Ausgabe 05/2013 - Schwerpunkt Besitz

Sharing Economy in Japan

Die Minimalisten

- Es ist Dienstagabend, und die Katzen haben reichlich Kundschaft. Auf einem blauen Teppich krabbelt eine junge Frau hinter drei flauschigen Kätzchen her. Sie rollt ihnen Bälle zu, lässt sie nach ihrem Taschentuch haschen und strahlt dabei zu ihrem Freund hinüber, der die Szene mit dem Handy filmt. Einige Meter weiter hat sich eine elegante Mittdreißigerin in ihrem Bürokostüm auf einem Sitzsack niedergelassen. In ihrem Schoß liegt eine Katze, die sich genüsslich kraulen lässt. Zwei junge Tierchen versuchen derweil, ihre Handtasche umzuwerfen. Sie wittern, dass sie darin Kekse versteckt hat.

Hinter einer großen Glasscheibe steht Yuki Yamagishi und schaut ihnen zufrieden zu. Fast 50 Kunden sind an diesem Tag ins Neko Café gekommen, um mit Yamagishis Katzen zu spielen. Das Haus in einer vorstädtischen Tokioter Einkaufsstraße ist gelb bemalt. Vor dem Schaufenster stehen Passanten und fotografieren eine Katzenmutter, die ihre Kleinen sauber leckt. "Ursprünglich waren wir eine Zoohandlung", sagt Yamagishi. Doch als sie merkte, dass ihr Laden zwar viele Besucher, aber nur wenige Käufer anlockte, änderte sie ihr Geschäftsmodell: Sie begann, ihre Tiere zu vermieten. "Viele Menschen lieben Katzen, aber in der Stadt haben nur wenige den Platz und die Zeit dafür", sagt sie. "Bei uns können sie das Zusammensein mit Tieren genießen, ohne für sie verantwortlich sein zu müssen." Drei Streichelzimmer hat sie, eine halbe Stunde kostet 700 Yen (5,40 Euro). Nachmittags kommen vor allem Schüler, abends Büroangestellte und am Wochenende Familien. Das Geschäft läuft gut, so gut, dass Yamagishi das gelbe Haus kürzlich sogar kaufen konnte. Dabei ist ihr Katzen-Café keineswegs einmalig. In Tokio gibt es bereits mehrere Dutzend.

Ein Kätzchen für zwischendurch - schwer vorstellbar, dass ein solches Angebot auch in Deutschland angenommen würde. Europäer betrachten Haustiere für gewöhnlich als Familienmitglieder. Für viele sind sie Kinder- oder Partner-Ersatz, ein Teil des Lebens, den man nicht mit jedem teilt. Katzen zu behandeln wie Gebrauchsobjekte, sie mit wildfremden Menschen gemeinsam zu nutzen wie ausgeliehene DVDs oder Wartezimmerzeitschriften, das wirkt auf deutsche Tierfreunde nahezu unsittlich.

Doch solche Gefühle sind kulturell geprägt, und Japaner denken da anders. Seit Langem sind sie daran gewöhnt, dass man nicht alles besitzen muss, um es nutzen zu können. "In Japan wurden viele Dinge schon immer kollektiv verwendet", sagt Tatsuo Inamasu, Soziologe an der Hosei Universität. "Das Teilen steckt in unserer DNS." Haben oder nicht, das sei nicht die Frage. Eher gehe es um "wann und wo".

Solche Vorstellungen lassen die Japaner als Pioniere jener weltweiten Bewegung erscheinen, die unter dem Schlagwort Sharing Economy ein ähnliches Gesellschaftsmodell propagiert. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Martin Weitzman, der den Begriff in den Achtzigerjahren aufbrachte, betrachtete Japan als Labor der Teilungsökonomie. Als solches kann es bis heute gelten. Wohl kein anderes Land hat intensiver damit experimentiert, wie weit eine kapitalistische Konsumgesellschaft das Teilen treiben kann. Wobei längst nicht alle Versuche zum Vorbild taugen. Share Houses, in denen übersättigte Großstädter ihren materiellen Ballast abwerfen und zum studentischen Wohnheimleben zurückkehren, könnten auch Europäer inspirieren. Agenturen für gemietete Hochzeitsgäste dagegen weniger.

