Ausgabe 05/2012 - Was Menschen bewegt

Eine Bildergeschichte

- Ich habe mit Comics lesen gelernt. Und gehörte lange zu einer Minderheit, die mit besonderer Hartnäckigkeit die Welt der Bildergeschichten anpries. Seit einiger Zeit ist das anders. In jeder Zeitung, jedem Magazin, sogar in den heiligen Kultursendungen des Gebührenfernsehens wird begeistert über neue Comics berichtet, die nun Graphic Novels heißen. Und sie erleben gerade einen Boom. Angeblich jedenfalls.

Aber stimmt das tatsächlich?

1. Graphic Novels

Der Begriff Graphic Novel bezeichnet lange, romanähnliche Bildergeschichten für Erwachsene, also eigentlich umfangreichere Comics. Da aber Comics in Deutschland bei manchen mit Schund assoziiert werden, hat die Branche sich auf den besser klingenden Namen geeinigt. Ralf Keiser, Programmleiter Comic im Hamburger Carlsen Verlag, glaubt an den Zauber, weil er damit schon gute Erfahrungen gemacht hat. "Hätten wir vor 14 Jahren gesagt, wir veröffentlichen schwarz-weiße Comics aus Japan, die man rückwärts liest, hätten wir keine Chance gehabt. Doch wir haben gesagt, wir machen Mangas, und der neue Begriff führte zu Offenheit."

Mangas sind heute das bei Weitem erfolgreichste Segment, die Auflagen einzelner Bände liegen im sechsstelligen Bereich.

Graphic Novels dagegen verkaufen bisher eher vierstellig. Wenn es eine in den fünfstelligen Bereich schafft, gilt sie bereits als Bestseller.

Will Eisner: Ein Vertrag mit Gott(Carlsen Verlag)

Der Terminus Graphic Novel wurde zum ersten Mal 1978 von dem US-Comic-Veteranen Will Eisner verwendet, der damit "Ein Vertrag mit Gott" bewarb, ein schmales Buch mit vier knappen Geschichten über Menschen in einem New Yorker Mietshaus. Die Erzählungen sind in einem wie hingeworfen wirkenden, mühelos fließenden Stil gezeichnet und von einem zarten, menschenfreundlichen Grundton geprägt.

Als das Buch 1980 bei Zweitausendeins erstmals in Deutschland erschien, war es eine Offenbarung - und das ist es immer noch.

2. Die alte Comic-Szene

Graphic Novels sind nichts Neues, Comics für Erwachsene gibt es schon lange. Aber lange waren die Käufer in Deutschland eine eingeschworene Gemeinde von Fans, die zum Teil selbst Comics produzierte, veröffentlichte, verkaufte oder rezensierte, die sich also, kurz gesagt, auskannte und deshalb auf Augenhöhe begegnete. Und das durchaus im Wortsinn: Man traf sich auf Messen oder im Comic-Laden, war befreundet und froh über die Gemeinschaft. Fast alles, was zu dieser Zeit an Erwachsenen-Comics erschien, war interessant, denn kaum ein Verleger musste Kompromisse machen. Die Bücher wurden ohnehin fast ausschließlich über den Fachhandel oder sogar per Mailorder verkauft, jenseits der Fachmagazine gab es nur wenige Rezensionen, und die Konkurrenz war gering.

So wurde das Programm gern auch mal mit abwegigen Höhepunkten aus Belgien, Frankreich, den USA und anderen Ländern mit großer Comic-Tradition bestückt, denn wenn es nicht lukrativ ist, soll es wenigstens schön sein. Was auch für die Produktionen einheimischer Künstler galt: So gut wie alle zeichneten ihre Werke in ihrer Freizeit, ihr Geld verdienten sie zumeist als Illustratoren.

David B.: Die heilige Krankheit(Edition Moderne)

In der autobiografischen Erzählung "Die heilige Krankheit" erzählt David B. alias Pierre-François Beauchard seine Familiengeschichte, die vom Kampf mit der Epilepsie seines Bruders geprägt ist. In zwei Bänden über mehr als 350 Seiten webt der Franzose ein kompliziertes Geflecht aus Realität und Traum, Fakten und Fiktion, das er in Zeichnungen zwischen Holzschnitt und fantastischem Realismus einbettet, beeinflusst von asiatischer, afrikanischer und europäischer Grafik.

