Ausgabe 05/2013 - Schwerpunkt Besitz

Schuhfabrikant Heinrich Staudinger

Das zornige Schlitzohr

- Auf persönlichen Besitz legt Heinrich Staudinger, den alle Welt nur Heini nennt, demonstrativ wenig Wert. Der Unternehmer trägt stets Freizeitkleidung und Öko-Treter aus der eigenen Produktion. Sein Chef-Büro mit zahlreichen Büchern, einer Küchenzeile und allerlei Vorräten macht nicht nur einen wohnlichen Eindruck - Staudinger wohnt tatsächlich in seiner Firma. Die heißt Gea (für Gesunde Alternative und Mutter Erde in der griechischen Mythologie), produziert in Schrems im österreichischen Waldviertel Schuhe und Möbel, die in eigenen Geschäften auch in Deutschland und der Schweiz vertrieben werden.

Der Unternehmer lebt in symbiotischer Beziehung zu seinem Unternehmen. Er arbeitet, isst und schläft im Betrieb. Außerdem hat er dort eine Akademie gegründet, die Kurse aller Art (von handwerklich bis esoterisch) anbietet, sodass er Unterhaltung hat und Besucher in die abgelegene Gegend gelockt werden. Ein Gehalt bezieht Staudinger nicht. Wenn er Geldbedarf hat, lässt er sich welches aus der Kasse des Schuh-Ladenverkaufs geben. "Es gibt Wochen, da brauche ich nur 20 Euro", sagt der 60-Jährige. "Und die Hälfte davon brauche ich, weil ich daheim keine Ruhe habe und ins Kaffeehaus gehe." Mit daheim meint er die Firma.

Selbst manchem seiner Arbeiter, die Schuhe der Marke Waldviertler herstellen, kommt das seltsam vor. Warum leistet sich der Chef kein schönes Haus, kein tolles Auto? Aber Staudinger ist eben kein normaler Chef, sondern Unternehmer mit Sendungsbewusstsein. Einer, der die Welt verändern will und gern Seneca zitiert: "Nie ist zu wenig, was genügt." Zumindest in dem 5600-Einwohner-Städtchen Schrems, kurz vor der tschechischen Grenze, hat er schon einiges bewegt.

Jüngst hat er noch weit darüber hinaus Aufsehen erregt - als Rebell, der sich gegen den Staat erhebt. Das kam so: Staudinger hatte schlechte Erfahrungen mit einer Bank gemacht (dazu später mehr) und sich daher eine neue Finanzierungsquelle gesucht. Er bat Freunde, Bekannte, Kunden und Mitarbeiter um Darlehen für Investitionen, zu einem Zinssatz über dem banküblichen Niveau. Staudingers Modell funktionierte jahrelang gut.

Bis zum Kauf einer Lagerhalle aus der Konkursmasse des Strumpfherstellers Ergee, die gleich neben seiner Firma steht. Eine prima Gelegenheit für die prosperierende Gea. Staudinger warb unter anderem in seiner Kundenzeitschrift "Brennstoff" um Geldgeber. Ein außergewöhnliches Blatt, das wenig Produktwerbung enthält, dafür allerlei philosophische Abhandlungen und Skurrilitäten. In einer der ersten Ausgaben brachte Staudinger beispielsweise seine Übersetzung des Beatles-Songs "Let it be" ins Österreichische: "Scheiß di ned an!" Nach Ansicht des Soziologen Harald Welzer handelt es sich dabei um das persönliche Programm des Unternehmers. Der bekam das Kapital für den Erwerb und die Sanierung der Halle schnell zusammen - insgesamt belaufen sich die Einlagen seiner Geldgeber auf rund drei Millionen Euro, die mit vier Prozent verzinst werden.

Doch Anfang vergangenen Jahres kam Post von der Finanzmarktaufsicht (FMA), vergleichbar der deutschen Bafin. Staudinger, so der Vorwurf, betreibe unerlaubte Bankgeschäfte. Er wurde mit einer Verwaltungsstrafe von 2000 Euro belegt. Zudem verboten ihm die Beamten, weitere Kredite von Bürgern anzunehmen, die bereits einkassierten Beträge solle er zurückzahlen. Falls er sich weigere, drohe eine Zwangsstrafe.

Der Unternehmer erschrak und fuhr zur FMA nach Wien. Ohne Anwalt, wie er betont, denn: "Unsere Schuster arbeiten für zehn Euro die Stunde, und es kommt nicht infrage, dass wir mit ihrem Fleiß Advokaten füttern! Ich bin kein Verbrecher, ich bin kein Betrüger." Weil er von den Aufsichtsbeamten nicht sehr freundlich behandelt wurde, wuchs sein Zorn. Staudinger kann sehr zornig werden. Aber er ist auch clever.

