Ausgabe 08/2012 - Schwerpunkt Nichtstun

Die Not des Müßiggangs

Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, ist verrückt.
Ewige Grundwahrheit, Tick, Trick & Track, Walt Disney's Lustige Taschenbücher

1. Erste Klasse

Der Sinn des Lebens ist in Wahrheit ein Witz – ein alter noch dazu. Man erzählte ihn sich in den Ländern, die sich sozialistisch nannten, aber tatsächlich aus Diktaturen bestanden, in denen Dinge, die nicht wahr sein durften, erst gar nicht erlaubt waren, Arbeitslosigkeit zum Beispiel.

Wir befinden uns im Jahr 1917, kurz nach der Oktoberrevolution, auf einem Bahnsteig in Russland. Dort wartet ein Revolutionär auf seinen Zug. Da hastet ein Mann an ihm vorbei und läuft in Richtung der Ersten-Klasse-Waggons. Der Mann erkennt in dem Reisenden den Genossen Lenin. Entsetzt ruft er aus: "Genosse Lenin, was machst du in der ersten Klasse? Wir Kommunisten fahren doch in der Klasse der Arbeiter, der dritten Klasse?!" Lenin wendet sich um, fixiert den Funktionär mit ernstem Blick, schüttelt den Kopf und antwortet: "Da hast du nichts begriffen, Genosse. In der Revolution geht es immer darum, dass am Ende alle erster Klasse fahren!"

Ist das witzig? Zunächst, in den Tagen der Oktoberrevolution, war es eine Geschichte, die man sich zu Propagandazwecken erzählte. Wer Revolution macht, will auch etwas dafür, ein Leben in Freiheit und Wohlstand, ohne Zwang, ein Leben, wie es die Reichen bereits führten und in dem man tun konnte, was man wollte. Tun, was man will, das ist echte erste Klasse. Das war immer das Ziel. Eigentlich.

Doch darüber konnte man als "Sowjetmensch" schon in Lenins Todesjahr, 1924, nur noch lachen. Die Revolution war zum Witz ohne Pointe geworden. Der Mangel hatte sich bereits als verlässlichste Konstante des Systems breitgemacht, als sein Markenzeichen. Erste Klasse? Selbst Drittklassigkeit sollte sich im realen Sozialismus bis zum Ende nicht in ausreichender Menge herstellen lassen. Wer Lenins Bonmot nun erzählte, konnte das angesichts der Verhältnisse nur ironisch meinen - und Spaßvögel landeten im Arbeitslager.

Auch außerhalb des Gulags ging es um Arbeit. Grauer Alltag mit monotoner Beschäftigung bestimmte das Leben. In der kapitalistischen Welthälfte gab es mehr Lametta, eine größere Auswahl. An der Sache selbst aber gab und gibt es keinen Zweifel: Wer tut, was er will, tut eigentlich nichts. Müßiggänger sind asozial. Erste Klasse? Verboten.

2. Schlaf ist nur für Idioten

Überall herrscht, was der Soziologe Max Weber als Weltgeist der Moderne erkannte, die "Protestantische Ethik", die besonders das Industriezeitalter prägte. Sicher: Zu tun, was einem von oben angeschafft wurde, galt im Abendland immer schon als normal. Die Faulheit gehörte zu den sieben Wurzelsünden, aus denen sich alles Übel der Welt ableiten ließ, doch damit meinte man meist die Inertia, die Trägheit des Herzens, die den Menschen nur an sich denken ließ. Müßiggänger waren aber keine Taugenichtse. Die erste Klasse lebte zwar damals von der Arbeit anderer Leute, doch sie organisierte auch die Kultur und das Sozialwesen. Bis Martin Luther kam. Ausgerechnet der aufständische Mönch setzte den Gedanken durch, dass sich niemand aus dem ihm von Gott gegebenen Beruf oder Stand verabschieden dürfe. Sich zu fügen, zu arbeiten und dabei alles zu geben wurde zur Christenpflicht. Dabei konnte niemand die Klasse wechseln. Arbeiten bis zum Umfallen - das war der neue Deal zwischen Menschen und Gott. Und es galt: Müßiggang ist aller Laster Anfang. Erste Klasse gab's nur im Jenseits, auf Erden wurde geschuftet.