3. Die neuen Leser

Dass sich Erwachsenen-Comics heute besser verkaufen, in den Medien wahrgenommen und in Buchläden angeboten werden, liegt an mehreren sich gegenseitig verstärkenden Entwicklungen, die letztlich eine gemeinsame Basis haben: die neuen Leser. Die sind meist Mitte 20 bis Mitte 30, oft Akademiker, gut ausgebildet und gut im Geschäft, was nicht unwichtig ist, denn Graphic Novels sind bei Preisen ab 20 Euro kein billiges Hobby. Die neuen Leser kennen viel -Filme, Bücher, Kunst, Games, Blogs, alle Ikonen des modernen Lebens, sie sind quasi die Info-Elite der Freizeit und haben mit der Komplexität des Zusammenspiels von Bildern und Worten kein Problem.

Im Gegenteil: Die hoch verdichteten Geschichten, die sich aus Gesagtem und Ungesagtem, Sichtbarem und Unsichtbarem, der objektiv erzählten Handlung und dem subjektiven Kommentar in Form des persönlichen Zeichenstils zusammenfügen, befriedigen ein Bedürfnis, das bei redundanten Medien wie dem Fernsehen zu kurz kommt. Zudem sind viele Comic-Zeichner exzellente Handwerker und deshalb interessant für Menschen, die sich mit Grafik beschäftigen.

Bastien Vivès: Polina(Reprodukt)

In "Polina" erzählt der Franzose Bastien Vivès von der Karriere einer Balletttänzerin, deren Leben er von der Schule bis zum Höhepunkt ihrer Karriere verfolgt. Für die Ballettsequenzen hat Vivès einen weichen, fließenden Strich gefunden, der sehr sinnlich ist und viel Raum für Assoziationen lässt. Der Band, erzählt sein Verleger Dirk Rehm, begeistert auch viele Nichtcomicleser, die sich für Ballett interessieren.

4. Die alten Kleinverlage

Mit den neuen Lesern brechen für die Verlage aber keine gol denen Zeiten an. "Wir verkaufen jetzt 3000 bis 4000 Exemplare eines Titels, von dem wir früher 2000 Stück verkauft hätten", erzählt Dirk Rehm, der Gründer von Reprodukt. "Manchmal gibt es Ausreißer, von denen verkaufen wir dann 8000 Stück." Reprodukt ist in einer vergleichsweise guten Lage: Er ist einer der ambitionierten deutschen Kleinverlage für Comics, mit einer großen Backlist, einem sehr guten Ruf und vielen Kontakten. Doch der Verlag sitzt, trotz mehrerer neuer Mitarbeiter, immer noch in den alten, engen Räumen in einem unattraktiven Teil von Berlin-Schöneberg und vertreibt seine Bücher weiterhin auch über Direktversand. Das Geschäft bleibt hart, kleine Verlage brauchen zum Überleben Glück oder interessante Finanzierungsmodelle. Die Schweizer Edition Moderne hat inzwischen beides: Teure Projekte werden seit Jahren vom "Edition Moderne Fanclub" finanziell unterstützt, dafür werden die Sponsoren in den Büchern genannt. Die Verfilmung von Marjane Satrapis Graphic Novel "Persepolis" hat dem Kleinverlag sogar einen Bestseller beschert.

Joann Sfar: Die Katze des Rabbiners(Avant-Verlag)

In bisher fünf Bänden wird die Geschichte einer Katze erzählt, die plötzlich sprechen kann und fortan mit ihrem Besitzer, einem Rabbi, über Gott und die Welt debattiert - im Wortsinn! Man erfährt viel über jüdische Traditionen und den jüdischen Glauben. Die feinen Zeichnungen mögen allerdings auf manche etwas krakelig wirken. Im französischsprachigen Raum ist im vergangenen Jahr eine Verfilmung angelaufen, für Deutschland gibt es noch keinen Starttermin.

