Ausgabe 03/2012 - Schwerpunkt Relevanz

Hauptsachen und Nebenwege

1.
Was hinten rauskommt

Es gibt Leute, die bestreiten bekanntlich alles, sogar die Relevanz von Sätzen wie diesem: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Mag sein, dass das an dem Mann liegt, der das gesagt hat, Helmut Kohl, einst Langzeitkanzler der Bundesrepublik, Pfälzer und promovierter Historiker.

Kohls berühmtester Satz klingt komisch, aber das ist er nicht. Er zeugt von einem Stoff, der selten geworden ist, nämlich von historischem Bewusstsein. Das ist ein lustiges Gewürz. Erwischt man zu viel davon, schmeckt alles nach gestern und dreimal aufgewärmt. Die richtige Dosis aber wirkt Wunder: Man kann plötzlich aus dem Einheitsbrei von Moden, Hysterien und Aufmerksamkeitsheischerei, der uns 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche umgibt, auch noch etwas anderes herausschmecken, das man nicht gleich wieder vergisst, nachdem man es runtergeschluckt hat. Entscheidend, also relevant und wichtig ist, was hinten rauskommt - das heißt, dass es noch Dinge gibt, die Folgen haben, über den Tag hinaus, die nicht dem nutzlosen Kreislauf von Großalarm und Vergessen unterliegen. Man könnte das auf Neudeutsch auch nachhaltig nennen.

Wir aber leben in einer Welt, die sich auf die Erzeugung von Wichtigkeiten verlegt hat. Die Wichtigmacher und Wichtigtuer sind rund um die Uhr im Einsatz. Die Prioritäten setzen sie in eigener Sache. Alles und jedes soll relevant sein, es gibt eigentlich nichts, worauf man guten Gewissens verzichten kann. Zu wissen, was angesagt ist, was Sache ist, also wichtig, das gehört zu den Grundanforderungen des modernen Menschen. Wer nicht weiß, wo es heute langgeht, der ist nicht einfach nur von gestern. Der ist nicht konkurrenzfähig. Und damit eigentlich nicht am Leben.

Wichtig wird in so einer Welt, was man für wichtig erklärt. Was man nicht messen kann, kann man nicht managen - sagt man. Was man nicht nach Bedeutung reihen kann, ist nicht von dieser Welt. Wir leben in einer Ranking-Kultur.

Das Ranking ist die Konserve der Bedeutung. Wir halten für wichtig, was andere für wichtig erklären. Was hinten rauskommt, ist das, was andere übrig gelassen haben. Das gilt für merkwürdige Ranglisten, in denen die "wichtigsten" Menschen, Manager oder Ideen schön in Reih und Glied gebracht werden - was zwar der Ordnung dient, aber nur selten der Orientierung. Wichtig für wen oder wozu? Diese Frage und eine Antwort darauf lassen die Hitlisten meistens vermissen.

Jeder wird zur Stiftung Warentest. Wer nicht gleich nach dem Einkauf im Web seine bis zu fünf Sternchen abgibt, dem mault schnell eine Erinnerungsmail entgegen: "Sie haben den Verkäufer noch nicht beurteilt!" Jeder hat ein Recht auf Feedback! Denn alle sind wichtig. Jeder hat das recht auf Benotung.

So erscheint auch die Aufregung über Standard & Poor's, Fitch und Co., über die bösen Rating-Agenturen verlogen. Denn alle haben die Geister der Wichtigmacher doch beschworen. Auch hier gilt: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Und manchmal sieht das auch ganz so aus wie das, was es eigentlich ist:

Like? Dislike?

2.
Vergleichen und unterscheiden

Die alte Vorstellung, man könne die Welt und das, was in ihr ist, hübsch übersichtlich ordnen und dabei auch gleich Ziele und feste, dauerhafte Zustände definieren, ist und bleibt eine menschliche Sehnsucht. Wir alle wollen Verbindlichkeit. Aber alles, was wir kriegen, sind lausige Rankings. Vergleiche statt Gewissheit.

