Ausgabe 10/2012 - Schwerpunkt Spezialisten

Friedrich Forssman

Gute Type

• Das Interesse an einem Gegenstand kann ein guter Antrieb für eine Karriere sein. Der Wunsch, auf einem bestimmten Gebiet möglichst viel zu lernen, alles darüber zu erfahren. Friedrich Forssman, einer der renommiertesten deutschen Typografen und Buchgestalter, war schon früh von exotischen Dingen fasziniert. Seine Klassenkameraden wollten mit 16 Jahren Profi-Fußballer, Architekt oder Pilot werden. Forssman hingegen träumte davon, Bücher zu machen. Nicht schreiben wollte er sie, nicht verlegen, nicht drucken, sondern: gestalten.

"Zum Lesen gehörte für mich immer auch die Freude am schön gemachten Buch", sagt er. Bücher waren für ihn nicht einfach Gebrauchsgegenstände, sondern Kunstwerke: der Einband, die Papiersorte, die Schrifttypen, der Satzspiegel, die Art der Bindung. Noch heute schwärmt er von der Reihe "Hobbit Presse", die der Verlag Klett-Cotta in den Siebziger- und Achtzigerjahren herausgebracht hat. Gestaltet von Heinz Edelmann, einem legendären Designer, berühmt geworden durch seinen Zeichentrickfilm "Yellow Submarine", den er für die Beatles entwickelte. Forssman: "Die ausgesprochen expressive Gestaltung dieser Bücher, das war Pop."

Damit hat für Forssmann, heute 47, alles angefangen: "Meine Frage war damals, wie kann ich aus meiner Liebe zum Buch und zum Lesen ein Geschäftsmodell machen?" Dieses Vorhaben verfolgte er ziemlich zielstrebig – und brach als Erstes das Gymnasium ab. Er begann eine Lehre als Schriftsetzer, beendete auch die nach zwei Jahren vorzeitig und studierte später an der Fachhochschule Grafikdesign und Buchgestaltung. Heute entwirft Forssman nicht nur schöne Bücher für große Verlage wie Suhrkamp oder Reclam. Er hat auch das alte Wissen der Schriftsetzer gesammelt und systematisiert.

Wer von Forssman verfasste Fachbücher zur Hand nimmt, der erfährt alles über die Feinheiten der Schrift, über den richtigen Abstand zwischen den Zeilen, über die Frage, wie Überschriften wirken, wenn sie versetzt am Rand platziert sind statt seitenmittig. Analysiert Forssman die Eigenschaften verschiedener Schrifttypen, tut er das mit der Akribie eines Verhaltensforschers. Die beste Schrift ist die, die beim Lesen nicht stört und dem Charakter des Textes angemessen ist. Je sorgfältiger Typografen und Buchgestalter über Schriftbild und Aufmachung nachdenken, desto ungestörter die Lektüre.

"Das Buch zur Detailtypografie habe ich gemacht, weil es so etwas erstaunlicherweise nicht gab. Es wäre albern, das vorhandene Setzerwissen nicht zu nutzen. Das ist ja kein Geheimwissen", sagt er. Aber es ist eine Expertise, deren Feinheiten und Gesetzmäßigkeiten längst nicht jedem, der mit Schrift arbeitet, vertraut sind. In Zeiten von InDesign und QuarkXPress droht sie in Verlagen und Grafik-Büros in Vergessenheit zu geraten.

Des einen Zumutung, des anderen Traum

Besucht man Friedrich Forssman in seinem Haus mit Blick auf die Dächer von Kassel, trifft man einen Menschen, der durchaus über sich selbst schmunzeln kann. "Sie sehen am Durcheinander in meinem Büro, dass ich nicht in jeder Hinsicht ein Zwangsneurotiker bin", sagt er und deutet auf die Papierberge, die sich im Regal stapeln.

Der Berufseinstieg glückte früh. Forssman verdankt ihn seinem Lieblingsschriftsteller Arno Schmidt. Der spielt nicht nur mit Worten, sondern auch mit Buchstaben, Satzzeichen und einer eigenwilligen Orthografie. Für parallel laufende Erzähl- und Reflexionsstränge teilt er die Buchseite in nebeneinander gesetzte Blöcke. Gern tanzen in seinem Spätwerk die Buchstaben und Zeilen aus der Reihe, etwa wenn er Wörter oder Silben in eine untere und eine obere Hälfte teilt: Oben steht die offizielle Version, unten der Subtext. So denkt eine Romanfigur beim Anblick einer jungen Dame: "Da kommen ja schöne Sachen zum Vorschein." Unten steht: "Vorschwein."

Schmidts Bücher sind eine Zumutung für jeden Schriftsetzer. Wie man damit umgehen kann, untersuchte Forssman in einer Studienarbeit. "Damit ging ich 1988, mit 23 Jahren, ganz naiv und pochenden Herzens auf die Buchmesse, zum S. Fischer Verlag. Da sagte man mir, der Verlag habe gar nicht mehr die Rechte an Schmidts Werk, die lägen jetzt bei der Arno Schmidt Stiftung von Jan Philipp Reemtsma. Von der hatte ich in meiner jugendlichen Naivität noch nie gehört." Bei der Stiftung hatte man über solche typografischen Probleme bei der geplanten Neu-Edition des Spätwerks nachgedacht, war aber zu keiner Lösung gekommen. Das war Forssmans Chance: "Mein Interesse an Arno Schmidt und die Fähigkeit, mit den damals vorhandenen Mitteln die Typografie-Probleme des Spätwerks zu lösen, das war eine ungewöhnliche Kombination." Forssman hatte seinen ersten Job.

