Ausgabe 10/2012 - Schwerpunkt Spezialisten

Die Netzkundigen

Der Diderot der Pizzaschachtel

Southpark (Dirk Franke)
Spezialist für Pizzakartons und Barack Obama

Lässt uns an seinem Wissen teilhaben: Dirk Franke (Foto: Anne Schönharting)

"Wie Wikipedia funktioniert, weiß niemand, deshalb findet es niemand merkwürdig", sagt Dirk Franke. Das Online-Lexikon beruht auf Menschen Typen wie Franke: Viel von dem, was wir über Barack Obama, den Tower of London und den französischen Senat wissen, wissen wir dank ihm. Der 36-Jährige, Hausmann und Doktorand der Politikwissenschaft, hat große Teile dieser Artikel in Wikipedia geschrieben. Unter dem Namen Southpark trägt er zu der fast unheimlichen Netzintelligenz bei, über die viele Irrtümer im Umlauf sind. Zuerst erklärt er, dass Wikipedia weder basisdemokratisch sei, noch durch Schwarmintelligenz funktioniere. Die Texte der Online-Enzyklopädie werden vor allem von einzelnen Hobby-Experten wie ihm geschrieben, die sich Wissen aneignen und andere daran teilhaben lassen.

Immer wenn Franke über etwas im Alltag stolpert, klappt er sein Notebook auf, sieht den Aufkleber über seiner Tastatur, der mahnt "citation needed", und beginnt nach Belegen zu suchen. Denn jeder neue Fakt in Wikipedia muss belegt werden, selbst wenn es sich um Allgemeinwissen handelt. Franke quetscht das Netz aus: Er googelt, befragt Datenbanken, arbeitet sich durch wissenschaftliche Studien. Er wird zum Spezialisten, bis sein Wissen für einen Eintrag reicht. Dann sucht er sich etwas Neues. Sein erster Eintrag war zu John Stuart Mill, achteinhalb Jahre ist das jetzt her. "Da stand was zum Leben, aber nichts zur Theorie", sagt er. "Und weil ich die Theorie damals drauf hatte, habe ich sie hineingeschrieben." Er schrieb auch den ersten ausführlichen Artikel über Barack Obama, im Jahr 2004, als dieser noch ein unbekannter Senator war. Er schrieb über den französischen Senat, über Stöpsel und Husum, Gartenflamingos und Permafrostleichen. Er ist Ghostwriter unseres Allgemeinwissens.

Franke ist neugierig und besessen. Und so findet er seine Themen. Beispiel: der Pizzakarton. Am Anfang stand die Frage, warum ein solches Behältnis Löcher hat. Er fing an, nach Antworten zu suchen. "Ich fand heraus, dass es eine ganze Pizzakartonforschung gibt, die in Fachzeitschriften publiziert, die ich nicht kannte." So wurde er zum Experten für Pizzakartons. Er verschaffte sich einen Überblick, sammelte Informationen, übersetzte. Und legte dann einen Beitrag bei Wikipedia an: "Der Pizzakarton oder die Pizzaschachtel ist eine Faltschachtel aus Kartonage, in der heiße Pizza durch einen Lieferservice oder durch Mitnahme aus der Pizzeria transportiert wird."

Sein Artikel wurde innerhalb weniger Tage oft gelesen und bearbeitet. Doch ein Problem blieb: Es gab kein Foto. "Da sitzen Tausende Nerds zu Hause und schreiben Einträge. Und keiner kommt auf die Idee, seinen Pizzakarton zu fotografieren", sagt er. So griff er selbst zur Kamera, und nun ist das Behältnis von Frankes Pizza Teil des kulturellen Gedächtnisses.

"Dann hatte ich weitere Fragen: Zum Beispiel, was haben die Leute gemacht, bevor es Pizzakartons gab?" Mittlerweile erklärt der Artikel nicht nur die Funktion der Löcher, es gibt inzwischen auch einen Abschnitt "Pizzakartons in Kunst und Kultur" und einen über die Beschichtung aus Fluortelomer-Alkoholen gegen das Durchweichen, 63 Quellenverweise inklusive. Franke und der zweite Hauptautor wurden mit dem Zedler-Preis geehrt, der höchsten Auszeichnung für Wikipedia-Autoren.

