Ausgabe 08/2012 - Schwerpunkt Nichtstun

Unternehmen lassen

• Zur Einstimmung erzählt Lars Bleibtreu eine Geschichte von einem, der auszog und lernte. "Charles Forster kennt ihr wahrscheinlich nicht?" Zustimmendes Kopfschütteln. "Er stammt aus Boston, 1865 hält er sich in Brasilien auf. Dort sieht er, wie sich die Leute nach dem Essen ihre Zähne mit Holzsplittern aus Orangenbäumen reinigen. Zurück in Boston, lässt er eine Maschine bauen, die solche Hölzer in Massen fertigt, und bietet sie Restaurantbesitzern an. Doch die wollen keine kaufen. Die Dinger kennen sie nicht, und sie können sich auch nicht vorstellen, dass jemand sie brauchen könnte."

Bleibtreu, 35, Lehrer für Sport und Wirtschaft am Berufskolleg Niederberg in Velbert, schaut in die Gesichter von einem Dutzend junger Leute zwischen 15 und 20 Jahren, die gegen ihre Gewohnheit seit gut einer Minute aufmerksam zuhören. "Und jetzt wird's interessant", sagt er. "Forster gibt nämlich nicht auf. Er engagiert gut aussehende Männer und schickt sie durch die Restaurants der Stadt mit dem Auftrag: 'Bestellt nach dem Essen Zahnstocher. Und wenn es keine gibt, beschwert euch.' Kurz darauf ordern alle Restaurantbesitzer bei Forster Zahnstocher."

Was hat diese Geschichte im Lehrplan einer weiterführenden deutschen Schule zu suchen? Ein Gründerzeitkapitalist schafft mit Tricks und Tücke eine künstliche Nachfrage nach einem Produkt, das er nicht mal selbst erfunden und das bis dahin auch niemand vermisst hat. Sollen sich die Jugendlichen daran ein Beispiel nehmen? Wie heißt das Fach überhaupt? Ist das in Ordnung? Ist das eine deutsche Schule?

Es ist ein Experiment. Als Nächstes wird Bleibtreu die Schüler in drei Gruppen aufteilen und ihnen Einkaufstüten reichen. Die Schüler werden sie über ihren Tischen auskippen und erschrocken auf billige Artikel aus einem Ein-Euro-Shop starren. Bleibtreu wird sagen: "Ihr habt 30 Minuten – na, sagen wir 40 Minuten – Zeit, um daraus ein Produkt oder eine Dienstleistung zu basteln. Anschließend präsentiert ihr das Ergebnis. Ihr überlegt euch einen Namen, eine Zielgruppe – wo kann ich es verkaufen? Wie kann ich es bewerben? Was soll es kosten? Alles klar? Dann los."

Lars Bleibtreu ist einer von bislang 700 Lehrern in Deutschland, die sich vom Network For Teaching Entrepreneurship (NFTE) in dreitägigen Workshops haben weiterbilden lassen. Und die seitdem mit ihren Schülern in drei- bis zwölfmonatigen Kursen Ideen für Unternehmensgründungen ausbaldowern. Dabei geht es um Ermutigung. Die Persönlichkeit der Schüler soll gestärkt, ihre individuelle Begabung und ihr Charakter weiterentwickelt werden. Das klingt gut. Aber wollte die Schule das nicht schon immer? So hieß es jedenfalls. Jetzt machen Pädagogen Ernst damit. Ihre Methoden sind neu.

Rosafarbene glitzernde Plastikklunker, Pappteller, Wattestäbchen, Partybecher mit weiß-blauem Bayernmotiv, selbstklebende Notizzettel, grüne, blaue, gelbe Luftballons, pinkfarbene Schüsseln, Wasser abweisende Filzstifte, Gummibänder, holzwolleartiges Verpackungsmaterial und Klebestifte purzeln auf den Tisch. Erst wühlen die Mädchen darin, zögernd folgen die Jungs. Bei den einen sind die meisten Fingernägel unnatürlich lang und verziert, bei den anderen abgekaut. Sie gehören Menschen, die in ihrem Leben bisher vor allem eines gelernt haben: dass sie etwas nicht können.

Sarina und Nathalie, Aykut, Kevin und die anderen haben die Hauptschule besucht. Zwei, drei von ihnen hatten eine Lehrstelle ergattert, scheiterten aber. Am Kolleg sind sie gelandet, nicht weil sie unbedingt wollten, sondern weil sie irgendetwas machen mussten. Offizielles Ziel ist der Realschulabschluss binnen zwei Jahren. Die Klasse zählt 21 Schüler. Niemand findet es offenbar ungewöhnlich, dass heute nur zwölf erschienen sind.