Und wer in dieser Welt oben war, der tat nun nicht mehr, was er wollte, sondern seine Pflicht. Es dauerte fast 300 Jahre, bis sich das überall durchgesetzt hatte. Doch am Ende des 18. Jahrhunderts verloren die Müßiggänger in der Französischen Revolution ihre letzte Schlacht. Die Propagandaexperten der Revolution erklärten ihre zahlreichen politischen Feinde erfolgreich zu Parasiten, zu Nichtstuern. Mit Neid und Missgunst ließen sich Kräfte mobilisieren, die für gut 40.000 Hinrichtungen in weniger als einem Jahr reichten.

Der strahlendste Triumph des neuen Leistungsadels aber war Napoleon Bonaparte, ein Selfmade-Kaiser, der sich selbst die Krone aufsetzte und alle, die länger als vier Stunden pro Nacht schliefen, zu lahmen Idioten erklärte. Er gab sich strebsam, unermüdlich, selbstlos. Alle Diktatoren seit ihm stellen sich so dar. Sie tun es nicht für sich, sondern für "das Volk". Das verlangen wir bis heute von Chefs aller Art auch so. Sie müssen sich aufopfern. Das ist eine Industriegesellschaft, krank vor Fleiß, lateinisch industria. Das deutsche Wort hat aber einen interessanten germanischen Ursprung, flita. Das bezeichnet einen eifrigen Kämpfer in der Schlacht. Wer am tüchtigsten gegen den Feind wütet, die meisten erschlägt, ist der Fleißigste. Dazu braucht es noch etwas Organisation, entlehnt aus der militärischen Disziplin, und fertig ist die Industriegesellschaft, die Hölle für alle Müßiggänger. Hier muss gerackert werden. Es geht um Mengen und Massen, um Noten und Stückzahl, um alles, was sich messen lässt. Die Arbeit kann gemacht werden? Nein, sie muss.

3. Wer denkt, tut nichts

Doch Nichtstun – das hieß zu allen Zeiten ja immer auch, das zu tun, was man will, was man gern und ebenso wichtig an und für sich tut. Müßiggang bedeutete stets die Zeit, die man für sich verwendete, um sich zu erbauen, nachzudenken, Neues zu entdecken, ein Übungsfeld für die Menschheit und ihren Geist also. Das Wort Schule bedeutet im antiken Griechenland Müßiggang und Nichtstun. Intellektuelle Arbeit ist nicht so einfach und simpel zu messen wie etwa die Arbeit in einer Fabrik, ihr unmittelbares Ergebnis lässt sich nicht so zurechtbiegen, wie es die modernen Management-"Tools" uns und vor allen Dingen ihren eifrigen Benutzern vortäuschen. Wer jeden Werktag von neun bis fünf im Büro arbeitet und regelmäßige Beschäftigungsnachweise führt, wird geachtet. Wer seine Kopfarbeit aber nicht im Büro, sondern zu Hause erledigt, steht unter Generalverdacht, die meiste Zeit nichts zu tun. Das ist zwar falsch, aber kein Wunder, denn viele Unternehmen und Organisationen werden vorwiegend durch ihre Kontrollkultur zusammengehalten. Ihr eigentlicher Betriebsgegenstand ist Disziplinierung. In diesem Weltbild kann es nicht sein, dass man etwas tut, das man gern tut und das dabei noch etwas leistet. Alles Nützliche ist anstrengend. Wer schwitzt, hat recht.

Diese ganze trostlose Hemdsärmeligkeit, die einem aus dem Arbeitsalltag entgegenschreit – sie führt zu jenem albernen Aktionismus, der heute so allgegenwärtig geworden ist. Das Handy muss immer eingeschaltet sein. Die E-Mails müssen immer abgerufen werden. Wer Urlaub macht, muss eine Abwesenheitsnotiz einrichten, mit dem sich der Absender dafür entschuldigt, ein paar Tage nicht zu antworten. Nach der Arbeit ist vor der Arbeit. Dieses Streben ist ziellos. Und hört nie auf. Je mehr jemand um sich schlägt, desto angesehener ist er – da ist er wieder, der alte Sinn des Fleißes, wie ihn die Germanen kannten.

