Ausgabe 10/2012 - Schwerpunkt Spezialisten

Die Bank wäscht weißer

• Die Ware war kostbar und teuer, 500 Kilo Kokain, geliefert per Flugzeug direkt vom Produzenten. Alfredo Gutiérrez und José Roberto Gasser brachten den Stoff aus dem bolivianischen Urwald direkt nach Miami. Im Tresorraum einer Bank zählte Michael Levine ihnen die Geldnoten in die Hand: neun Millionen Dollar. Als der Deal abgeschlossen war, bot er seine Hilfe an, das Geld aus den USA zu schaffen. "Keine Sorge", sagte Gutiérrez, "mein Partner hat legale Unternehmen hier. Er bringt eine solche Summe jede Woche außer Landes." Tatsächlich verfügte die Gasser-Familie, eine der reichsten und einflussreichsten Boliviens, über ein Netz von Firmen in den USA und Bolivien, durch die Drogengelder geschleust wurden: Die Dollars wurden in diese Unternehmen eingespeist und legal nach Bolivien transferiert.

Der Fall Gasser und Gutiérrez datiert aus dem Jahr 1980. Doch Levine sagt: "So ist es heute noch." Von 1973 bis 1990 war er Undercover Agent der amerikanischen Antidrogenbehörde (DEA). Er wickelte Scheingeschäfte ab wie die mit Gasser und Gutiérrez, die unmittelbar nach ihrem Treffen mit ihm festgenommen wurden. Levine war in Lateinamerika im Einsatz, in Südostasien und in den USA. Er saß gesuchten Kokainhändlern gegenüber, er schüttelte Heroinproduzenten die Hand, er entkam mit knapper Not einem Hinterhalt. Inzwischen hat er den Dienst quittiert und lehrt Undercover-Techniken und Informanten-Handling im Auftrag des State Department. Und er tritt als Gutachter bei Gerichtsverfahren auf.

brand eins: Herr Levine, neun Millionen Dollar sind viel Geld. Man braucht große Unternehmen, in denen eine solche Summe nicht auffällt.

Michael Levine: Das ist kein Problem. Die großen Kartelle, die Drogen in die USA liefern, haben dort Unternehmen, idealerweise mit großem Bargeldumsatz.

Stünde ich mit einem Koffer mit neun Millionen Dollar am Hamburger Hauptbahnhof, ich wüsste nicht, wohin.

Ich war mein ganzes Leben lang auf der ganzen Welt als Undercover Agent im Einsatz. Wenn Sie mir in Hamburg neun Millionen Dollar in die Hand drückten, dann fände ich in Deutschland jemanden, den ich ansprechen kann. Man braucht dafür kriminelle Kontakte. Aber: Großes Geld spricht. Überall auf der Welt. Ich fände einen Bankangestellten, dem ich einen Prozentsatz dafür gäbe, dass er das Geld in die Bank einschleust, es dann transferiert oder mir Schecks dafür ausstellt.

Was kostet dieser Service?

Banker nehmen in der Regel 15 Prozent. Das ist viel. Aber ich habe gerade ein Gutachten für ein Bundesgericht über eine Operation geschrieben, bei der Drogengelder gewaschen wurden. In diesem Fall zahlten die Dealer zehn Prozent dafür, dass ihr Geldwäscher Schecks und Postanweisungen ausgestellt hat, die sie per Federal Express an Komplizen auf der ganzen Welt verschickt haben, die das Geld dann kassieren konnten. Das Schwierigste dabei ist es, die Person zu finden, die einem die Schecks ausstellt. Prinzipiell geht es immer darum, Bargeld in übertragbare Wertpapiere oder tauschbare Güter umzuwandeln. Gebrauchtwagen, für die Sie eine Quittung über einen niedrigeren Preis kriegen, sind auch eine Methode. Der Verkäufer macht das gern. Er zahlt dann weniger Steuern. Sie kaufen also die Autos und verkaufen sie dann wieder mit einem Buchgewinn. So geht das mit Immobilien, mit Kunst, mit allem, was sie später wieder verkaufen können. Geldwäsche bedeutet, die Quelle des Geldes zu verschleiern.

