Ausgabe 10/2012 - Schwerpunkt Spezialisten

Nimbus

Micky Maus hat's raus

• Sein Büro ist eine Orgie in Weiß. Der Boden, die kahlen Wände, die Decke, die leer gefegte Arbeitsplatte, auch sein Hemd. Dietrich Brennenstuhl trägt das Haar schulterlang, einen grau melierten Dreitagebart, abgewetzte Jeans, Turnschuhe und greift nach der Tischleuchte vor sich. Sie ist sein neuestes Produkt, es habe im Frühjahr bei der Fachmesse Light+Building in Frankfurt viel Resonanz erhalten, so Brennenstuhl. Er bewegt die "kalibrierten Friktionsgelenke", streicht über das glatte Aluminium, erklärt das "Thermomanagement" in der Leuchte und die "Lüftungskiemen", demonstriert, wie sich das Licht ohne Berührung eines Schalters durch wischende Handbewegungen steuern lässt.

Ein Unternehmer, der sein Produkt liebt, so weit normal. Das Besondere sind die LED, lichtemittierende Dioden, die in der Tischleuchte stecken. Und dass Brennenstuhls Firma Nimbus Group – die er im Vergleich zu den konkurrierenden Konzernen selbst als "Micky Maus" bezeichnet - sich mit der Spezialisierung auf diese Technik einen bemerkenswerten Vorsprung erarbeitet hat. Der Gründer spricht von glücklichen Zufällen, die ihm dabei geholfen hätten. Bei genauerer Betrachtung ist die Geschichte von Nimbus die eines kleinen Unternehmens, das nach dem Naheliegenden greifen konnte, weil es die Großen der Branche lange Jahre einfach liegen ließen.

Der Chef

Die "Stuttgarter Zeitung" hat Dietrich Brennenstuhl, 54, einmal als "Partylöwen" beschrieben. Der Inhaber fährt morgens im Porsche in Stuttgart-Feuerbach vor, auf dem Beifahrersitz seine beiden Hunde Nena und Balu. Im Leuchten-Showroom der Firma steht zwischen Ölfässern und unverputzten Wänden seine Ducati, er steuert auch Hubschrauber, Motor- und Segelflieger. Der Chef duzt sich mit vielen Mitarbeitern, die unisono sagen, er lasse einem, wenn er Vertrauen gefasst habe, große Freiräume. Beim täglichen Frühstück für alle 150 Beschäftigten, das die Firma bezahlt, mischt sich der große, hagere Mann zwanglos unter die Mitarbeiter, während seine Hunde durch die Reihen streifen.

Es geht familiär zu und wenig hierarchisch, Brennenstuhl führt sein Unternehmen als milder Patriarch, der nicht viel Worte zu machen braucht. Es kann passieren, dass er bei einer Besprechung über die Namensgebung für eine Leuchte, eine halbe Minute lang schweigt, bevor er leise sagt, dass er die Idee nicht "ganz toll" finde. Was bedeutet: zurück auf Los.

Seine Mitarbeiter sagen über den Qualitätsfanatiker: "Kein Produkt geht an Kunden, wenn der Chef nicht absolut überzeugt ist, egal wie stark der Lieferdruck ist." Und: "Er würde nie eine Leuchte machen, die Geld bringt, ihm aber nicht gefällt."

Der Anfang

Eigentlich ist Dietrich Brennenstuhl Architekt. Zuvor hat er den Beruf des Werkzeugmachers gelernt. Als er noch während des Architekturstudiums die Galerie einer Bekannten umbauen soll und das Geld für eine adäquate Beleuchtungsanlage fehlt, baut er in einer Garagenwerkstatt mit Drehbank und Lötstation selbst eine - damals noch mit Halogenlampen. So "stolpert" er "ganz dilettantisch in das Thema", leuchtet Schaufenster aus, findet in Stuttgart den ersten Leuchtenhändler, mit dem er zusammenarbeitet, und überlässt ein paar Jahre später das Architekturbüro seinem Partner, um sich ganz dem neuen Geschäft zu widmen. Um das Jahr 2000 legt ihm ein Freund eine LED auf den Schreibtisch. Brennenstuhl ist sofort fasziniert. Er ist überzeugt, dass den winzigen Elektronik-Chips aus speziellen Halbleiterkristallen die Zukunft gehört, zumal sie sich seit Jahrzehnten als farbige Lichtquellen in Displays und Signalanzeigen von Mobiltelefonen oder Fernsehgeräten bewähren. Nun geht es darum, die Lichtausbeute zu erhöhen und das kalte blaue LED-Licht in weißes Licht zu verwandeln.