Es tut sich was: Um den Rand eines Papptellers wächst ein Kreis von violetten und rosafarbenen Plastiksteinchen; auf die Fläche malt jemand die Ziffern eins bis zwölf; auf die bald zwei Wattestäbchen zeigen, fixiert von einer Nadel in der Mitte; außen haften schließlich Notizzettel mit Symbolen für Zähneputzen, Essen oder Schlafen. Fertig ist die "Kinderlernuhr Baby Buh". Am Tisch daneben entwickelt sich aus sieben bunten Luftballons und beschrifteten Klebezetteln ein "Kids-Wochenplaner". Der dritte Tisch kann sich auf keine Idee einigen, so entstehen gleich drei Produkte: eine Puppe mit wilder Mähne, ein Musikinstrument nach türkischem Vorbild und eine Spardose mit Frauengesicht auf dem Deckel und zweideutigen Sprüchen, von denen "gib's mir" noch der harmloseste ist.

Bleibtreu raunt: "So konzentriert habe ich euch noch nie arbeiten sehen." Manche grinsen. Bei der Präsentation erzählen Jugendliche, die sonst nur im Unterricht dösen, stören oder stammeln, plötzlich selbstsicher, wortreich und sichtlich begeistert von der eigenen Idee, wie man den Prototyp noch verbessern und unter die Leute bringen könnte.

Aus Frust wird Lust – dank der Arbeit an selbst entwickelten Vorhaben

Was in dieser Stunde passiert, hat Bleibtreu in mehreren Kursen erlebt, und es verändert manche Schüler für immer. Dabei ist das bloß eine Fingerübung. Begonnen haben sie mit einem Besuch im Klettergarten und der Analyse ihrer Stärken und Schwächen vor der gesamten Klasse. Jetzt entwickeln sie über mehrere Monate ein Produkt oder eine Dienstleistung mit allem Drum und Dran: Geschäftsplan, Preiskalkulation, Marketingstrategie. Im vergangenen Jahr entwarf ein Hobbymusiker eine Website, auf der er per Video Gitarrenunterricht gibt. Zwei junge Frauen und ein talentierter Eiskunstläufer organisieren spektakuläre Kindergeburtstage. Einer hat beim Kelleraufräumen alte Fahrräder und sein Händler-Gen entdeckt: Im Winter kauft er alte Räder auf, um sie im Frühjahr in den Niederlanden zum doppelten Preis zu verkaufen.

Der stellvertretende Schulleiter Peter Schwafferts ist begeistert. Die Jugendlichen, sagt er, "kommen mit einem Lebensfrust" hierher, nicht wenige hätten psychische Probleme. "Und dann wachsen sie plötzlich über sich hinaus." Und manchmal springt die neue Lust, etwas zu entwickeln, auch auf andere Fächer über.

Deutsche Hauptschüler gelten als Sorgenkinder, seit den Pisa-Studien auch mittelmäßige Gymnasiasten. Mittlerweile stellen sich grundsätzliche Fragen: Was sollte man lernen, um sich im globalen Wettbewerb zu behaupten? Welches Wissen ist in zehn Jahren gefragt? Das klassische deutsche Bildungssystem hat darauf keine Antwort. Schüler sind überfordert, Lehrer ausgebrannt, viele Lehrstellensuchende "nicht ausbildungsfähig", Arbeitslose "nicht vermittelbar", Erwerbstätige "unflexibel".

Die Politik reagiert halbherzig. Schafft hier und da die Hauptschule ab, strafft das Lerntempo an Gymnasien und Universitäten, stopft den Lehrplan noch voller und bietet für diejenigen, die scheitern, jede Menge Umschulungen an. Solcher Aktionismus geht jedoch an der Ursache der Bildungsmisere vorbei. Man umgeht die zentralen Fragen, deren Beantwortung die Lösung der Probleme wäre: Wie werden Menschen, egal welchen Alters, wissbegierig? Wie weckt man ihr Interesse? Wie hilft man ihnen, etwas zu entdecken, für das sie sich begeistern können?

Das Experiment in Velbert zeigt, was geht. Warum sollten nicht alle Schüler, Studenten, Erwerbstätige und Erwerbslose versuchen, was den vermeintlich Bildungsschwächsten gelingt: spielerisches Unternehmertum, das Entwickeln eigener Stärken und Kreativität mit praktischem Nutzen?