Schon Friedrich Nietzsche hat sich 1882 bitter darüber beklagt: "Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: Der Hang zur Freude nennt sich bereits ,Bedürfnis der Erholung' und fängt an, sich vor sich selber zu schämen", schreibt er in seiner Sammlung "Die fröhliche Wissenschaft". Man könne seinem Hang zur "vita contemplativa", so der Philosoph, "nicht ohne Selbstverachtung und schlechtem Gewissen nachgehen".

4. Aus dem Leben eines Taugenichts

Nietzsches Kritik teilen zu diesem Zeitpunkt bereits viele. Man hat schon seine Erfahrungen gemacht, denn seit Jahrzehnten wird intellektuelle Arbeit, die nicht mehr zweckgebunden ist oder besser gesagt so tut, als ob sie es wäre – nicht mehr geschätzt. Künstler und Philosophen, deren Produkte sich vielfach erst durch den Rezipienten erschließen und deren Wert nicht so simpel kalkuliert werden kann wie der einer Ware, sind die Ersten, die als Nichstuer diskreditiert werden, wenn sie nur ihre Kunst machen. Alles muss einen klaren Zweck haben.

In der Dichtung setzt sich das immer stärker durch. Man macht nicht einfach was, weil man es gern tut, sondern weil es einen Zweck hat. Die Antithese dazu verfasst der Dichter Joseph von Eichendorff mit seiner Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts". Sein Titelheld, ein junger Müllersbursche, zeigt uns einen erfreulich lebendigen Müßiggänger, hinter dessen Abenteuer und Reisen keine Absichten stecken außer eben jener, sich Vergnügen und Kurzweil zu verschaffen. Der Taugenichts hat keine Mission, kein höheres Ziel, er dient weder der "Weisheit" noch der "Schönheit", sondern nur sich selbst.

Im Jahr 1822, als Eichendorff seinen Text schreibt, kann sich der Autor damit bereits über das weitverbreitete deutsche Pflichtbewusstsein lustig machen, das sich zur neuen Leitkultur entwickelt. Jeder muss sich nützlich machen – und zwar "für die Sache". Um zu verdrängen, dass man sich damit selbst aufgibt, erfindet man ständig neue Namen für "diese Sache": Vaterland, Kaiser, Firma, Gerechtigkeit. Hauptsache, nie für sich selbst. Es bildet sich, was Max Weber so treffend ein "stahlhartes Gehäuse" nennen wird, eine Hörigkeit von der Arbeitsethik, der niemand entrinnen kann. Ohne Lohnarbeit sind wir nichts, alles ist darauf ausgelegt. Das ist unser Leben. Und das Verrückteste: In der Ursache für dieses Dilemma, im Industrialismus, liegt auch die Lösung.

In diesem System wird ständig und fleißig optimiert und automatisiert. Für Wachstum und Wohlstand muss man nicht mehr malochen, sondern nachdenken. Das allerdings führt dazu, dass selbst bei erheblichen Leistungssteigerungen immer weniger Menschen arbeiten müssen. Die Frage, die schon in den Frühzeiten des Industriekapitalismus gestellt wurde, lautet: Was ist mit all jenen, deren Arbeitskraft man nicht mehr braucht? Wovon sollen die leben? Natürlich von den Früchten des Fortschritts und der Automationsgewinne. Es geht nicht darum, ob man umverteilt, sondern nur, wie man das tut. Man kann Beschäftigung erfinden, also den Leuten Arbeit geben. Das ist kulturell bewährt – und auch kompatibel mit der längst in allen Religionen zum Standard gewordenen Vorstellung, dass nur Fleiß ins Paradies führt. Man könnte die Fortschrittsdividende auch anders auszahlen, etwa in Form eines Grundeinkommens, das ohne Bedingungen gewährt wird. Das hat allerdings den Nachteil, dass man daran glauben muss, dass Menschen in der Lage sind, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, also zu tun, was sie wollen. Kontrolle oder Vertrauen?

