Ausgabe 01/2012 - Schwerpunkt Nein sagen

Die Freischreiberin

• Der Weg zum Haus, in dem Olga-Tatjana Rauch einmal gewohnt hat, führt steil hinauf durch den Viktoria-Park. Der neblige Spätherbst hat sich dieses Jahr auch im Taunus verspätet, im November glänzen die Wiesen noch im Sonnenlicht. Oben angekommen schaut man hinunter auf den S-Bahnhof des verschlafenen Örtchens Kronberg. 15 Minuten dauert es von hier bis in die Bankenstadt Frankfurt. Rauch hat dort bis vor gut zweieinhalb Jahren gearbeitet, bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG war sie zuständig für Commercial Due Diligence. Sie hat Fusionen großer Unternehmen vorbereitet und begleitet.

Von Tatin Giannaros Balkon sieht man bei gutem Wetter die hohen Türme der Metropole in der Sonne glänzen. Denn nicht mehr Olga-Tatjana, Tatin Giannaro wohnt nun hier. So nennt sie sich heute. Sie hat ihr Leben in den vergangenen zwei Jahren radikal verändert: Sie wurde Schriftstellerin.

Sie hat das gemacht, wovon viele erfolgreiche Menschen in der Mitte ihres Lebens nur reden. Sie ist ausgestiegen.

Dabei hat sie gar nichts gegen ihr altes Leben, sie ist sogar stolz darauf. Sie war eine sehr gute Schülerin, nach Chemie-Studium und Promotion in Heidelberg kam der erste Job bei Bayer, wo sie aus der Forschung schnell auf eigenen Wunsch ins Marketing wechselte. Doch die Karrierechancen schienen begrenzt. Also machte sie einen ersten entschlossenen Schnitt. Sie kündigte, ging auf eigene Kosten nach New York an die Columbia University, investierte dort neben Geld viel Zeit in einen Master of Business Administration.

Zurück in München wartete schon das Angebot von Süd Chemie. Für den Spezialchemie-Konzern suchte sie mit ihrem kleinen Team nach Start-ups, die ins Portfolio des Unternehmens passten. Von dort ging es weiter zur KPMG, wo sie nach einigen Jahren harter Arbeit – Laptop und Blackberry waren immer im Urlaubsgepäck – auf den sogenannten "Partner-Track" gelangte: die Chance, Teilhaber der Firma zu werden. Da kündigte sie.

Wie alt sie ist, sagt die Schriftstellerin nicht. Vom Lebenslauf her dürfte sie Anfang 40 sein. Sie sieht jünger aus.

Gelesen habe sie immer gern und viel, aber inzwischen komme sie kaum noch dazu. Im Sommer am Meer habe es Tage gegeben, an denen sie nicht schwimmen gehen konnte, weil sie ihr neues Buch fertigstellen musste. Größere Ambitionen scheint sie nicht zu haben, gefragt nach ihren Lieblingsbüchern fällt ihr nichts ein: "Seit ich selbst Romane schreibe, habe ich alles andere aus meinem Gedächtnis verbannt, damit ich meine Gedanken in meinem eigenen Stil ausdrücken kann. Mich interessieren Menschen, ihr Verhalten, die Emotionen, die durch ein Verhalten ausgelöst werden oder die Verhalten auslösen – Themen wie Liebe, Treue, Verrat, Intrigen und Kampf."

Sie habe viel Selbstvertrauen von zu Hause mitbekommen, sagt sie, um sie herum leuchten die Gemälde und bemalten Möbel ihrer Mutter, einer Malerin. Das Kronberger Haus ist ihr elterliches Heim, inzwischen gehört es ihr. Die Eltern verbringen viel Zeit in Griechenland, dem Heimatland der Mutter.

"Was ist der Sinn des Lebens, was kann ich zu dieser Welt beitragen?", habe sie sich gefragt. Hätte sie sich an die Festanstellung geklammert, wäre nichts anderes mehr gegangen; sie wusste: Das geht nur ganz oder gar nicht. Sie habe sich nicht irgendwann die Frage stellen wollen: Was wäre gewesen, wenn? "Ich habe mich immer dafür entschieden, mutig zu sein und die Dinge anzupacken, unabhängig davon, wie es tatsächlich ausgehen wird."

