Ausgabe 11/2012 - Gute Frage

Obdachlosigkeit in Deutschland

Warum gibt es eigentlich immer noch Obdachlose?

- Obdachlos wird man nicht einfach so. Wer Mietschulden hat und Gefahr läuft, seine Wohnung zu verlieren, der ist für die Behörden meist kein Unbekannter mehr. Reicht ein Vermieter bei Gericht eine Räumungsklage ein, dann geht automatisch eine Mitteilung an das Sozialamt. Dieses schreibt dem Mieter einen Brief, bietet Hilfe an, vermittelt zwischen ihm und dem Vermieter und übernimmt oft auch die Mietschulden. Der Mieter muss nur einen kleinen, aber entscheidenden Schritt machen: Er muss den Brief öffnen - und reagieren.

Doch daran scheitert es oftmals. Die "ämterorientierte Kommunikation", wie Christine Heinrichs vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten e.V. sie nennt, geht oft an den Betroffenen vorbei. "Wenn das Sozialamt den dritten Brief geschrieben hat, dann liegt der da zusammen mit all den anderen ungeöffneten Briefen", sagt Heinrichs. Und dann nimmt das Unheil seinen Lauf.

Der beste Weg, obdachlos zu werden, ist, sich tot zu stellen.

Viele Kommunen reagieren erst wieder, wenn der Hilfsbedürftige nach der Zwangsräumung auf der Straße steht. In Frankfurt, wo Christine Heinrichs seit 25 Jahren in der Obdachlosenhilfe arbeitet, setzt man dagegen auf die sogenannte aufsuchende Hilfe. Werden die Briefe vom Amt nicht beantwortet, klingeln Mitarbeiter des Frankfurter Vereins an der Wohnungstür und versuchen, Kontakt aufzunehmen. Das ist schwierig, denn die Menschen haben sich meist schon zu sehr in ihre eigene Welt zurückgezogen.

Heinrichs und ihre Mitarbeiter hören immer wieder die gleiche Geschichte: Erst war die Frau weg, dann kam der Alkohol, dann war der Job weg, und nun ist die Wohnung in Gefahr. Die anderen sind schuld. Diese Sprachregelung, so Heinrichs, ist eine Hilfskonstruktion, um sich nicht eingestehen zu müssen: "Mit mir stimmt was nicht." Die Verantwortung wird nach außen verlagert.

Strukturkonservativ nennt Heinrichs diese Haltung, die Unfähigkeit zur Veränderung führe zum Verlust der Handlungsfähigkeit. Sie und ihre Mitarbeiter bräuchten eigentlich drei Monate, um den Menschen zu helfen. Tatsächlich haben sie meist nur zwei Wochen bis zur Räumung.

"Wir laufen den Leuten dann auf der Straße hinterher und versuchen, sie so schnell wie möglich in entsprechende Einrichtungen zu bringen", sagt sie. Denn wenn jemand erst einmal auf der Straße lebt, ist eine Rückkehr ins alte Leben extrem schwer. Und die notwendige Hilfe wird dann richtig teuer.

46 Millionen Euro hat allein die Stadt Hamburg im Jahr 2011 für Obdach- und Wohnungslose ausgegeben. Hinzu kommen Gelder von zahlreichen karitativen Einrichtungen, Hilfevereinen und der Kirche. Etwas mehr als 1000 Personen leben in der Hansestadt auf der Straße. Zirka 2700 sind in öffentlichen Wohn- und Notunterkünften untergebracht. Würde man diesen Menschen die Miete für jeweils eine kleine Wohnung bezahlen, wäre das für die Stadt erheblich billiger.

"Die Bezahlung der Wohnungslosigkeit ist siebenmal teurer als die Prävention der Wohnungslosigkeit", zitiert Harald Ansen, Professor für Soziale Arbeit und Armutsexperte an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, eine Studie des Deutschen Städtetages.

"Am teuersten ist die Krankenhilfe", sagt Christine Heinrichs. So kostet zum Beispiel ein Transport ins Krankenhaus 700 bis 800 Euro. "Wir haben in Frankfurt Spitzenfälle, die bis zu zehnmal im Monat eingeliefert werden. Da kommen locker schon mal 5000 bis 8000 Euro zusammen", sagt sie. Außerdem fallen noch Kosten für Notunterkünfte, Gesundheitsund Sozialprogramme und auch die Kommunikation mit dem Bürger an.