"Ich werde nie wieder die Menschheit so verändern, wie mit dem Wikipedia-Zeugs. Aber mitkriegen tut's keiner", sagt Franke. Manchmal denkt er, er könne in der Zeit auch seine Doktorarbeit zu Ende schreiben, zum Thema "Wechselverhältnis zwischen der Konstitution von Staatlichkeit und den verschiedenen Regimen intellektueller Wissenskontrolle". "Das denkt man dann kurz, aber Pizzakartons sind deutlich interessanter." Die Löcher im Pizzakarton übrigens, das fand Franke heraus, sorgen für einen knusprigen Boden, weil sie die Feuchtigkeit entweichen lassen. Er weiß schon, warum er bei Wikipedia veröffentlicht und keine Fachbücher herausgibt: "Ich kann die seltsamsten Sachen schreiben und werde Leser finden."

Der Helfershelfer

jesfro (Jesper Frommherz)
Fachmann für Probleme mit Apple

Apple stand schon immer für Benutzerfreundlichkeit. Insofern ist Jesper Frommherz, 39, Experte für von diesem Versprechen Enttäuschte: Er hilft bei Problemen mit den Rechnern. Bleibt der Bildschirm schwarz, dreht das bunte Rädchen auch nach einer Stunde noch weiter, wie geht gleich noch mal der Shortcut für den Screenshot? Der Mann weiß zumindest, wo man Hilfe bekommt.

Dabei hat Frommherz, dessen Avatar ein schwarzer Fisch ist und der so ziemlich alle Produkte von Apple besitzt, nicht mehr getan, als vor neun Jahren mit Gleichgesinnten ein Forum zu gründen: Apfeltalk. "Wir hatten den Zeitpunkt richtig getroffen: Es war die Zeit, als Apple mit dem iPod, dann mit dem iPhone wahnsinnig erfolgreich wurde", sagt er. Von acht Mitgliedern wuchs die Community in nur einem Jahr auf 2000 Mitglieder. Als Selbsthilfeforum gegründet, tummeln sich heute auf der Seite mehr als 85000 Benutzer. Von der hakenden Maus über die fehlende Schriftart bis zum Knacken des iPhone-Betriebssystems, dem sogenannten Jailbreaking, wird dort alles Mögliche diskutiert. Illegale Inhalte sind verboten. Jesper Frommherz wurde zum Apple-Hilfs-Guru. Dabei ist er kein Nerd.

Seine Leidenschaft gilt der Gestaltung von Betonbänken. Eigentlich ist er Produktdesigner. Sein Computerleben lang hat er mit Apple-Geräten gearbeitet. So wurde er als Autodidakt zum Spezialisten für die Profi-Geräte mit dem Apfel. Sein Spezialgebiet stirbt gerade langsam aus. Denn Apple orientiert sich mit neuen Produkten immer mehr an der Masse. Und mit den Kunden verändert sich auch die Community.

Längst ist Frommherz weniger antwortender Experte als Wissensorganisator. "Das Geheimnis einer guten Antwort ist eigentlich, dass die Fragen an der richtigen Stelle gepostet werden." Damit zitiert er ein Grundversprechen des Netzes: Die Gemeinschaft weiß alles, und das Netz bringt Problem und Problemlöser zusammen. "Das ist auch das Spannende für die User, dass man uns Spezialisten begegnen kann und wir nicht eine graue Hintergrundtruppe sind", sagt er. Eine gewisse Aura gehört für Experten aber auch im Netz noch dazu: "Ich habe selten im Forum eine Frage gestellt, weil das nicht gut rüberkommt, wenn der Chef keine Ahnung hat", sagt er. Genutzt hat er das gesammelte Wissen dann aber doch – durchs Mitlesen.

Nachdem er vier Jahre lang viel Freizeit für das Forum geopfert hatte, gründete er mit seinem Partner Gerd Pleyer die Apfeltalk GmbH und begann, Werbeplätze auf der Website zu vermarkten. "Das hat relativ viel Stress in der Community gegeben", sagt er. Doch Apfeltalk hat die Professionalisierung überlebt. Heute ist aus dem einstigen Selbsthilfeforum ein kleines Geschäft geworden: "Leben könnte einer davon", sagt Frommherz.