5. Das Recht auf Arbeit

Die Weichen werden in den ersten Jahrzehnten des Industriekapitalismus gestellt. Man entscheidet sich für ein "Recht auf Arbeit", wie es der französische Sozialist Charles Fourier nennt. Fourier, der später von den 68ern und der Ökologie-Bewegung wieder aufgegriffen wird, empört sich über das "Unvermögen unserer Gesellschaft, dem Armen (...) einen geziemenden, seiner Erziehung angemessenen Unterhalt zu gewähren, ihm das erste der natürlichen Rechte zu verbürgen, das Recht auf Arbeit! Unter ,natürlichen Rechten' verstehe ich nicht die unter dem Namen Freiheit und Gleichheit bekannten Schimären. So hoch will der Arme gar nicht hinaus! Er möchte dem Reichen nicht gleich sein; er wäre schon zufrieden, könne er sich am Tisch ihrer Diener satt essen. Das Volk ist noch viel vernünftiger, als man verlangt!" Die Leute ließen sich, so Fourier weiter, alles gefallen: Jede Form von "Knechtschaft" und "Ungleichheit", aber wenn sie ihrer Arbeit beraubt würden und ihnen niemand zu Hilfe käme, dann fühlten sie sich "von der Politik im Stich gelassen".

Fouriers "Recht auf Arbeit" beschreibt den Gemütszustand der Gesellschaft bis heute. Die "da oben" geben "denen da unten" Arbeit. Um erste Klasse, das Recht zu tun, was man will, geht es dabei nicht. Es geht um ein bisschen Teilhabe und um die Wahrung des Scheins. Wenn keine Arbeit mehr da ist oder sich beschaffen lässt, dann wird es eng. Dann wackelt mit der Arbeitsgesellschaft auch die Macht.

An Fouriers Recht auf Arbeit orientieren sich bald alle neuen politischen und gesellschaftlichen Bewegungen. Nur wenige finden das verrückt. Zu diesen raren Kritikern zählt Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx. Er setzt 1880 dem Recht auf Arbeit das "Recht auf Faulheit" entgegen. Er wirft der Arbeiterbewegung und seinem Schwiegervater vor, die "Arbeitssucht" und die "Religion der Arbeit" zu fördern. Viel später wird man Lafargues Bücher im "realen Sozialismus" verbieten. In der DDR tut man das, weil die Texte Lafargues die "Arbeitsmoral untergraben". Korrekt.

6. Lob des Müßiggangs

Im Westen gibt es kaum Fürsprecher für die erste Klasse für alle. Es gibt nur eine bemerkenswerte Ausnahme. Im Jahr 1950 erhält der britische Mathematiker, Friedensaktivist und Essayist Bertrand Russell den Nobelpreis für Literatur. Er ist damals bereits 78 Jahre alt und weltberühmt. Gemeinsam mit seinem Freund Albert Einstein gilt er als der führende westliche Denker, der sich von den im Kalten Krieg befindlichen Systemen nicht vereinnahmen lässt. Einer seiner Texte, der das Nobelpreiskomitee besonders beeindruckt hat, stammt aus dem Jahr 1932, in dem die Welt in einer tiefen Krise steckt. Doch Russell fordert in seinem kurzen Essay nicht etwa mehr Arbeit für alle, sondern ein neues Denken: Der "Lob des Müßiggangs", so der Titel des Textes, tritt mit bestechender Logik gegen die Arbeitswut unserer Kultur an.

"In vollem Ernst", so Russell, möchte er erklären, "dass in der heutigen Welt sehr viel Unheil entsteht aus dem Glauben an den überragenden Wert der Arbeit an sich und dass der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer organisierten Arbeitseinschränkung zu sehen ist".

Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte über hätten die meisten Menschen für ihre nackte Existenz geschuftet. Es gab keinen Überschuss. Mit dem Wachstum des Industrialismus habe sich das grundlegend geändert: "Dank der modernen Technik lässt sich der Arbeitsaufwand, der zum Erstellen des Lebensbedarfs für jedermann erforderlich ist, ungeheuer herabsetzen." Das Resultat: mehr Müßiggang für alle. Nicht faulenzen aber doch deutlich mehr für sich arbeiten, als das in der Geschichte der Menschheit für die meisten der Fall war.

Doch Russell weiß, dass dieses Erste-Klasse-Ticket nur schwer zu haben sein wird: Alle Macht baut auf Lohnarbeit. Ob im Westen oder Osten, so Russell, "die Einstellung der herrschenden Klassen und speziell derer, die in der pädagogischen Propaganda führend sind, gleicht, was den Adel der Arbeit betrifft, haargenau dem, was die herrschenden Klassen der Welt stets den sogenannten ,armen, aber ehrlichen Leuten gepredigt' haben: Fleiß, Mäßigkeit, Bereitschaft, viele Stunden für ungewissen, in der Ferne liegenden Nutzen zu arbeiten ..."

Russell belässt es nicht bei der Analyse. Müßiggang, also zu tun, was man will - das ist eben nicht ganz so einfach. Bevor man tut, was man will, muss man erst einmal herauskriegen, was das ist. Müßiggang ist eine Kulturtechnik. In der Oberschicht lernt man schon als Kind, dass man auch "an sich" jemand ist, ohne "sich nützlich" zu machen. Wer sich nur durch Leistung definiert, kennt das nicht. Existenzberechtigung erwächst nur aus Anstrengung. Wer die Arbeit verliert, verliert sein Leben. Allein das zu erkennen ist eine echte Plackerei.

7. Zum Nichtstun verdammt

Was dem alten Adel von Kindesbeinen an beigebracht wird, daran scheitert der leistungsorientierte Manager. Es fehlt einfach an einer Kultur des Müßiggangs.

Die kapitalistischen Neureichen in den USA des späten 19. Jahrhunderts leiden am Müßiggang. Thorstein Veblens grandiose Sittenstudie "The Theory of the Leisure Class" lehrt uns, wie anstrengend die Kunst des Müßiggangs ist. Die Neureichen versuchen es durch Imitation des alten europäischen Adels: parlieren, Salons führen, Abendessen geben, Klavierspielen, Kunst sammeln, über Kunst plaudern – und vor allem "demonstrativ konsumieren", also den Reichtum zu zeigen.

All das hat Veblen mit klarem Blick als harte Arbeit unter strengen Regeln ausgemacht. Die Aufsteiger haben einfach nicht gelernt, nichts zu tun – oder etwas wirklich für sich zu tun. Steif und angestrengt, stets mit schlechtem Gewissen, "genießen" sie ihren Reichtum. Die Männer dürfen sich im Geschäft austoben. Die Frauen reiben sich im geschäftigen Nichtstun auf. Arbeiten dürfen sie nicht. Öffentliche Ämter sind ihnen verwehrt. In einer Welt, die ihren Selbstwert bereits voll durch den persönlich geschaffenen Mehrwert definiert, ist das demütigend. Sie sind zum Nichtstun verdammt. Die Reaktion der Opfer ist "hysterisch", wie es die Nervenärzte nennen. Ein junger Arzt namens Sigmund Freud gründet seine Psychoanalyse darauf. Man kann Veblens Studienobjekte buchstäblich auf Freuds Sofa liegen sehen. Die ganze Gesellschaft wirkt "nervös" und gemütskrank. An der Entwicklung der "Leisure Class" seither zeigt sich, dass nicht alles unbedingt besser wird.

Diese Kreise lassen sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Jetset wiedererkennen, als jene globale Klasse reicher Erben, die sich zwischen Gstaad und Saint Tropez öffentlich vergnügen. Doch sind das wirklich noch Müßiggänger, die etwas an und für sich tun? Im Zeitalter der "Promis" arbeitet jeder hart an der eigenen Marke. In der Aufmerksamkeitsgesellschaft gilt: je mehr Skandale, desto besser. Wie alt wirken die Jetsetter doch gegen die Generation Paris Hilton, deren Müßiggang längst harte Verwertungsarbeit in eigener Sache geworden ist. Schließlich heißt die Branche auch Unterhaltungsindustrie.

