Ausgabe 06/2012 - Schwerpunkt Risiko

Die Ermutigung

1. Autarkie westlich der Rocky Mountains

Vom Gründervater des deutschen Feuilletons, dem 1837 verstorbenen Ludwig Börne, ist ein Satz überliefert, den man heutzutage gar nicht oft genug wiederholen kann. Am besten schneidet man sich Börnes Satz aus und hängt ihn an die Wand oder klebt ihn mit einem Streifen Tesa in die Brieftasche. Wenn uns mal der Mut fehlt, lesen wir:

"Das Geheimnis jeder Macht besteht darin: zu wissen, dass andere noch feiger sind als wir."

Das ist ein kluger, zeitgemäßer Satz. Denn da kommt uns einer nicht mit dem Heldenmut, allein das ist schon was wert. Er verachtet auch nicht die Feigheit, die in allen Menschen steckt. Börne hält nur ganz bescheiden fest, dass der Lohn der Angst immer darin besteht, sich hinten anstellen zu müssen. Er wusste Bescheid. Börne hatte sich mit der Obrigkeit im deutschen Biedermeier-Staat angelegt, einem System, das auf dem Prinzip Angsthase basierte. Und war das ein Wunder? Da war die Transformation der Französischen Revolution, 25 Jahre Krieg, Besatzung, schließlich die Rückkehr der alten Herrschaft. Ludwig Börne, geboren 1786 im jüdischen Getto der Stadt Frankfurt am Main, musste sich seinen Satz nicht erst ins Portemonnaie kleben, um sich dessen Bedeutung zu vergegenwärtigen. Das erledigte schon der Alltag.

Und wie ist das mit uns?

Brauchen wir solch eine Erinnerung? Leben wir nicht in den gefährlichsten aller Zeiten? Atomkraft, drohender Atomkrieg, Euro-Krise, Schuldenstaat, Gift im Essen, Feinstaub-Alarm, Ozonloch und Energiekrise - dagegen lebten doch die Menschen im Biedermeier in einem Idyll! Gemütlich und weitgehend sorgenfrei, oder? Was ist das bisschen Metternich schon gegen die Katastrophen, die uns heutzutage bedrohen? Was ist das bisschen autoritärer Polizeistaat von damals gegen die Gefahren von heute? Vielleicht ist das die eigentliche Bedeutung von Wissensgesellschaft: mehr erfahren zu müssen, als man jemals wissen wollte.

So jedenfalls denken und fühlen viele - von solch populären Befindlichkeiten und dem verbreiteten Hang zur Dauerstörung aber wusste Börne nichts. Dagegen hätte sein Rezept auch versagt - Leute wie Börne sind heute nicht mehr zeitgemäß. Dafür gibt es Menschen vom Schlage eines James Wesley Rawles. Der verlangt von uns ebenfalls keinen besonderen Mut, sondern konkurrenzlos günstige Neunzehnneunzig. So viel kostet Rawles' Buch "Überleben in der Krise - Das Handbuch für unsichere Zeiten", das im Kopp Verlag erschienen ist und das Zeug zum Bestseller hat. Schließlich erfährt man hier unter anderem, wie man, so die Werbung, "das Ende der Welt, wie wir sie kennen, überleben kann".

Wer den Kopp Verlag bislang als Spezialist für krude Verschwörungstheorien aller Art auf dem Zettel hatte, wird umdenken müssen. Denn dieses Buch baut genau auf jenen Ängsten und "unangenehmen Wahrheiten" auf, auf denen der Zeitgeist und damit der Mainstream im Westen schon seit Jahren surft.

