Ausgabe 03/2012 - Schwerpunkt Relevanz

Das ausgelagerte Gehirn

Denkwerkzeuge

Der Trend geht zum Zweitgedächtnis

Der berühmte deutsche Soziologe Niklas Luhmann verfasste 1992, sechs Jahre vor seinem Tod, einen Erfahrungsbericht mit dem Titel "Kommunikation mit Zettelkästen". Er beschrieb, wie er sein Wissen verwaltet. Um Ideen, Notizen und Zitate so zu archivieren, dass sie sich bei Bedarf leicht auffinden lassen, notierte er sie auf Zettel und sortierte sie in hölzerne Kästen ein, die im Laufe der Jahre immer mehr Platz in seinem Arbeitszimmer beanspruchten. Ein alphabetisch geordneter Schlagwortindex half ihm bei der Suche nach einer bestimmten Notiz. Er versah die Zettel außerdem mit einem ausgeklügelten Nummernsystem, das endlos erweiterbar war und Querverweise zwischen den einzelnen Notizen erlaubte. Immer wenn er sein Archiv zu einem bestimmten Thema befragte, konnte er dadurch mit einem Blatt beginnen und sich über dessen Verknüpfungen durch die Weiten seiner Sammlung arbeiten und so neue Zusammenhänge entdecken. "Als Ergebnis längerer Arbeit mit dieser Technik", schrieb Luhmann, "entsteht eine Art Zweitgedächtnis, ein Alter Ego, mit dem man laufend kommunizieren kann." Der Zettelkasten verwaltete also nicht nur Wissen, sondern unterstützte auch die Kreativität seines Erfinders.

Luhmanns Arbeitsweise würde in der Fachsprache von heute unter den Oberbegriff "Persönliches Wissensmanagement" fallen. Er bezeichnet all jene Techniken, die Menschen helfen, sich selbst und ihre umfangreichen Kenntnisse geschickt zu organisieren. Dazu zählt das Selbstmanagement, also die Fähigkeit, die eigene Entwicklung - beruflich wie privat - bewusst zu steuern. Daneben spielen Denkwerkzeuge eine entscheidende Rolle. Sie gewinnen stetig an Bedeutung, ist unser Gehirn doch nicht dafür geschaffen, den nie abreißenden Informationsfluss zu verarbeiten, mit dem wir es heutzutage zu tun haben. Die Speicherung des Erfahrenen ist dabei nicht einmal das Problem. Das menschliche Langzeitgedächtnis ist quasi unbegrenzt. Das Abrufen der zahlreichen Informationen, die wir für die Lösung komplexer Probleme brauchen, hingegen überfordert uns. Unser Arbeitsgedächtnis reicht dafür nicht aus. Um aus der Masse der gespeicherten Informationen die relevanten auszuwählen und im richtigen Moment parat zu haben, brauchen wir Werkzeuge, die unseren Kopf entlasten. Das können Zettelkästen sein, wie Luhmann sie verwendete, aber auch persönliche Wikis (ein selbst angelegtes Internet-Lexikon, quasi die Online-Version des Zettelkasten-Systems) oder sogenannte Mapping-Verfahren.

(Niklas Luhmann: Kommunikation mit Zettelkästen - ein Erfahrungsbericht. In: Niklas Luhmann, André Kieserling: Universität als Milieu. Kleine Schriften, Haux, Bielefeld; 1992)

Mind-Maps

Hierarchie macht kreativ

Schon in den Siebzigern entwickelte der Mentaltrainer Tony Buzan die Idee der Mind-Map, einer Art Landkarte der Gedanken. Um eine solche zu erstellen, nimmt man sich ein Blatt Papier und schreibt als Erstes das zentrale Thema in einen Kreis in der Seitenmitte. Von dort aus lässt man Äste abzweigen, an deren Enden untergeordnete Aspekte notiert werden und von denen neue Linien ausgehen, die zu weiteren Gedanken führen. So entstehen mehrere Ebenen und damit eine gewisse Ordnung. Mind-Maps wurden ursprünglich als Kreativtechnik eingesetzt. Mit ihrer Hilfe können beim Brainstorming gesammelte Ideen schnell notiert und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Zudem erleichtern die Karten das Verständnis komplexer Inhalte, indem sie Themengebiete oder Texte aufgliedern. Die Stärke von Mind-Maps liegt außerdem in ihrer streng hierarchischen Ordnung. Dadurch sind sie leicht erfassbar und gut dafür geeignet, einen Überblick zu bieten.