Das Klagen darüber hilft nur nichts. Denn wer das, was er tut, nicht nach Wichtigem und Unwichtigem sortiert, der legt sich selber lahm. Wer keine Prioritäten setzt, kommt schnurstracks in Kalamitäten. Es ist ja einerseits schön für die Menschheit, dass sich das von ihr produzierte, via digitale Medien zugängliche Wissen alle fünf Jahre verdoppelt. Andererseits ist aber in dieser Feststellung der geistige Insolvenzantrag fest eingebaut. Denn nichts und niemand ist in der Lage, diese Menge ungeordnet und ungereiht für sich und seine Organisation und Ziele zu nutzen. Deshalb ist Relevanz ein Schlüsselbegriff der Wissensgesellschaft. Wer danach fragt, was wichtig ist, was relevant ist, der redet gleichzeitig auch immer davon, eine Übersicht zu schaffen und Unterschiede deutlich zu machen. Relevanz heißt auch immer: vergleichen.

Die Frage aber ist: womit?

Für das Funktionieren der Wissensgesellschaft ist es entscheidend, dass wir lernen, richtig zu filtern, zu sortieren, auszuwählen und uns zu orientieren - und zwar an uns selbst. Das setzt zunächst voraus, dass man das, was für einen selbst relevant ist, durch Versuch und Irrtum herausbekommt, ein mühsames Geschäft, an dem allerdings kein Weg vorbeiführt.

Alle anderen "Relevanzen" sind aus dritter Hand. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen dem, was "man" für wichtig hält beziehungsweise wichtig halten "muss", und dem, was in Bezug auf die eigenen Talente und Fähigkeiten, auf die selbst gesteckten Ziele und Entscheidungen tatsächlich relevant ist. Man kann das in der Sprache gut hören - etwa wenn Menschen davon sprechen, man müsse "ja auch dieses oder jenes berücksichtigen". Das zeigt klar an, dass man sich mit Dingen beschäftigt, deren Wichtigkeit vorgegeben wird - von der Kultur, von Freunden, Kollegen, den Peergroups oder größeren Gemeinschaften, mit denen wir unablässig darüber verhandeln, was uns wichtig ist - und was wir an Prioritäten von den jeweils anderen übernehmen.

Doch das, was wir auf diese Art bewerten, dient immer seltener als Entscheidungsgrundlage. Nur der Vergleich mit anderen und anderem, die Benchmarks, machen uns noch sicher.

Wer sich vergleicht, bringt sich aber auch als Konkurrenz ins Spiel. Jetzt geht es nicht mehr darum, die eigenen Stärken zu entwickeln, die persönlichen Talente ins Spiel zu bringen, sondern es wird selektiert: Relevant und deshalb wichtig am eigenen Handeln, an der Person, den Produkten und Ideen ist immer nur der Teil, den auch "die anderen" haben.

Benchmarks haben einen entscheidenden Vorteil. Sie reduzieren Komplexität. Das Problem, das sich dabei zwangsläufig ergibt, ist, dass der Vergleich von den eigenen Zielen und den eigenen Prioritäten ablenkt. Das kennt jeder aus Unternehmen, in denen die Konkurrenz zum wichtigsten Objekt der Beobachtung des Managements gehört - während Kunden, Mitarbeiter und Partner beim Benchmark-Erstellen bloß stören. Das ist die Herrschaft der Fremdrelevanz. Sie bestimmt vielfach das Handeln in Organisationen und Management - und führt zum Gegenteil dessen, was beabsichtigt war: nämlich aus der Fülle an Möglichkeiten etwas herauszuarbeiten, an dem man die eigenen Fähigkeiten und Stärken erkennen - und verbessern - kann.

Unterscheidbarkeit bedeutet ja auch, dass jemand verstanden hat, was ihn besonders macht. Vergleichbarkeit hat damit nichts zu tun. Sie will so sein, wie andere sind. Wo Benchmarks die Wichtigkeit von Entscheidungen und Handlungen in Unternehmen und von Personen bestimmen, sind sie ein geistiges Hohlmaß.