Wir lesen hier die einschlägigen Themen in der unverwechselbaren Sprache des westlichen Angst-Establishments: "Ein einziges, unvorstellbares Ereignis reicht aus, dass wir unseren Lebensstil völlig verändern müssen." - "Uns trennt nur ein schmaler Grat Ordnung von völliger Anarchie." - "Regeln und Gesetze spielen keine Rolle mehr. Sie werden sich in einer Art und Weise selber durchschlagen müssen, wie Sie es sich niemals hätten vorstellen können." All das steht bei Rawles im Kontext mit den Folgen eines "globalen Finanz-Crashs" oder einer "großen Naturkatastrophe" oder "eines neuen Weltkriegs", je nachdem, wovor dem Leser mehr graut. Mit erregtem Schaudern liest der Risikogesellschafter, was ihm blühen könnte, wenn er die Vorsorge nicht auf die Spitze treibt. Der Untergang scheint ausgemacht. Rawles empfiehlt als Mittel der Wahl: abkapseln und einmauern. Autarkie, so behauptet der ehemalige Nachrichtenoffizier der US-Army, sei die Lösung. Das passt in den Zeitgeist. Denn Autarkie, die Vorstellung vom Leben in einem geschlossenen System, das alles, was es benötigt, selbst erzeugen kann - Lebensmittel, Energie und natürlich jede Menge "Sinn" -, ist wieder in. James Wesley Rawles predigt das Autarke wie eine neue Religion. Er selbst lebt mit seiner Familie "irgendwo westlich der Rocky Mountains an einem gut ausgestatteten und vollkommen autarken Zufluchtsort".

Autark sein - das ist auch ohne vordergründige Bunkermentalität für viele die bessere Alternative zu Globalisierung und Offenheit. Als Antwort auf die vielen komplexen Systeme und ihre Risiken verheißt das Autarke Überschaubarkeit, Planbarkeit, Kontrolle.

2. Zweckpessimismus

In Wirklichkeit aber ist die Autarkie eine geschlossene Anstalt: Berliner Mauer, Schießbefehl, Ausreiseverbot, Lebensmittelkarten, Hunger und Mangel - und das ist nur das Basisangebot. In Deutschland begann das Zeitalter der Autarkie mit der Machtübernahme der Nazis. Adolf Hitler und Hermann Göring erhoben die Autarkie zum Leitfaden der Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches. Damals stimmte Börnes Formel wie nie zuvor: Wer anderen Angst macht, sie mutlos hält und feige, der erhöht die eigene Macht. Nichts ist riskanter, als den Mut zu verlieren.

Bekanntlich sind Risiko und Chance zwei Seiten ein und derselben Medaille Aber man kann eben immer nur eine Seite der Medaille sehen. Und welche Seite man sehen will, hängt von der Gesamtsituation ab: Je schlechter die Zeiten, desto mehr glauben die Menschen an eine Chance.

Hoffnung keimt dort, wo Menschen sie nötig haben. Zu Börnes Zeiten glaubte man an den Fortschritt, daran, dass alles besser würde. Der Fortschritt stellte sich auch ein, hatte aber seinen Preis. Die hochkomplexe Konsumgesellschaft hat viel, das man nicht verlieren möchte, aber eben auch einiges, das man nicht verstehen kann. Und ab und an geht auch noch etwas schief. Der Fortschritt, dem man früher, in der Industriegesellschaft, alles verdankte, wurde immer mehr zu einer gefühlten Bedrohung.

Das populärste Bild dieser Fortschrittsverstimmtheit ist der Zauberlehrling, wie ihn sich Johann Wolfgang von Goethe in seiner Ballade ausmalte. Die Geister, die man rief, um das Leben zu verbessern, machen das so gut, dass sie sich der Kontrolle ihrer Nutzer entziehen - und dann nerven sie und gefährden Ruhe, Sicherheit und den gesellschaftlichen Betriebsfrieden.

Ulrich Beck hat diesen Unterschied im Tschernobyl-Jahr 1986 zu einem Bestseller der Soziologie gemacht, zur "Risikogesellschaft". In der dreht sich alles um die von ihr selbst produzierten Risiken - und immer weniger um den Fortschritt. Der Haken an der Theorie von der Risikogesellschaft ist ihre populäre Interpretation. Dass sich Leute genau ansehen, was die von ihnen geschaffenen Systeme an Gutem und Schlechtem bringen, kann niemand ernsthaft beklagen. Dass sie in der Lage sind, einmal getroffene Entscheidungen wieder zurückzunehmen, ist eher ein Zeichen von Lernfähigkeit als von Technologieverweigerung - und könnte als eigener Fortschritt gelten. Doch die meisten verstehen Beck nur auf ihre Weise, nämlich als Appell gegen eine allzu komplizierte, weil komplexe Welt, der man nur noch mit einer ganz langen Verbotsliste beikommt. Aber mit dem Risiko ist es wie mit den Fehlern - sie entstehen als Folge von Aktivität, von Arbeit, Tätigkeit. Es ist die alte Geschichte: Wer nichts wagt, gewinnt auch nichts - nur war von Gewinnen auch nicht die Rede: Es geht nur noch ums Behalten.

