Ausgabe 02/2012 - Das geht

ZIM Plant Technology

Der Durstmesser

• Der Erfinder sitzt glücklich in seinem Büro, zwischen Bananenstauden und Olivenbäumchen. An den Blättern hängen kleine Messinstrumente wie dezente Piercings. Ulrich Zimmermann ist 69 Jahre alt und hat eine Firma gegründet. Die meisten seiner Kollegen sind im Ruhestand, er möchte seine neueste Erfindung vermarkten: den Durstmesser für Pflanzen, kaum größer als ein Fingernagel.

Eigentlich ist er Biotechnologe und die Botanik nur sein Steckenpferd. "Pflanzen sind viel komplexer als Menschen", sagt er. "Pflanzen können nicht weglaufen. Die müssen da überleben, wo sie stehen!"

Er musste sich bewegen, nach Hennigsdorf bei Berlin. Gern hätte er mehr Doktoranden aus Würzburg mitgenommen, doch nur wenige wollten umziehen. Zimmermann ist in Brandenburg aufgewachsen, er mag die Gegend und nicht zuletzt die Investitionsfreude der Landesregierung. Eine Million Euro EU-Gelder für Forschung und Entwicklung haben er und seine elf Mitarbeiter über das Land Brandenburg bekommen.

Das Prinzip seiner Erfindung ist einfach: Zwei Magnete klemmen ein Blatt ein, der Sensor im Inneren misst den Widerstand. Je geringer der Gegendruck des Blattes, desto weniger Wasser ist in der Pflanze – desto durstiger ist sie. Ein Sender überträgt diesen Wert an den Firmen-Server, der informiert den Nutzer per SMS. Eine durstige Pflanze kann so in Sekundenschnelle ihren Notruf absetzen. Sechs Sonden sind genug, um Auskunft über ein ganzes Feld zu geben.

So einfach das Prinzip, so mächtig seine Wirkung: Wer den Durst der Pflanzen kennt, der kann nach Bedarf gießen – und nicht nach Gutdünken. Wo zu viel gegossen und gedüngt wird, da versalzt der Boden. Jedes Jahr vernichten Landwirte so eine Fläche von rund zehn Millionen Hektar weltweit – etwa so viel wie alle Äcker Deutschlands zusammen.

"Im Schnitt sparen wir mit der Sonde 35 Prozent Wasser", sagt Zimmermann. Doch die Sonde kann mehr als nur sparen. Winzer steigern seit jeher die Qualität ihres Rotweins, indem sie ihren Reben kurzzeitig zu wenig Wasser geben. Mit der Echtzeitüberwachung ihrer Pflanzen können sie dies nun präzise steuern.

Seit dem Verkauf der ersten Sonde im Frühjahr 2011 haben mehr als hundert Kunden weltweit das Produkt erworben. Im Sekundentakt fließen neue Messwerte aus allen Teilen der Erde zu ZIM Plant Technology. Mit diesen Informationen baut sich die Firma eine Datenbank auf, die später dabei helfen soll, die Bewässerung individuell nach Pflanzenart und Anbauregion zu optimieren.

Die sechs Sonden plus Datenübertragung kosten rund 5000 Euro, die Beratung ist noch kostenlos. Doch dem Gründer schwebt ein anderes Konzept vor: Die Messinstrumente sollen billiger werden, und der Kunde soll die Daten im Monats-Abo kaufen.

Der Nutzen hat sich schnell herumgesprochen. Rund 600 Sonden sind bereits verkauft. 2011 lag der Jahresumsatz bei 300.000 Euro, 2012 will Zimmermann die Million knacken. Doch dafür muss er die Produktion steigern, denn die Nachfrage wächst ihm über den Kopf: Zwar hat seine Firma die Stückzahlen schon auf 30 Sonden pro Woche verzehnfacht – doch das reicht nicht aus. Es wird erst gelingen, wenn die Fertigung vollständig automatisiert ist. Denn auch in Zukunft sollen die Sonden ihren letzten Schliff in Hennigsdorf erhalten.

Die Idee eines Durstmessers für Pflanzen ist eigentlich alt. Neu ist, dass er funktioniert und die Pflanzen nicht beschädigt. Bereits seit den achtziger Jahren versuchen Forscher, den Innendruck einer Pflanze von außen zu messen - bis auf Zimmermann sind alle gescheitert.

Wie die kleine Sonde aus Hennigsdorf von einer Punktmessung auf den Druck der ganzen Pflanze schließt und dabei unabhängig von der Witterung bleibt, ist das große Geheimnis des Erfinders. Wenn er darüber spricht, lehnt er sich zufrieden lächelnd zurück. Er, der Biotechnologe mit den Gärtnerpranken, hat das Problem gelöst.

Seine Frau sagte: "Gib auf!" Doch er machte weiter

Dabei wäre er beinahe gescheitert. Wie im Sommer 2009 auf einer Bananenplantage in Israel bei 45 Grad und 80 Prozent Luftfeuchte, als seine Prototypen falsche Messwerte lieferten. Er hatte damals bereits 30.000 Euro allein ins Stammkapital seiner Firma investiert. Seine Frau sagte: "Gib auf!", doch er antwortete: "Nein!", auch wenn er dachte: "Alles Käse!" Dennoch gab er nicht auf, und mithilfe seiner Frau, einer Biologin, seinem Sohn, einem Physiko-Chemiker, und einer Handvoll wissenschaftlicher Mitarbeiter gelang ihm zwei Jahre später doch noch der Durchbruch.

Dabei hätte er sich bereits 2007, da wurde er 65 Jahre alt, zurücklehnen können. 25 Jahre lang war er Vorstand des Lehrstuhls für Biotechnologie an der Universität Würzburg, ist Autor von 500 wissenschaftlichen Publikationen und Inhaber von 120 Patenten.

Doch statt in seinem Lehnstuhl sitzt er wieder auf einem Bürostuhl. Bald müsse er beruflich nach Australien, sagt er und sieht mit seinem weißen Kraushaar und dem dunklen Teint sehr zufrieden aus.

Weitere Informationen:

ZIM Plant Technology GmbH
Neuendorfer Straße 19
16761 Hennigsdorf
Tel: 03302 / 280 37 - 00
E-Mail
www.zim-plant-technology.com

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