Und Manager, die Leute also, die das Arbeitsleben der meisten Bürger organisieren? Sie kennen kein reines Nichtstun mehr. Der Golfclub dient der Kontaktpflege. Das tolle Auto ist gut fürs Geschäft. Im Restaurant bespricht man Geschäftliches. Die wertvolle Uhr, die Kleidung, das repräsentative Büro – all das, so beteuert die Managerklasse unentwegt, brauche sie persönlich gar nicht, sei halt aber alles gut fürs Geschäft. Man fliegt Business Class, um fit fürs Geschäft zu sein. Und in Krisenzeiten krabbelt man auch mal in die Economy, da müssen alle enger zusammenrücken. Wir lernen: Arbeitswut und Askese sind die Grundlagen der geistigen Holzklasse. Und ohne Fleiß kein Preis ist keine Redensart, sondern ein Grundgesetz.

8. Freude durch Freizeit

In den Dreißigerjahren sagte Bertrand Russell wenigstens der Arbeiterklasse noch ein halbwegs ungestörtes Verhältnis zur Arbeit nach. All jene, die die schwere Arbeit machten, so Russell, hielten sie für das, "wofür man sie halten soll, nämlich für ein unumgängliches Mittel, sich den Lebensunterhalt zu sichern". Die Hoffnung des Proletariats beginne jenseits der Arbeit: "Alles, was es an Freude für sie gibt, beziehen sie aus ihrer Freizeit." Was ist daraus geworden?

In den 80 Jahren, die seit dieser Feststellung vergangen sind, hat sich die Arbeiterklasse praktisch aufgelöst. Es gibt Mittelschichten, Milieus, eine Vielfalt, die in einer Realität lebt, in der Konsum und konsumierende Freizeitgestaltung ebenso wichtig sind wie Produktion und Arbeitsleben. "Was es an Freude gibt, beziehen sie aus ihrer Freizeit" – dieser Satz klingt bei Russell noch harmlos idyllisch. Da erscheint eine Arbeiterfamilie beim gemeinsamen Sonntagsausflug. Man gönnt sich ja sonst nichts. Heute hingegen ist Ballermann, Promi-Dinner, Videospiel, Arschgeweih, Einkaufszentrum – oder etwas gefälliger formuliert "demonstrativer Konsum". Der ist heute geradezu zur Leitkultur der Unterschichten geworden. Dort gibt es sie noch, die lebensklugen Menschen, die kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie nichts tun, eine Klasse, in der Freizeit und reine Unterhaltung noch etwas wert sind. Während sich der deutsche Bildungsbürger für jede außerdienstliche Regung eine Ausrede einfallen lässt, geht es hier pragmatisch und ohne falsche Scham zur Sache: Man konsumiert, wo immer sich das machen lässt, ist müßig, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet.

So weit haben es die intellektuellen Kritiker der Arbeitsgesellschaft meist noch nicht gebracht. Sie nörgeln am System herum oder kritisieren allgemein das Wachstum und seine – vermeintlich schlimmen – Folgen, also alles, was den potenziellen Müßiggang in der entwickelten Konsumgesellschaft erst möglich macht. Die alte Leistungsklasse fürchtet den Müßiggang, weil sie ahnt, dass dahinter auch der eigene Untergang steckt. Doch der eigentliche Kulturbruch ist kein Entweder-oder von Arbeit oder Nichstun, sondern ein kluger Umgang mit dem, was man für richtig hält.