(Tools für die Erstellung computerbasierter Mind-Maps sind: 1. Mind-Manager: Marktführer, www.mindjet.com/; 2. FreeMind, Open Source, www.freemind.sourceforge.net/; 3. MindMeister, www.mindmeister.com/)

Heiko Haller

Architekt für Gedankenwelten

Die Dose steht auf Grün. Das bedeutet: Heiko Haller ist gesprächsbereit. Er sitzt im schwarzen Rollkragenpullover an seinem Schreibtisch in einem Karlsruher Bürohaus. Direkt gegenüber ist ein Kollege mit Programmieren beschäftigt. Er hat wie Haller eine auf Papier gedruckte Ampel auf dem Tisch liegen. Seine Dose steht auf dem roten Feld. Um ihn nicht zu stören, schlägt Haller vor, das Gespräch in einem Café fortzusetzen. "Seit wir diese Ampeln haben, ist unser Arbeitstag effektiver", sagt er unterwegs.

Haller beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Frage, wie sich die Produktivität von Wissensarbeitern steigern lässt. Visualisierungen, ist er überzeugt, machen vieles leichter. Die Ampel ist nur ein winziges Beispiel. Weitaus wichtiger findet Haller solche Visualisierungen, die seinem tiefen Bedürfnis nach Überblick gerecht werden. "Ob in der Schule oder an der Uni immer wünschte ich mir, ich könnte mich aus dem Lernstoff herauszoomen und aus der Entfernung sehen, wie alle Informationen miteinander zusammenhängen."

Das war der Grund, warum Haller begann, sich mit der räumlich-visuellen Darstellung von Wissen auf sogenannten Maps auseinanderzusetzen. Deren bestechender Vorteil: "Wir können unseren natürlichen Orientierungssinn benutzen, um uns im Wissensraum zurechtzufinden." In seiner Diplomarbeit im Fach Psychologie beschäftigte sich Haller mit den verschiedenen Mapping-Verfahren. Er zeigte auf, dass sich einige der Wissenslandkarten besonders gut dazu eignen, Ideen und Notizen aufzunehmen und zu organisieren, während andere dazu dienen, komplexe Beziehungsgeflechte übersichtlich darzustellen. Für seine Doktorarbeit im Fach Informatik entwickelte er ein Programm, das die Vorteile der verschiedenen Ansätze in einer neuen Mapping-Variante vereinte. Mit der Firma Calpano bietet er auch Software für Zeit- und Aufgabenmanagement an.

(www.heikohaller.de)

Concept Maps

Ein Netz, das Klarheit schafft

Komplexer als Mind-Maps sind sogenannte Concept-Maps. Sie besitzen die Grundstruktur eines Netzes, bestehen aus einzelnen Knoten und Verbindungen. Charakteristisch ist, dass sie zeigen, in welcher Beziehung die einzelnen Elemente zueinander stehen.

Da diese Art Gedankenkarte nicht so streng hierarchisch strukturiert ist wie eine Mind-Map und kein eindeutiges Zentrum hat, ist sie schwerer zu überblicken. Dafür bietet sie mehr Ausdrucksmöglichkeiten. Mit einer Concept-Map ließe sich beispielsweise das komplizierte Beziehungsgeflecht aller in einem Roman vorkommenden Figuren darstellen. Eine Mind-Map hingegen kann nur den Stammbaum einer Familie abbilden. Ein Beispiel aus der Praxis verdeutlicht die Einsatzmöglichkeiten: Eine auf Bandenkriminalität spezialisierte Einheit der deutschen Polizei arbeitet mit Concept-Maps, um die Beziehungen zwischen verschiedenen Akteuren und Straftaten zu visualisieren. Auf diese Weise werden Zusammenhänge sichtbar, die zur Überführung der Beteiligten führen können.

