Ausgabe 05/2013 - Schwerpunkt Besitz

Ballast abwerfen

- Michael Kelly Sutton ist 26 Jahre alt; er lebt in Williamsburg, New York, und hat in den vergangenen drei Jahren nur zwei größere Dinge gekauft: einen Schreibtisch und ein Sofa. Über beides hat er jeweils etwa sechs Monate lang nachgedacht. Er wollte sicher sein, dass die Anschaffung unumgänglich war. Er wollte die möglichen ökologischen Folgen abwägen. Es sollten Produkte sein, die möglichst lange hielten und nicht modisch waren.

Der Software-Programmierer versucht, mit so wenigen Dingen wie irgend möglich auszukommen. Vor drei Jahren rief er auf einer Website zum sogenannten Cult of Less auf, einem Lebensstil, der sich von materiellem Besitz abkoppeln soll. Sutton war gerade von einer längeren Weltreise heimgekehrt, wie sie Amerikaner nach ihrer College-Zeit gern unternehmen. Zuvor hatte er alles, was er besaß, bei Freunden eingelagert und konnte sich nun kaum noch daran erinnern, was alles in den Kisten steckte. "So wichtig konnte das ganze Zeug also nicht sein, dachte ich mir. Warum nicht alles Überflüssige weggeben?" So bliebe er mobil, könnte viel reisen und würde sich nicht länger mit Gegenständen belasten, deren Nutzen fragwürdig, deren Lebensdauer überschaubar war und deren Produktion der Umwelt schadete.

Was Sutton von anderen Verzichts-Aposteln unterscheidet, ist, wie entschieden und zügig er seine Idee umsetzte. Auf der Cult-of-Less-Website listete er seinen kompletten Besitz nach drei Kategorien auf. Er unterschied zwischen den wenigen Dingen, die er behalten wollte; einigen mehr, die er zum Kauf anbot; und allen übrigen Gegenständen, die für einen künftigen Besitzer vielleicht einen Wert haben könnten, für die er aber kein Geld verlangen und sie darum verschenken wollte. Gleichzeitig machte er sich daran, allen Besitz, der digitalisierbar war, auf Festplatten zu übertragen - hauptsächlich Bücher und Musik-CDs, die er anschließend weggab. Am Ende passte alles, was er besaß, in zwei Kisten und zwei Koffer, wie er damals in mehreren Interviews erzählte - die BBC war auf das Experiment aufmerksam geworden, danach folgten andere Medien.

"Viele haben die Story zugespitzt", sagt er im Rückblick. "Natürlich besaß ich auch damals noch mehr als die zwei Kisten und Koffer - zum Beispiel ein Bett und einen Kühlschrank. Das hat nie jemand erwähnt. Insofern waren die meisten Geschichten etwas unaufrichtig." Manche Blogs verbreiteten sogar, dass Sutton plane, nie mehr als hundert Dinge zu besitzen, aber das war schlichtweg erfunden.

Nach dem ersten Hype wurde es ruhiger um den Kult, der nie einer sein sollte. "Der Name Cult of Less klang einfach cool", sagt Sutton, ein junger Mann, der viel lacht und so gar nichts von einem Moralapostel hat. "Und, hey: Die Web-Adresse war noch frei." Hat sein Kult denn Anhänger, gar Mitglieder? Er überlegt. Er bekomme viele E-Mails. "Leute aus Chile oder Neuseeland schreiben mir, auch aus Deutschland. Amerikaner interessieren sich komischerweise am wenigsten dafür." Es reiche ihm, weltweit ein paar Menschen auf einen neuen Gedanken gebracht zu haben. Einen Verein habe er nie gründen wollen.

"Ich hatte es relativ leicht", sagt Sutton. "Mein Leben als Computerprogrammierer war immer schon digital. Meine Arbeit erledige ich am Laptop, egal, wo ich bin. Filme schaue ich mir auch am Rechner an. Später, in einer anderen Lebenssituation und wenn ich Kinder haben sollte, wird sich meine Einstellung zu Besitz vielleicht noch mal ändern." Es ist ein wirklich spärlich möbliertes Apartment, das er sich mit einem Mitbewohner teilt. Ein Bett mit bunter Tagesdecke, ein kleiner Schreibtisch mit PC-Monitor, eine Stehlampe, im Wandschrank vier Fächer für Jeans, T-Shirts, Pullover, eines für Festplatten, auf denen er seinen digitalen Besitz speichert - das war's.

Für ihn gelten Bücher-, Platten- und CD-Regale als "Angeberei", etwas, das er amüsiert und mit leichtem Unverständnis betrachtet. Zugegeben, über eine Buchsammlung komme man schon leicht miteinander ins Gespräch, sagt er. "Wenn mich ein Freund besucht, wird keine spontane Unterhaltung über die Bücher entstehen, die ich auf meinem Kindle gespeichert habe."