Geldwäsche ist ein florierendes Geschäft. Eine Billion US-Dollar sollen jährlich auf der Welt gewaschen werden, schätzt der Experte Jeffrey Robinson. Das Geld stammt unter anderem aus Drogengeschäften, Steuerhinterziehung, Hehlerei, Korruption. "Ob es Ihnen gefällt oder nicht: Sie werden an vorderster Front gegen den Terrorismus kämpfen", sagte ein Beamter des US-Justizministeriums bei einer Tagung zu Bankern nach den Terroranschlägen des 11. September 2001. Damals galt es, die Geldströme der Terroristen im internationalen Finanzsystem zu entdecken. Beim Kampf gegen Geldwäsche gibt es Experten auf beiden Seiten. Diejenigen, die das Geld reinigen, und diejenigen, die die schmutzige Quelle suchen.

Michael Hearns berät Banken, Casinos, Wechselstuben und Immobilienmakler darin, wie sie Geldwäscher erkennen können. Er war zehn Jahre lang Undercover Agent bei der Vice Intelligence Narcotics Unit in Miami. Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre war die Stadt das Mekka der Geldwäsche. Miami ist das Einfallstor nach Lateinamerika, kriminelle Banden aus allen Ländern hatten dort ihren Stützpunkt errichtet. Als Agent beschlagnahmte Hearns rund 90 Millionen Dollar in bar.

brand eins: Herr Hearns, ein Mann will bei einer Bank 20.000 Dollar in bar einzahlen. Sollte der Angestellte am Schalter Verdacht schöpfen?

Michael Hearns: Bei einer solchen Summe besteht immer ein Verdacht. Ansonsten hängt alles von der Situation ab. Kommt er an einem Freitagnachmittag, nachdem der Filialleiter schon weg ist? Kommt er regelmäßig? Liegt die Bank in einem Viertel, in dem keiner so viel Geld hat? All das kann die Alarmglocken läuten lassen. Die Bank muss ihre Kunden kennen.

Wie speist man illegales Geld in ein streng überwachtes System ein, wenn man dabei unentdeckt bleiben will?

Der Straßendealer hat in der Regel nur Kleingeld, Ein- und Fünf-Dollar-Noten. Seine Kunden können meist keine großen Scheine besorgen, sie sind arm. So kommt viel Volumen zusammen, das macht das Handling schwierig und ist verdächtig. Also geht er zu einer Tankstelle. Die brauchen immer Wechselgeld. Er bietet an: Ich verkaufe 100000 Dollar in kleinen Scheinen für 92000 Dollar in großen. Der Tankwart verdient also nicht nur Geld mit Treibstoff, sondern er verkauft auch Geld. Das kann man jetzt investieren: in ein Nagelstudio, eine Autowaschanlage, einen Pizza-Service ...

Und wie bringe ich es dann außer Landes?

Moment, Moment! Ich kann Ihren Lesern keine Schritt-für-Schritt-Anleitung in Geldwäsche geben. Okay?

Bei großen Drogengeschäften muss das Geld ins Ausland gebracht werden. Kleine Beträge überqueren in denselben Verstecken die Grenze, in denen auch Drogen transportiert werden. Große Beträge werden in Form von Waren transferiert, die zuvor gekauft wurden und später verkauft werden. Auch manche Wechselstuben helfen, indem sie etwa ein Büro in Frankfurt und eins in Bogotá haben. Wer in Frankfurt bar einzahlt, kann in Bogotá bar abheben. Physisch wird das Geld aber nicht bewegt.

brand eins: Herr Levine, seit 2008 haben europäische und amerikanische Banken in den USA wegen angeblicher Verstöße gegen die Geldwäschegesetze Vergleiche geschlossen, die sie 1,2 Milliarden Dollar gekostet haben. Sind sie dabei Täter oder Opfer?

Michael Levine: Die Banken sind geldgierig. Nehmen wir Felix Milian Rodriguez vom Medellín-Kartell. Er wurde verurteilt, weil er eine Milliarde Dollar gewaschen hatte. In einer geheimen Aussage vor dem amerikanischen Kongress berichtete er, dass er mit jeder großen Bank in den USA ein Abkommen geschlossen habe, Geld zu waschen. Getroffen habe man sich in Panama. Und alle wussten, das waren Drogengelder. Auch der Kongress hat nichts unternommen. Das ist die Realität.