Der Wirtschaft wäre es recht. Arbeitgeberverbände klagen, Schüler würden unzureichend auf den Ernst des Arbeitlebens vorbereitet. Bei der Gründung von Unternehmen tun sich junge Erwachsene hierzulande nachweislich schwer. In der Rangliste des Global Entrepreneurship Monitor, einer jährlichen Erhebung, die Gründungsaktivitäten in rund 60 Staaten miteinander vergleicht, belegt Deutschland regelmäßig einen Platz weit hinten. Die Deutschen, urteilt die internationale Forschergruppe, hätten Angst vor dem Scheitern. Erfolgsaussichten von neuen Unternehmen schätzten sie zunehmend pessimistischer ein als Bürger anderer Staaten. Machten sich vor zehn Jahren unter den 18- bis 24-Jährigen noch 14 von 100 Befragten selbstständig, so sind es heute nur noch drei bis vier.

Woher sollte die Lust am Gründen auch kommen? Die meisten Pädagogen pflegen eine Distanz zur Welt der Wirtschaft, weil sie fürchten, das humanistische Bildungsideal könnte einem schnöden Ökonomismus zum Opfer fallen. Der Schüler soll frei sein in seiner Entfaltung und der Wahl der Berufsausbildung. So sieht es das Grundgesetz vor.

Was aber, wenn Methoden, wie sie von immer mehr unternehmensnahen Stiftungen gefordert und gefördert werden, den Jugendlichen mehr Freiraum zubilligen als die traditionellen? Wenn ein trainierter Unternehmergeist sich leichter Wissen aneignet als der büffelnde Zögling im herrschenden, hierarchisch gegliederten, im Denken der Kaiserzeit wurzelnden Schulwesen?

Das Bildungssystem lässt zu, dass Kinder im Alter von zehn Jahren auf Haupt-, Realschulen oder Gymnasien verteilt werden. Dass Lebenswege so zementiert werden, wie zahlreiche Studien es belegen: Wer unten landet, bleibt meist unten; verborgene, sich erst später entwickelnde Stärken ändern daran wenig. Zugleich wird allen Schülern eingeschärft: Das erstrebenswerteste Ziel im Leben sind bestimmte Ziffern auf einem Blatt Papier.

Die sogenannte Entrepreneurship Education versteht sich als Alternative. Niemand wolle Schüler zur Firmengründung drängen, beteuern Johannes Meier und Jens Prager in dem Buch "Generation Unternehmer?". Gefragt sei indes die Courage zu einer "ganzheitlichen Kultur der Selbstständigkeit", geprägt "von eigenständigem Denken, verantwortlichem Handeln, sozialer Kompetenz, unternehmerischem Mut und vor allem schöpferischer Fantasie".

Die Schule macht Angebote, aber der Schüler entscheidet, was er braucht. Der Lehrer steht ihm bei, nicht mehr vor. Der Lernende als Entdecker und Abenteurer.

Eine gute Methode ist es, Schüler vor scheinbar unlösbare Herausforderungen zu stellen

Das klingt nach Reformpädagogik. Nach "Vom Kinde her"-Philosophie, Laisser-faire ohne Zensuren, nach "Zurück zur Natur", Ausdruckstanz und einem Idealismus, der – so die weitverbreitete Ansicht – lebensuntüchtige, undisziplinierte, dem Faktenwissen abholde Gutmenschen erzeugt.

Stimmt genau. Um diese Pädagogik geht es.

Es ist die wahrscheinlich größte Ironie der Bildungsgeschichte: Reformschulen, seien sie von Rudolf Steiner oder Maria Montessori, Wilhelm von Humboldt oder skandinavischen Vorbildern inspiriert, mussten sich jahrzehntelang des Vorwurfs erwehren, sie produzierten verhätschelte Weicheier. Jetzt erscheinen sie vielen als Ausweg aus der Krise: indem sie Menschen zu Lebenskünstlern im besten Sinne erziehen, zu abenteuerlustigen Kapitänen ihres eigenen Schicksals. Zu Unternehmern statt zu Untertanen. Ideal in einer Welt, in der sich alle scheinbar festen Gewissheiten aufgelöst haben.

Der Einzelne wird erfasst von globalen Umwälzungen, von Finanzkrisen, Klimawandel, dem Aufstieg von Gesellschaften, die man noch vor Kurzem der Dritten Welt zuordnete. Sein Weg lässt sich nicht mehr am Reißbrett planen, Berufsbilder lösen sich auf, die Biografie wird unkalkulierbar. Ein junger Erwerbstätiger darf sich auf ein gutes Dutzend Jobwechsel im Laufe seines Lebens einrichten.

