Ausgabe 03/2012 - Schwerpunkt Relevanz

Hab, aber Gut?

brand eins: Frau Gänß, Sie haben jeden einzelnen Gegenstand, den Sie besitzen, fotografiert und statistisch ausgewertet. Warum haben Sie das gemacht?

Ich wollte wissen, was ich alles besitze, wie und warum ich meinen Besitz nutze und welche Gegenstände für mich selbst relevant sind. Ich sehe darin eine Art Selbstversuch, der für meine Arbeit wichtig ist. Ich bin Architektin und Designerin und habe irgendwann angefangen, mich zu fragen, was für mich selbst die Legitimation ist, einen Naturstoff zu verbrauchen, um ein Möbelstück, etwa einen Hocker, herzustellen. Ich habe mich gefragt: Ab wann darfst du das? Soll für den Hocker ein Baum gefällt werden? Ich bin davon überzeugt, das darf nur sein, wenn er irgendeinen Fortschritt im Design bringt oder etwas besser kann als die unzähligen Hocker, die es vor ihm gab.

Was hat das alles mit Ihrem Hausstand zu tun?

Man muss wissen, wie die Gegenstände tatsächlich genutzt werden. Nur dann hat man ein Gefühl dafür, ob neue Dinge notwendig sind. Also habe ich erst einmal bei mir selbst nachgesehen. Ich musste feststellen, dass ich keine Ahnung hatte, was bei mir alles in den Schränken schlummert. Ich wusste auch nicht, wie ich die Dinge genau benutze oder welche für mich relevant sind. Die Ergebnisse haben mich ziemlich schockiert.

Wie viele Gegenstände besitzen Sie?

2506.

Das ist wenig. Der Durchschnittseuropäer soll 10 000 Dinge besitzen.

Ich habe diese Zahl auch gelesen, und wenn sie denn stimmt, dann ist das wirklich irre. Meine 2506 Dinge sind immer noch viel zu viele. Ich kann das nach meinem Selbstversuch mehr als nur so dahersagen, ich kann es durch Zahlen belegen. Ich habe gemeinsam mit meinem Kollegen Marc Rother die Gegenstände in die Kategorien "lebens- und arbeitsnotwendig", "Luxus und statusrelevant" unterteilt und auch meine persönliche Nutzung untersucht. Das Ergebnis war, dass ich fast die Hälfte meiner Dinge nie bis fast nie benutze. Das fand ich krass.

So tragisch ist das doch nun auch nicht.

Doch, finde ich schon. Mir war nicht klar, dass ich so zugemüllt bin von den Dingen um mich herum. Das hat mir gezeigt, dass ich mich eigentlich nicht richtig mit all den Sachen auseinandergesetzt habe. Erst durch meinen Versuch konnte ich die Gegenstände für mich definieren und die Relevanz festlegen.

Der Besitz sagt vieles über den Besitzer aus. Was sagen Ihre Dinge über Sie?

Die Person, die hinter den Dingen erkennbar ist, hat noch kein bewusstes Konsumschema. Und es stimmt: Die Dinge haben sich einfach um mich herum angehäuft. Sie sind irgendwann irgendwie zu mir gekommen, dabei hätte es anders herum sein müssen.

Was lässt sich noch ableiten?

Man sieht etwa, dass diese Person als Kind eine musikalische Ausbildung genossen hat. Sie besitzt eine Blockflöte und eine Altflöte, die klassischen Instrumente. Daran könnte man ablesen, dass die Person aus einem eher bürgerlichen Elternhaus kommt, in dem auf Musikunterricht Wert gelegt wurde. Man sieht weiterhin, dass es sich um einen Menschen handelt, der viel mit den Händen arbeitet und sich künstlerisch betätigt. Es sind drei Acetonflaschen zu sehen, Holzkleber, Farben, Bohrer und andere Werkzeuge. Die brauche ich, wenn ich Prototypen von Möbelstücken baue.

Interessant ist auch, was man nicht sieht. Sie haben kein Auto, kein Fahrrad und auch keinen Fernseher.

Stimmt. Zu was für einem Menschen macht mich das?

Sagen wir: zu einem, der sich von den meisten Menschen unterscheidet.