Sutton blieb - abgesehen von Sofa, Schreibtisch und auf der Website im Detail dokumentierten Kleinigkeiten wie einem "Leuchtturm 1917"-Notizblock und "Zebra F-301"-Faserschreibern - seinem Plan treu. Er besaß wenig, reiste viel und lange, lebte für ein paar Monate in Berlin und Madrid und bereitete die Gründung seiner eigenen Firma vor. Denn das ist die zweite Besonderheit an seiner Art, auf Unwesentliches zu verzichten: Kelly Sutton ist kein Aussteiger, sondern Unternehmer, sogar Arbeitgeber. Seine Firma Layer Vault beschäftigt fünf Mitarbeiter und produziert eine hoch spezialisierte Software für App-Designer.

Wozu brauchen Intellektuelle eine Bücherwand?

Einer wie er weiß natürlich, dass Wirtschaft nicht funktionieren kann, wenn Menschen sich nichts Neues mehr anschaffen. Doch ihm geht es um Qualität. "Man sollte weniger Gegenstände besitzen, die aber müssen möglichst lange halten", sagt er, und in dieser Devise klingt sein Großvater nach, der ihm genau diesen Rat einst mit auf den Weg gab.

Der Enkel hat die Idee freilich ins digitale Zeitalter weiterentwickelt. Technische Geräte würden ständig verbessert, sagt er. Alle zwei Jahre verdopple sich die Leistung von Computern oder Smartphones, weshalb es nur vernünftig sei, sie regelmäßig auszuwechseln. Für Lautsprecher oder einen Tisch gelte das nicht. "Es gibt keinen Grund, warum die nicht zehn Jahre halten sollten." Er kaufe auch keine auffällige Kleidung, sondern nur zeitlose Basics: "Der zweiteilige Anzug kommt nie aus der Mode."

Was Jeremy Rifkin schon im Jahr 2000 als Prinzip des Access, also des Zugangs oder Zugriffs, formuliert hat und Ökonomen jetzt Sharing Economy nennen, ist für Sutton selbstverständlich. "Ich hatte noch nie ein eigenes Auto", sagt er. "Wenn ich eines brauche, leihe ich es mir." Damit stehe er nicht allein. Die Zahl von Autobesitzern in seinem Freundeskreis gehe gegen null.

Sutton und viele seiner Bekannten orientieren sich an zwei Grundsätzen, die sie für zeitgemäß halten: perfekte Dienstleistungen je nach Bedarf - also etwa einen Wagen für eine Stunde. Und wenn es doch um eine Anschaffung geht, muss es ein gutes Produkt sein, beständig und zeitlos zugleich.

Diese Haltung verbindet offenbar weniger die Angehörigen einer bestimmten Generation als Menschen ähnlicher Mentalität und Mobilität. Auch dank veränderter technischer Möglichkeiten wird Verzicht zum Vorteil, zum Ausdruck von Reife. So löste der 40-jährige deutsche Schriftsteller und Literaturkritiker Malte Herwig kürzlich eine Debatte in den Feuilletons aus, als er mitteilte, er werde seine private Bibliothek nach und nach auflösen, seine Lieblingswerke einscannen und pro Woche mindestens zehn Bücher verschenken. Kein volles Bücherregal mehr, an dem man bislang eine Intellektuellenwohnung erkannt hat? "Auch Vorhänge sind dekorativ", polemisiert Herwig, "aber niemand käme auf die Idee, ihnen eine tiefere kulturelle Bedeutung beizusprechen."

Er liebe Bücher, sagt er, und finde Bücherwände auch nicht hässlich. "Aber ich hatte den ganzen Korridor voll mit den höchsten Billy-Regalen, dann das Aufsatz-Regal und dann ein Dreier-Regal noch mal umgedreht obendrauf. Vier Meter hoch mit etwa 4500 Büchern, die in zwei Reihen standen." Irgendwann war es ihm einfach zu viel, vor allem wenn er darüber nachdachte, wie viele dieser Werke er gar nicht gelesen hatte, vermutlich auch nie lesen würde. "Das Besitzen und das Herzeigen von Büchern ist kein Wert an sich", entschied er. "Im Gegenteil, es ist eher eine Last." Nach einem Umzug steht in Herwigs Arbeitszimmer nur noch ein hüfthohes Regal mit Nachschlagewerken. Die noch nicht gescannte Buchsammlung bleibt zunächst in Kartons, die Regale lagern auf dem Dachboden.

In der digitalisierten Welt gehe es um den freien Zugang zu Wissen, nicht um den Besitz von Dingen, findet der Autor. "Wenn ich Informationen elektronisch gespeichert habe, kann ich sie leicht mitnehmen, kann sie im Volltext durchsuchen, einfach mit anderen teilen." Für die Arbeit an seinem neuen Buch sei es eine Riesenerleichterung gewesen, Tausende Seiten Material digital zur Verfügung zu haben. Ganz aufgeben will Herwig das Papier nicht, schon wegen der Vorstellung, ein ledergebundenes Buch aus dem 18. Jahrhundert vor sich zu haben - "das riecht, hat all diese sensuellen Qualitäten. Da können moderne Bücher nur selten mithalten." An denen hänge er nicht mehr. "Ich habe festgestellt, was für ein schönes Gefühl es ist, Bücher zu verschenken."