Während Nimbus noch Produkte mit konventionellen Leuchtmitteln verwendet und über Händler vertreibt, trifft man sich im Biergarten regelmäßig zum LED-jour-fix. Brennenstuhl und seine Mitarbeiter interviewen Experten, ernten aber vor allem Skepsis und unbefriedigende Antworten. "Uns war klar, dass wir selbst keine LED entwickeln konnten und auf Elemente zurückgreifen mussten, die der Markt bot", sagt der Chef. Bei asiatischen Herstellern stößt er auf mehr Interesse, bekommt Termine in den Vorstandsetagen großer Konzerne, die die Chancen der neuen Technik erkennen und ihre Produkte für Brennenstuhls Pläne spezifizieren. "2004 und 2005 waren wir die Einzigen, die LED-Leuchten in Serie angeboten haben", erinnert sich der Marketingleiter Marcus Engst. Zuerst leuchten die Dioden in Einfamilienhäusern, Arztpraxen und Galerien, dann kommt das Stuttgarter Architekturbüro Behnisch mit einem Großprojekt auf Nimbus zu, und Dietrich Brennenstuhl denkt: "Das ist der richtige Moment für den nächsten Schritt."

Das erste Großprojekt

Doch das "Haus im Haus", ein Neubau im ehemaligen Handelssaal der Wertpapierbörse in der Hamburger Handelskammer droht für Nimbus zum Desaster zu werden. Mit dem beeindruckenden Ensemble mehrerer Restaurant-, Ausstellungs- und Büroebenen aus Stahl und Glas wollen Behnisch und Nimbus - als eine der Ersten weltweit – Anfang 2007 den Beweis antreten, dass LED große Räume ausleuchten können. In 380 Lichtmodulplatten, die unter den gläsernen Etagenböden hängen, haben Nimbus-Mitarbeiter bereits sämtliche 160.000 LED verbaut, als sie wenige Wochen vor Eröffnung einen Fehler im technischen Aufbau der Platinen entdecken: Es kommt zu Spannungsschwankungen und zu einem viel zu schnellen Altern der Dioden, sie beginnen gelblich und dunkel zu werden. Nimbus, damals gerade 60 Mitarbeiter stark, droht der GAU. Doch innerhalb weniger Wochen finden die Lichttechniker einen neuen Lieferanten, rund um die Uhr tauschen sie alle Leuchtdioden aus. Und wenn Andreas Westermeier, der Verwaltungschef der Handelskammer, abends das Gebäude verlässt und die Notfallteams am Werk sieht, blickt er nicht nur sorgenvoll nach oben: "Wir hatten das Gefühl: Die klemmen sich mit Macht dahinter, ihren Fehler zu beheben, das hat uns auch zuversichtlich gestimmt."

Die pünktliche Eröffnung des Hauses im Haus, in dem die Leuchtdioden bis heute die gewünschte Lichtleistung erbringen, war ein Meilenstein für Nimbus und brachte eine wichtige Erkenntnis, so Brennenstuhl: "Rückblickend war es sogar wichtig, dass wir uns gleich zu Beginn die Finger einklemmten. Uns wurde klar, dass wir noch viel mehr eigene technische Kompetenz brauchten." Die hat sich die Firma verschafft und verteidigt bis heute nach eigenen Angaben ihren Vorsprung vor Konzernen wie Osram, Philips oder Zumtobel. Rund 8000 LED-Beleuchtungs-Projekte haben die Stuttgarter mittlerweile verwirklicht - von der Arztpraxis über das Rathaus-Foyer bis zur kompletten Ausstattung von Büroimmobilien.

Der Markt

LED seien dabei, die Beleuchtung zu revolutionieren, sagen Branchenexperten. Der Wandel sei vergleichbar mit dem Aufkommen des Internets oder dem Übergang vom Film zum Speicherchip in der Fotografie. Dank ihrer überlegenen Energieeffizienz (bis zu 90 Prozent Stromersparnis), ihrer Robustheit und extremer Langlebigkeit (bis zu 50.000 Stunden, eine Halogen-Glühlampe arbeitet im Schnitt 2000 Stunden, eine Leuchtstofflampe etwa 18.000) und weil LED keine giftigen Stoffe wie Quecksilber enthalten, werde der weltweite Absatz bis 2020 auf mehr als 80 Milliarden Euro rasant wachsen und einen Marktanteil von fast 70 Prozent erreichen, prophezeit die Unternehmensberatung McKinsey.