5. Comics von Literaturverlagen

Warum angesichts der recht bescheidenen ökonomischen Perspektiven nun auch große Verlage Comics veröffentlichen, ist wohl nur durch das zu erklären, was man in der Soziologie "Gefühlsansteckung" nennt: Wenn es alle machen, mache ich es auch. 3 So entsteht eine Massenpanik. Oder eine Flut von Graphic Novels. Wobei Comics für den Literaturbetrieb theoretisch durchaus attraktiv sind. Man hat sie zum Beispiel schnell durch - das ist für eine Branche mit traditionell schwergängigen Produkten natürlich interessant: Theoretisch könnten Leser in der Zeit, in der sie ein Buch lesen, vier Graphic Novels verschlingen. Andererseits fehlt den Verlagen in der Regel jegliche Branchenkenntnis. Kiepenheuer & Witsch etwa, ein Haus mit großer Kompetenz bei Popliteratur, veröffentlichte 2008 "Fun Home", einen US-Bestseller und -Kritikerliebling, übersetzt von TV-Literaturkritiker Denis Scheck. Das sah nach einer sicheren Sache aus, man hoffte angeblich auf 30000 verkaufte Exemplare. Am Ende sollen es gerade mal 10000 gewesen sein.

Fred Vargas: Das Zeichen des Widders(Aufbau)

Fred Vargas alias Frédérique Audoin-Rouzeau ist eine weltweit erfolgreiche und häufig ausgezeichnete französische Autorin von Kriminalromanen mit leichtem Hang zum Surrealismus. Ihre bizarre Geschichte um einen metaphysischen Kommissar und einen esoterischen Serienmörder hat der Zeichner Edmond Baudoin mit dunklen, etwas groben Bildern sehr schön atmosphärisch verdichtet.

6. Kompetenz

Bei so mancher Graphic Novel, die von Verlagen ohne große Comic-Erfahrung veröffentlicht wird, denkt man sich: Gott, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Das ist einerseits kein Wunder, denn es gibt kaum verallgemeinerbare Erfahrungen - der Markt ist jung, klein und unübersichtlich. Andererseits wird sich das nicht ändern, wenn die Grundidee des neuen Programmsegments der schnelle Euro ist und man deshalb versucht, das Risiko zu minimieren. Etwa indem man etablierte Bestseller zu Comics verarbeiten lässt: Es gibt inzwischen Dantes "Göttliche Komödie" in Bildern, Franz Kafkas "Die Verwandlung", "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury und sogar "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust. Brockhaus kündigt fürs Frühjahr eine ganze Reihe mit Literatur-Comics an, "Robinson Crusoe", "Die Schatzinsel", "In 80 Tagen um die Welt" und so weiter. Das alles ist recht nahe an den "Illustrierten Klassikern", einer Heftserie aus den Sechzigerjahren, in der für Kinder geeignete Literatur in schlecht gezeichneten Versionen regelrecht exekutiert wurde. Es gibt aber Ausnahmen, etwa "Alte Meister" von Thomas Bernhard, umgesetzt von dem österreichischen Minimalkomiker Nicolas Mahler, mit dem der Suhrkamp Verlag sein Graphic-Novel-Programm auf hohem Niveau gestartet hat. Suhrkamp lässt die Reihe vom angesehenen Comic-Kritiker Andreas Platthaus, dem Feuilleton-Chef der "FAZ", betreuen. Schon der erste Band legt nahe: Es hilft, wenn sich einer auskennt. Und selbst wenn sie nicht so gut laufen, haben die Graphic Novels für Suhrkamp einen Marketing effekt: Sie vermitteln Klassiker des Programms an neue Leser.

Thierry Murat: Der Mörder weinte(Schreiber & Leser)

In der kargen Bergwelt Südchiles erlebt ein kleiner Junge, wie ein Mann seine Eltern tötet und fortan mit ihm in einer einsamen Berghütte lebt. Nach einiger Zeit kommt ein Mann aus der Stadt zu Besuch, der bei ihnen bleibt. Ein sehr eindringliches, höchst befremdliches Buch über Einsamkeit und Stillstand. Der Band basiert auf einem Roman der Französin Anne-Laure Bondoux, der in Deutschland nicht erschienen ist.