Und ein großes Projekt: Er setzte Schmidts Großroman "Zettel's Traum", der bisher nur als Reproduktion des Schreibmaschinen-Typoskripts erschienen war. Der Roman, für Schmidt-Fans das Buch der Bücher, für den Rest der Menschheit ein unlesbarer Text, spielt mit Schrift, Buchstaben, Erzähl- und Assoziationssträngen, dass einem schwindelig werden kann. Jede der 1536 Seiten im Großformat sieht anders aus. Ohne Besessenheit, Akribie und bedingungslose Liebe zum Autor lässt sich dieses Werk nicht setzen. Offenbar gehört zum wahren Spezialisten auch eine milde Form von Wahnsinn.

Netto fünf Jahre Arbeit, verteilt auf rund 15 Jahre, sitzt Forssman an dem Opus. "Es ging darum, herauszufinden, ob Arno Schmidt in seiner speziellen Schreibweise schematisch genug gearbeitet hat, sodass man es in ein schematisches typografisches System übersetzen kann. Wenn Schmidts Umgang mit Schrift nicht so stringent gewesen wäre, wäre es ein sehr heikles, interpretierendes Unterfangen mit großen Grauzonen gewesen: Hat Schmidt mit diesem doppelten Wortabstand etwas gemeint, oder ist das Zufall? Was bedeutet die Abweichung von der Interpunktion? Beschäftigt man sich näher mit dem Roman, erkennt man, dass dieses sehr unkonventionelle Schriftbild bis hin zu Wortabständen in Interpunktions gebilden durchaus einer in sich schlüssigen Systematik folgt." Schmidts Wahnsinn hat Methode – das freut Forssman.

Er liebt altes Wissen, ist aber kein Nostalgiker

Der Zeitpunkt für den Berufseinstieg war ideal. Der Bleisatz war in den Achtzigerjahren gerade erst aus den Setzereien verschwunden. Der Fotosatz war in seinen Anfängen "noch ein recht unbewegliches Ding", wie Forssman sagt. Grafikdesigner konnten in der Regel nicht setzen. Die Grafikprogramme waren in der Anwendung wesentlich komplexer als heute. Nur ein Spezialist wie Forssman, der das Wissen des Grafikers mit der Handwerkskunst des Setzers verband, konnte mit den begrenzt vorhandenen Mitteln eine typografisch so komplexe Aufgabe wie "Zettel's Traum" lösen.

Dazu kam der Zeitgeist der Achtzigerjahre: Er war der Bibliophilie gütig gesonnen. Damals brachten zwei heute verschwundene Verlage, Haffmans und Greno, mit Hans Magnus Enzensbergers Reihe "Die Andere Bibliothek", edel gestaltete Bücher mit Bleisatz, Fadenheftung und ausgefeiltem Design heraus. Weil sie das entsprechend bewarben, wurde aus der Dienstleistung Buchgestaltung ein Feuilleton-Thema.

Forssmans Spezialwissen war auf einmal nicht nur für Branchen-Insider interessant. "Das war ausgesprochen günstig für mich", sagt er. "So konnte ich mit meinem selbstverständlich begrenzten Satz an Begabungen meinen Platz erobern." Die Stiftung Buchkunst hat viele von ihm gestaltete Bücher ausgezeichnet. "Das hat mir, auch bei der Akquise, sehr geholfen."

Zum Beispiel, als er dem Reclam Verlag vor einiger Zeit vorschlug, die legendäre gelbe Reihe zu erneuern. Seitdem kommen die Reclam-Hefte moderner, aufgeräumter und klarer daher. Weil Buchgestaltung immer auch mit inhaltlichen und konzeptionellen Überlegungen zu tun hat, arbeitete sich Friedrich Forssman für diese Arbeit durch die Geschichte des Traditionshauses. "Historische Kenntnisse", glaubt er, "sind für den Buchgestalter unabdingbar."

Übrigens auch der Respekt vor der Arbeit von Kollegen, die vor ihm an einem Werk gearbeitet haben. Forssman erinnert sich an Gespräche bei einem anderen Publikumsverlag, der eine seiner Buchreihen gern auffrischen wollte. Der Gestalter erklärte den Managern, weshalb das unnötig und das alte, klassische Design perfekt und immer noch zeitgemäß sei. Zu Forssmans Bedauern hörten sie nicht auf seinen Vorschlag, souverän alles beim Alten zu lassen, statt mit einer Neuerung um der Neuerung willen die Marke zu beschädigen.

Bei aller Liebe zum alten Setzer-Wissen ist Forssman kein Nostalgiker. Er schätzt die Möglichkeiten, die Grafikprogramme und Schrift-Software bieten, sodass heute auch Typo-Laien ansprechende Bücher gestalten können. "Das will ich gar nicht belächeln", sagt Forssman, "ganz im Gegenteil. Liebevoll gemachte Laientypografie kann zu schönen Ergebnissen führen, und umgekehrt sind auch professionelle Typografen nicht immer davor gefeit, in Routine zu verfallen."

Die neuen technischen Möglichkeiten sind ihm kein Grund für Kulturpessimismus, im Gegenteil. Forssman arbeitet selbstverständlich mit der gängigen Software und ist davon überzeugt, dass dem schön gemachten Buch prächtige Zeiten bevorstehen. Um neben iPad und Kindle bestehen zu können, werden für die gedruckten Bücher haptische Reize und gelungenes Design wichtiger. Für die Feinabstimmung, für die geschmackssicher gewählte Schrift, für die schlüssige Gesamtanmutung und komplexere Aufgaben, etwa bei historisch kritischen Ausgaben, braucht es den Spezialisten, ist er überzeugt.

Und dann verschwindet er wieder im Atelier im Obergeschoss seines Hauses. Er will noch etwas am nächsten Band der Walter-Benjamin-Ausgabe arbeiten, die er derzeit für den Suhrkamp Verlag gestaltet.

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