Das Wohnzimmer auf Zeit

Das Style Café liegt im Keller eines Hochhauses in Tokios Stadtteil Akihabara, dem Mekka der japanischen Geek-Szene. Das Foyer führt die Besucher aus der Glitzerwelt der Metropole ins alte Nippon. Die Wände sind holzvertäfelt, Licht scheint durch papierbespannte Schirme. Ein Steinbrückchen führt über einen künstlichen Teich mit Goldfischen. "Allein oder mit Freunden?", fragt die junge Frau, die in einem traditionellen Gewand hinter dem Tresen steht. Wer bei ihr eincheckt, ist auf der Suche nach einem Wohnzimmer auf Zeit.

Das Style Café ist ein Manga Kissa, ursprünglich ein Leselokal für Comicfans, die hier in aller Ruhe in ihren Lieblingsheften schmökern können. Inzwischen geht das Angebot vieler Manga Kissas aber weit darüber hinaus. Im Style Café hat jeder Kunde seine eigenen vier Wände, kleine Räume mit geflochtenen Tatami-Matten, die sich mit Decken und Kissen in ein gemütliches Sofa oder Bett verwandeln lassen, dazu ein Computer und eine Leselampe. Im Gemeinschaftsbereich stehen mehrere Hundert Regalmeter mit Mangas, daneben eine schier unerschöpfliche Auswahl an Filmen und Computerspielen. An einer Theke gibt es Snacks und Getränke. Kunden können sich hierher allein zurückziehen oder mit Freunden ein Gruppenzimmer buchen. Einige tauschen ihre Straßenkleidung gegen Yukatas, leichte, gewickelte Hausgewänder, die an der Rezeption vermietet werden. Wer die ganze Nacht bleibt, bekommt ein Handtuch und Dusch-Set sowie frische Unterwäsche dazu.

Wäre es nicht bequemer, zu Hause zu bleiben? Für viele nicht, denn Platz ist knapp und teuer. Viele Japaner leben deshalb in engen Einzimmerwohnungen, fernab ihres Arbeitsplatzes, in den Schlafburgen am Stadtrand. Alleinstehende bleiben oft bei ihren Eltern. Die Möglichkeiten, sich zu Hause zu entfalten, sich gemütlich einzurichten und Freunde einzuladen, sind entsprechend beschränkt. "Auf wie viel man verzichten kann, ist eine urjapanische Frage", sagt der Soziologe Inamasu. "Deshalb sind zahlreiche Orte und Dienstleistungen entstanden, die den mangelnden Komfort der Häuser ausgleichen." Traditionell gehören dazu etwa Badehäuser, oft auf heißen Quellen. Ein solcher Onsen findet sich in fast jedem japanischen Stadtviertel.

Nach dem Zweiten Weltkrieg passte sich das Angebot den Ansprüchen der sich modernisierenden Gesellschaft an. Wer im eigenen Wohnzimmer nicht behaglich lesen oder sich mit Freunden treffen konnte, verlegte seine Freizeit an Orte wie das Style Café. Wer im eigenen Schlafzimmer nicht über genügend Privatsphäre verfügte, traf seinen Partner im Love Hotel. Wer keinen Platz für eine umfangreiche Garderobe fand, konnte sich seine Kleidung für besondere Gelegenheiten mieten, inklusive Statussymbole wie Designer-Outfits oder Markenhandtaschen.

Denn wie im Rest der Welt folgte auch der japanische Mainstream einer schlichten Logik: "Zeig mir, was du hast, und ich sage dir, wer du bist." Katzen-Cafés, Manga Kissas und Love Hotels sind für viele nicht erste Wahl, sondern der notdürftige Ersatz für einen Komfort, den sie sich nicht leisten können.

Trotzdem ist die Tradition des bewussten Minimalismus in Japan mehr als nur ein Randphänomen. Denn neben dem Platzmangel habe auch die ständige Erdbebengefahr das japanische Verhältnis zum Besitz geprägt, sagt Inamasu: "Wir leben alle mit dem Bewusstsein, dass unser Hab und Gut von einer Minute auf die nächste zerstört werden kann." Die permanente Bedrohung sei nicht nur eine gute Schule der Selbstbeschränkung, sondern auch des sozialen Zusammenhalts. Im Unglücksfall sei schließlich jeder darauf angewiesen, dass Fremde einander helfen. Die Höflichkeit der Japaner und ihre feste Etikette sind im Kern eine Überlebensstrategie.