3.
Die Vielheit der Folgen

Relevanz bedeutet so viel wie berechtigt, schlüssig, richtig. Was relevant, was wichtig ist, das muss begründet sein. Es muss schlüssig und richtig sein, also zu etwas führen. Auch das spricht gegen die populäre Verwechslung von Unterschied und Vergleich, von Relevanz und Ranking-Kultur also. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Menge und Masse die wichtigsten Kriterien sind. Ist aber das richtig, was die meisten sagen? Kann man aus dem, was den meisten Menschen wichtig ist, verbindliche Vorlagen für die eigene Prioritätenliste erstellen? Wohl kaum. Darüber wurde schon mal mehr gesprochen als heute. Es gilt wieder als unschicklich, nicht mit den Wölfen zu heulen. Alles muss groß sein. Es gibt keine kleinen Probleme. Was wichtig ist, hat Dimension.

Nun hat Wichtigkeit mit Größe nicht das Geringste zu tun. Diese Einsicht versuchte schon Immanuel Kant seinen Landsleuten zu vermitteln. Man möge das Wichtige "nicht mit der Schwere verwechseln". Die "Wichtigkeit eines Erkenntnisses", hielt Kant weiter fest, "beruht auf der Größe und Vielheit der Folgen". Die Ursache kann also durchaus klein sein. Entscheidend ist, was hinten rauskommt.

Das ist schon mal was, allerdings noch keine Antwort auf die Frage, was denn nun wichtig wird, also was das Zeug in sich hat, große und viele Folgen zu zeitigen. Was wird zum Schwergewicht? Was wird wichtig? Diese Frage bleibt der Goldstandard. Wenn man wüsste, was wichtig wird, dann wäre man immer auf der richtigen Seite. Dafür aber bräuchte man eine ganze Reihe Kram, der nicht so leicht zu haben ist, einen Stein der Weisen etwa, eine funktionierende Kristallkugel oder wenigstens ein paar halbwegs verlässliche Zukunftsprognosen.

Es ist ebenso leicht wie wohlfeil, Zukunftsforscher vergangener Fehlprognosen zu überführen. Es ist allerdings schon etwas schwieriger, Szenarien nicht als Bedienungsanleitung für die gemütliche Umsetzung künftiger Trends misszuverstehen. Auch hier ist historisches Bewusstsein hilfreich. Was etwa die populären US-Trendforscher Alvin Toffler und John Naisbitt in den siebziger und achtziger Jahren schrieben, war eine sehr zeitnahe und präzise Beschreibung bereits ablaufender Prozesse. In John Naisbitts Bestseller "Megatrends" aus dem Jahr 1982 spielen Globalisierung und China als neue Wirtschaftsweltmacht schon eine wichtige Rolle. Natürlich konnte Naisbitt nicht vorhersehen, dass sich 1989 die Weltordnung des Kalten Krieges auflösen würde. Aber der Aufstieg des asiatischen Wirtschaftsraumes, der für viele Unternehmen damals nach Science-Fiction roch, war bereits angebrochen. Um zu erkennen, was wird, muss man kein Prophet sein, kein Hellseher. Man muss aber bereit sein, vernetzt und systemisch zu denken. Was ist wichtig - und was kann daraus werden?

Drei Jahre bevor Gordon Moore mit seinem Kollegen Robert Noyce ein kleines Halbleiterunternehmen in Moutain View, Kalifornien, gründete, aus dem später die Intel Corporation werden sollte, hatte er verstanden, dass sich Halbleiter künftig immer kleiner und zu immer geringeren Kosten herstellen lassen würden und dass sich dieser Prozess sogar zuverlässig berechnen ließ. Diese Einsicht wird längst Moore'sches Gesetz genannt. Was Moore und die frühen Intel-Macher darüber hinaus auszeichnete, war die Fähigkeit, sich vorstellen zu können, was man mit den kleinen Dingern alles anstellen konnte. Man muss also nicht nur wissen, was wichtig ist, man muss auch wissen, was sich daraus machen lässt. Das konnte aber nur jemandem gelingen, der bereit war, sich auf die Wünsche und Sehnsüchte der - zur Mitte der sechziger Jahre - enorm technikverliebten Öffentlichkeit einzulassen. Dass im darauffolgenden Jahrzehnt die ersten Personal Computer gebaut werden würden, konnte auch Moore nicht vorhersehen. Aber er konnte den Spirit, den Geist, die Wünsche seiner Mitmenschen aufnehmen.