Kann sein, aber ich sehe mich absolut als durchschnittlichen Konsummenschen. Natürlich bilden die Fotos auch eher meine Vergangenheit ab als meine Gegenwart. Viele Gegenstände sind ja seit Jahren in meinem Besitz.

Gehen wir ins Bad. Was sehen wir?

Unter anderem die Hausapotheke, an der man erkennt, dass die Person mit der klassischen Schulmedizin nicht sehr viel anfangen kann. Bis auf Aspirin hat sie nur homöopathische Arzneimittel, also Bachblütentropfen und so etwas. Auch die ganzen Cremes und Tuben, die man da sieht, sind Naturprodukte.

Sie scheinen ein Mensch zu sein, der eher bio ist und sich sehr bewusst verhält. Das spricht gegen die Annahme, Sie hätten kein Konsumschema.

Das könnte man auf den ersten Blick meinen, und eigentlich hätte ich das auch gedacht. Aber ich verhalte mich trotzdem widersprüchlich. Ich habe 40 Schals! Das ist doch verrückt! Ein anderes Beispiel: Ich lehne Gegenstände aus Kunststoff ab, trotzdem ist von der Zahl her ein Drittel meines Besitzes aus Kunststoff. Die Gesamtauswertung hat ergeben, dass gerade mal 15,4 Prozent meiner Dinge lebensnotwendig sind, ich aber nur 72 Prozent dieser Gegenstände tatsächlich häufig benutze. Am erstaunlichsten fand ich, dass ich 54 Prozent aller Luxusgegenstände, die fast die Hälfte meines Besitzes ausmachen, erneut kaufen würde, obwohl ich nur 15 Prozent dieser Luxusgegenstände tatsächlich häufiger nutze. Das gibt mir ziemlich zu denken.

Welche Schlüsse haben Sie aus Ihrem Selbstversuch gezogen?

Ich frage mich sehr viel bewusster, was ich wirklich brauche und was nicht, bevor ich mir neue Dinge anschaffe. Und ich kann mich jetzt sehr viel leichter von Dingen trennen als vorher. Wenn Sie also einen Schal brauchen ...

Zahl aller Gegenstände 2506

Länge aller Teile in Meter 903

Durchschnittsalter der Gegenstände in Jahren 7,1

Fläche aller Teile in Quadratmeter 273

Gewicht aller Gegenstände in Kilogramm 3575

Durchschnittsgewicht eines Gegenstandes in Kilogramm 1,4

Wert aller Gegenstände in Euro 52 922

Durchschnittspreis eines Gegenstandes in Euro 21,12

Durchschnittspreis eines Gegenstandes aus Glas in Euro 9,1

Durchschnittspreis eines Gegenstandes aus Materialverbund in Euro 485,6

Durchschnittspreis eines Gegenstandes aus Holz in Euro 51,4

Durchschnittspreis eines Gegenstandes aus Naturfaser in Euro 14,2

Anteil der gekauften Gegenstände der Kategorie "lebensnotwendig" in Prozent 18,4

Anteil der gekauften Gegenstände der Kategorie "Luxus" in Prozent 44,7

Anteil der selbst gemachten Gegenstände der Kategorie "lebensnotwendig" in Prozent 5,7

Anteil der selbst gemachten Gegenstände der Kategorie "Luxus" in Prozent 46,4

Zahl der Gegenstände mit mindestens einmaliger monatlicher Nutzung 1073

Zahl der Gegenstände, die Frau Gänß erneut kaufen würde 1874

Anteil der nie bis fast nie genutzten Gegenstände in Prozent 46,5

Anteil der sporadisch genutzten Gegenstände in Prozent 27,1

Anteil der regelmäßig genutzten Gegenstände in Prozent 26,4

Anteil der fast nie genutzten Gegenstände im Badezimmer in Prozent 12,9

Anteil häufig genutzter Gegenstände im Badezimmer in Prozent 80,0

Anteil der fast nie genutzten Gegenstände im Büro in Prozent 63,4

Anteil der häufig genutzten Gegenstände im Büro in Prozent 13,3

Quelle: Auswahl statistischer Auswertungen von Henrike Stefanie Gänß

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