Ausgabe 06/2012 - Schwerpunkt Risiko

Von Menschen und Hamstern

- Seit der aufgeklärte Mensch Glück und Zufriedenheit nicht erst im Jenseits, sondern bereits im Diesseits sucht, ist er mit der Endlichkeit seines Daseins konfrontiert. So tut er alles, um die Spanne, die ihm gegeben ist, nicht fahrlässig zu verkürzen: Er sorgt mindestens dreimal täglich für eine ausreichende Kalorienzufuhr, hält seine Behausung gut temperiert, schnallt sich im Auto an und geht Konflikten, zumal bewaffneten, möglichst aus dem Weg. So hat er die meisten Risiken ganz gut unter Kontrolle. Selbst wenn ihm ein Unglück wie der Verlust seines Jobs widerfährt, muss er sich zwar bescheiden, aber verhungern oder erfrieren muss er nicht.

Und doch kann auch der bestbehütete Mensch die Gefahr zu sterben auf Dauer nicht abwenden. Unser Organismus wehrt sich zwar tapfer und meist erfolgreich gegen Keime und wuchernde Zellen, aber ewiges Leben ist für höhere Organismen im Plan der Natur nun mal nicht vorgesehen. Mit jedem Tag, den wir leben, nagt der Zahn der Zeit an unserem Leib. Aber obwohl wir es besser wissen müssten, betrachten wir das Ende als Zumutung, als nicht hinnehmbare Abweichung von der Norm - sogar die "Altersschwäche", die man früher noch als "natürlichen Tod" akzeptierte, ist heute weitgehend abgeschafft. So steht am Ende fast jeden menschlichen Lebens eine Krankheit.

Und diese Krankheiten, da gibt es kein Vertun, haben meist hässliche Seiten: Manche kommen unerwartet und reißen auch junge Menschen binnen Wochen aus dem Leben. Andere sind mit lähmenden Schmerzen verbunden, wieder andere mit Bettlägerigkeit oder geistigem Dahindämmern bei im Übrigen tadelloser Verfassung. Und immer werden wir, sobald uns ein Leiden ereilt, abhängig von anderen, die uns operieren, uns Medikamente einflößen, uns waschen und füttern. Was einer im aktiven Leben war oder was er konnte, ist im Falle einer Erkrankung ohne Belang. Auch haben wir mehr zu verlieren denn je: den hart erarbeiteten Erfolg im Beruf, das späte Kinderglück und die Aussicht auf goldene Rentnerjahre.

Kein Wunder also, dass wir Krankheit und Siechtum über alles fürchten. Als die Marktforscher der GfK vor wenigen Jahren fragten: "Was ist Ihre größte tägliche Angst?", kreuzten 39 Prozent der Deutschen "Krankheit/Tod/Verletzungen in der Familie" an. Damit lagen sie in Europa im oberen Mittelfeld. Am zweithäufigsten, mit nur 12 Prozent, fürchteten sie "finanzielle Krisen".

So haben wir in unserer bodenlosen Angst die Medizin als Bodyguard auf Lebenszeit verpflichtet. Als fürchteten wir Heckenschützen auf jedem Dach, gleicht unser Alltag einer Festung gegen die Krankheit, mit Arztpraxen als dezentralen Kommandostationen, mit Krankenhäusern als letzten Zufluchtsorten und Apotheken als dichtem Netz von Munitionsdepots.

Diese Hochrüstung hat ihren Preis, und so sucht die finanzielle Ausstattung der Gesundheitsbranche ihresgleichen: Wo sonst ist das Beste gerade gut genug? In der Kultur? Für unsere Kinder? Wer regelmäßig seinen Obolus an die Krankenkassen entrichtet, darf von der Medizin doch wohl das Modernste und Teuerste erwarten. Mal eben eine Tomografie? Eine Arznei für 20000 Euro? Eine künstliche Hüfte? Aber gerne doch.