Dieser Spirit hat mit Esoterik nichts zu tun. Es geht um Empathie, um die Fähigkeit zum Mitgefühl, dem Interesse daran, was andere interessiert und antreibt. Eine Idee, aus der etwas werden könnte. Der Schlüssel für das, was wichtig wird, liegt in dem, was bereits wichtig ist. Naisbitt hat in "Megatrends" die eingängige Formel dafür gefunden: "The most reliable way to anticipate the future is by understanding the present", schreibt er darin. Die zuverlässigste Methode, die Zukunft vorherzusehen, liegt also im Verstehen der Gegenwart. Das klingt ganz einfach. Oder?

Doch wer sagt uns denn, was gerade wichtig ist? Es sind die Medien. Durch sie erfahren wir das Allermeiste über die Welt und ihren Zustand. Medien haben eine einfache Dienstleistung zu erbringen, nämlich die Gegenwart so verstehbar und damit erschließbar zu machen, dass in ihr Entscheidungen von möglichst vielen Menschen getroffen werden können. Nicht Meinungsmache, sondern dieser simple Service ist gemeint, wenn man sagt, dass die Medien "die Agenda vorgeben sollen".

Das Wort Agenda bedeutet auf Deutsch so viel wie "das zu Treibende", also das, was zu erledigen ist. Eine Agenda ist das Wichtigste mit Ausrufezeichen dran, eine Schlagzeile, die Top-News, die Prioritätenliste. Wer keine Agenda hat, der ist bedeutungslos, der hat nichts zu sagen und zu melden. Im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Zustimmung, der in der Ranking-Kultur für alle gilt, geht es darum, dass jede Interessengruppe ihre Agenda vermittelt.

Die Kommunikationswissenschaft nennt das Agenda-Setting. Das ist die Disziplin von der professionellen Wichtigmacherei. Wo man was treibt, gibt es auch Getriebene.

4.
Agenda-Setter

Nun gibt es viele, die ihre Anliegen in die Öffentlichkeit bringen wollen. Unternehmen, Parteien, Religionen, Bürgerinitiativen und auch all jene, die diese Interessengruppen kritisch begleiten. Wer seine Agenda mithilfe der Medien vermitteln kann, ist klar im Vorteil. Letztlich entscheidet das, so sagt man, darüber, ob man den Zugriff auf die Budgets der Verbraucher, ihre Steuergelder und damit auf Macht und Einfluss erhält. Wer seine Themen verkauft und nach vorn bringt, ist wichtig. Nun führt das zu allerlei Irritationen, etwa der, dass die Vermittler der Agenden anderer Leute, die Journalisten, sich zuweilen für mindestens genau so wichtig halten wie die Inhalte, die sie verbreiten.

Dabei sind sie bloß Zwischenhändler von Prioritäten, die sie als Geschichten, Meldungen und Schlagzeilen unter die Leute bringen. Und, was noch wichtiger ist, ihr Einfluss auf das, was die Menschen denken, die ihre Geschichten konsumieren, ist überschaubar.

Seit den späten sechziger Jahren zeigt die Agenda-Setting-Forschung, ein Teilbereich der Kommunikationswissenschaft, dass die Wirkung von Themen, die in den Medien im Vordergrund stehen, selten die Einstellung der Leute verändert. Die Menschen ändern ihr Denken nicht, weil sie sich über Fernsehen und Internet, Zeitung und Radio informieren. Allerdings lassen sich die Rezipienten durchaus dazu hinreißen, dass sie das, was die Medien für wichtig und relevant halten, auch selbst als wichtig und relevant anführen.

Wenn man einen Bundesbürger zum Höhepunkt der Berichterstattung über die Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 gefragt hätte, was denn nun wichtig sei, hätte er mit großer Sicherheit geantwortet: die Finanzkrise. Das hat aber nicht sehr viel damit zu tun, ob diese Krise sein Leben bereits beeinflusst hatte oder noch beeinflussen sollte. An vielen ging die Krise nämlich einfach vorbei.