Dieser Teil der Gesellschaft ist auf Sicherheit aus, das ist seine Leitkultur, der sich alles unterordnet. Anpassen und mitmachen, zustimmen und mitlaufen - das alles tut man, um keine Fehler zu machen und kein Risiko einzugehen. Um also das behalten zu dürfen, woraus diese Sicherheit erwächst: den Arbeitsplatz und das Einkommen, die Zustimmung von Kollegen und Freunden und all der Leute, die, wie man selbst, je nach hierarchischer Stellung mal mehr, mal weniger feige sind.

Eine eigene Meinung, eine abweichende Haltung - das sind hohe Risiken, die gefährden, was man im Laufe der Jahre an Scheinsicherheiten angesammelt hat. Alles ist gefährlich und gefährdet, einschließlich der eigenen Existenz. Die geradezu exzessive Beschäftigung mit Krankheiten und Leiden bei vielen Menschen spricht eine deutliche Sprache: Das Leben ist eine Nebenwirkung.

Wie verhält sich eine solche Gesellschaft? Sie verändert sich nur aus Angst und Not. Ihr Ideal ist eine Welt ohne Ruhestörung. Kontrolle wird zur wichtigsten Tätigkeit. Und wenigstens auf diesem Weg kommen wir zügig voran.

Die allermeisten Systeme kollabieren nämlich nicht, sie funktionieren erstaunlich gut, verlangen aber, dass wir den dahinterstehenden Experten vertrauen, ganz gleich, ob diese ein Kraftwerk organisieren oder uns Pilze auf dem Wochenmarkt verkaufen.

Was aber die Bürger der Risikogesellschaft, die Risikogesellschafter also, selbst nicht kontrollieren können, das ist ihnen suspekt. Was man nicht selbst steuern kann, erscheint letztlich als Risiko. Und so wird die Risikogesellschaft in ihrer letzten Ausbaustufe eine Kontrollgesellschaft, in der die Macht hat, wer das Misstrauen der Bürger untereinander fördert und scheinbar bestehende Gegensätze betont.

Denn Misstrauen schafft genau jenen Zustand der Verunsicherung, der in Feigheit mündet. Zukunft? Bitte nicht! Am sichersten wäre eine umfassende Fortschritts-Quarantäne, eine Autarkie, frei von jeglicher Innovation. Keine Ursache, keine Nebenwirkung.

In der Fortschrittsgesellschaft ging es um Zweckoptimismus, in der Risikogesellschaft geht es um Zweckpessimismus. Der Held dieser Bewegung ist der deutsch-amerikanische Philosoph und Heidegger-Schüler Hans Jonas, der in seiner "Verantwortungs-Ethik" die Doktrin aufstellte: "Der schlechten Prognose den Vorrang zu geben gegenüber der guten ist verantwortungsbewusstes Handeln im Hinblick auf zukünftige Generationen."

Gut wird alles nur dann, wenn man es schlechtredet. Das ist die Formel - oder besser gesagt: die Doktrin - des Zweckpessimismus, die ein interessantes Menschenbild offenbart. Denn nur wenn man "die Leute" für unverantwortlich und dumm hält, für unselbstständig also, muss man Gefahren übertreiben, Zukunft düster malen. Man meint es ja nur gut. Eine Notlüge, gebaut auf Überheblichkeit, Besserwisserei und vorgetragen mit elitärem Gehabe.

Die Verteidiger der Jonas-Doktrin reden beschönigend davon, man wolle die Risiken nur bewusst machen - aber wer genau hinhört, erkennt den Aberglauben.

Um ein Unglück abzuwenden, redet man ständig darüber, immer in leichter Alarmstimmung. Früher nannte man das: das Schicksal beschwören. Gefragt aber wäre genau das Gegenteil: das Risiko zu verstehen, also sein Schicksal herauszufordern, um es zu verändern.

3. Die Erfindung des Risikos

Risiko und Schicksal sind etwas grundsätzlich Verschiedenes. Sie sind wie Tag und Nacht. Der Begriff risicare bezeichnet in der Seefahrer- und Handelssprache des italienischen Mittelalters die Fähigkeit, Klippen und Untiefen zu umschiffen.