Doch für große Hersteller, die – anders als Nimbus – auch den Massenmarkt bedienen müssen, ist der Umbruch problematisch. Sie müssen nicht nur viel Geld in neue Produktionsstraßen für ihr breites Sortiment investieren, sondern auch hinnehmen, dass die konventionellen, margenträchtigeren Leuchtmittel sukzessive durch die jüngere und margenschwächere Technik ersetzt wird. Zudem müssen sie Kunden mit viel Werbeaufwand dazu bringen, im Elektro-Markt die vergleichsweise teuren LED-Lampen zu kaufen: Wer eine 75-Watt-Birne ersetzen will, muss 35 bis 40 Euro ausgeben. Eine vergleichbare Halogenlampe kostet zwei Euro, eine Energiesparlampe acht bis zehn Euro.

Gewerbliche Kunden rechnen langfristiger: Büroimmobilien gelten deshalb als das vielversprechendste Terrain für LED, und dort kennen sich die Nimbus-Leute aus.

Der größte Auftrag

An einem Freitagnachmittag im Sommer 2007 steht Stefan Huml vor einem großen Schild in München. Noch liegt der Bauplatz für die neue ADAC-Hauptverwaltung brach, aber Huml, damals 34, schmiedet Pläne. Er ist Rundfunk-, Fernseh- und Zahntechniker, hat im Landschafts- und Gartenbau und für ein Abbruchunternehmen gearbeitet und gehört seit wenigen Monaten zum kleinen Verkaufsteam von Nimbus. Es ist Humls erster Vertriebsjob überhaupt, aber vor dem Bauschild des Automobilclubs schwört er sich: "Das will ich schaffen."

Er lässt sich weder von seinem skeptischen Chef irritieren noch von der Tatsache, dass der Bauherr für die Beleuchtung von 2500 Arbeitsplätzen, Besprechungsräumen, Korridoren und Toiletten ausdrücklich Leuchtstoffröhren ausgeschrieben hat. Nimbus bietet trotzdem LED-Technik an – und schafft es gegen zehn Konkurrenten in die Runde der letzten vier, darunter alle namhaften Hersteller, auch der Münchner Platzhirsch Osram mit seiner Tochter Siteco. Nun bittet der ADAC alle verbliebenen Konkurrenten um LED-Angebote, und Nimbus setzt sich erneut durch.

"Nach vielen Tests durch eigene Haustechniker und durch den TÜV waren wir zu der Einschätzung gekommen, dass Nimbus – zum damaligen Zeitpunkt - einen Know-how-Vorsprung von locker zwei Jahren hatte", sagt Christopher Lill, Architekt im Bauteam des ADAC, der das neue Haus im März dieses Jahres bezog. LED sei für den Autoclub auf längere Sicht "definitiv die wirtschaftlichere Variante" und Nimbus ein flexibler Partner. Noch sei es zu früh für erste Erfahrungsberichte, sagt Lill, aber das neue Leuchtmittel komme an - in WCs seien schon einige Lampen gestohlen worden.

Der Umbau

Wie zuvor schon für die lichttechnische Ausstattung der neuen Unilever-Hauptverwaltung in der Hamburger Hafencity, holt sich Nimbus auch für den Großauftrag des ADAC die Berater von Porsche Consulting ins Haus. Die Produktionsfachleute präparieren Nimbus für die effektive Serienfertigung: Sie bilden ein Montage-Team, das sich Material und Werkzeuge nicht mehr selbst aus meterhohen Regalen holt, sondern aus einem Zentrallager beliefert wird und die Leuchten in einer Fertigungslinie im Takt zusammenbaut. Gerade ist man dabei, die Fertigung von Serienleuchten, Produktvarianten und Sonderleuchten noch genauer in definierte Arbeitsschritte zu gliedern, für die es Prozessblätter, Laufzettel und Stücklisten gibt. Ein neu eingestellter Maschinenbauer in der Konstruktionsabteilung arbeitet an der modularen Produktion eines Leuchtensegments. Der Vertrieb wurde neu gegliedert in Außendienstler für den Fachhandel und für Architekten und Bauherren von Großprojekten. Seit mehr als einem Jahr stellt ein mehrköpfiges Team die Informationstechnik um.

Der Umbau von einer 50-Mitarbeiter-Manufaktur mit familiärem Charakter zum Mittelständler mit teilweiser Serienfertigung und für 2013 prognostizierten 180 Beschäftigten – für die es inzwischen auch eine Stechuhr und ein Mitarbeiter-Handbuch gibt – sei ein Kulturwandel, sagt Daniel Pimenta, Leiter der Produktentwicklung: "Wir feiern eine Riesenparty und müssen die Anlage komplett auswechseln, ohne dass die Musik ausgeht."