Die Geschäftsfrau steckt immer noch in ihr

Ihr altes Ego ist nicht verschwunden. Regelmäßig kommt die Geschäftsfrau bei der Autorin Giannaro zum Vorschein: Eine Marktanalyse habe sie gemacht, bevor sie sich auf den Buchmarkt gestürzt habe, einen Businessplan aufgestellt. "Jeder Verlag hat ein Portfolio von neuen Titeln, in die er investiert, das ist wie bei einem Risikokapital-Fonds", sagt sie. "Manche Titel bringen nicht einmal ihre Investitionskosten rein, andere kommen mit plus/minus null raus, und einige wenige ziehen das ganze Portfolio nach oben."

Sie selbst begann mit einem Titel. Den brachte sie aber schon knapp zwei Monate nach ihrem letzten Arbeitstag bei der KPMG heraus. Die Kollegen hätten gestaunt.

Tatin Giannarno
Von der Managerin zur Schriftstellerin: Tatin Giannaro in ihrem Haus im Taunus

Überhaupt die Kollegen. Ein paar sind zu sprechen, und allesamt sagen sie, wie "mutig" sie den Schritt ihrer ehemaligen Mitstreiterin finden. Geahnt haben die meisten nicht, dass sie schreibt – "das erzählt man ja auch nicht im Geschäftsleben". Sie berichten von einer harten, analytischen, kompetenten Kollegin, und kaum einer zweifelt daran, dass die auch in ihrem neuen Beruf reüssiert. Nicht aus Höflichkeit, so scheint es, sondern weil sie sich das bei jemandem, der eine solche Karriere aufgibt, gar nicht anders vorstellen können.

In nur gut zwei Jahren hat Tatin Giannaro drei Bücher veröffentlicht, "Träume, grüne Tränen, Liebe", "Schatten im Apfel" und "Die gelbe Perlenkette" – die Geschichten, die sie erzählt, sind nicht das Ergebnis einer Marktanalyse. Zurzeit plant sie den vierten Roman. Jedes Jahr, 2009, 2010, 2011, war sie auf der Frankfurter Buchmesse, am kleinstmöglichen und billigsten Stand. Schließlich hat sie keinen Verlag im Rücken. Nur ein ganz kleiner interessierte sich für ihr Manuskript, doch als sie die Konditionen gesehen hatte, entschied sie sich dagegen. Sie schaute sich lieber an, was ein Verlag macht und wohin der Kaufpreis für ein Buch fließt, von dem der Autor nur einen kleinen Teil bekommt, und stellte fest: Das kann ich selbst.

Sie schreibt nicht nur, sie ist auch ihre eigene Lektorin: "Ich speichere das Manuskript ab und setze den Hut der Autorin ab und den der Lektorin auf. Dann kürze ich auch Sätze, die der Autorin ans Herz gewachsen sind." Als Verlegerin lebt das alte ökono-misch-analytische Ich weiter, der Verlag firmiert unter Olga-Tatjana Rauch. Die Mutter liefert die Vorlagen zur Gestaltung der Buch-Cover und ist die "erste Leserin und schärfste Kritikerin".

Für die Druckerei muss die Verlegerin Geld ausgeben, zwischen zwei und drei Euro pro Buch. Das erste hat sie in einer Auflage von 1000 drucken lassen, die nächsten beiden zu je 2000 Stück. Hinzu kommen nicht nur die Messebesuche, sondern auch der Vertrieb, die Bearbeitung ihrer Website, ein wenig Facebook und natürlich unzählige Gespräche: "Ich bin 24 Stunden im Marketing-Modus." Wie viele Bücher sie bisher verkauft hat, mag sie nicht sagen, nur so viel: "Es müssten mehr sein – ich will erst mal meine Investitionskosten zurück, ich bin noch nicht im Break-Even." Sie lebt von ihrem Ersparten.

Und dann sagt sie noch: "Wenn mir jemand sagt, Sie haben mir schöne Emotionen, ein schönes Erlebnis geschenkt, als ich Ihr Buch gelesen habe, gibt mir das eine Freude, die man in anderen Berufen schwer bekommen kann."

Olga-Tatjana Rauch war erfolgreich und stolz auf ihren Erfolg. Tatin Giannaro hat wenig Erfolg, aber sie scheint glücklich zu sein. Außerdem rufen immer noch Headhunter aus der Chemie-Branche an.

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