Ausgabe 05/2012 - Schwerpunkt Loyalität

William White im Interview

„Loyalität senkt die Kosten“

brandeins: Mr. White, während der Eurokrise wurde den Deutschen immer wieder ein Mangel an Loyalität gegenüber hochverschuldeten Ländern wie Griechenland vorgeworfen. Zu Recht?

William White: Ja, denn als Mitglied der Eurozone hat Deutschland sich ja ursprünglich zu deren Inhalten und Zielen bekannt. Man erwartet, dass es zu dieser Verpflichtung steht. Aber ich sehe zwei fundamentale Probleme. Zum einen wurde die neue Währung von oben verordnet. Es gab keine Volksabstimmung, was heute als Defizit empfunden wird. Die Menschen haben das Gefühl, sie sollen Opfer für Europa bringen, obwohl sie es möglicherweise nie wollten.

Was ist das zweite Problem?

Es wurden bei der Euro-Einführung keinerlei Vorkehrungen für mögliche Krisen getroffen. Und nun sollen die Deutschen die Rettungsaktionen mittragen, die jedoch ursprünglich niemals vorgesehen waren. Das empfinden viele als unfair.

Also ohne Vertrauen keine Bereitschaft zur Solidarität?

Ökonomische Aktivität, Wachstum und Wohlstand entstehen nur durch Kooperation. Und Menschen kooperieren nur dann, wenn sie ihren Partner für vertrauenswürdig halten. Es sind Automatismen, die Überleben und Wohlstand sichern und die sich über Jahrtausende in der Evolution herausgebildet haben.

Was geschieht, wenn jemand falsch spielt?

Es gibt zwei wichtige Regeln, wenn es um Kooperation geht. Die eine ist die sogenannte konditionelle Kooperation. Sie besagt: Ich arbeite mit dir zusammen, wenn du dich fair verhältst. Die andere ist die altruistische Bestrafung: Ich bestrafe dich für Regelverstöße, auch wenn ich dadurch einen Nachteil erleide. Dahinter steht die Idee, dass Bestrafung faires Verhalten fördert und damit für die Gruppe insgesamt sinnvoll ist.

Könnte man die Zusammenarbeit nicht einfach beenden, anstatt das Gegenüber zu bestrafen?

Das Zusammenstellen eines neuen Teams würde Aufwand bedeuten, Kosten verursachen. Wenn man also einmal eine Gruppe hat, die fair und vertrauenswürdig ist, neigt man dazu, ihr treu zu bleiben.

Loyalität ist also letztlich nur ein Kostensenkungs-Programm?

In gewisser Weise ja, Illoyalität kann teuer werden. Deswegen ist es in der Eurozone auch nicht nur im Interesse der Schuldnerländer, dass sie Hilfe bekommen. Auch Deutschland profitiert davon. Ein Auseinanderbrechen wäre extrem teuer. Auch in der Vergangenheit hat Deutschland schon große Vorteile aus dem Zusammenwachsen Europas gezogen, weil seine Exporte in die Peripherieländer erheblich zunahmen. Der Euro hat zu Wachstum und Wohlstand beigetragen.

Er hat aber auch zu vielen der Probleme in den Peripherieländern geführt, für die Deutschland und andere Staaten heute zahlen sollen.

Die Grundidee des Euro war, Kapitalflüsse aus den reichen in die ärmeren Länder zu steuern, sodass diese wettbewerbsfähiger und wohlhabender würden und im Zuge diese Prozesses den stärkeren Nachbarn immer mehr Waren und Dienstleistungen abkaufen würden. Das wäre ein fairer Deal für alle gewesen. Leider kam es anders als geplant. Es floss viel mehr Geld als erwartet über die Grenzen, und zwar nicht in unternehmerische Aktivitäten, sondern in Immobilien und in Konsum. Die Volkswirtschaften näherten sich dadurch nicht wie gewünscht an, sondern drifteten auseinander. Nun haben wir eine Krise und müssen sie meistern, um uns wieder auf den Weg zum ursprünglichen Ziel zu machen.

Die Loyalität bröckelt nicht nur in Deutschland. Italiener und Griechen zahlen oft nicht einmal Steuern, um ihr Land zu unterstützen.

Im Fall von Griechenland haben Sie recht. Nirgendwo in Europa ist die Schattenwirtschaft ausgeprägter als dort. Aber selbst die Griechen machen Fortschritte. Vor drei Jahren lagen die Steuereinnahmen, bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt, noch bei 38 Prozent, weit unter dem europäischen Durchschnitt. Heute sind sie bei 41 Prozent, der Schnitt liegt bei 44. Es ist also nicht so, dass Griechenland Lichtjahre vom Rest der Eurozone entfernt ist. Und die Regierung ist ehrlich bemüht, noch sehr viel mehr zu tun.

