Ausgabe 06/2012 - Gute Frage

Was bringt das schlaue Stromnetz?

• Liebherr baut sehr genügsame Gefrierschränke. Im Ökologie-Rating erreichen aktuelle Modelle die oberste Bonitätsstufe: Effizienzklasse A+++. Da dies noch kein Alleinstellungsmerkmal wäre, tragen die Neuheiten aus Oberschwaben auch das Label "Smart Grid-ready", sie eignen sich also für den Einsatz in "intelligenten" Netzen. Sie sind in der Lage, sich einen Kältevorrat anzulegen, wenn reichlich Ökostrom aus Windrädern und Solarzellen fließt, und ihren Energiehunger zu zügeln, wenn nur "schmutzige" Elektrizität bereitsteht. So jedenfalls stellen uns die Politik und die Energieversorger das postnukleare Zeitalter dar. Und dieses Lied singt auch die unter Marktsättigung leidende Elektrogeräteindustrie.

Vom Smart Grid (schlauen Netz) profitieren alle - theoretisch. Für den Normalverbraucher ist das Feature allerdings vorerst nutzlos. Denn die Technik verlagert nur den Zeitpunkt, an dem sich die Elektrogeräte ihren Strom genehmigen.

Was sinkt, ist nicht der Strombedarf, nur der Kohleverbrauch. Das nützt der Umwelt, der Käufer aber spart keinen Cent. Für ihn zahlt sich die Investition in einen High-End-Öko-Gefrierschrank und den dazugehörigen Stromzähler ("Smart Meter") erst aus, wenn neue Tarife seine Bereitschaft zur Flexibilität angemessen belohnen. Doch solche Preismodelle sind Zukunftsmusik: "Die richtige Lösung", gesteht Hellmuth Frey, Projektleiter beim Karlsruher Energiekonzern EnBW, "haben wir noch nicht." Gepriesen wird Smart Grid in der Branche aber dennoch bei jeder Gelegenheit, wobei die Propheten offensichtlich damit rechnen, dass niemand nachrechnet. So verbrauchen selbst die größten Gefriergeräte der Generation A+++ pro Tag kaum mehr als eine 40-Watt-Glühbirne, die zwölf Stunden brennt, also etwa eine halbe Kilowattstunde zum Gegenwert von zwölf Cent. Verteuert die intelligente Steuerung den Ladenpreis eines Geräts, das 20 Jahre hält, auch nur um 100 Euro, müssten die Stromkosten um deutlich mehr als zehn Prozent sinken, sonst zahlt der Käufer drauf. Zudem hat ein intelligenter Zähler wenig Sinn, solange nicht all die Elektrogeräte angeschlossen sind, die nicht unbedingt zu einer festen Zeit laufen müssen, etwa Spülmaschine, Waschmaschine und Wäschetrockner.

Doch wenn man nun via Smart Grid auch Stromkosten sparen könnte - wäre die Akzeptanz beim Verbraucher höher? Genau das fragen sich der EnBW-Mann Hellmuth Frey und sein Team im Projekt Meregio. Dabei ermitteln sie den Lenkungseffekt eines Drei-Stufen-Tarifs, bei dem die Kilowattstunde außerhalb der Spitzenlastzeiten billiger zu haben wäre.

Der Energieversorger erprobt zwei Konzepte. Die Alternative zur automatischen Fernsteuerung von Smart-Gridtauglichen Hausgeräten ist eine Art Stromampel, die einen Tag im Voraus anzeigt, wann die günstigste Zeit für stromintensive Tätigkeiten wie Bügeln, Backen oder Wäschetrocknen ist. Basis dieser Prognose ist die interne Abschätzung, wie sich der Energiemix im Tagesverlauf verändern wird - abhängig von der Wettervorhersage und dem Großhandelspreis an der Leipziger Strombörse. Die bisherigen Daten zeigen, dass rund fünf Prozent des Verbrauchs in die ökologisch wie ökonomisch günstigeren Zeiten verschoben würden. Ein respektabler Effekt. Doch 95 Prozent des Stromkonsums blieben unverändert, klar, denn viele Menschen können sich ihre Zeit nicht so einteilen, wie es energiepolitisch wünschenswert wäre. Ein Versuch der Bundesregierung, die Versorger zu zeitabhängigen Tarifen für ihre Kunden zu zwingen, scheiterte bisher.

