirklichung eines Traumes, dessen prominentester Vertreter, der amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann, bereits 1984 sein Konzept der "Neuen Arbeit" entwickelte. Ein Drittel Erwerbsarbeit, ein Drittel Arbeit zur Selbstversorgung, ein Drittel Beschäftigung mit den Dingen, für die man wirklich Feuer und Flamme ist - sein Ideal ist die Eigenarbeit, die selbstbestimmte "Community Production".

Von dieser Vision ist die Gesellschaft noch weit entfernt, aber es gibt so viele Möglichkeiten wie nie, selbst zu werkeln. 50 Offene Werkstätten haben sich in einem Verbund organisiert. Insgesamt existieren hierzulande an die 200, ein Großteil Neugründungen nach dem Krisenjahr 2008. Sie bieten sowohl analoges wie digitales Equipment, sorgen für Austausch und Anregung. Lange handelte es sich um Anhängsel kommunaler Bürgerzentren, mittlerweile organisieren sich Privat-Fabrikanten verstärkt selbst. Sie nähen Kleider, schreinern Möbel, konstruieren Wetterstationen und Biofeedbackgeräte - und manche wagen sich wie Christian Meyer an marktfähige Produkte.

Andreas Neef, Geschäftsführer der Kölner Beratung für Zukunftsfragen Z-Punkt, macht einen "Geist der Autarkie" aus, der sich zunehmend verbreitet. Da seien Menschen am Werk, die sich "unabhängig machen wollen von den Großsystemen der Industrie". Es zeige sich ein Bedürfnis nach Teilhabe an der Entstehung von Produkten. "Ein Bedürfnis, auf das Unternehmen heute keine Antworten haben."

Noch sind die Dimensionen allerdings recht bescheiden, selbst in den Fabrication Laboratories (Fab Labs), die mit Hightech wie 3D-Druckern, CNC-Fräsen und Lasercuttern ausgestattet sind. Bundesweit gibt es eine Handvoll, das universitätseigene der RWTH Aachen war 2009 das erste im Land. Ein Zimmer im Erdgeschoss eines schmucklosen Zweckbaus, vollgestopft mit Maschinen, Kabeln und Kisten. Es sind Technikfreaks, Designer, Architekten, Studenten, die den Weg dorthin finden. Mit dem 3D-Drucker bauen sie Kühlschrankgriffe, Ersatzteile für die Dunstabzugshaube oder Adapter für ihre Fotokamera nach, schneiden mit dem Lasercutter Brettspiele oder Schmuck zu. Ein Vater druckte seinem Sohn ein selbst entwickeltes Verbindungsteil für zwei eigentlich inkompatible Carrerabahnen aus.

Das ist Selbstversorgung, aber ist es auch relevant? "Aktuell sind wir in der Kennenlernphase, noch vor der Spielphase", sagt René Bohne, Informatiker und Manager des Aachener Fab Lab. Anspruchsvoll ist diese Art des Werkelns allerdings, denn bislang sind Entwurfs- wie auch Steuerprogramme etwas für zumindest software-affine Hobby-Fabrikanten. "Den Durchbruch", so René Bohne, "wird es geben, wenn wirklich jeder dreidimensional entwerfen kann. Dann entsteht Kreativität."

Bohne zählt nicht zu den 3D-Druck-Utopisten. Aber er sieht die Chance für Heimfabrikanten, allerlei individuelle Kleinteile zu entwickeln - so wie die App-Entwickler für Smartphones, deren Angebot längst unüberschaubar ist. Schon heute teilen sie Daten und Baupläne computergestützt hergestellter Produkte über spezialisierte Websites wie etwa Thingiverse, lassen die entsprechenden Objekte bei Dienstleistern wie Shapeways produzieren und von Firmen wie Ponoko via Webshop verkaufen. Die Tüftler brauchen einige technische Kompetenz - nutzerfreundliche Software könnte das in Zukunft ändern.