Anders als etwa in Großbritannien - wo übrigens laut GfK-Studie nur 12 Prozent Krankheit als ihre größte tägliche Angst bezeichnen - kennt die Großzügigkeit bei uns kein Limit: Wenn eine Maßnahme das Leben verlängert, und sei die Zeitspanne noch so kurz, spielt es keine Rolle, was sie kostet. Der technische Fortschritt zwingt den Gesetzgeber immerhin einzuschreiten, um den sofortigen Finanzkollaps abzuwenden: So darf seit einiger Zeit ein neues Medikament nur dann mehr als ein altes kosten, wenn es auch mehr bringt (siehe brandeins 03/2012: "Was ist eine Woche Leben wert?").

Doch wenn es ernst wird, wenn es gar in den Grenzbereich zwischen Leben und Tod geht, diktiert Angst die Entscheidungen, wie jüngst die Diskussion um die Organspende zeigte: Allein das theoretische Risiko, dass Menschen für tot erklärt werden, obwohl irgendwo in ihnen vielleicht doch noch ein Fünkchen Leben glimmen könnte, genügt, um ein finanzielles und bürokratisches Monstrum von der Leine zu lassen. So ist es jetzt nach jahrelangem Tauziehen beschlossene Sache, dass die Krankenkassen jeden Bürger mehrmals im Leben nach seiner Einstellung zur Organspende befragen. Und die Portokosten in Millionenhöhe, der logistische Aufwand? Nicht der Rede wert! Dabei machen es andere Länder, wie Spanien, mit der sogenannten Widerspruchslösung vor, wie es auch einfach und effizient gehen könnte.

Da wir Krankheit und Tod so sehr fürchten, tun wir alles, um sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Es wird also gewalkt, getrimmt und gefastet, was das Zeug hält, und zwar nicht etwa aus Spaß, sondern der Gesundheit zuliebe. Ob man wirklich länger lebt und sich die Plackerei am Ende lohnt, ist gar nicht so sicher, wie es scheint. Sicher ist nur, dass auch, wer jede Sekunde seines Lebens der Fitness weiht, am Ende alt und faltig wird.

Auch versuchen wir, mit großzügiger Unterstützung der Kassen, Krankheiten im Frühstadium zu erkennen. Nur leider ist die Bilanz der Früherkennung nicht sonderlich überzeugend. So haben die vergangenen Jahre vor allem die Erkenntnis gebracht, dass gesund zum Arzt zu gehen ein erhebliches Risiko birgt, krank zu werden. Zumindest die vorsorglichen Untersuchungen von Haut, Brust und Prostata erzeugen, indem sie auch Tumore entdecken, die zeitlebens unauffällig geblieben wären, mehr Krebspatienten, als sie Menschen vor dem Tod bewahren. Diese Erkenntnis ist umso bitterer, als jahrzehntelang die ohnehin latente Krebspanik noch zusätzlich geschürt wurde, um die Menschen zur Früherkennung zu bewegen.

So verständlich die Angst des Menschen vor Krankheit ist, so unangebracht ist sie auch: Denn noch nie lebte es sich gesünder und länger als im Hier und Jetzt. Ein paar Meilensteine des Städtebaus, der Chemie, der Technik und der Medizin haben unsere Lebenserwartung immens verlängert. Zu nennen sind hier vor allem Kanalisation und frisches Wasser, Düngemittel und Kühlvorrichtungen, Antibiotika, Impfungen und eine gut organisierte Notfallmedizin. Wenn wir unsere Beine nicht unter dem Sofatisch verstauben lassen, wenn wir nicht rauchen und auch bei anderen Exzessen Maß halten, bräuchte Krankheit für die längste Zeit unseres Lebens kein Thema zu sein. Wir könnten uns einfach ganz entspannt an unserer Gesundheit erfreuen.

Die Realität aber sieht so aus: Entspannte Zeitgenossen werden als Gesundheitsmuffel geschmäht. Unser Leitbild ist der nimmermüde Optimierer, der auch noch das Letzte an Lebenszeit herauszukitzeln sucht. Doch wem die Angst im Nacken sitzt, der ist schlimmer dran als ein Hamster: Während der kleine Nager an Ort und Stelle bleibt, obwohl er in seinem Rad rennt und rennt, wird sich der angstgetriebene Mensch von seinem Ziel, sich gesund zu fühlen, nur immer weiter entfernen. -

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