Das gilt auch für andere Dinge. Kürzlich erst trennte sich Herwig von seinen alten Lieblingshemden, zuerst schweren Herzens, dann erleichtert, denn er hat erkannt: "Mit weniger Ballast lässt es sich gut leben. Sich auf das Wesentliche konzentrieren, auf Ideen, auf Sprache und sich nicht ablenken lassen von ...", er überlegt, sucht nach dem passenden Begriff, findet: "Krempel."

Sutton und Herwig sind keine Einzelfälle. Der Wunsch, sich vom Ballast zu befreien, zieht Kreise. Annie Leonard etwa, früher bei Greenpeace tätig, betreibt unter dem Namen "The Story of Stuff" nicht nur eine Website, auf der sie mit Filmen und Podcasts einer wachsenden Community erklärt, wo unser Zivilisationsmüll landet, wie viele Ressourcen die Handy-Herstellung verschwendet, wie man all dieses Zeug vermeidet. "The Story of Stuff" heißt auch ihr Buch, das bereits auf Deutsch vorliegt. Und der Blogger Leo Babauta, der über Produktivitätstipps und "Zen-Gewohnheiten" berichtet, rät, für jedes Produkt, dass man neu kauft, zwei Gegenstände aus dem Besitz abzugeben, um Wohnung und Alltag kontinuierlich zu entrümpeln.

Graham Hill, Gründer mehrerer Unternehmen, darunter das Ökodesign-Blog Treehugger.com, beschreibt in einem Vortrag, wie er sich einer radikalen Konsumdiät unterzog. Um das Jahr 2000 lebte er als frisch gebackener Dotcom-Millionär, der seine Firma verkauft hatte und nun eine Management-Position beim Käufer bekleidete, abwechselnd in einem riesigen Haus in Seattle und einem Loft in New York und beschäftigte eigens einen Personal Shopper, um sich in beiden Städten aufwendig einzurichten. Er dachte lange, dass ihn dieses Leben glücklich mache oder seinem Status entspreche. Aber "irgendwie bestimmte letztlich all dieses Zeug mein Leben", sagt Hill heute. "Die Dinge, die ich konsumierte, fraßen mich auf. Haus und Besitz waren wie neue Arbeitgeber für einen Job, um den ich mich nie beworben hatte."

Nach einer Weltreise wurde ihm klar, dass es viel mehr Spaß machte, aus dem Koffer zu leben, am Laptop zu arbeiten oder mit der Freundin durch Bangkok zu schlendern, statt zu Hause immer mehr Eigentum zu horten. Er verkaufte das Haus, das Loft und einen Großteil seines Besitzes und wurde zum Nachhaltigkeits-Apostel. Heute lebt er in einem modernen Mini-Apartment mit ausklappbarem Bett und Esstisch, hat sechs Hemden, zehn Essschalen und nur noch zehn Prozent seiner früheren Bibliothek.

"Wir wissen intuitiv, dass die besten Dinge im Leben keine Waren sind, sondern dass Beziehungen, Erlebnisse und eine sinnvolle Arbeit die Grundlage eines glücklichen Lebens bilden", schrieb er in einem Beitrag für die "New York Times". Die Vom-Saulus-zum-Paulus-Story konnte, wer wollte, auch als Einladung verstehen, sich von Hill eine ähnliche Mini-Wohnung einrichten zu lassen - das ist sein neues Business. Seine Geschichte zeigt, dass Verzicht selbst in den konsumverrückten USA sexy werden kann, vielleicht sogar im Mainstream ankommt.

Die europäische Variante der Geschichte fiel vergleichsweise säuerlich aus. Der britische Wirtschaftshistoriker Robert Skidelsky bekommt gerade viel Medienaufmerksamkeit für ein Buch, das er zusammen mit seinem Sohn Edward, einem Philosophen, geschrieben hat. Darin kritisieren sie "die menschliche Eigenschaft, das eigene Hab und Gut mit dem anderer Menschen zu vergleichen und zu glauben, dass der eigene Besitz zu wünschen übrig lasse" sowie den "überhitzten Kapitalismus mit seinem Mehr, mehr, mehr". Ihre Fragen nach dem guten Leben und - so der Buchtitel - "Wie viel ist genug?" sprechen offenbar viele Leute an. Das Buch kletterte in der Bestseller-Liste unter die Top 15.

Abgesehen von der Rhetorik der Skidelskys, kann weniger Hab und Gut handfeste Vorteile haben. Etwa ein Jahr, nachdem Kelly Sutton den Großteil seines Besitzes verkauft oder verschenkt hatte, wurde bei ihm eingebrochen. Schulterzuckend sagt er: "Viel haben sie nicht gefunden." Die Diebe nahmen sein iPad und den Kindle mit - bedauerlich, aber kein Problem. Denn wir lernen über Eigentum im digitalen Zeitalter: Suttons wertvollster Besitz - Manuskripte, Bücher, Musik, Filme - waren keine unersetzlichen Originale, sondern austauschbare Dateien, sicher gelagert als Bits und Bytes auf Festplatten und Servern.-

b1-link.de/cultofless

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