So ging er zum nächsten Termin bei der FMA in Begleitung eines "juristischen Beistands". Es handelte sich um Florian Klenk, der tatsächlich Jurist ist, aber zudem auch noch Chefredakteur der Wochenzeitung "Falter". Er berichtete über den Fall, andere Medien griffen den Kampf des Mittelständlers gegen die Finanzmarktaufsicht auf, eine schöne David-gegen-Goliath-Story. Beschwingt ging Staudinger in die Offensive. Unter anderem mit der Hilfe seines Bruders Karl, Berater für Kommunalpolitiker und ein eher pragmatischer Mensch, legte er Berufung gegen die Entscheidung der FMA ein - und gleich noch Beschwerde beim Verfassungsgericht. Außerdem startete er eine Initiative für ein "BürgerInnen-Direktdarlehensgesetz", ließ Unterschriftenlisten in seinen 22 österreichischen Läden auslegen, widmete eine ganze Ausgabe des "Brennstoffs" dem Thema Ungehorsam (unter anderem findet sich dort Kafkas Erzählung "Vor dem Gesetz"). Und nahm ein neues Produkt in sein Sortiment auf: T-Shirts mit dem Aufdruck "Fürchtet euch nicht!".

Der Mann traf einen Nerv. Viele Leute fragten sich, warum die Finanzmarktaufsicht nach der großen Bankenkrise - in deren Folge zum Beispiel die skandalumwitterte Kärntner Hypo Alpe Adria mit Milliarden Euro aus Steuermitteln gerettet wurde - gegen einen solide wirtschaftenden Unternehmer vorgeht, der sich Mittel besorgt, um seinen Betrieb voranzubringen. "Auf den ersten Blick ist es vollkommen unverständlich, warum man sich nicht von Freunden und Bekannten Geld ausborgen darf", sagt auch Elisabeth Zehetner von der Wirtschaftskammer Österreich, in der alle Unternehmen des Landes Mitglied sind. Sie setzt sich für alternative Finanzierungsmöglichkeiten ein, weil Gründer und Mittelständler wegen der strengeren Bankenaufsicht (Basel III) und der Risikoscheu der Geldinstitute nur schwer an Kapital kommen. Und freut sich, "dass Heini Staudinger das Thema vorangebracht hat". Auch von Politikern verschiedener Parteien gibt es Unterstützung. Zehetner sieht daher gute Chancen, die gesetzlichen Hürden für das sogenannte Crowdfunding zu senken. Dabei geht es unter anderem um die Prospektpflicht. Bislang müssen österreichische und auch deutsche Firmen, die sich bei Privatleuten mehr als 100000 Euro borgen, um beispielsweise eine neue Maschine anzuschaffen, einen Kapitalmarktprospekt erstellen - was aufwendig und teuer ist. Die Kammer schlägt vor, die Schwelle nach dem Vorbild von Ländern wie Dänemark, Finnland und Italien auf fünf Millionen Euro zu erhöhen.

Staudinger könnte mit dem Erreichten zufrieden sein, und es gäbe auch Möglichkeiten für ihn, seinen persönlichen Rechtsstreit mit der FMA elegant beizulegen. Will er aber nicht. Die Rolle des Renegaten gefällt ihm, sie ist der Höhepunkt einer bemerkenswerten Karriere. Staudinger wuchs im oberösterreichischen Schwanenstadt mit vier Geschwistern auf. Seine Eltern führten einen Krämerladen. Dort habe er, wie er sagt, schon in frühester Jugend alles Wichtige fürs Leben gelernt. "Mit zwei Jahren habe nicht nur ich, sondern auch alle meine Geschwister grüßen gekonnt, mit drei Jahren bedienen. Und mit sechs Jahren haben wir alle nennenswert kopfrechnen können. Grüßen, Bedienen, Kopfrechnen sind die drei fachlichen Säulen. Und die Erkenntnis, dass das Auskommen wichtiger ist als Einkommen, das ist eine Haltungs-Säule."

Später ging er nach Wien, um dies und das zu studieren, aber nichts zu Ende zu führen. Irgendwann fing er an, mit Gesundheitsschuhen zu handeln, sogenannten Earth Shoes, die er zunächst aus Dänemark einführte und in einem eigenen Laden verkaufte. Doch irgendwann gab es Lieferschwierigkeiten. Und er ließ sich von Karl Immervoll, Religionslehrer an der Berufsschule für Schuster in Schrems und Betriebsseelsorger, überreden, mit zwölf Leuten eine selbstverwaltete Fabrik zu gründen, die allen Mitarbeitern gehörte. Ein politisches Projekt, um etwas gegen die Abwanderung aus der Region zu tun.

"Ich hatte Schwierigkeiten, meine Kunden zu beliefern", erinnert sich Staudinger. "Und der Karl hat gesagt: Das trifft sich gut, wir haben so viele Arbeitslose hier. Wir waren beide naiv." Es sei ein großes Glück gewesen, "dass die Firma die ersten sieben Jahre überlebt hat". 1991 übernahm Staudinger die Hälfte des Betriebs von den Arbeitern und drei Jahre später zähneknirschend, wie er sagt, die Geschäftsführung. Nun war Schluss mit der Kollektivwirtschaft. Der neue Chef zog andere Saiten auf, entließ unzuverlässige Arbeiter und stellte neue ein - was zu einem Zerwürfnis mit Immervoll führte, der Staudinger gegenüber der "Zeit" einmal als "beinharten Geschäftsmann" charakterisierte. "Mittlerweile", so Staudinger, "kommen wir wieder gut miteinander aus." Er brachte die Firma - mit heute 132 Beschäftigten und rund 11,5 Millionen Euro Jahresumsatz - voran, machte aus den Waldviertlern eine Marke, die auch über die Kernzielgruppe der gesundheitsbewussten Ökos hinaus populär ist, und weitete das Sortiment um Möbel aus. Ende der Neunzigerjahre kam er auf die Idee des "Brennstoff"-Heftchens, das sich als cleveres Marketinginstrument erwies.