Die Zukunft

Dietrich Brennenstuhl sitzt entspannt in seinem weißen Büro. Er erzählt von Konkurrenten, mit denen er sich vor Gericht um Plagiate streiten muss, und von Konzernen, die um ein Zigfaches größer sind als Nimbus und mit Dumping-Preisen um Großprojekte konkurrieren. Aufträge wie die des ADAC oder von Unilever würden sicher die Ausnahme bleiben, der technische Vorsprung von Nimbus werde schmelzen, "das ist absehbar". Bange sei ihm dennoch nicht. Dafür sei der LED-Markt zu jung, das Potenzial zu groß und Nimbus bereits zu etabliert. "Es wird uns immer wieder gelingen, Innovationen in den Markt einzustreuen und auch in die Bereiche der Großen reinzufunken", sagt Brennenstuhl.

Auch deshalb kooperiert er mit Möbelherstellern und mit Firmen, die Haustechnik vernetzen, auch mit den Fraunhofer-Instituten für Bauphysik und für Arbeitswirtschaft und Organisation steht er im Austausch. Es geht um die Frage, wie Büroarbeitsplätze in 20, 30 Jahren aussehen könnten, wenn verschiedene technische Funktionen in Möbel integriert werden. Dabei soll Brennenstuhl seine zweite Marke Rosso helfen. Sie macht heute rund ein Siebtel des Gesamtumsatzes von rund 25 Millionen Euro aus und hat sich nach dem gleichen Prinzip wie Nimbus entwickelt: Aus einer selbst gebauten Edelstahl-Vorhangsschiene des Werkzeugmachers Brennenstuhl für ein Einfamilienhaus des Architekten Brennenstuhl entstand über die Jahre ein Programm von Vorhangfolien und Raumteilern aus Kunststoff und Textilien, die heute in Büros dank Mikroperforation als Schallschlucker fungieren. Inzwischen arbeitet der Hobby-Hubschrauberpilot Brennenstuhl auch an Raumteilern, die ähnlich wie in Hubschrauber-Cockpits unhörbare Geräusche abgeben und einen Arbeitsplatz so akustisch "maskieren". Die Technik könnte bald auch in LED-Arbeitsleuchten stecken.

Gern verweist Brennenstuhl auf die Ikone Apple. Auch wenn das eine ganz andere Liga sei: Bei Apple wie bei Nimbus würden Technologien verwendet, die es auch schon in anderen Produkten gibt. In beiden Firmen aber habe das Endprodukt eine sehr hohe Anwenderfreundlichkeit, man verzichte auf unnötige Komplexität. Man werde, so der Chef, "die gestalterische Seite wieder stärker betonen". Soll heißen: Es gibt noch viele Architektur- und Designerbüros, Empfangshallen in Banken und Behörden, Showrooms und exklusive Wohnhäuser, deren Besitzer bereit sind, für hochwertige Leuchten, die gut aussehen, höhere Preise zu bezahlen.

Nimbus hat seinen Umsatz in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdreifacht, jetzt hält der Inhaber Konsolidierung für angebracht. Es habe in der Vergangenheit einige Anfragen von Investoren gegeben, doch deren expansive Pläne passten nicht zu seinen: "Für uns steht überhaupt nicht im Vordergrund, ob wir 10, 20 oder 25 Prozent im Jahr wachsen. Im Kern geht es darum, dass wir eine fröhliche Truppe sind, wilde, kantige Typen, die Spaß an ihrer Arbeit haben." Irgendwann habe er mal überlegt, einen industriellen Partner ins Boot zu holen, heute sei er froh, es nicht getan zu haben. "Ich glaube, ich wäre völlig frustriert, heute unsere Produkte nur noch aus der dritten Reihe zu beobachten und im schlimmsten Fall mit ansehen zu müssen, wie sie vergurkt und einfach so in den Markt geschoben werden."

Was nicht heißt, dass der vielseitige Schwabe sich keine neuen Betätigungsfelder vorstellen kann. Seine Firma habe sich zwar auf Leuchten spezialisiert, er aber sei Generalist geblieben, sagt Brennenstuhl. Privat pflegt er Kontakte nach Afrika, ein Freund von dort lud ihn schon vor Jahren ein: Du bist Architekt, bau Häuser bei uns, da bist du der glücklichste Mensch.

"Darüber habe ich eine ganze Zeit ernsthaft nachgedacht, und das ist auch heute noch in meinem Hinterkopf", sagt Brennenstuhl. "Es muss doch wahnsinnig erfüllend sein, dort etwas aufzubauen."

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