Ganz ähnlich zeichnet sich die Entwicklung bei der Eurokrise ab. Seit 2011 dominiert das Thema die Schlagzeilen - nur gelegentlich unterbrochen von einem gekenterten Kreuzfahrtschiff und in Kalamitäten geratenen Staatsoberhäuptern. Dabei entstehen regelrechte Parallelgesellschaften. In der einen wird eine Krise bis ins kleinste Detail gezeichnet und als wichtigste Erscheinung unserer Zeit und der Zukunft gemalt. Auf der anderen Seite verändert sich im Leben der Menschen wenig bis nichts. Im Schlagschatten des großen Theaters taucht dann die Meldung vom Export-Rekordjahr 2011 - eine Billion Euro! - kurz auf.

Dabei geht es nicht um die Überbetonung der "bad news", die, einer alten Zeitungsweisheit zufolge, die eigentlich guten, weil besser verkäuflichen Nachrichten sind, sondern darum, dass das ganze Agenda-Setting am Leben der Leute und dem, was für sie wichtig ist, ziemlich weiträumig vorbeigeht. 1973 untersuchte der amerikanische Kommunikationsforscher G. Ray Funkhouser in seiner Studie die Medienberichterstattung führender US-Magazine wie "Time" und "Newsweek". Die Sechziger waren in den USA eine Zeit grandioser Umbrüche und Ausrufezeichen: John F. Kennedy! Die Kubakrise! Der Kalte Krieg! Apollo! Martin Luther King! Marsch auf Washington! Robert Kennedy! Hippies! Drogen! Beat! Vietnam! Das Jahrzehnt der Extreme.

Das sind gute Zeiten für Wichtigmacher. Aber wie, fragte Funkhouser, ging denn das mit dem Leben der Leute zusammen, was war in deren Leben zu dieser Zeit wichtig? Das Ergebnis seiner Studie "The Issues of the Sixties" war bemerkenswert: "Nur in seltenen Fällen entsprach die Entwicklung der Berichterstattungsintensität ungefähr dem tatsächlichen Ausmaß der ,wirklichen' Entwicklung", schreiben die Kommunikationswissenschaftler Michael Kunczik und Astrid Zipfel in ihrem Studienhandbuch "Publizistik". Beispielsweise berichteten die Medien über die Bürgerrechtsbewegung oder den Vietnamkrieg am meisten, als diese Ereignisse noch gar nicht ihren Höhepunkt erreicht hatten. Zwischen medialer Agenda und realen Ereignissen klafften oft einige Jahre. Was die Menschen erlebten und was die Medien schrieben, war merkwürdig asynchron oder verhielt sich in der Lebenswirklichkeit völlig anders.

In Deutschland war es der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger, der Funkhousers Thesen an einem medialen Superthema der siebziger Jahre bestätigte: der Ölkrise. In den Jahren 1973 und 1974 führten die Regierungen nahezu aller westlichen Staaten teils rigorose Beschränkungen beim Verbrauch von Benzin, Diesel und Heizöl ein. Autofreie Tage wurden verordnet. Das war die Folge einer Förderbeschränkung der in der Organisation der Erdöl exportierenden Staaten (OPEC) versammelten Länder als Reaktion auf den israelisch-arabischen Jom-Kippur-Krieg vom Oktober 1973. Durch die Drosselung der Fördermengen stieg der Rohölpreis in kurzer Zeit um mehr als 70 Prozent.

5.
Daueralarm

Die Ölkrise gilt als wichtige Zäsur der Nachkriegsgeschichte. Mit ihr endete die Phase der Sonderkonjunktur und des - schon lange zuvor deutlich abgeschwächten - Wirtschaftswunders endgültig. Kepplinger verglich nun die in die Medien und längst auch in die meisten Geschichtsbücher eingegangene offizielle Relevanz des Ereignisses mit den realen Auswirkungen auf die Bevölkerung und kam zum Schluss: "Es gab keine Ölkrise in der BRD." Zum Höhepunkt der Ölkrise im Jahr 1973, so hat Kepplinger es nachgewiesen, verbrauchte man in Deutschland mehr Öl als im Jahr zuvor und im Jahr danach. Es gab weder eine ernste Versorgungskrise noch eine Situation, die den Aufwand von Politik und Behörden, Energie-Lobbys und Umweltverbänden gerechtfertigt hätte. Doch jede Gruppe hatte Interesse an dem Theater: die einen, um Preiserhöhungen zu rechtfertigen, die anderen, um die Stärke von Staat und Politik zu demonstrieren, und die Medien, weil das einfach eine tolle Geschichte war - und blieb. Seit der Ölkrise stehen Umwelt- und Ressourcen-Themen ganz oben auf der Medien-Agenda.