Concept-Maps schaffen nicht nur Ordnung im Informationswirrwarr. Sie entlarven auch unzureichendes Wissen. Sind die Verbindungen zwischen verschiedenen Elementen im Gedankennetz nicht klar, lassen sie sich nicht eindeutig einzeichnen. Das zwingt dazu, Überlegungen zu dem jeweiligen Thema zu vertiefen, eventuell neue Informationen zu beschaffen.

(Tools für die Erstellung einer computerbasierten Concept-Map sind: 1. Inspiration, weit verbreitet, www.inspiration.com; 2. cMap Tools, kostenlos, cmap.ihmc.us)

Heikos Big Map

Wie man 90 000 Quadratmeter Papier spart

Die gängigen Map-Varianten haben Nachteile: Mind-Maps lassen sich schnell erfassen, bleiben aber auf ein einziges Thema beschränkt; Concept-Maps stellen Zusammenhänge zwischen verschiedenen Themen her, doch sie werden ab einer bestimmten Größe zu kompliziert. Heiko Haller suchte nach einer Karte, "die sowohl komplex als auch übersichtlich ist".

Er klappt seinen Laptop auf, startet ein Programm und zeigt dann auf eine Ansammlung bunter Felder, die teilweise miteinander verschachtelt sind. Hier und da erkennt man ein paar Linien und unleserliche Miniaturschrift. "Heikos Big Map" steht oben drüber. "Das ist die Landkarte des Wissens, das ich in den vergangenen zwei Jahren angehäuft habe", sagt er. "Würde man sie so ausdrucken, dass die Schrift gut lesbar ist, bräuchte man 90 000 Quadratmeter Papier."

Als Außenstehender kann man mit dem Gebilde auf Hallers Bildschirm wenig anfangen. "Braucht man ja auch nicht", sagt er. "Das ist mein persönliches Tool." Seine komplette Recherche für die Doktorarbeit, über Konferenzen, Gesprächspartner, Literaturhinweise, einfach alles Interessante, was er in den vergangenen zwei Jahren gehört, gelesen und gesehen hat, ist hier notiert und miteinander verknüpft. Er kann sich spielend leicht orientieren, weiß etwa, dass sich in dem grünen Feld Mitte links die Mitschrift der Konferenz "Mensch und Computer 2009" befindet; und auch, dass er das gelbe Feld heranzoomen müsste, um herauszufinden, von wem noch mal das folgende Zitat stammt: "Die Zukunft ist längst da. Sie ist nur noch nicht gleich verteilt."

Mit Hallers Software werden Informationen wie auf einer Pinnwand angeordnet. Verwandte Themenfelder liegen dicht beieinander oder überlappen sich sogar; es gibt aber auch Freiräume. Diese Variationen in der räumlichen Anordnung sind es, die dem Nutzer Orientierung geben. Anders als eine Concept-Map wächst Hallers Kreation zudem nicht in die Breite, sondern in die Tiefe. In jedes auf der Pinnwand sichtbare Feld kann er sich hineinzoomen und so vom Allgemeinen zum Konkreten gelangen.

Haller kommuniziert mit den eigenen Notizen. "Sie entlasten mein Arbeitsgedächtnis und führen mir komplexe Zusammenhänge vor Augen, derer ich mir gar nicht bewusst war." Die räumliche Anordnung verschaffe ihm den lang ersehnten Überblick über sein Wissen. "Auch eine Map kann nie das lebendige Wissen, das nur im menschlichen Bewusstsein existiert, detailgetreu abbilden", sagt Haller. "Aber sie hilft mir, dieses Wissen zu reaktivieren, wenn ich es brauche."-

(Heikos Big Map als kostenloses Tool: webstart.imapping.info)

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