Ausgabe 05/2012 - Gute Frage

Wann wird das Handy zur Geldbörse?

- Drei Dinge darf der mobile Mensch nicht verlieren: erstens sein Schlüsselbund, zweitens sein zum Plastikkarten-Leporello mutiertes Portemonnaie und drittens sein Handy. Nummer eins und zwei könnte er theoretisch abschaffen, wenn er immer gut auf Nummer drei aufpasst - worauf der moderne Mitteleuropäer ohnehin längst konditioniert ist.

Die Technik, die das Taschentelefon zum Geldautomaten und Universalschlüssel machen könnte, kennt jeder: Am Skilift und im Fitnessclub, am Personaleingang oder an der Kantinenkasse verwenden wir seit Langem kontaktlose Chipkarten als Ausweis, Türöffner und Zahlungsmittel. Diese Radio Frequency Identification Devices (RFID) enthalten kleine Datenspeicher und leichte, billige Kurzwellensender. Sie arbeiten batterielos; das elektromagnetische Feld des Lesegeräts speist die Antenne. Gebäudemanager und Kantinenpächter senken so ihren Aufwand. Der Normalbürger spürt aber eher einen Nachteil: noch mehr Plastikkarten.

Das soll sich ändern - durch NFC. Das neue Kürzel steht für Near Field Communications (Nahfeld-Übertragung). Das Funksignal dieser Generation kontaktloser Chips verebbt schon nach vier Zentimetern. Das soll unbefugtes Auslesen der Daten erschweren. Der eigentliche Fortschritt aber sind die vielen verschiedenen Funktionen. NFC ermöglicht nicht nur, ein Carsharing-Auto mit der Kreditkarte zu öffnen und zu starten, sondern umgekehrt auch die Kreditkarte im Zündschlüssel unterzubringen. Oder eben beides ins digitale Schweizermesser zu packen, das Smartphone. Mit unvereinten Kräften rüsten es derzeit Mobilfunk-Netzbetreiber, Handyhersteller, Kreditkartenfirmen, einige Banken, Google und die Ebay-Tochter Paypal zur digitalen Geldbörse auf, die im Laden ebenso akzeptiert wird wie online.

Zahlen per Handy ist in Entwicklungsländern -wo viele Menschen kein Bankkonto haben -bereits weitverbreitet. Dort reicht ein billiges Mobiltelefon, um kleine Beträge zu transferieren. Ob sich diese Zahlungsart auch in den Industrieländern durchsetzt, hängt weniger von den Verbrauchern ab als von den für die Durchsetzung der Technik relevanten Unternehmen. Und die verfolgen durchaus unterschiedliche Interessen.

Wie sich die Mobilfunker das Shopping von morgen vorstellen, lässt die Website von Isis erahnen. Diesem Joint Venture gehören die drei größten Netzbetreiber der USA an - AT&T, T-Mobile und Verizon. Im Sommer startet das Trio, das gut drei Viertel des US-Marktes beherrscht, Pilotprojekte in Salt Lake City (Utah) und Austin (Texas). Kunden der Partnerbanken können sich Kredit- und Stammkundenkarten aufs Handy beamen lassen. Ein Anreiz: Das Kassen-Terminal berücksichtigt alle Rabatte sowie papierlose Sonderangebots-Coupons, die sich die Testkunden aufs Smartphone laden können.

Die Netzbetreiber möchten in ein für sie neues Geschäft einsteigen. Die Allianz der drei Rivalen böte auch die Gewähr für einheitliche Technik. Allerdings haben die Banken, Kreditkartenfirmen und Zahlungsabwickler -in deren Domäne sie eindringen -wenig Interesse, mit einem weiteren Mitspieler zu teilen, der dabei auch noch Regie führen will.

In Großbritannien scheiterte ein ähnliches Oligopol-Projekt am Widerstand eines nicht beteiligten Handynetzbetreibers.

Es winken neue Geschäfte. Es droht das Henne-Ei-Problem

Die Kreditkartenbranche verfolgt eine andere Strategie. Mastercard & Co. ist die Verbreitung von NFC wichtiger als die Frage, ob die Kunden per Handy bezahlen wollen. Seit Jahren versuchen sie Banken, Händlern und Hoteliers den Umstieg auf das NFC-basierte Autorisierungssystem "Paypass" schmackhaft zu machen. Sie wollen so des alten "Skimming"-Problems Herr werden: Betrüger fertigen per Magnetleser Duplikate von Karten argloser Kunden an.