Und immer wieder zeigen Umfragen, dass die Menschen für wichtig halten, was die Medien ihnen vorgeben. Doch mehr auch nicht. Die Agenda-Setting-Forschung widerlegt die Vorstellung einer kollektiven Gehirnwäsche. Die Menschen sagen zwar, dass ihnen bestimmte Themen wichtig seien, weil sie darüber viel hören und lesen. Doch das ist ungefähr so, als fragte man die Leute, welches Fernsehprogramm sie samstagabends gucken.

Dieter Bohlen? Kenn ich nicht. Ich guck' Arte oder 3sat. Was ist "Bild"? Ich kenn' nur die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Die Vorstellung, man müsse nur mal die Leute fragen, und schon wisse man, was ihnen wichtig sei, ist entweder naiv oder eine absichtsvolle Manipulation. Die Medien-Agenda und die Publikums-Agenda stimmen jedenfalls nicht miteinander überein. Stell dir vor, es ist Krise, und keiner geht hin.

Die Medien und die Lobbys merken das. Sie erhöhen die Lautstärke und die Frequenz. Bald, so Kepplinger, ist die "Aufnahmekapazität der Rezipienten" beim besten Willen überschritten. Ständig würden "neue Probleme die alten Probleme verdrängen". Welcher Skandal, welche Krise ist gerade aktuell? Die Leute sind genervt und "verlieren das Interesse an den Problemen und an der Problemlösung", schreibt Kepplinger in seinem Buch "Realitätskonstruktionen". Der Eindruck entsteht, dass es den Medien und der Politik nur ums Problem geht, nicht mehr um die Lösung. Sie wirken unglaubwürdig. Die reden nur rum.

Das ist der Preis für anhaltenden Alarmismus.Den Leuten werden ständig Prioritäten vorgesetzt, die mit den Dingen, die für ihr Leben wichtig sind, wenig zu tun haben. Darauf reagieren die Agenda-Setter mit mehr Krawall und noch lauterem Alarm. Genervt sagen die Leute: Okay, okay, ich sehe das Problem. Tatsächlich haben sie längst auf Durchzug geschaltet. Wer sich wichtig macht, hat noch nicht überzeugt. Und den Problemen ergeht es wie den Leuten: Sie werden nicht ernst genommen.

6.
Problemzonen

Dabei wäre einiges zu tun. Aber vielleicht stimmt ja auch etwas nicht mit unserer Prioritätenliste. Es gab Zeiten, da einigten sich Gemeinschaften auf Ziele. Das ist lang vorbei. Heute einigt man sich auf Probleme, die gelöst werden müssen. Aber nichts bewegt sich. Lösungsstillstand nennt man das. Das war so nicht geplant, im Gegenteil.

Angesichts der Katastrophe der Weltkriege war die im Juni 1945 erfolgte Gründung der Vereinten Nationen auch ein Versprechen der Völker, die großen Probleme der Menschheit gemeinsam anzupacken. Man musste reden, verhandeln, umso mehr, als es mit der Atombombe eine neue, sehr bedeutende Größenordnung in der Welt gab.

Eine gemeinsame Agenda sollte erstellt werden, systematisch sollten die großen Probleme der Welt benannt, analysiert und beseitigt werden. Fast immer wurde dazu eine neue UN-Unter-, Neben-, Tochter- oder Sonderorganisation gegründet: 1946 das Kinderhilfswerk Unicef etwa oder zwei Jahre später die Weltgesundheitsorganisation WHO und als damals aktuelle Antwort auf das Weltenergieproblem 1957 die Internationale Atomenergiebehörde IAEA.

Probleme sind ein nachwachsender Rohstoff. Hinter jedem Problem, das man erkannte und benannte, wuchsen zehn neue nach. Die Welt schien immer schlechter zu werden.