Es scheint trotzdem nicht zu reichen.

Die hohe Schuldenlast in vielen Ländern ist nicht nur das Ergebnis verschwenderischer Fiskalpolitik. Die deutsche Regierung glaubt das, aber es ist nicht wahr. Die öffentlichen Schuldenquoten lagen vor der Krise, etwa in Portugal und Irland, unter den deutschen Werten. Es ist der private Sektor in den Peripherieländern, der mehr Schulden aufgenommen hat, als er bedienen kann.

Sollten nicht die für den Fehler zahlen, die ihn begangen haben?

Das tun sie längst. Griechenland steckt seit fünf Jahren in der Rezession. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei fast 50 Prozent. Das Land hat sein Budgetdefizit in den vergangenen drei Jahren um acht Prozent jährlich verringert und wird es für die kommenden zwei Jahre um weitere fünf Prozent kürzen. So etwas hat es in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie gegeben. Griechenland zahlt seinen Preis, ebenso wie die anderen Peripherieländer. Aber sind sie allein schuld an der Krise?

Wer ist aus Ihrer Sicht noch beteiligt?

All jene, die zu viel Kredit gewährt haben - Banken aus Frankreich, Deutschland, den Niederlanden. Sie haben Geld gegeben, ohne gründlich zu prüfen, ob die Schuldner in der Lage waren, es zurückzuzahlen. Was ist also fair? Wer sollte loyal sein? Alle, die an der Entstehung der Krise beteiligt waren. Über Rettungsaktionen sicherzustellen, dass die Schuldner zahlen können, bedeutet auch, die Kreditgeber zu retten. Schuldner und Gläubiger sind an der Hüfte zusammengewachsen.

Ein Austritt besonders starker oder schwacher Länder aus der Eurozone ist keine Lösung?

Egal, ob Schuldner- oder Gläubigerländer austreten - am Ende stehen sie vor demselben Problem wie heute: Die Schuldner können nicht zahlen. Ihre neue Währung würde abwerten, während ihre Schulden weiter im alten Zahlungsmittel notieren und dramatisch aufwerten würden.

Die Eurozone krankt nicht nur an unterschiedlichen Vorstellungen über die gerechte Verteilung der Lasten. Den Griechen wird misstraut, weil sie in der Vergangenheit nicht fair gespielt haben.

Das ist in der Tat ein Problem. Man braucht eine Art Kulturwandel in Griechenland. Das erinnert mich an einen Ausspruch des damaligen US-Zentralbankchefs Alan Greenspan Anfang der Neunzigerjahre. Er kam gerade aus Russland und wurde nach seinen Eindrücken befragt. Greenspan sagte: "Das fundamentale Problem in Russland sind die Werte."

Was meinte er damit?

Dass man Werte braucht, um eine Verfassung zu entwerfen; eine Verfassung wiederum, um Gesetze zu machen; Gesetze, um Regulierung durchzusetzen; Regulierung, um fairen Handel sicherzustellen. Der Mangel an Werten blockierte vieles in Russland. Das bringt mich wieder zu der Frage, warum Menschen in manchen Ländern keine Steuern zahlen. Im Norden Europas ist das ganz anders: Die Steuern sind hoch, Steuerhinterziehung ist unüblich und die Einkommensumverteilung sehr ausgeprägt. Und doch sind die Menschen zufrieden. Warum ist das so? Weil sie finden, dass die Regierung mit ihrem Geld gut umgeht und in ihrem Interesse handelt. In Griechenland war das in der Vergangenheit nicht so, in vielen Schwellenländern auch nicht. Die Regierung verteilte die Steuereinnahmen an die herrschende politische Klasse. Das fanden die Menschen unfair und zahlten keine Steuern.

Wenn Loyalität im Interesse aller Beteiligten ist, wie könnte man sie in der Eurozone wieder neu beleben?

Da Loyalität aus Fairness und Vertrauen entsteht, sollten alle versuchen, diese Werte zu leben. In Spanien, Italien, Irland, Portugal und neuerdings auch Griechenland scheint es, als würden die Verantwortlichen das tun. ---

William White,

69, ist einer der weltweit renommiertesten Ökonomen. Der Kanadier machte Karriere als Notenbanker, war zuletzt Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Schon 2003 kritisierte er angesichts zunehmender Verschuldung in allen Teilen der Wirtschaft die Niedrigzinspolitik des US-Notenbankchefs Alan Greenspan, warnte ihn vor Vermögensblasen und Bankpleiten. Heute ist White pensioniert, aber als Berater weiterhin gefragt.

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