Dem Umsatz hat die Kampagne nicht geschadet

Im Jahr 1999 warf die Firma rund 360000 Euro Gewinn ab. Doch das beeindruckte den Leiter von Staudingers Hausbank offenbar nicht: Er halbierte den Kreditrahmen für die Gea kurzerhand auf rund 500000 Euro. Das fand Staudinger gar nicht lustig. Von solchen Leuten wollte er nicht abhängig sein. Er verzichtete auf die Erweiterung des Geschäftes, reduzierte Lagerhaltung und Verbindlichkeiten. Zudem zog er persönliche Konsequenzen: "Dieser Ärger war Anlass, über Geld nachzudenken. Eigentlich hänge ich ja nicht daran, dachte ich. Aber warum habe ich dann einen Bausparvertrag, zwei Bausparverträge für meine Söhne, eine Lebensversicherung und ein sogenanntes Krisensparbuch?" Vom Gedanken bis zur Konsequenz dauerte es ein Jahr, dann löste er die Verträge auf und steckte das gesamte Geld - rund 100 000 Euro - in die Firma. 2003 war sie schuldenfrei, drei Jahre später übernahm Staudinger die restlichen Anteile.

Der Verzicht auf persönlichen Besitz fiel ihm letztlich nicht schwer, doch dass es ihm an Kapital für weiteres Wachstum der Firma mangelte, wurmte ihn. So kam er auf die Idee, sein Umfeld anzuhauen und einen Sparverein zu gründen, den er heute nicht mehr so nennen darf, weil der Begriff suggeriere, dass die Ein lagen staatlich gesichert sind - was nicht der Fall ist; heute heißt er "Apfelbäumchen-Klub". Als die ersten Gelder eingingen, habe seine Buchhalterin nicht geglaubt, dass das nun die neue Finanzierungsmethode sei, und hat die Summen nicht ordentlich verbucht, sondern auf Zettelchen nebenbei registriert, erinnert sich Staudinger. Der anschwellende Kapitalfluss habe sie dann aber doch eines Besseren belehrt - bis 2008 war es eine Million Euro.

Dass das illegal ist, sieht der Chef nicht ein und wird grundsätzlich: "Wenn kleine und mittlere Betriebe in Krisen überleben wollen, sind sie fast immer auf die Unterstützung von Freunden, Verwandten und Bekannten angewiesen, weil sie von den Banken kein Geld bekommen. Die FMA streitet mit mir also über etwas, was Hunderttausende tun und was gut für die Volkswirtschaft ist." Staudinger weiß natürlich, dass eine Legalisierung dieser Praxis auch Betrüger auf den Plan riefe. "Aber es ist nicht denkbar, dass die das überbieten, was sich die Banken in den vergangenen Jahren geleistet haben."

An Anlage-Ideen mangelt es Staudinger nicht. Er hat Schrems schon mithilfe eines "Sonnen-Klubs" mit Solaranlagen auf allerlei Dächern beglückt. Und jüngst das leer stehende "Hotel Post" übernommen, das er für 1,5 Millionen Euro zu einer Begegnungsstätte (ohne Verzehrzwang) umbauen will. Reinhard Österreicher, Sozialdemokrat und langjähriger Bürgermeister des Ortes, ist voll des Lobes für den umtriebigen Unternehmer: "Wir bräuchten mehr Leute wie den Heini Staudinger hier im Waldviertel." Österreicher unterstützt auch dessen politische Initiative.

Dass Staudinger den Rechtsstreit gewinnt, erscheint eher unwahrscheinlich, denn Gesetz ist Gesetz. Beim Verfassungsgerichtshof ist er bereits abgeblitzt, seine Beschwerde wurde an den Verwaltungsgerichtshof verwiesen. Wird seinen Leuten angesichts des Streits, den ihr Chef angezettelt hat, nicht mulmig? Der grinst: "Hätte die Kampagne unserem Umsatz geschadet, müsste ich mir was anhören. Hat sie aber nicht." Er ist eben auch Marketingprofi. Außerdem hat er "noch eine Lösung im Rucksack". Nämlich Angebote zweier Banken, die Apfelbäumchen-Klub-Kredite zu günstigen Konditionen abzulösen - die er aber auf keinen Fall annehmen will. Freuen tut er sich aber trotzdem: "Man darf nicht vergessen, ich wäre im Augenblick der prominenteste Kreditnehmer Österreichs." -

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