Das beschreibt nicht nur den Vorgang selbst, sondern ein neues Weltbild. Otto-Peter Obermeier, der ehemalige Leiter der Gerling Akademie für Risikoforschung AG in Zürich, hat das Auftauchen des Wortes Risiko einmal eine "rationale Antwort auf archaisches Fühlen" genannt.

Das Risiko löst das Schicksal ab wie die Vernunft den Glauben.

Kulturgeschichte ist letztlich nichts anderes als der Versuch, das Chaos der Umwelt zu ordnen - und dadurch die Welt zu verstehen, also nutzbar zu machen. Nur das Unbekannte ist eine Bedrohung. Je mehr die Menschen im Lauf ihrer Entwicklung von der Welt verstehen, desto weniger sind sie bereit, sich in ihr Schicksal zu fügen. Man will ein Unglück nicht mehr hinnehmen, sondern seine Ursachen verstehen, seine Wahrscheinlichkeit berechnen. Der Willkür des Lebens begegnet man mit Vernunft. Das ist die Geburtsstunde des modernen Begriffes Risiko, der "auf Empirie und Wissenschaften basierende Nachfolgebegriff des mythenschwangeren Schicksals", schreibt Obermeier.

Das Risiko ist immer kalkuliert. Verwechselt wird es aber gern mit der Gefahr, der Sache also, die das Risiko bloß beschreibt. Im Mittelalter stand das Wort Gefahr für Hinterhalt und Betrug. Das Risiko ist also nichts weiter als der Versuch, diesen Betrug sichtbar zu machen.

Die alten, dem Schicksal ergebenen Abenteurer - die Helden - weichen den Risikobewussten, die auf Technik und Wissen setzen. Der Welthandel der Neuzeit baut auf Kompass, Sextant, Berechnung, Wissenschaft, Zweifel und kritisches Hinterfragen. Die Welt ist ein pragmatisches Projekt. Wo Helden waren, sind nun Unternehmer. Sie bekriegen andere Leute nicht, sie kooperieren, sie schaffen Bündnisse und Gemeinschaften. Sie verteilen das Risiko ihrer Projekte auf viele Köpfe. Die Risikoverteilung wird zu einem Merkmal moderner Gemeinschaften und ihrer Organisationen. Erfolg ist keine Schicksalsfrage mehr.

Das ist gut für die Menschen. Vernünftig. Aber langweilig. Früher war mehr Action. Helden wie Odysseus prügelten sich durch ihr Schicksal, Unternehmer aber sind abwägend, berechnend. Heute werden Risiken von Experten bis ins kleinste Detail vermessen.

Probleme sind wie Mikroben: Je genauer man guckt, desto mehr findet man. Das führt zur Inflation des Risikos. Einerseits wird alles gefährlich. Andererseits schafft das Arbeitsplätze, in Verwaltung, Bürokratie, Warnorgansationen aller Art. Die Jonas-Doktrin des Zweckpessimismus wird so zu einer Art Wachstumsprogramm. Auch eingebildete Kranke brauchen ihre Ärzte und Apotheker. Der Selbstzweckpessimismus wird zur neuen Normalität. Je dunkler man malt, desto heller klingelt dabei die Kasse. Ein Risiko lässt sich aus praktisch allem machen. Aus dem Leben etwa. Das endet mit dem Tod, den auch der Fortschritt nicht aufhalten kann. Aber hinauszögern. Ein Glück? Natürlich nicht! Ein Risiko!

Mitte April 2012 konnte man etwa in der "Welt" über eine aktuelle Studie des Internationalen Währungsfonds Folgendes lesen: "Deutschland und andere wohlhabende Industriestaaten sind nicht ausreichend auf die finanziellen Risiken vorbereitet, die die steigende Lebenserwartung mit sich bringt." Sicher, die meisten Verantwortlichen in den OECD-Ländern sind sich der Folgen der zunehmenden Alterung ihrer Bevölkerungen seit Langem bewusst. Aber was, wenn die Leute noch älter werden, als man heute schon befürchten muss? So etwas geht schnell! Man stelle sich nur vor, es gäbe ein wirksames Mittel gegen Krebs oder noch effizientere Methoden gegen Herzerkrankungen? Dann schnellte die Lebenserwartung nach oben - und genau davor warnen die IWF-Forscher. Lebte im Jahr 2050 jeder Deutsche auch nur drei Jahre länger als heute angenommen, dann "kämen auf den Staat zusätzliche Kosten in Höhe von zwei Dritteln der Wirtschaftsleistung zu".