Solchen Herausforderungen begegnen manche Schulen, indem sie noch eigene hinzufügen. Die Stadtteilschule in Hamburg-Winterhude und die Evangelische Schule Berlin Zentrum (ESBZ) schicken ihre Schüler jedes Jahr auf eine dreiwöchige Abenteuerreise. 13- bis 16-Jährige bereiten ihre Herausforderung selbst vor: wandern, radeln, paddeln oder arbeiten auf dem Bauernhof, wo immer sie wollen. Allerdings müssen sie mit 150 Euro auskommen, die ihnen die Eltern zum Abschied in die Hand drücken. Unterwegs lernen die Kinder, wie man Fahrräder repariert, Berge erklimmt und einen Schlafplatz findet; wie lange der Magen Schokolade und Spaghetti mit Tomatensoße erträgt, wie viel Konflikt eine Gruppe aushält, wie sich Erschöpfung, Erfolg, manchmal auch Scheitern anfühlen. Und wie man all das einem großen Publikum erzählt – auf der Bühne, in Bildern, Videos und Texten. Die Projektwochen, das dokumentieren zahlreiche Berichte, verändern die Kinder: Sie kehren selbstbewusster, erfahrener und stärker zurück, weil sie etwas geschafft haben, das sie vorher kaum für möglich gehalten hatten.

Das Projekt ist Teil einer "Bildungsrevolution", die Margret Rasfeld, 61, Leiterin der ESBZ, in Deutschland anzetteln will: "Wir glauben, dass jedes Kind ganz viel kann und besonders ist", sagt sie. "Wir wollen seine Stärken zum Leuchten bringen."

Die Gemeinschaftsschule ist in zwei Ex-DDR-Plattenbauriegeln untergebracht, die unter Mithilfe von Eltern und Schülern umgebaut und gestrichen werden. In jeder Klasse lernen mehrere Jahrgänge gemeinsam, alle Abschlüsse sind möglich. Die Schüler vereinbaren mit dem Tutor in wöchentlichen Zwiegesprächen, welches Thema sie sich vornehmen wollen, bearbeiten Lernkarten und führen ein "Logbuch". Fühlen sie sich fit, referieren sie oder schreiben einen Test. Jedes Halbjahr bilanzieren sie gemeinsam mit ihren Eltern und Lehrern das Erreichte und legen Ziele für die kommenden Monate fest.

Das ist anstrengend. Die in anderen Schulen üblichen Vermeidungsstrategien funktionieren hier nicht: sich in der letzten Reihe verstecken, 45 Minuten absitzen oder durchschlafen, mit möglichst wenig Interesse für den Stoff möglichst gute Noten kassieren. Wer sich immer wieder in Vier-Augen-Gesprächen mit dem Lehrer auf Lernschritte verpflichtet und die Materialien in der Schule bearbeitet, weil es keine Hausaufgaben gibt – der wird zum gläsernen Schüler. Der kann Verantwortung nicht abschieben, der muss für alles selbst einstehen. Was für ein Druck – von Kuschelpädagogik keine Spur.

Jugendliche können dem nur standhalten, wenn sie ermutigt werden, sich untereinander gut verstehen und wenn sie erleben, wozu Wissen gut sein kann. Wenn sie zum Beispiel in Grundschulen in Brennpunktbezirken bei den Hausaufgaben helfen, mit Managern in sogenannten Design-Thinking-Seminaren Probleme lösen, den Schulhof umgestalten, mehrere Monate im Ausland verbringen, Berufspraktika absolvieren, Veränderungen an sich selbst erleben.

Die Berliner Schule gilt als Vorzeigemodell. Margret Rasfeld (siehe brand eins 01/2005) berät die Bundeskanzlerin derzeit beim "Zukunftsdialog" – Bürger sollten sich via Internet zu drei Kernfragen äußern: Wie wollen wir zusammenleben? Wovon wollen wir leben? Wie wollen wir lernen? Bei der letzten Frage erhielt ein Beitrag die größte Zustimmung, der ein "Schulsystem der Zukunft" skizzierte, das sich vom Frontalunterricht löst, selbstständiges Arbeiten in Partner- und Gruppenarbeit fördert und junge Menschen befähigt, sich ihr Leben lang Wissen selbst anzueignen und auf gesellschaftlicher Ebene Verantwortung zu übernehmen.

Reformpädagogik liegt im Trend. Trotz sinkender Schülerzahlen, die dazu führen, dass Schulen geschlossen werden, nimmt die Zahl solcher mit alternativen Lehrmethoden zu. Allein die Zahl der Waldorfschulen hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf mehr als 230 verdoppelt. Eine offizielle Gesamtzahl aller Reformschulen existiert nicht, zählt man jedoch jene zusammen, die sich in den großen Verbänden Waldorf, Montessori, Jenaplan und Freie Alternativschule versammeln, kommt man auf rund 800. Gemessen an der Gesamtheit der allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Deutschland sind das allerdings nicht mal zwei Prozent.