Warum tut ihr nichts? Warum bekommt ihr diese Leute nicht von der Straße? Christine Heinrichs hat täglich mit Anrufen von aufgebrachten Frankfurtern zu tun, denen schwer zu vermitteln ist, warum 45 Mitarbeiter versuchen, den Obdachlosen zu helfen, und doch an ihre Grenzen stoßen. "Wir können ja niemanden einfangen, wegsperren, zwangswaschen. Und dann kommt er satt und sauber wieder raus", sagt sie. Jeder hat das Recht, so zu leben, wie er will - auch auf der Straße. "Man muss sich in einer Stadt damit abfinden, dass es Leute gibt, denen man tatsächlich überhaupt nicht helfen kann", sagt Heinrichs. "Das müssen die Bürger aushalten."

Mehr Wohnraum wäre schön - löst aber das Problem nicht

Der Armutsforscher Harald Ansen unterscheidet bei den Obdachlosen drei große Gruppen:

- Menschen in kritischen Lebenssituationen, wegen einer Trennung, dem Verlust der Arbeit oder Schulden.

- Junge Menschen, die ungeregelt aus Jugendhilfeeinrichtungen entlassen werden mit großen biografischen Lücken.

- Menschen mit gebrochenen Biografien, die immer schon randständig gelebt haben, oft mit hoher beruflicher Mobilität, wie zum Beispiel Seeleute.

Das Hauptproblem ist laut Ansen der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Nach einer Studie des Pestel-Instituts fehlen in Hamburg 110000 Sozialwohnungen.

Doch die allein lösen das Problem nicht. Es gibt Obdachlose, die gar keine Wohnung mehr wollen, die ihr soziales Umfeld nicht verlassen möchten, die beengte Räume und Regeln des nachbarschaftlichen Zusammenlebens nicht mehr ertragen können.

Nicole Serocka von der Hamburger Sozialbehörde kennt Fälle, in denen Menschen eine Wohnung zugewiesen wurde, und die dann mit dem Schlafsack auf dem Flur übernachtet haben. Viele kehren auch freiwillig zurück auf die Straße. Man nennt das den Drehtüreffekt. "Solch ein Verhalten muss mühsam korrigiert werden", sagt Harald Ansen. Wenn Menschen sich über Jahre in solchen Lebensverhältnissen eingerichtet haben, präge das ihr Selbstbild. Sich von der Identität des Ausgestoßenen zu lösen falle vielen schwer.

Für Christine Heinrichs geht das Problem weit über das Festhalten an einem falschen Selbstbild hinaus. Auch der fehlende Wohnraum ist für sie kein Argument. "Ich arbeite seit 25 Jahren in der Obdachlosenhilfe, und der Personenkreis der Betroffenen wird nicht größer oder kleiner. Die Zahl derer, die nicht zurückwollen oder -können, bleibt gleich." Personen, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können und geräumt werden, kommen relativ schnell wieder zu neuem Wohnraum und werden nicht obdachlos, weil es ein gutes Hilfenetz gibt. Die Personen, die wirklich auf der Straße landen, haben meist noch andere Probleme. "In Frankfurt ist kein Einziger dabei, der auch nur im Ansatz psychisch gesund ist", sagt sie.

Einen Austausch zwischen diesen beiden Gruppen sieht Heinrichs nicht. "Wir betreuen in den Wohnunterkünften in Frankfurt zirka 150 Leute pro Nacht. Davon sind 90 Leute ständig da, und die anderen sind relativ schnell wieder weg. Denn die haben noch Ziele."

Obdachlosigkeit entsteht also durch Lebenskrisen und das Unvermögen, damit umzugehen und Hilfe in der Not anzunehmen. Oft ist eine psychische Erkrankung schuld daran. Das Leben auf der Straße ist gefährlich, die Lebenserwartung von Obdachlosen deutlich geringer. Und der Weg zurück ins normale Leben ist schwierig.

Das bekannteste Notquartier in Hamburg, das Pik As, begeht im kommenden Jahr seinen 100. Geburtstag. Kein Grund zum Feiern. Die Unterkunft ist auch im Sommer restlos ausgebucht. Einer der Bewohner lebt dort seit 38 Jahren. -

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