Das ist feinste Ironie. Und gleichsam die verdichtete Logik der Risikogesellschaft. Wer so gut in der Beseitigung von Gefahren ist, wer selbst das Risiko des frühen Todes so deutlich verringern kann - der schafft nichts weiter als neue Risiken. Wie gut hatten es da unsere Vorfahren im Biedermeier, die noch nicht mal halb so alt wurden wie unsereins!

Gewiss: IWF-Mahner und Journalisten hätten auch hinzufügen können, dass wir in vier Jahrzehnten nicht nur länger leben werden, sondern wohl auch anders arbeiten. Vielleicht hätte man auch einen Gedanken an die Chancen verschwenden können, die sich aus dem Älterwerden ergeben, auch für das Sozialsystem. Vielleicht gelingt es doch, so viel Mut und Hirn zusammenzunehmen, um das alte, aus dem 19. Jahrhundert stammende Modell zu einer neuen, klugen Grundsicherung umzubauen, die der neuen Welt gerecht wird. Aber dann müsste man sich eben auch Fragen stellen wie diese: Hat nicht alles auch seine guten Seiten? Ach was! Verantwortungsloses Geschwätz! Das Leben ist eine Gefahr! Hier herrscht das wunschlose Unglück. Respekt in der Risikogesellschaft gibt es nur für Mahner, nicht für Ermutiger. Mal schnell die Welt retten. Mit dem Schlimmsten rechnen. Das kommt an, das geht auf. Todsicher.

4. Das Zeitalter der künstlichen Aufregung

Der Zweckpessimismus ist unsere Leitkultur. Perfekt sollte sie werden, die moderne Welt, auch wenn es noch so öde aussieht. Dieses Problem gibt es schon länger. Schon in der frühen Konsumgesellschaft der Fünfzigerjahre formte sich im Rock 'n' Roll der Widerstand gegen die Generation Nummer Sicher, ein Jahrzehnt später wurde das Draufgängertum kurz zur Leitkultur, bis es sich im Marsch durch die Institutionen selbst zähmte. Geblieben ist von dieser Rebellion ein Monopol auf moralische Überlegenheit, das selbstgerecht verteidigt wird. Wie rebelliert man gegen einstige Rebellen? Der Protest gegen die Leitkultur der Risikogesellschaft gilt als politisch unkorrekt - wer kann schon der mahnenden Generation der Guten und Dauerbesorgten etwas entgegensetzen? Da konstruiert man sich seine Erregung lieber selbst.

Risikogesellschafter gieren nach künstlicher Aufregung. In einer gezähmten Welt schafft man sich künstliche Gefahrensituationen, die stimulieren und, eine oft gehörte Feststellung, noch zeigen, dass man am Leben ist. Dafür wird das schöne Wort Kick benutzt, ein Wort aus dem Drogen-Slang, es bezeichnet den Augenblick, an dem der "Stoff" das Gehirn erreicht und der Rausch beginnt.

Es ist eine Binsenweisheit, dass Drogen vor allen Dingen für Menschen spannend sind, die die Wirklichkeit nicht ertragen - und das heißt natürlich auch: die Realität als lustloses und langweiliges Jammertal empfinden.

Folgerichtig wird das Wort Kick in der fortgeschrittenen Risikogesellschaft von Leuten benutzt, die sich selbst "Adrenalin-Junkies" nennen, also Menschen, die in Sport, Beruf oder Verkehr die Gefahr bewusst suchen, die es in der modernen Welt kaum mehr gibt.

So kommt es, dass Leute, die die ganze Woche über in Büros sitzen und jegliches Risiko scheuen, am Wochenende mit Gummiseilen von Autobahnbrücken springen oder sich mit Mountainbikes an die Schlaganfallsgrenze hocharbeiten. Diese Persönlichkeitsspaltung gilt längst als normal. Im Beruf ist maximale Risikovermeidung angesagt, in der Freizeit hingegen besteht Kick-Pflicht. Allerdings ist das in der sich entwickelnden digitalen Risikogesellschaft auch schon wieder überholt. Denn man kann sich seinen Kick auch auf dem Sofa holen. Als Ego-Shooter, der sich durch virtuelle Welten ballert.