Den Grund für die Skepsis der Mehrheit, sagt der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther, finde man im Frontallappen. In diesem Gehirnareal werden Lebenserfahrungen mit guten oder schlechten Gefühlen markiert und lebenslang gespeichert. Von welchen Schulerlebnissen die meisten Erwachsenen heute noch geprägt seien, sagt Hüther, könne man auf Elternabenden beobachten: Wenn Väter und Mütter sich dem Klassenzimmer ihrer Sprösslinge nähern, durch lange Korridore gehen, den Geruch von Bohnerwachs in der Nase, würden die Gespräche leiser, die Körperhaltungen geduckter. "Das Schlimme ist, dass sie meinen, es müsste so sein." Denn Erlebtes, egal, ob positiv oder negativ, verdichte sich im Laufe der Jahre zu starken inneren Überzeugungen, die die Vorstellungskraft blockierten. Die Generation der Eltern, Lehrer und Kultusbeamten, "die an den negativen Erfahrungen ihrer eigenen Schulzeit noch immer leiden", so Hüther, könne sich unglücklicherweise gar nicht vorstellen, dass ihre Kinder gern in eine Schule gingen, wo sie keinen Lehrplan und Unterrichtsstunden im 45-Minuten-Takt brauchten und "weder Angst vor Lehrern noch vor Lehrkontrollen" hätten.

Eine listige Argumentation: Wer sich gegen Reformschulen ausspricht, ist also mehr oder weniger neurotisch. Wer meint, Druck und Angst seien zwar nicht die schönsten, aber nun mal notwendige Mittel, um Kinder auf das harte, vom Wettbewerb bestimmte Leben vorzubereiten, der ist fremdgesteuert – ein bedauernswertes Opfer seiner unglücklichen Schulvergangenheit.

Doch dieses Urteil entspricht dem Stand der Forschung. Demnach erstickt angstgetriebenes Lernen die Neugier. Wird Lernen indes von positiven Gefühlen begleitet, schütten emotionale Zentren im Gehirn neuroplastische Botenstoffe aus, die die Bildung von Eiweiß anregen, das wiederum Verbindungen zwischen den Nervenzellen aufbaut und stärkt. So bleibt Wissen haften. Begeisterung, sagt Hüther, sei wie "Dünger fürs Gehirn".

Lehrer und Eltern können sich also eigentlich entspannen. Sie müssen bloß bewahren, was das Kind von Natur aus ohnehin schon hat: Entdeckerfreude, Offenheit, Gestaltungslust. Exakt die Eigenschaften, die die Personalchefs der Zukunft suchen werden. "In zehn Jahren", prophezeit Hüther, "wird kein Job mehr aufgrund von Zensuren vergeben."

Europas größter Automobilbauer hat sich bereits jetzt der Reformpädagogik verschrieben. Volkswagen bezahlt seit drei Jahren den Aufbau der Neuen Schule Wolfsburg. Dort werden wie in der Berliner ESBZ Überflieger und langsamere Schüler gemeinsam und ganztags unterrichtet, weitgehend ohne Zensuren und statt in Fächern in Sinnzusammenhängen: Weltgeschichte, Ästhetik oder Ökologie. Schwerpunkte bilden "Internationalität, Technik und Naturwissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Kultur und Begabtenförderung".

Der Konzern wolle "der deutschen Bildungslandschaft Impulse geben", sagt Jürgen Haase, Vorsitzender des schulischen Trägervereins und Geschäftsführer der Volkswagen Coaching GmbH. "Wir zeigen, was wir für gut halten", nämlich: "keine Eliteschule", sondern gemeinsames Lernen, das Flexibilität und selbstbestimmtes Handeln fördere und "für jeden Menschen einen besonderen Plan entwickelt, damit er seinen Weg findet".

Eben das, was im Werk schon lange Usus sei: Persönlichkeitsentwicklung. Ob einer ein Rad montiere oder eine Abteilung leite, erzählt Haase – mit jedem Mitarbeiter spreche man einmal im Jahr über seinen "Entwicklungshorizont". Dabei könne herauskommen: "Du bist da, wo du bist, genau richtig", oder aber es wolle sich einer "vertikal verändern". 40.000 bis 60.000 Mitarbeiter, vom Azubi bis zum Manager kurz vor der Rente, befänden sich im Konzern regelmäßig in der Weiterbildung.

