Ausgabe 03/2012 - Editorial

Unter Wichtigmachern

• Alles und jederzeit, das könnte die Innovation des Jahrzehnts sein, wenn wir uns irgendwann in zehn, zwanzig Jahren daran erinnern. Wo immer wir uns bewegen, können wir auf das Wissen der Welt zurückgreifen, werden wir mit Nachrichten, Meinungen und Gerüchten überflutet. "Permanenz-Epoche" hat das der Designer Charly Frech einmal genannt. Und in der wird zur Kernkompetenz: filtern, unterscheiden können, erkennen, was Hintergrund-Rauschen und was relevant ist.

Das ist kein einfaches Geschäft, schon gar nicht in Zeiten, in denen sich jeder wichtig macht (S. 38). Tägliche Hitlisten helfen da so wenig weiter wie der Computer. Er könne zwar schneller rechnen, vergleichen und analysieren, sagt der ehemalige IBM-Manager Gunter Dueck, was wichtig ist, wisse der Rechner aber noch weniger als wir (S. 84). Der Internet-Aktivist Eli Pariser warnt sogar davor, der Prioritätenliste von Suchmaschinen und sozialen Netzen zu vertrauen: "Was dabei verloren geht, ist ein umfassendes Bild der Welt und der Wirklichkeit." (S. 62)

Wer aber hat das noch? Bei den unterschiedlichen Interessengruppen, die gerade eine kleine Ecke unseres Gesundheitssystems zu optimieren versuchen, sind Zweifel angebracht (S. 106). Und auch die Lehrer und Wissenschaftler, die den Schülern von heute mit neuen Lehrplänen die Fähigkeiten für morgen beizubringen versuchen, verlieren beim Ausgleich von Wunsch und Wirklichkeit schon mal den Überblick (S. 92).

In einer Notaufnahme könnte das tödlich sein (S. 114). Auch der Insolvenzverwalter Michael Pluta darf das Große und Ganze nie aus dem Blick verlieren, wenn er ein Unternehmen vor dem Aus bewahren will (S. 68). In beiden Fällen ist jede Entscheidung von dramatischer Relevanz. Und in beiden Fällen helfen: Erfahrung, eine gute Organisation, eindeutige Kriterien – und der Mut, überhaupt Entscheidungen zu fällen.

Das hilft, auch wenn es nicht um Leben oder Tod geht, sondern zum Beispiel nur um die eigene Zukunft und einen Rekord. Was ihnen wichtiger war, ist so genau nicht auszumachen, jedenfalls haben die drei jungen Männer, die sich vorgenommen haben, ihr Studium in Rekordzeit zu beenden, eindrucksvoll bewiesen, dass eine Menge geht, wenn man weiß, was man will (S. 130). Ihr Beispiel zeigt zudem, dass Relevanz eine zutiefst subjektive Angelegenheit ist. Und dass Filtern nicht nur Entscheidungsfreude voraussetzt, sondern auch System.

Da aber wird es schwierig: Wenn schon der Computer nicht hilft – was dann? Die einen setzen auf Mapping-Verfahren, andere engagieren eine Entrümplerin oder hoffen auf Erkenntnis, wenn sie dem Redner Hermann Scherer zuhören (S. 88, 74, 56). Die Architektin Henrike Gänß hat gar ihren ganzen Hausstand Stück für Stück fotografiert: Sie wollte wissen, was ihr von ihrem Hab und Gut tatsächlich wichtig ist (S. 78).

So kommt man zu einem Überblick, die richtige Entscheidung muss man dann aber immer noch selbst treffen. Die Gründer der US-Fondsgesellschaft Pimco haben da einen Tipp: An jedem Morgen sortieren sie die aufgelaufenen Aufgaben und Nachrichten nach Dringlichkeit und Wichtigkeit (S. 48). Klingt einfach? Versuchen Sie es einmal.

Gabriele Fischer
Chefredakteurin


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