Was herauskommen kann bei dieser Art, der Stromnachfrage ihre tageszeitlichen Spitzen zu nehmen, entdeckte die Stiftung Warentest bei den Stadtwerken Bielefeld: ein "smartes" Angebot, bei dem man das warme Mittagessen tunlichst in die Nacht verschieben sollte, weil die Kilowattstunde zwischen 22.15 und 6.15 Uhr nur 16 Cent kostet, mittags dagegen fast 27 Cent. Wer in der Kantine essen kann, hat Glück, wer zu Hause Kinder bekochen muss, Pech.

Was smart ist, muss nicht wirtschaftlich sein

Auch die Verbrauchsoptimierung per Smart-Grid-Software stößt schnell an Grenzen: Am flexibelsten sind ja gerade die Menschen, die am wenigsten Strom verbrauchen. Rentner, die kaum etwas schmutzig machen, können den fremdgesteuerten Waschtermin leicht abwarten. Die berufstätige Mutter Fußball spielender Kinder, die Woche für Woche ein Mehrfaches an Waschladungen bewältigen muss, hat schlicht keine Chance. Sie ist froh, wenn sie durchkommt.

Trotz dieser Widrigkeiten muss sich was tun im Elektrizitätsnetz. Es wurde dafür ausgelegt, den Output weniger Atom- oder Kohlekraftwerke zu verteilen; eine überschaubare Zahl von Umspannwerken und Reservekraftwerken reichte, die Spannung stabil zu halten. Heute muss das Netz Millionen von Einspeisequellen verkraften. Jedes Haus, das zum Mini-Solarkraftwerk wird, erschwert das regionale und örtliche Netzmanagement. Zieht eine Gewitterfront heran, geht der Output der Solarzellen schlagartig in die Knie. Kommt die Sonne wieder heraus, steigt die Kurve steil an. Dabei darf es weder Blackouts geben noch starke Spannungsspitzen. Diese könnten elektronische Geräte ruinieren, als ob ein Blitz einschlüge.

Als mögliches Gegenmittel diskutiert die Fachwelt Vehicle to Grid, die Nutzung von Elektroauto-Batterien als Pufferspeicher. "Das Auto ist eigentlich kein Fahrzeug, sondern ein Stehzeug", juxt Professor Gernot Spiegelberg, Leiter der Sparte Elektromobilität bei Siemens Corporate Technology. Schließlich werden viele Autos nur ein bis zwei Stunden am Tag bewegt. Stehen erst einmal Millionen Akkuwagen in deutschen Garagen, könnten zig Millionen Kilowattstunden nach Bedarf gespeichert und ins Netz zurückgespeist werden.

Nun will sich kein Pendler bei trübem, windstillem Wetter morgens die Batterie leer saugen lassen, damit die Trambahn Strom hat. Es gehe eher ums Glätten kleinerer, kurzfristiger Spannungsschwankungen, beruhigt Spiegelberg. Viel Energie müsse da dem einzelnen Vehikel nicht abgezapft werden. Und was hätte der Autofahrer davon? Der Energieversorger könnte ihm eine Prämie für jede Stunde zahlen, in der sein Auto vorsorglich am Netz hänge, schlägt der Siemens-Manager vor. Die praktische Relevanz solcher Konzepte ist freilich unklar, so lange der Erfolg des Elektroautos ungewiss bleibt.

Steigen die Energiepreise weiter so wie in den vergangenen Jahren, setzt sich vielleicht eine ganz andere Lösung durch. Sobald es sich lohnt, den Solarstrom vom Dach selbst zu verbrauchen, statt die Einspeisevergütung zu kassieren, könnte es wirtschaftlich werden, Überschüsse bei Tag in preiswerten Industriebatterien im Keller zu speichern, um sie bei Dunkelheit zu verbrauchen. Für die Elektrizitätswirtschaft wäre diese Beinahe-Autarkie freilich der Worst Case: Sie könnte nur noch bei anhaltend schlechtem Wetter Strom verkaufen - und bräuchte trotzdem ein smarteres Netz.

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