Es ist eine bemerkenswerte Allianz, die sich da herausbildet: hier die ganzheitliche Reformpädagogik, dort die ziel- und zahlenorientierte Industrie. Neben Volkswagen stiften unter anderem Allianz, Bosch, Ergo, O2 und eine Reihe kleiner und mittelständischer Unternehmen Preise für innovative Schülerfirmen, verpflichten ihre Belegschaft zur Mitarbeit an innovativen Bildungsprojekten oder bezahlen gleich eine ganze Schule.

Solche Kooperationen beruhen allerdings auf einem Kompromiss: bei der Benotung. Reformschulen versuchen sie so weit wie möglich hinauszuzögern, doch spätestens mit dem Abgangszeugnis und in der Oberstufe hagelt es Zensuren. Die Unternehmen werden bei der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern auf bezifferbare Leistungsvergleiche so schnell nicht verzichten wollen. "Jede Form der Kompetenzentwicklung", sagt Jürgen Haase, "muss sich messen lassen."

Für viele Lehrer, die aus guten Gründen von Noten nichts halten, ist das ein Kündigungsgrund. Jahrelang haben sie ihre Schützlinge ermutigt und gefördert, und dann müssen sie diesem oder jenem mit der Note Vier, etwa in Englisch oder Mathe, bescheinigen, dass er schlechter ist als andere.

Nimmt die Bildungsrevolution noch ein paar weitere Hürden, wird sie sich früher oder später radikalisieren. Anfangen werden fortschrittliche Pädagogen bei ihrer eigenen Ausbildung. Aus ihrer Sicht entwickeln sich die Universitäten in genau die falsche Richtung: Studiengänge werden verschult, beschleunigt und vereinheitlicht – Bachelor- und Masterabschlüsse sollen internationalen Standards entsprechen. Wie man die individuellen Talente von Schülern erkennen und fördern kann, wird im Pädagogikstudium nicht vermittelt.

Auch in Deutschlands Schulen gilt: Es passiert nichts Gutes, außer du tust es

Wer junge Menschen inspirieren und ermutigen wolle, sagen Reformer, müsse selbst inspiriert und mutig sein. Folgerichtig lösen sich einige aus dem Korsett der akademischen Pädagogik – zu einem hohen Preis. Das Institut für Waldorf-Pädagogik in Witten etwa hat vor drei Jahren die Lehrerausbildung so stark auf praktische Anforderungen umgestellt, dass die Studenten künftig nicht berechtigt sein werden, an staatlichen Schulen zu unterrichten. Dafür verbringen sie während des Studiums viel Zeit einerseits mit Schülern, andererseits mit sich selbst bei der Suche nach der eigenen Persönlichkeit via Tischlern, Malen, Tanzen oder Meditieren.

Bildung wird bunter. Getreu der Devise: "Wenn keiner mehr weiß, wo es langgeht, muss jeder seinen eigenen Weg finden", gibt es bereits eine Vielfalt an Methoden und Philosophien. Schulleitungen versuchen, amtliche Lehrpläne und klassische Leistungsbewertungen aufzuweichen. Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern wird partnerschaftlicher. Solange die Schulen allerdings auf ihre staatliche Anerkennung achten – vor allem aus finanziellen Gründen –, werden sie sich behördlichen Vorgaben beugen müssen.

In der Erwachsenenbildung gibt es größere Freiräume. Da mischen sich Methoden aus Management-Seminaren mit künstlerischen Elementen. Oft lässt sich nicht unterscheiden, wer lehrt und wer lernt. Viele Coaches nutzen ihre Rolle als Lehrer auch, um sich selbst weiterzubilden. Es geht darum, mit wechselnden Beziehungen und Überraschungen umzugehen. Manche nennen es Praxis, andere Chaos.

Anfang der Neunzigerjahre machten in Dänemark die "Kaos Piloten" den Anfang. Sie gründeten eine Schule, deren wichtigste Regel lautet: Es gibt keine. Fachliche, soziale und emotionale Kompetenz sollen die Studenten in selbst organisierten Projekten mit externen Unternehmen entwickeln. Nach diesem Vorbild sind mittlerweile in ganz Europa Akademien entstanden (siehe auch brand eins 01/2000).

Einen Einblick in ihre Arbeitsweise konnte man im Herbst vergangenen Jahres gewinnen, als zwei Dutzend Vertreter von sieben Akademien aus Großbritannien, den Niederlanden, Schweden, Österreich, Ungarn, Italien und Deutschland in einem leer geräumten Ladenlokal in Berlin-Kreuzberg zusammenkamen. Eingeladen hatten die Berliner "Visionauten". Sie wollen in den kommenden zwei Jahren ein gemeinsames wegweisendes "Produkt" auf die Beine stellen und nun herausbekommen, was das sein könnte. Vielleicht ein Festival? Oder ein Handbuch? Es soll jedenfalls künden von Mut und Fantasie und einer neuen Art zu wirtschaften zum Wohle der Weltgemeinschaft.