Ansehen zu vermieten

Feste Regeln von Anstand und Verantwortung haben die japanische Gesellschaft zu einer der sichersten der Welt gemacht. Doch die hohen sozialen Erwartungen und der Druck, stets sein Gesicht zu wahren, haben auch Schattenseiten - und können Menschen zwingen, die Dienste von Ryuichi Ichinokawa in Anspruch zu nehmen.

Der 48-Jährige vermietet Prestige und Ansehen. Genauer gesagt: Menschen, die es so nicht gibt. "Heute hat mich eine Frau angerufen, die eine Mutter braucht", sagt Ichinokawa. Ihr Freund bestehe darauf, endlich seine Schwiegermutter kennenzulernen, doch das sei für seine Kundin unmöglich. Ihre Mutter sei nämlich psychisch krank und lebe in einem Pflegeheim. Deshalb wisse die junge Frau sich nicht anders zu helfen, als ihrem Freund eine falsche Mutter vorzustellen. "Ein Standardauftrag", sagt Ichinokawa. Die Kundin müsse einen Fragebogen mit ihren Anforderungen und persönlichen Informationen ausfüllen, mit dem er dann aus seinem Netzwerk von Darstellern eine geeignete Mutter suchen werde. Der Auftritt kostet 15 000 Yen (116 Euro) plus Spesen.

Rund 60 Laienschauspieler hat Ichinokawa in seiner Kartei, die bei Bedarf Väter und Mütter, Onkel und Tanten, Kollegen und Freunde mimen. Damit gehört seine Firma Hagemashi Tai (auf Deutsch: Ich will dich aufmuntern) zu den kleineren Agenturen für Miet-Menschen. Sein größter Konkurrent hat mehr als tausend Personen in seinem Portfolio. "Jeden Tag bekomme ich drei bis vier Anfragen", sagt der ehemalige Supermarktmanager, der an der Abendschule Psychologiekurse belegt und vor einigen Jahren eine Website für Lebensberatung aufgebaut hat. Kommentare von Nutzern brachten ihn auf die Idee, Personal für manchmal heikle Rollenspiele zu vermitteln.

Am häufigsten werden Hochzeitsgäste gebraucht. Da die Etikette verlangt, dass Braut und Bräutigam bei der Feier mit gleich vielen Verwandten und Freunden vertreten sind, machen sich kleine Familien künstlich größer. "Wir gehen dann durch die Menge und erzählen in freundlichem Small Talk die Geschichten, die man von uns hören will", sagt Ichinokawa, der selbst etwa jede Woche einen Einsatz hat. "Das ist alles sehr harmlos."

Doch es gebe auch kompliziertere Aufträge: alleinerziehende Mütter, die in der Schule ihrer Kinder einen Ehemann präsentieren wollen, oder arbeitslose Männer, die ihren Familien weiterhin ein Berufsleben vorspielen und falsche Chefs nach Hause einladen. In solchen Fällen erklärt Ichinokawa seinen Kunden, dass er seinen Service nur ein einziges Mal zur Verfügung stellt. "Ich sehe unsere Aufgabe als eine Art soziale Erste Hilfe", sagt er. "Aber ich will nicht dauerhaft Lebenslügen liefern."

Das Leben entrümpeln

Eine vernünftigere Art, im eigenen Leben Ordnung zu schaffen, hat die Bestseller-Autorin Hideko Yamashita den Japanern beschert. 2011 brachte sie in einem Ratgeber das Wort Danshari in Umlauf. Der Begriff, eine Yoga-Vokabel, bedeutet so viel wie loslassen und wegwerfen und sorgte für ein Revival des Minimalismus. Alle Besitztümer, die man ein Jahr lang nicht benutzt habe, könne man getrost entsorgen, empfahl Yamashita ihren Lesern.