Wer selbst etwas herstellt, erkennt den Wert der Dinge. Und kann Fabrikware besser beurteilen

Bislang jedenfalls ist Personal Fabrication weit entfernt von den Prophezeiungen mancher Trendforscher, die die nächste industrielle Revolution heraufdämmern sehen. Andrea Baier von der Stiftungsgemeinschaft Anstiftung & Ertomis sieht dagegen "eine ganz pragmatische Reaktion auf die Krisen unserer Zeit". Sie erforscht die Do-it-yourself-Bewegung seit Jahren und sieht darin eine Reaktion auf gesellschaftliche Probleme wie die Krise der Erwerbsarbeit, ökologische Desaster und die Abhängigkeit der Konsumenten von den Qualitätsvorstellungen der Industrie.

Entscheidend, so Baier, sei nicht, "dass da Leute irgendwelche kleinen Plastikteile herstellen", sondern "dass sich Menschen als produktiv erleben. Dass sie weniger wegschmeißen und neu kaufen müssen. Damit machen sie der Industrie zwar noch keine Konkurrenz, aber als Kunden werden sie kritischer, und langfristig ändert sich deshalb die Atmosphäre. Darauf müssen Unternehmen irgendwann reagieren."

Wer selbst etwas herstellt, erkennt den Wert der Dinge. Doch ihre Produktion ist häufig komplex. Für die industrielle Arbeitsteilung gibt es gute Gründe, und daher ist die Szene trotz eines beachtlichen Wachstums nach wie vor übersichtlich. Neu ist ein verstärkter Austausch von Wissen. So reisen im Verbund Offener Werkstätten Anleiter durchs Land, erläutern den Umgang mit Drehbänken, erklären, wie man aus Fahrradschläuchen Handtaschen herstellen kann oder aus Kaffeesatz Blumentöpfe. Auf werkstatt-lastenrad.de finden sich Bauanleitungen für solche Gefährte, mit deren Hilfe Bastler eine Menge Geld sparen können.

Aber Eigenarbeit in gesellschaftlich relevantem Ausmaß, so wie sie sich der Philosoph Bergmann wünscht, ist das nicht. Die Szene besteht vor allem aus Eingeweihten, die ihren Ideen der Eigenproduktion folgen.

Wie in der Dingfabrik, einer der bundesweit profiliertesten Offenen Werkstätten. Im Jahr 2010 als Anhängsel an einen benachbarten Coworking-Space von Designern, Programmierern und Ingenieuren gegründet, hat der Verein mittlerweile rund 50 Mitglieder, die im dritten Stock eines alten Gasmotorenwerkes in Köln-Deutz ihren jeweils sehr speziellen Interessen nachgehen.Vier Räume mit insgesamt 70 Quadratmetern gibt es hier und allerhand Maschinen und Werkzeuge für Holz-, Textil und Metallarbeiten sowie elektronische Basteleien. Es riecht nach Staub und Lötkolben. Bislang entstanden in der Heimfabrik LED-Lampen, Vogelhäuschen, ein Herzfrequenzmessgerät, Beamersoftware, komplizierteste Origami-Skulpturen, Garderoben aus Treibholz, Fahrradlenker aus Schichtholz und Glasfaser, eine Messstation für einen Wetterballon. Schon lange bauen sie an einem Roboter. "Vom Output her", sagt Mitgründer Alexander Speckmann, "haben wir nicht viel vorzuweisen, und es wäre schön, wäre das anders." Um gleich zu ergänzen: "Aber eigentlich kommt es darauf nicht an."

Denn hier will sich offenkundig niemand mit einer Vielzahl der Dinge selbst versorgen, die er benötigt. Hier ist der Weg das Ziel. Für die Vogelhäuschen brauchten sie einen Lasercutter - und haben ihn sich selbst gebaut. Für Elektronikarbeiten einen Platinendirektbelichter - der wurde aus den Lasern alter Beamer und Drucker montiert. Auch die 3D-Drucker in der Dingfabrik sind Marke Eigenbau. Für Speckmann liegt in den dabei erworbenen Kompetenzen der eigentliche Nutzen solcher Werkstätten. "Die Wissenskomponente ist viel entscheidender als der Ausstoß an Produkten."