Ein Schwerkrimineller, der versucht, seine Haut zu retten, taugt als Kronzeuge nur bedingt.

Ich war vor einiger Zeit auf einer Tagung zum Thema. Dort sagte ein Redner: Wenn die USA morgen aufhörten, Drogen zu kaufen, hätte das eine große Bankenkrise zur Folge. Genauso ist es. Rechnen Sie doch einmal nach: In diesem Geschäft werden jährlich weltweit eine Billion Dollar umgesetzt. Glauben Sie im Ernst, die Banken lassen sich ihren Anteil an diesem Geschäft durch die Lappen gehen?

Was glauben Sie?

Auf keinen Fall!

Sie behaupten also, die Banken seien kriminell?

Sehen Sie es so: Mein Vater, der wahrlich nicht zu den nettesten Typen gehörte, sagte mir mal: Wenn man an einem Pokertisch sitzt und alle mit gezinkten Karten spielen, wird der, der ehrlich spielt, nur sich selbst schaden. Will eine Bank sauber spielen, kann sie das tun. Jeder, der kommt und Geld einzahlen will, das er vor irgendwem verstecken möchte, wird als Kunde abgewiesen. Ganz egal, ob er es vor dem Finanzamt, seiner Ehefrau, seinem Geschäftspartner oder wem auch immer verstecken möchte. Auf diese Weise aber verlieren die Banken eine große Menge Geld. Sie schaden sich selbst und können gleich dichtmachen.

"Ich kann mir keine Bank vorstellen, in der keine Mafia-Gelder angelegt werden", sagte kürzlich Antonio Maria Costa, ehemaliger Chef der UN-Drogenbehörde. Als die britische Großbank HSBC vor einigen Monaten am Pranger stand, weil sie in Mexiko Drogengelder gewaschen haben soll, wies Paul Thurston, Chef des Filialgeschäfts und der Vermögensverwaltung, darauf hin, dass Mexiko ein besonders heißes Pflaster sei. Entführung, Erpressung, Bestechungsversuche seien nur einige der Bedrohungen, mit denen seine Mitarbeiter konfrontiert seien. Die totale Kontrolle könne es daher nicht geben. Täglich gibt es Tausende von Transaktionen zwischen Mexiko und den USA. Wie kann man da das kriminelle Geld finden? Nicht selten handelt es sich dabei um Überweisungen für eine Lieferung von Tomaten – die in Wahrheit Einnahmen aus Drogengeldern sind.

brandeins: Herr Hearns, kann sich eine Bank überhaupt davor schützen?

Michael Hearns: Natürlich. Es ist wie in einem Flugzeug. Der Pilot kann nicht jeden Passagier kennen. Er vertraut darauf, dass die Mitarbeiter am Check-in vorsichtig waren, dass das Personal bei der Sicherheitskontrolle einen guten Job gemacht hat, dass die Flugbegleiter wachsam sind. Das Management muss also Leute haben, denen es vertrauen kann. Es ist eine Frage der Kultur, die man etabliert. Aber man gewinnt den Eindruck, dass bei vielen Banken anders gedacht wird: Da ist ein Kunde, der bringt eine Milliarde Dollar, er zeigt irgendwelche Papiere vor, aus denen hervorgeht, dass das Geld sauber sei. Dann wird gerechnet: Eine Milliarde sind soundsoviel Millionen Dollar Gebühren. Wenn ich am Ende soundsoviel Millionen Dollar Strafe zahlen muss, habe ich immer noch Gewinn gemacht. Das schnelle Geld siegt meist.

Wie frustrierend ist das für Sie?

Als junger Mann war ich wütend. Mit der Zeit wird man weiser und gelassener. Nicht alle haben eben eine gute Moral.

Michael Levine hat anders auf die Enttäuschungen reagiert. Er hat zwei wütende Bücher geschrieben, "aus Frustration", wie er sagt. Durchaus verständlich: Gasser, der Mann, der ihm Kokain im Wert von neun Millionen Dollar verkaufte, kam nach seiner Festnahme rasch aus amerikanischer Haft frei. Nach Ansicht von Levine stand die CIA dahinter. Gasser war eine der Schlüsselpersonen hinter einem Militärputsch gegen eine linksgerichtete Regierung in Bolivien. Der Geheimdienst brauchte den Mann.

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