Oder als Teilnehmer an einem Shitstorm, der im Schutz der Anonymität andere fertigmacht. Die Shit-Stürmer halten sich dabei für Helden. Und das geht, weil so viele immer noch feiger sind als sie, was eigentlich kaum möglich ist, und behaupten, man könne diesen Netz-Nazis nichts entgegenhalten.

5. Sorgenhaushalts-Berechnungen

Angst macht dumm. Angst lähmt. Angst macht eng. Das deutsche Wort Angst ist verwandt mit dem lateinischen angustia, was so viel heißt wie Beengung.

Angst gehört zum Leben, sie ist ein uralter Begleiter der Evolution. Das Schicksal passt gut zur Angst und bildet mit ihr ein archaisches Duo. Ihre zeitgemäßen Nachfolger sind Furcht und Risiko. Die Angst bezieht sich auf das Unwägbare und Unbekannte, auf alles, was man nicht ändern kann. Die Furcht hingegen hat konkrete und logische Gründe - und genau deshalb ist sie überwindbar. Mit der Furcht kann man umgehen. Die Angst führt zu Lähmung, die Furcht zur Veränderung. Und es scheint, als hätte allem Krisengerede und Zweckpessimismus zum Trotz die Furcht über die Angst gesiegt.

Seit 1991 führt die R+V Versicherung eine Langzeitstudie mit dem Titel "Die Ängste der Deutschen" durch. Das Wort Ängste ist eigentlich nicht ganz korrekt, wie auch der für die R +V als Berater tätige Forscher Manfred G. Schmidt weiß: "Die Studie erkundet sozusagen den Sorgenhaushalt der deutschen Bevölkerung", sagt der Professor von der Heidelberger Ruprecht-Karls-Universität. Deutsches Sorgenprofil? Das verheißt nichts Gutes, erst recht nicht in Zeiten permanenter Krisenberichterstattung. Doch der Politologe belehrt uns eines Besseren: Die Ergebnisse der Umfrage des Jahres 2011 seien "sensationell" und eine "große Überraschung". Denn obwohl im vergangenen Jahr schon wieder Krise war, sind die Ängste der Deutschen im Vergleich zu den Vorjahren in fast jeder Beziehung zurückgegangen.

Sicher - die Leute sorgten sich um die Folgen des AKW-Crashs in Fukushima. Und gewiss, Staatsschulden-Krise und Griechenland-Pleite beunruhigten die große Mehrheit der Bürger. Doch das ist nur ein Teil des Sorgenhaushalts. Überall dort, wo die Themen ganz nah an den Menschen und ihren alltäglichen Erfahrungen sind und ihre Einstellung nicht allein durch Medien oder Politik geprägt werden, sieht es anders aus. "Die Sorge um die wirtschaftliche Leistungskraft Deutschlands und die Angst vor der Arbeitslosigkeit - die 22 Prozent der Befragten haben - sind historisch einmalig niedrig", sagt Schmidt. "Es gibt eine sehr deutliche Zuversicht." Die habe offensichtlich damit zu tun, dass es in der Krise in Deutschland eine glaubwürdige Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeitsplätze und Beschäftigung gegeben habe. Handeln und Machen wirkt offensichtlich angstmindernd.

Nun kann man über den Sinn und den Wert von solchen Umfragen trefflich streiten. Doch Professor Schmidt hat zweifelsohne einen Punkt, wenn er die Lektüre der Studienergebnisse empfiehlt: "Das ist ein Seismograf, mit dem man die Veränderungen der Risikolandschaft messen kann. Und da verschiebt sich eben vieles. Wer immer Entscheidungen trifft, Politiker oder Manager, sollte das wissen. Das ist ein Frühwarnsystem. Und die Botschaft lautet eindeutig: Übertreibt mit Problemen nicht. Andererseits: Nehmt die Sorgen der Leute ernst."

Wenn man andere Menschen ernst nimmt, sagt Schmidt, macht man ihnen Mut. Das ist ein guter Anfang.

6. Ermutigen

Mut überwindet die Angst und löst Probleme. In seiner alten, bis ins späte 19. Jahrhundert genutzten Bedeutung meinte man, wenn man sich Mut wünschte, nichts anderes als die Hoffnung auf einen guten Ausgang, also das, was wir heute Optimismus nennen.