9. Müßiggang braucht einen Plan

Das ist anstrengend – aber Volker Kitz aus München arbeitet daran: "Sie müssen nicht aufhören zu arbeiten – aber Sie können es", verspricht der Autor des Buches "Die 365-Tage-Freiheit", das mit dem allgemein verständlichen Untertitel "Ihr Leben ist zu wertvoll, um es mit Arbeit zu verbringen" wirbt. Dahinter könnte man einen weiteren Ratgeber vermuten, und das ist ja auch nicht falsch. Aber vor allen Dingen zeigt das Buch, dass junge, gut ausgebildete Leute – zu denen Kitz gehört und auf die er es offenbar abgesehen hat – nicht mehr mit dem alten Entweder-oder der Arbeitsgesellschaft zu kriegen sind. Das Buch ist keine Anleitung zum Totalausstieg aus der Erwerbswelt, sondern stellt pragmatisch und ruhig Fragen nach Selbstverwirklichung, also der ersten Klasse. Dem erwartbaren Vorwurf, dass seine Anleitungen zum Ausstieg aus der Arbeitsgesellschaft nur für eine Minderheit gültig sind, versucht er erst gar nicht zu widerlegen: "Eine gute Ausbildung macht es leichter, sein Leben dann mit anderen Dingen zu verbringen als dem üblichen Arbeitstrott." Kitz' eigene Biografie ist in dieser Hinsicht vorbildlich: Er hat Jura studiert, jahrelang erfolgreich als Anwalt gearbeitet. Nun hat er auch Muße für anderes. Gerade war er vier Wochen in Indien. Wer ihn in dieser Zeit telefonisch zu erreichen versuchte, dem erzählte sein Anrufbeantworter: "Ich bin nächsten Monat wieder erreichbar. Ist der Grund Ihres Anrufs dann noch aktuell, melden Sie sich noch mal." Das kann man für arrogant halten, für Kitz hat die klare Ansage jedoch nur Vorteile. Wer wirklich etwas von ihm will, ruft auch in vier Wochen noch einmal an. Der Rest kann ihn gernhaben. Damit lässt sich Gespräch und Geschwätz gut trennen.

Müßiggang heißt für Kitz aber auch, Nein sagen zu können und in Sachen Arbeit cool zu bleiben: "Ich passe auf, dass kein Auftraggeber zu mächtig wird. Ich achte auf meine Finanzen. Ich habe ein nüchternes Verhältnis zur Arbeit – sie ist kein Ersatzleben." Effektivität statt Arbeitsinszenierung, das Gewicht verschieben, darum geht es ihm. Zeit für das "Restleben" – das ist eines seiner Lebensziele: "Alle reden von der Leidenschaft, mit der man seine Arbeit machen soll. Warum eigentlich? Wer nüchtern rangeht, bringt meist die besseren Ergebnisse – und hat mehr Zeit für anderes. Dürfen wir nicht sagen: Es soll mir so gut wie möglich gehen?"

Das ist eine gute Frage in einer Gesellschaft, die sich permanent ein schlechtes Gewissen einredet – und die den kirchlichen Ablasshandel nur überwunden hat, um ihn auf alle übrigen Sphären zu übertragen. "Eine echte Leistungsgesellschaft", sagt Kitz, "wäre ja okay – aber das ist eine reine Stressdarstellergesellschaft." Kitz empfiehlt, wie einst schon Russell, kühlen Pragmatismus: "Müßiggang braucht einen Plan. Man muss Stück für Stück rausgehen, immer einen Schritt, nicht einfach mit allem brechen - das klappt nicht und macht nur noch frustrierter." Und er weiß, dass viele die Arbeit brauchen, "weil sie ihnen Struktur und Inhalt gibt. Das ist doch total okay." Aber andere zur Arbeit zu zwingen, sie zu Asozialen zu erklären, wenn sie nicht bedingungslos im Hamsterrad mitmachen, das sei "von gestern und gegen jede Vernunft", sagt er. Es wird unzählige Formen ganz persönlich abgewogener Arbeit geben – aber keine einheitliche Arbeitsgesellschaft mehr.

10. Dolce far niente

Das Zeitalter des Müßiggangs braucht keine Sozialromantik, sondern kühle Analyse – etwa der zahlreichen Widersprüche unserer Kultur. Das ist eine ernste Sache, eine schwierige Arbeit. Denn das verlangt ein neues Verhältnis ausgerechnet zu der Tugend, auf die sich unsere Kultur am meisten einbildet: ihren Fleiß. Und die Frage, ob man auch für das Nichtstun Geld vom Staat bekommen soll. Nach wie vor sind fast überall Transferleistungen an die Arbeitsbereitschaft gebunden. Beim Thema "Geld fürs Nichtstun" hört der Spaß auf. Da mag man das italienische Dolce far niente im Urlaub schätzen oder beim französischen Nachbarn einen auf Savoir-vivre machen. Im Alltag sieht das jedoch anders aus. Wir sind fleißig. Die anderen faul. Jetzt wollen alle unser Geld.