Als wenige Monate nach Erscheinen ihres Ratgebers der verheerende Tohoku-Tsunami und die Atomkatastrophe von Fukushima die Japaner an die Vergänglichkeit alles Materiellen erinnerten, avancierte Danshari zur Pop-Philosophie. Kleiderschränke und Bücherregale auszumisten, um damit auch die eigene Existenz zu entrümpeln, ist seitdem zu einer Volksbewegung geworden. Selbst in Adressbüchern und Facebook-Profilen wird das Prinzip des Danshari angewandt, um die echten Freunde von den falschen zu trennen.

"Mit den Dingen wirft man auch seine Sorgen weg", sagt Hiroshi Sasaki und spricht mit der Autorität eines Mannes, der bei der Selbstenteignung konsequent war. Der 42-Jährige konnte immer haben, was er wollte. Mitte der Neunzigerjahre gründete Sasaki eines der ersten japanischen Internetunternehmen. Zwölf Jahre lang moderierte er eine populäre Fernsehsendung, in der er seinen Landsleuten erklärte, wie sie sich in der virtuellen Welt zurechtfinden können. Seinen Erfolg verwandelte er in Besitz. "Ich wohnte in einem Haus, das auf drei Stockwerken vollgestopft war mit Computern, Musikinstrumenten, Büchern und Kleidung", sagt er. Der Konsum verselbstständigte sich, aus Lust wurde Sucht. Als dann vor zwei Jahren die Danshari-Welle über Japan hereinbrach, fragte sich auch Sasaki, worauf er verzichten konnte. Seine Antwort: eigentlich auf alles.

Heute lebt er in einem 13-Quadratmeter-Raum, der wie ein Studentenzimmer wirkt: ein Bett, ein Schreibtisch, ein Regal, ein kleiner Kühlschrank, ein schmaler Kleiderschrank und ein Waschbecken. Aus zwei Lautsprechern hämmern elektronische Klänge. Die Musikanlage, mit der Sasaki seine Sounds zusammenmischt, gehört zu den wenigen Besitztümern, die er aus seinem alten Leben mitgebracht hat. Alles andere hat er verschenkt oder verkauft. Er vermisse nichts, sagt er.

An die Stelle von Eigentum ist etwas anderes getreten: Gemeinschaft. Sasakis kleines Zimmer liegt im vierten Stock des Apartmentkomplexes The Share, einer umgebauten früheren Fabrikhalle in Tokios schickem Stadtteil Roppongi, der einem neuen Wohntrend folgt. In die sogenannten Share Houses ziehen Singles, die finden, dass Wohnheime nicht nur etwas für Studenten sind.

60 Bewohner leben hier wie Sasaki in kleinen Zimmern, ein bunter Mix aus Frauen und Männern, Jungen und Alten, Freiberuflern und Angestellten. Im Obergeschoss befinden sich auf einer großzügigen Etage eine offene Gemeinschaftsküche und ein stilsicher durchgestalteter Wohnbereich mit gemütlichen Sitzecken, stillen Arbeitsplätzen, einer kleinen Bibliothek und einer von der Decke baumelnden Hängematte.

"Mit anderen zusammenzuwohnen ist für mich eine ganz neue Erfahrung", sagt Sasaki. Statt wie früher nach der Arbeit allein nach Hause zu gehen, trifft er sich nun abends in der Küche mit seinen Mitbewohnern. Man bringt sich gegenseitig Rezepte bei, fast jede Woche gibt es eine Geburtstagsfeier. Die Hausverwaltung, die mehrere Share Houses betreibt, regelt das Zusammenleben mit einer Reihe von Ge- und Verboten: Gäste von außen sind nur zu bestimmten Zeiten erlaubt, Übernachtungsbesuch ist verboten. "Nicht alle von uns sind über die Regeln glücklich", sagt Sasaki. "Aber wir halten uns daran."

Für immer will er allerdings nicht im Share House bleiben. Der selbst auferlegte Minimalismus sei gut, um den Kopf frei zu kriegen, findet der Unternehmer. In ein, zwei Jahren wolle er dann etwas Neues probieren. Manchmal stellt er sich vor, auf dem Land eine Kommune zu gründen, die sich am Prinzip des Internets orientiert: "Im Netz kann man nichts festhalten. Was man nicht teilt, hat keinen Wert", sinniert Sasaki. "Das ist doch ein schöner Lebensgrundsatz." -

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