Auch darüber hinaus hat er profitiert, in seinem Hauptberuf. "Die Hersteller von Betonbänken wussten gar nicht, wie man ins Internet kommt." Frommherz beherzigte die Apfeltalk-Grundprinzipien Übersichtlichkeit und schnelle Antworten, warf seine dort gelernten Fähigkeiten in Web-Gestaltung dazu. Und verkauft seine Betonbänke erfolgreich im Internet.

Dr. Counter-Strike

Judith Ackermann
Fachfrau für vernetztes Computer-Spielen

 

Es gibt Dialoge, die packender sind als die auf einer Theaterbühne. Judith Ackermann fand sie auf LAN-Partys, Treffen in Kellern, von Monitorflimmern erleuchtet, auf denen Jugendliche gemeinsam an Computern spielen:

– Erste Spielerin: "Warum krieg' ich immer den Kopf abgehackt?"

– Zweite Spielerin: "Warst du Joyce?"

Ackermann brach ihr Schauspielstudium an der Kölner Theaterakademie ab, um eine Doktorarbeit über die Kommunikation auf LAN-Partys in ihrem früheren Fach Medienwissenschaft zu schreiben – aus der Schauspielschülerin wurde Dr. Counter-Strike. Sie ist angetreten, die gängigen Vorurteile gegen Gamer zu widerlegen. Vor allem das, dass es denen nur um Gewalt und Pornografie gehe. Computer-Spiele gelten als großer, aber primitiver Teil der digitalen Gesellschaft. Als Ackermann 2007 mit ihrer Forschung begann, war sie Pionierin, da widmeten sich noch nicht komplette Lehrstühle dem Thema.

Am alten Institut für Pädagogik der Universität Bonn fand sie, was sie für ihre Untersuchung brauchte: einen kaum genutzten "Unterrichtsmitschauraum", ausgestattet mit Kameras und Mikrofonen. "Ich habe dort drei LAN-Partys organisiert und die Gespräche mitgeschnitten", sagt sie. Sie kam nicht mit einer fertigen Theorie, sie lernte von den Spielern. Statt schweigsam mordende Gestalten im Blutrausch beobachtete sie gesprächige Leute, die sich gegenseitig überlisteten, aber auch halfen. Am Ende hatte sie auf 18 Stunden Video-Mitschnitten nur 13 Minuten Stille. "Man hört immer, dass es so schlimm und aggressiv ist, wenn man Ego-Shooter spiele. Aber gerade dabei gibt's die ausgelassensten Gespräche", sagt sie.

Die Gamer, die sie beobachtete, unterhielten sich angeregt, sie reflektierten die Spielsituation, selbst die überzeichneten Geschlechterrollen der Figuren. Ackermann veröffentlichte ihre Ergebnisse in einem Buch, in dem sie dem Mainstream widerspricht, der von vermeintlichen Experten nach jedem Amoklauf verbreitet wird. "Ego-Shooter", sagt sie, "können pädagogisch eine nützliche Erfahrung sein."

Judith Ackermann zeigt, wie lebendig das vernetzte Ballern, das gemeinsame Brandschatzen und Um-die-Wette-Zocken ist. Es ist eine positive soziale Erfahrung, in der Jugendliche die eigene Rolle hinterfragen und lernen, gemeinsam Probleme zu lösen. Das fängt schon beim komplexen Aufbau der Netzwerke an. Gerade hat die Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam Ackermann zur Gastprofessorin im neuen Studiengang "Digitale Medienkultur" gemacht. Zuvor findet in einem Dorf nahe ihres Elternhauses eine LAN-Party statt. Da will sie noch mal hin, mit ihrem alten Clan, auf eine Runde Counter-Strike.