Das ist nun genau der Stoff, der in der Risikogesellschaft zu einer knappen Ressource geworden ist. Echter Mut ist nicht der blinde Eifer, vor dem die Mahner stets warnen, wohl auch, um zu vertuschen, dass die Macht längst in den Händen der Feiglinge ist. Was der Mut kann, hat der Zürcher Psychologe Andreas Dick in seinem Buch "Mut - Über sich hinauswachsen" ganz großartig erklärt. Er zeigt endlich die pragmatische, vernünftige, aufgeklärte Seite des Mutes, die jeder Mensch braucht, um sich zu entwickeln. "Mut", schreibt Dick, "ist eine mit Klugheit und Besonnenheit gewonnene Erkenntnis darüber, was in einem bestimmten Moment richtig und was falsch ist."

Mut ist eine Erkenntnis, kein Gefühl.

Und in Zeiten wie diesen kann der Mut zu einem der wichtigsten Werkzeuge der Veränderung werden, weil er wieder ein Risikobewusstsein in die Welt bringt, das den Blick auf Chancen - und eben nicht bloß auf Gefahren - freigibt. Wer das erkennt, der hat gerade in Zeiten der großen Vorsicht die besten Perspektiven, in der Politik und in der Wirtschaft: "In allen Prozessen in Unternehmen, die heute zu einer positiven Veränderung führen sollen", sagt der Change-Management-Trainer Winfried Berner, "geht es in erster Linie um ein neues Verständnis von Risiko und von Mut. Das ist der eigentliche Kern der Transformationsarbeit."

Es geht darum, eine neue Balance aus Risiko und Chance zu finden, aus kühler Berechnung und entschlossenem Handeln. Dieses Gleichgewicht, sagt Berner, ist in vielen Unternehmen gestört. Zwar werde viel vom "detaillierten, statistisch erfassten Risiko geredet und damit hantiert", so fasst der Trainer jahrzehntelange Erfahrung zusammen, "aber die Fehler werden gemacht, weil es an Mut fehlt. Das ist der Schlüssel."

Gerade in Wissensunternehmen ist das Problem greifbar. Dort geht es um Innovation, also um ein natürliches Risiko. Dort zählt der Fortschritt. Wer den Innovatoren im Unternehmen nicht genügend Raum gebe, sondern nach einem einheitlichen Risikodenken strebe, sagt Berner, mache etwas falsch. Auch wenn er den gemeinsamen Werte- und Verhaltenskanon Unternehmenskultur nenne.

Mut in der Buchhaltung ist Quatsch. Mut am Fließband ist albern. Ein mutiger Autofahrer ist ein gemeingefährlicher Idiot. Doch Wissen entsteht nicht aus Vorsicht. Berner zitiert dazu die alten amerikanischen Projektmanagement-Experten Tom Demarco und Timothy Lister: "Wenn ein Projekt kein Risiko birgt, dann lassen Sie die Finger davon. Risiko und Gewinn gehen immer Hand in Hand." Für Berner hat diese Einsicht einen "simplen kapitalistischen Grund: Ohne nennenswertes Risiko sind genau jene Vorhaben und Projekte, die frei von technischen, organisatorischen und menschlichen Schwierigkeiten sind. Solche Maßnahmen kann buchstäblich jeder Depp realisieren - und dementsprechend hoch ist die Konkurrenz und entsprechend schlecht sind die Preise."

Kurz gesagt: Wer sich in zu viel Sicherheit wiegt, kommt darin um. Und wem an Menschen gelegen sei, sagt Berner, der habe nun eigentlich gar keine andere Wahl, als sie "zu ermutigen".

Geht das ein wenig konkreter? Sicher, sagt Berner. "Ermutigung heißt, sich selbst und anderen Impulse zu geben, selbstständiger zu werden und Verantwortung zu übernehmen." Verzagtheit führt in die Irre. Mut führt zu einem selbst.

Das tut der Firma gut, der Gesellschaft und letztlich natürlich den Risikogesellschaftern. Und Börnes Erkenntnis wäre endlich von gestern, wir bräuchten sie nicht mehr. Denn die Macht hätten nicht mehr die Angstmacher, sondern die Ermutiger. -

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