Nils Cornelissen ist hauptberuflich Berater bei McKinsey, für die Visionauten mimt er in seiner Freizeit den Advocatus Diaboli, um Menschen mit überschäumenden Visionen zu erden. Der Mann mit den langen blonden Locken sieht viele Parallelen zwischen der Arbeit in der Unternehmensberatung und Workshops wie denen der Visionauten. Hier wie da schlügen sich die Teilnehmer mit sehr persönlichen Fragen herum. Derzeit beschäftigt Cornelissen 100 Führungskräfte eines europäischen Konsumgüterkonzerns mit Themen wie "Was sind meine Ängste?" oder "Warum arbeite ich 80 Stunden die Woche?".

Der gemeinsame Nenner der pragmatischen Weltverbesserer: Menschen stark machen

Die Sinnkrise der westlichen Gesellschaft ist der große gemeinsame Nenner, der alle reformerischen Bildungsprojekte eint, seien sie von unternehmensnahen Stiftungen initiiert oder von engagierten Schulleitern, von großen Konzernen oder von kleinen Akademien. Die Karriere-Rezepte von gestern – Schule, Ausbildung, Geld verdienen bis zur Rente – funktionieren nicht mehr. An ihre Stelle sind keine neuen getreten, nur Fragen: Welches Studium ist zukunftsträchtig? Was macht mich glücklich? Werde ich genug Geld verdienen? Wie kann ich die Welt retten – oder zumindest: mich selbst? Reformpädagogen sind Krisengewinner.

Im Jahr 2006 reisen drei Studenten der Privaten Universität Witten/Herdecke acht Monate lang durch 25 Entwicklungs- und Schwellenländer zu 40 Sozialunternehmern, die zum Beispiel Abwassersysteme für Arme in Mali entwickeln, Mode in brasilianischen Favelas kreieren oder Straßenkinder in Vietnam zu Köchen ausbilden. "Expedition Welt" heißt das Projekt. In Deutschland hocken in 18 Schulen mehr als 500 Jugendliche vor Computermonitoren und begleiten die drei auf ihrer Weltreise digital. Die Schüler klicken auf einer interaktiven Weltkarte einzelne Initiativen an, informieren sich über die Verhältnisse vor Ort, um dann per Video oder Text-Chat mit den Sozialunternehmern über ihre Motive, Probleme und Ideen zu plaudern.

"Schüler haben häufig ein Gefühl von Hilflosigkeit", sagte anschließend Theodor Wahl-Aust, ein beteiligter Gymnasiallehrer für Geografie und Wirtschaft. Man sage ihnen, die Welt sei ungerecht, vermittle aber zugleich das Gefühl, daran könne man kaum etwas ändern. Auf der Expedition dagegen hätten die Schüler mit Männern und Frauen gesprochen, denen es mit wenig Geld gelingt, Menschen im Elend zu aktivieren, um die gemeinsame Lebensqualität zu verbessern.

Nebenbei, so Wahl-Aust, habe er an diesen Beispielen den Schülern den Dichter Horaz und das Prinzip der Aufklärung vermitteln können: Sapere aude - wage, weise zu sein. Die Jugendlichen wüssten jetzt, was Mut, Moral und Pfiffigkeit bewirken könnten: "Dass von Menschen geschaffene Institutionen auch wieder von diesen verändert werden können."

Mut, Moral und Pfiffigkeit. Und Sachwissen? Wird nebenher fast unbemerkt aufgenommen. Das ist die Theorie der Bildungsrevolution, die – falls sie in Schwung kommt – ein en historischen Bogen schlagen würde von der Aufklärung über Reformpädagogik und dem Gründergeist von heute zur Lösung der Probleme des 21. Jahrhunderts.

Das ist nicht nur etwas für Schüler. Mit einem "Studium Potenziale" will die Sinn-Stiftung der über ihre Berufswahl noch unsicheren Abiturientin wie dem Frührentner die Möglichkeit verschaffen, auf einer Lern-Reise Herausforderungen zu meistern und Neues aufzunehmen.

Die Frage ist nur: Wer soll die lebenslange Bildungsrevolution bezahlen? Die Kultusministerien können und wollen lebenslanges Lernen nicht finanzieren. Was viele gar nicht schlimm finden. "Das staatliche Bildungsmonopol", so ein Leitsatz der Breuninger Stiftung, "ist ein Auslaufmodell." Um lebenslanges Lernen zu ermöglichen, brauche es eine engagierte Bürgergesellschaft.