Denn wer etwas weiß, gewinnt Selbstbewusstsein - auch gegenüber industriellen Herstellern und ihren Versprechungen.

In der Dingfabrik versucht man, ein breites Publikum anzusprechen. "Wir wollen hier nicht rumnerden", sagt Speckmann. "Anders als etwa in Hackerspaces sind Fragen ausdrücklich erwünscht. So entstehen Ideen, und es ist ja die Freude an der Idee, die die Leute treibt. Und der schlichte Wunsch, die Dinge zu verstehen, statt sie nur zu kaufen." So kommen unter anderem Fotografen, Sozialpädagoginnen und Frauenärzte zum Basteln. Alle paar Wochen gibt es zudem ein Repair-Café, wo jeweils einige Dutzend Verzweifelte unter Anleitung ihre Hi-Fi-Anlagen und Headsets reparieren, und jeden Freitag darf jeder kommen, und sei es nur zum Gucken.

Ob daraus einmal eine Massenbewegung wird? Alexander Speckmann ist das nicht so wichtig - "hier geht's nicht um Revolution, sondern um Lebensqualität".

Andreas Neef von Z-Punkt will sich nicht festlegen: "Die Entwicklung des Selbermachens", sagt er, "das ist alles noch eine Glaubensfrage."

Für Andrea Baier von Anstiftung & Ertomis wird viel davon abhängen, ob etablierte Hersteller ihre eigentlichen Kunden in die Werkstätten treiben. Zurzeit seien sie auf dem besten Weg: "Produkte, die kurz nach dem Ende der Garantiezeit kaputtgehen und die man nicht mehr selbst reparieren kann; immer neue Moden, die immer neue Produkte erfordern und dazu führen, dass heute eigentlich gleich für die Müllhalde produziert wird und man immer wieder neu kaufen muss - das sind Phänomene, die viele Leute richtig sauer werden lassen." -

------------

Fabrication Laboratories gehen zurück auf eine Idee des Mathematikers und Physikers Neil Gershenfeld, der 2002 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) das erste Fab Lab gründete, um mit einem modernen Maschinenpark auch Privatpersonen die industrielle Fertigung zu ermöglichen. Laut der International Fab Lab Association sind derzeit weltweit mehr als 200 Fab Labs in Betrieb oder in Gründung.

b1-link.de/fablabint

Fab Labs in Deutschland:

b1-link.de/fab_mixxt

FabLab Aachen:

b1-link.de/rwth_aachen

Externe Dienstleister für digitale Heimfabrikanten (Auswahl):

b1-link.de/shapeways

b1-link.de/thingiverse

b1-link.de/ponoko

Als eine der ersten Offenen Werkstätten in Deutschland gründete die "Anstiftung" 1987 das Münchner Haus der Eigenarbeit, 2002 folgte das Kempodium in Kempten. Seitdem haben vor allem private Initiativen weitere Offene Werkstätten eingerichtet. Die Stiftungsgemeinschaft "Anstiftung & Ertomis" unterstützt die Szene mit Zuschüssen und Beratung.

b1-link.de/ertomis

b1-link.de/o_werkstaetten

b1-link.de/dingfabrik

Übergreifende Projekte:

b1-link.de/lastenrad

b1-link.de/repaircafe

Mehr aus diesem Heft

Besitz 

„Der Geist ist aus der Flasche“

Die Industrie hat die Menschen mit Gütern versorgt – nun wollen sie lieber tauschen statt kaufen. Was wird dann aus der Ökonomie? Fragen an André Reichel, Dozent an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen.

Lesen

Besitz 

Das zornige Schlitzohr

Der österreichische Schuhfabrikant Heinrich Staudinger hat Ärger mit der Finanzmarktaufsicht. Die will ihm verbieten, sich Geld von Bürgern für sein Unternehmen zu leihen. Doch dieser Mann ist keiner, der einfach aufgibt.

Lesen

Idea
Read