Doch das ist eine populäre Täuschung. Denn das Gegenteil ist der Fall. Es wurden unaufhörlich Probleme gelöst. Die rasante Entwicklung der Gesellschaft und eine robuste, selbstbewusste Ökonomie hakten zügig viele Punkte auf der Agenda ab. Dadurch wiederum konnten sich Bürger in wohlhabenden Staaten wichtig machen. Sie konnten persönliche Probleme wie auch solche von Minoritäten formulieren. Für ihre Eltern wäre das undenkbar gewesen, nicht nur der Konventionen wegen. Die hatten schlicht auch nicht so viel Zeit, sich um all die möglichen Probleme zu kümmern. Es war nicht alles, nicht jeder so wichtig. Je mehr Zeit und Möglichkeiten man hat, desto mehr Probleme kann man auf seine Agenda packen. Dass so viel wichtig wurde, ist ein gutes Zeichen. Der Wohlstand macht es möglich, dass wir uns mit unseren Problemen - und damit auch mit uns selbst - stärker beschäftigen können. Und eine Welt, die munter weiter Probleme sammelt und verwaltet, wie die Vielzahl weiterhin anschwellender Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen beweist, steht ganz gewiss nicht an der Schwelle zum Untergang. Der Zustand der Welt ist besser als gedacht - aber nicht gut genug. Warum werden die großen Weltprobleme nicht endlich angepackt und gelöst?

7.
Echt wichtig

Das fragte sich der dänische Politologe Bjørn Lomborg vor zehn Jahren. Vielleicht, so meinte er, weil die falschen Leute sich um Lösungen kümmern. Spezialisten, die weniger von der Lösung, sondern mehr vom Problem leben. Das ist kein Vorwurf, sondern eine recht normale Entwicklung. Deshalb regte Lomborg im Jahr 2004 ein bemerkenswertes Gedankenexperiment an. Angenommen, zusätzlich zu den bereits vorhandenen Hilfsmitteln für die Lösung großer Probleme wie etwa Hunger, Krankheiten und Klimaschutz hätte man eine Summe von 50 Milliarden Dollar zur Verfügung: Wo würde dieses ansehnliche Extrabudget den größten Nutzen entfalten? Und ließe sich dieser Nutzen ausrechnen?

Lomborg lud mit seinen Partnern von der dänischen Regierung und dem Magazin "Economist" führende Ökonomen ein, die ausrechnen sollten, auf welchen Feldern das Geld am besten aufgehoben war. Wie viele Menschen konnte man nachhaltig satt und gesund machen? Wie viele Leben konnten gerettet werden? Darum sollte es gehen. Bei diesem sogenannten Copenhagen Consensus bedienten sich die Ökonomen einer kühlen Kosten-Nutzen-Analyse, eines Instruments, das auf dem moralisch besetzten Weltproblemmarkt umstritten ist. Dafür liefert es nüchterne Ergebnisse. Man fragt: Lohnt sich der Aufwand wirklich, so viel Geld in dieses oder jenes Problem zu stecken? Wird es dadurch wirklich gelöst, oder entstehen Folgekosten? Und: Was bringt es wirtschaftlich betrachtet, eines der großen Probleme anzupacken und zu lösen?

Sehr kosteneffizient sind nach Ansicht der Ökonomen demnach Investitionen in den Kampf gegen Aids, die Unter- und die Mangelernährung. Aber fast genauso gut wäre es, wenn man mit Handelsliberalisierungen den Nationen der Dritten Welt eine Chance gäbe, sich selbstständig und aus eigener Kraft auf den internationalen Märkten zu entwickeln. Mehr Handel bedeutet mehr Jobs, bessere Bildung, mehr Kaufkraft - und damit weniger Armut, Elend und Krankheit.

Auch die Experten der Welthandelsorganisation WTO haben längst ausgerechnet, dass ein besserer Marktzugang für Schwellen- und Entwicklungsländer oberste Priorität bei der Lösung von Weltproblemen besitzt. Freie Märkte können Gesundheit und Wohlstand fördern. Das Thema ist allerdings nicht massenkompatibel. Schockierende Nachrichten lassen sich mit hungernden Kindern, Natur- und Umweltkatastrophen produzieren. Aber mit freier Wirtschaft? Ist die wichtig?