Bei der Einführung von Paypass kämpfen die Kartenkonzerne allerdings mit einem Henne-Ei-Problem. Die neuen Karten enthalten nicht nur den sicheren Chip, sondern nach wie vor auch einen Magnetstreifen. Der soll sicherstellen, dass die Kontoinhaber auch in solchen Läden und Lokalen bezahlen können, in denen noch kein NFC-Kartenleser steht. Viele Händler und Gastwirte warten aber erstmal ab, solange sie jede Karte annehmen können, andererseits warten auch die Banken, bis mehr Geschäftsleute mitmachen.

Mastercards natürliche Verbündete sind Endkunden, die Angst haben, ihre Kreditkarte aus der Hand zu geben. Das NFC-Handy wäre das ideale Angebot für diese Klientel: Nur eine virtuelle Karte ist nach heutigem Stand sicher vor betrügerischen Kopierern. Wenn aber erst eine kritische Masse an Smartphone-Besitzern mitmachte, hätten zögerliche Händler keine Wahl mehr. Sie müssten dann technisch aufrüsten.

Allerdings haben die Handyhersteller es auch nicht eilig mit dem Einbau der NFC-Technik. Diese verteuert die Geräte, ohne dass der Normalkunde schon viel davon hätte. Bis er die Geldbörse ohne Bedenken daheim lassen kann, dürften Jahre vergehen und er schon mit der nächsten Mobiltelefon-Generation liebäugeln.

Außerdem warten Samsung, Sony und Nokia noch ab, was die Netzbetreiber wollen. Denn die sind nach wie vor ihre wichtigsten Großabnehmer - und von deren künftigen Geschäftsmodellen hängt ab, in welcher Form die neue Technik eingebaut wird. Wie es derzeit aussieht, würden die Mobilfunkfirmen gern die Hoheit über das Zahlungsmittel der Zukunft an sich reißen. Sie favorisieren ein Modell, bei dem sie den Universalschlüssel unter Kontrolle haben. Kredit- und Kundenkarten würden dann von der Telefongesellschaft in die SIM-Card integriert. Mit ihr müssten sich auch alle Banken, Handelsketten oder Autovermieter, die einen festen Platz auf dem Smartphone haben möchten, arrangieren. Und dafür bezahlen.

Die Landesbank Berlin, die mit Partnern wie dem ADAC Kreditkarten herausgibt, setzt dagegen auf ein Modell, bei dem Telekom & Co. leer ausgehen. Bei ihr steckt der virtuelle Schlüsselbund in einer Speicherkarte, die theoretisch in jedes NFC-fähige Handymodell passt und nicht nur in einem bestimmten Mobilnetz nutzbar ist. Allerdings umwerben die Berliner ausgerechnet Besitzer von Apples iPhone, das ab Werk gar nicht NFC-tauglich ist. Zudem ist ihre Lösung nicht gerade elegant: Die Technik verbirgt sich in einem Schutzgehäuse, wodurch das schlanke Mode-Telefon länger, schwerer, dicker und hässlicher wird.

Selbst wenn eine nennenswerte Zahl an Hightech-Enthusiasten sich das Ungetüm zulegt, dürfte der Durchbruch des Kreditkartenhandys in Deutschland auf sich warten lassen. Hier zahlen die meisten Menschen am liebsten bar - oder per Girocard. Die Nachfolgerin der EC-Karte ist für den Handel unschlagbar günstig: Supermarktketten zahlen weniger als drei Promille Provision.

Die meisten Banken und Sparkassen hierzulande wollen deshalb ihren Sonderweg beim elektronischen Bezahlen fortsetzen. Ihre Branchenorganisation Deutsche Kreditwirtschaft testet im Großraum Hannover gerade, ob sich Kunden nicht auch mit der kontaktlosen Version der Girocard anfreunden mögen. Bei Edeka, dm-Drogeriemärkte, McDonald's oder Esso kann man Kleinbeträge bis zu 20 Euro blitzschnell per "Tap'n Go" bezahlen - ohne PIN-Eingabe. Fixer ginge es auch mit dem Handy nicht.

Womöglich setzen sich NFC-Handys auf Umwegen dennoch durch. "NFC bedeutet nicht nur Payment", sagt Christian von Hammel-Bonten vom Zahlungsabwickler Wirecard. In seinem Szenario werden NFC-Leser bald überall dort auftauchen, wo sich jemand identifizieren muss: am Check-in auf dem Flughafen, an der Zimmertür im Hotel, am Computer, am WLAN-Hotspot. Und wenn erst jeder ein Handy hat, das dazu taugt, wird es vielleicht schlau sein, es auch als Geldbeutel zu akzeptieren. -

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