Der Leipziger Soziologe Georg Vobruba hält Fakten gegen dieses wieder populär gewordene Weltbild. Die Griechen etwa, weiß der Professor, arbeiten nicht weniger als die Deutschen – allerdings bei deutlich geringerer Produktivität. Heißt das also, dass die Hellenen alle bloß Dienst nach Vorschrift schieben und sich dabei nicht anstrengen, oder "hat das nicht etwas mit schlechter Arbeitsorganisation zu tun – und müsste man da nicht fragen, welche Manager da am Werk sind?", fragt er. Das ist eine ungewöhnliche Sichtweise. Vobruba, der seit vielen Jahren die Arbeitskultur kritisch auseinandernimmt, hat noch ein paar davon: "Wer heute sagt, eine Transferunion in Europa wäre unmöglich, das würde die Moral untergraben, der hat die vergangenen Jahre nicht wirklich aufgepasst. Die Transferunion gibt es längst." Was ist denn Praxis in Europa? Seit Jahrzehnten wird die Arbeitslosenquote künstlich niedrig gehalten, die Konjunktur staatlich angekurbelt, Subventionen verteilt, Konsum und Absatz gefördert.

Die Landwirtschaft und große Teile der Produktion wären ohne Transfers nicht lebensfähig. "Arbeit wird simuliert, damit alles seine Ordnung hat", sagt Georg Vobruba. Das ist nicht Wirtschaft, sondern eben auch Beschäftigungstherapie. Dass dabei eine europäische Transferunion nicht formal abgesegnet wurde, ist nebensächlich. Und alles das sollte uns sehr bekannt vorkommen. Denn was, fragt Vobruba, war denn eigentlich die deutsch-deutsche Wiedervereinigung? Die Vollerwerbsideologie der DDR war ein wesentlicher Grund für ihren Ruin. Sie wurde durch ihre westliche Variante ersetzt. Hauptsache Arbeit.

Zeitzeugen wie der ehemalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf haben immer wieder betont, dass ein Bürgergeld für die neuen Bundesländer die bessere Lösung gewesen wäre (vgl. brandeins 01/2010). Doch für den Erhalt von Arbeitsplätzen ist nichts zu teuer, denn das passt zur herrschenden Moral.

Vobruba sagt: "Gegen ein Grundeinkommen gibt es immer das gleiche Argument: Das kann man doch den Arbeitenden moralisch nicht zumuten, dass andere fürs Nichtstun bezahlt werden. Was man nicht sagt, ist, dass die Arbeitenden für diese Moral sehr viel mehr Geld ausgeben müssen als für einen offenen Transfer." So, fügt der Soziologe hinzu, war es in Deutschland, und so ist es in Europa – immer noch.

11. Wir nennen es Leben

Die Wahrheit bleibt revolutionär, die Wirklichkeit ein Witz. Aber die Pointe ist noch nicht erzählt. Die erste Klasse, das Recht darauf, wenigstens den größten Teil seines Lebens selbstbestimmt und ohne Zwänge zu verbringen, die kommt durch die Hintertür, leise, langsam, Schritt für Schritt. "Wir können die Arbeitsmoral nicht von heute auf morgen abschaffen", sagt Georg Vobruba. "Aber wir können lernen, pfiffiger mit der Arbeit umzugehen. Wir können anfangen, uns mit uns selbst zu identifizieren und nicht nur dem, was wir tun müssen." Das klingt nicht nach großer Revolutionsoper und ist vielleicht allein schon deshalb eine erstklassige Idee. Vielleicht nutzen wir ein wenig Muße dazu, darüber nachzudenken.

Die einen nennen es Arbeit. Die anderen Leben.

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