Sprechstunde 2.0

Anja Kersten, Ansgar Jonietz und Johannes Bittner
Fachleute für die Übersetzung medizinischer Diagnosen

Die Idee entstand, als die Medizinstudentin Anja Kersten der Mutter einer Freundin half, ihren Brustkrebsbefund zu verstehen. Sie übersetzte den Arztbrief in verständliches Deutsch. Dabei wurde ihr klar, dass jeden Tag viele Patienten dieses Problem haben müssten. Gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Johannes Bittner und dem Informatiker Ansgar Jonietz erfand sie einen Service für die Übersetzung von Ärzte-Latein. Es war der 11. Januar 2011, und Jonietz hatte gerade Zeit, da er im Krankenhaus lag. Vier Tage später stand die Website im Netz. Sie nannten sie "Was hab' ich?". "Erst war gedacht, dass ich alles übersetze", sagt Kersten, inzwischen Ärztin, "nach einer Woche haben wir gemerkt, dass das nicht von einer Person zu schaffen ist." Was hab' ich? traf den Nerv des Publikums.

Anderthalb Jahre später sitzen sie im neuen Büro im Businesspark-Dresden, in Nachbarschaft von anderen Firmen. 8000 Befunde haben sie inzwischen übersetzt, mit einem Team von mehr als 500 ehrenamtlichen Medizinstudenten und Ärzten. Der Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr war schon da, und auch die Stiftung Warentest hat Was hab' ich? geprüft und für gut befunden. "Im Arztgespräch ist der Patient aufgeregt, er kann nicht alles aufnehmen", sagt Kersten. "Und zu Hause liest er entweder auf zufällig entdeckten Seiten alles zu seiner Krankheit – dann kriegt er Angst – oder er reicht den Befund bei uns ein."

Nach außen ist Was hab' ich? ein kostenloses Angebot für Patienten. Ohne Registrierung kann jeder seine Diagnose hochladen oder faxen: Erfragt werden nur Geschlecht, Geburtsjahr und eine E-Mail-Adresse für die Antwort. Nach innen ist es ein kleines Mediziner-Facebook geworden, in dem sich Studenten mit Ärzten austauschen können. Die Helfer suchen sich die Fälle, die sie übersetzen, selbst aus. Bittner sagt: "Studenten sind besonders gut geeignet, weil sie an der Schnittstelle zwischen normalem Menschen und Arzt stehen. Und noch wissen, was man als normaler Mensch verstehen kann."

Für viele Patienten ist das Mediziner-Kauderwelsch ein Problem. Die drei Gründer bieten Hilfe an, die nötig ist. Wichtig dabei ist das Fingerspitzengefühl. "Wir geben eine fundierte Information, die ganz präzise auf den Patienten fokussiert ist, aber nicht mehr als notwendig", sagt Kersten. Bittner ergänzt: "Je fachlich korrekter, desto unkonkreter muss man sein. Das ist der Mittelweg, den wir gehen."

Der Dienst löst das Versprechen des Social Web ein, aus isolierten Einzelnen mündige Netzbürger zu machen. Die Patienten scheinen den Dienst ersehnt zu haben. "Recht herzlichen Dank für die ausführliche und verständliche Übersetzung. Ich dachte schon, man hätte aus einem Harry-Potter-Band die Zauberformeln abgeschrieben", schrieb ein Patient. Streng genommen übersetzen die Mediziner nicht, sie erklären. "Im Befund steht Rabenschnabelfortsatz. Da muss ich erklären, wo ich den Knochen an mir finde", sagt Kersten. Nur von Ferndiagnose und Therapieempfehlungen, davon lassen sie die Finger.

Was hab' ich? setzt auf die Kraft des Altruismus und ist für Patienten und Experten leichter zu bedienen als Facebook. Reich werden die Gründer nicht. Viele Patienten spenden einen kleinen Betrag. 80 Prozent davon bekommt der Übersetzer. Ums Geld geht es den dreien ohnehin nicht. Sie sehen ihren Dienst eher als Kritik am System, das den Ärzten zu wenig Zeit lässt. Vorenthalten wird den Patienten nichts – auch bei der Diagnose "narzisstische Persönlichkeit" nicht. Kersten sagt: "Auch das sagen wir dem Patienten – und zwar sicher empathischer als Google."

Damit das funktioniert, werden die Helfer sorgfältig auf ihre Rolle vorbereitet. "Auch wenn ein pensionierter Chefarzt anfängt, bekommt er zu Beginn einen studentischen Supervisor zur Seite gestellt", sagt Jonietz. Für manchen von ihnen ist das eine ganz neue Erfahrung: Dinge einfach zu formulieren.

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