Der engagierte Bürger wird lernen müssen, Finanzquellen aufzuspüren und anzuzapfen. Wie es Reformschulen bereits tun, die ja, von freien Trägern betrieben, im Grunde Sozialunternehmen sind. Sie verlangen Beiträge oder "erwünschen" Spenden von den Eltern und werben um Sponsoren.

Die Trainer von Workshops und alternativen Akademien arbeiten nebenher in anderen Jobs und bedienen sich – wie auch ihre Klienten – aus EU-Fördertöpfen: Für lebenslanges Lernen stehen allein in diesem Jahr für Deutschland 120 Millionen Euro bereit, davon etwa ein Drittel für Erwachsenenbildung außerhalb von Schule und Hochschule. Als digitalen Goldesel wissen die Reformer Crowdfunding zu schätzen; über Internetplattformen wie betterplace.org kann jeder mit einer dem Gemeinwohl dienenden Idee versuchen, Unterstützer zu gewinnen.

Die Idee, die Welt auf pragmatische Weise zu verbessern, ermöglicht auch den Schulterschluss mit einflussreichen, superreichen Philanthropen. Bill Gates und Richard Branson, Al Gore und Mohammad Yunus setzten auf die gleichen Methoden wie die Reformer: Menschen stark zu machen, Verantwortung zu übernehmen.

Diese Losung öffnet den Reformern das Tor zur Macht. Dabei hilft der Deutsche Bernd Kolb. Eine schillernde Figur: einst Punk-Sänger, später New-Economy-Ritter, dann Telekom-Vorstand, heute Multimillionär und Denker. 2010 gründete er den Club of Marrakesh: In einem Palast im alten Teil der marokkanischen Stadt versammelte er einen illustren Kreis von Wissenschaftlern, Unternehmern und Medienleuten. Diesen Club will er zu einem der einflussreichsten der Welt entwickeln. Mit dabei sind die Schulleiterin Margret Rasfeld und der Hirnforscher Gerald Hüther, Reformpädagogen also, die keine Mauerblümchen mehr sind. ---

Nützliche Informationen und Kontakte

Entrepreneurship Education lautet das Stichwort, zu dem sich immer mehr Initiativen bilden, die Menschen aller Altersstufen und Ausbildungsgrade eigenverantwortetes Leben und Lernen nahebringen wollen. Junior oder Junior-Kompakt unterstützen Schüler, die eine echte Firma entwickeln wollen. Der Deutsche Gründerpreis für Schüler (DGPS) und Jugend gründet begleiten spielerische Unternehmensgründungen. Das Portal unternehmergeist-macht-schule.de des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie liefert Beispiele, Anregungen und Materialien für Lehrer und Schüler. NFTE bietet Workshops für Lehrer, Buddy e.V. fördert außerdem die Familie als Bildungsinstitution. Wie eigenverantwortliches Lernen im Allgemeinen funktioniert, schildert die Leiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, Margret Rasfeld, in ihrem Buch "Eduaction". Weitere Selbstdarstellungen von Reformschulen: Montessori Dachverband Deutschland e.V., jenaplan, Bund der Freien WaldorfschulenBundesverband Freier Alternativschulen e.V., Schulverbund Blick über den Zaun

Die Europäische Union fördert mit mehr als einer Milliarde Euro jährlich Projekte zum Thema lebenslanges Lernen, meist verbunden mit Auslandsaufenthalten. Die Programme Comenius und Erasmus richten sich an Schulen und Hochschulen, Leonardo da Vinci fördert berufliche Aus- und Weiterbildung, Grundtvig steht allen Beteiligten der Erwachsenenbildung offen. Einen Überblick liefert das BMBF. Wer als Erwachsener einen Workshop zur persönlichen Weiterentwicklung sucht, wird beim BiBB fündig. Der Markt für Weiterbildung ist unübersichtlich, hingewiesen sei hier auf jene im Text erwähnten, partnerschaftlich verbundenden Akademien, die nach ganzheitlichen, im Einzelnen aber unterschiedlichen Konzepten arbeiten: Knowmads (Niederlande), Embercombe (Großbritannien), YIP (Schweden), Pioneers of Change (Österreich), SOL (Ungarn), Art Monastery (Italien) und Akademie für Visionautik (Deutschland). Die Sinn-Stiftung, deren Präsident der Neurobiologe Gerald Hüther ist, will Menschen helfen, ihr Potenzial zu entfalten, und ab Herbst ein Studium Potenziale anbieten: individuelle Lernreisen unterschiedlicher Dauer, begleitet von einem Coach, in unterschiedlichen Preiskategorien.

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