8.
Problemlagen

Was sich dramatisch verkaufen lässt, hat selten Folgen. Was uns zur Primetime langweilt oder etwas Grundbildung in Ökonomie voraussetzt, wirkt zwar, geht aber im Gähnen müder Westler unter. Die sind müde, weil sie versuchen, mit Modellen und Methoden den ganzen Tag lang den Pudding an die Wand zu nageln, also mit einfachen Ursache-Wirkung-Modellen Prioritäten zu setzen. Das ist ebenso anstrengend wie sinnlos. Die großen Probleme brauchen solche Verzweiflungstaten nicht, sie brauchen keine Agenda, sondern neue Zugänge und Sichtweisen - ein neues Verständnis dafür, dass nicht alles relevant ist, was nahe liegend erscheint. Wir müssen lernen, mit Komplexität zu leben, und das heißt: Zusammenhänge zu verstehen. Die Frage "Was ist relevant?" heißt dann nicht mehr: Was können wir weglassen?, sondern: Was ist sonst noch da? Womit hat es (noch) zu tun? Was steckt hinter dem Offensichtlichen? Die alten Wichtigmacher gaukeln uns Alternativlosigkeit vor. Doch eine übersichtliche, geordnete, auf das sogenannte "Wesentliche" reduzierte Welt ohne Alternative ist keine Lösung, sondern das Problem.

Das sollte man wissen, sagt Nico Stehr, Kulturwissenschaftler und Professor an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Die meisten Probleme sind heute "wicked problems, verzwickte Angelegenheiten, vielschichtige Vorgänge, die man nicht einfach irgendwo anfassen kann und damit erledigen. Aber Politik, Medien und unsere Kultur tun so, als ob man Armut, Drogen, Krieg, Arbeitslosigkeit und Klimawandel nur beim Schopf packen müsse, also ernsthaft anpacken, und schon würde alles gut. Man braucht nur genügend Geld und Material, politische Entschlossenheit - und alles lässt sich lösen. Aber das ist falsch", sagt Nico Stehr.

Am Beispiel Klimawandel werde das klar: "Da geht es um global unterschiedlich verteilte Ressourcen. Es geht um Menschenwürde. Um ein Bevölkerungsproblem. Um eine Energiefrage. Um eine Vielzahl technischer Probleme. Es geht um ein Wirtschaftsproblem und - neben vielen anderen Bereichen - auch um ein Umweltproblem."

Was fürs Klima gilt, ist auch in der Krise so. Es geht um Staatsschulden, Reformen des Sozialstaats, um Ausgabenpolitik, eine sichere und stabile Währung, um Chancen für Jugendliche, um einen verlässlichen Gesellschaftsvertrag, um nachhaltige Entwicklung der Haushalte, um Kaufkraft, Konsum, Vertrauen und vieles mehr. Was davon hat oberste Priorität? Alles. Aber unser Wissen und unser Können reichen nicht aus, um damit nach altbewährter Methode - Problem erkannt, Gefahr gebannt - fertig zu werden. "Wenn dann klar ist, dass man mit den alten, einfachen Lösungen keinen Schritt weiterkommt, dann sagen Politiker: Wir erklären dem Problem den Krieg. Immer wenn dieser Satz fällt, heißt das: Wir haben keine Ahnung, wie wir mit den Sachen fertig werden sollen", sagt Stehr.

Die Wichtigmacher können allerdings Kriege erklären, wem sie wollen - es wird der Sache nichts nützen, höchstens der eigenen Legitimation. Und auch das liegt an uns: Solange wir glauben, dass andere Leute uns die Prioritäten setzen können, müssen wir als relevant erachten, was andere uns wichtig machen. Das führt in Sackgassen. Dabei kommt nichts heraus.

Nico Stehr empfiehlt andere Routen zum Ziel: "Alle reden nur von Hauptsachen. Vom Wichtigsten. Von dem Problem, das man mit der Lösung in den Griff kriegen kann. Doch die meisten Problemlagen lassen sich sehr gut durch Nebenwege entspannen", meint der Wissenschaftler. Manchmal ist mehr besser als weniger. Da geht es um das, was hinten rauskommt, oder, wie es Kant so schön sagte: um die Vielheit der Folgen.

Die Größe kommt dann ganz von allein. -

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