7. Der Buchhandel

Dem kleinen Buchladen geht es nicht sehr gut, eingeklemmt zwischen dem Onlinegeschäft und den großen Handelsketten - aber das heißt noch lange nicht, dass er für Neues offen wäre. Für die Vertreter der Verlage bedeutet das zunächst einmal: Basisarbeit. Sie müssen die Händler von einer neuen Art Literatur überzeugen. Schaffen sie das, ist der größte Schritt getan. Denn Buchhändler, die sich auskennen und auch mal eine Graphic Novel empfehlen, können damit gute Umsätze machen.

Der Carlsen Verlag hat sogar Seminare zum Thema Graphic Novel angeboten, und die Mühe hat sich gelohnt: Zwei Drittel der Graphic Novels werden heute über den regulären Buchhandel abgesetzt.

Der alte Fachhandel stagniert derweil. Die kleinen, vollgestellten Läden, in denen man in der Regel auch Action-Figuren und Sammelbilder kaufen kann, erinnern manchmal an vergessene Sexshops. Tatsächlich leben sie genau wie die von älteren Männern, die sich hier neue Ausgaben der Comics ihrer Jugend kaufen. Graphic Novels dagegen sind diesen Herren wie auch ihren Händlern häufig zu abgehoben. Aber auch die großen Buchhandelsketten sind daran nur begrenzt interessiert: Wer auf Umsatz pro Quadratmeter achtet, verkauft lieber Hörbücher, DVDs und Merchandising, was heute bis zu 40 Prozent der Fläche füllt. Die Comic-Regale stehen in der Ecke und sehen aus, als müssten sie regelmäßig abgestaubt werden.

Jiro Taniguchi: Der spazierende Mann(Carlsen)

Ein Mann geht spazieren, er betrachtet die Bäume, die Hunde, die Menschen, manchmal badet er. Eine wunderschöne Graphic Novel für alle, die so etwas nie lesen und auch nicht wissen, wieso das interessant sein soll. Ersetzt eine Stunde Meditation in unbequemer Haltung.

8. Der Carlsen Verlag

Früher gab es diverse Großverlage im Comic-Segment: Ehapa investierte einen Teil der Gewinne aus "Micky Maus" und "Asterix", der Taschen Verlag führte kurze Zeit ein anspruchsvolles Programm, in den Siebzigern produzierte der Springer Verlag im großen Stil Comics. Heute ist von den großen Anbietern nur Carlsen übrig. Der Kinder- und Jugendbuchverlag ("Harry Potter") hat auch im Comic-Programm Bestseller: Von der Manga-Serie "Dragon Ball" wurden in Deutschland 6,5 Millionen Exemplare verkauft - weltweit sind es rund 250 Millionen. Oder "Die Abenteuer von Tim und Struppi", deren Umsatz nach der Verfilmung von Steven Spielberg noch zugelegt hat. Carlsen hat also die Mittel und die Kompetenz für ein üppiges Programm, doch Programmchef Ralf Keiser gesteht, dass auch bei ihnen viel mit Versuch und Irrtum gearbeitet wird. Das unter dem Titel "Genesis" veröffentlichte Alte Testament etwa, gezeichnet vom König des US-Undergroundcomics, Robert Crumb, floppte trotz des großen Namens. Das ebenfalls 2010 erschienene "Alpha" dagegen von Jens Harder, ein kompliziertes, schwer einzuordnendes Buch, ist nun in der dritten Auflage. Eines weiß Keiser allerdings: Eigenproduktionen laufen generell besser. "Die Leute mögen Bücher, die in Deutschland spielen und sich mit deutschen Themen beschäftigen." Als Beispiele nennt er "Haarmann" über einen Serienmörder in Hannover und "Die Sache mit Sorge" über einen deutschen Spion in Tokio. Dirk Rehms Erfahrungen bei Reprodukt sind ähnlich: Er nennt als Erfolge "Baby's in Black" über die Beatles in Hamburg und "Gift" über eine Giftmörderin in Bremen Anfang des 19. Jahrhunderts.

Jens Harder: Alpha(Carlsen)

Die Geschichte der Welt vom Urknall bis zum Auftauchen des Menschen vor rund fünf Millionen Jahren. Ein Sachbuch über alles, die Schwerkraft, die Evolution und das Aussterben, groß angelegt und dabei so präzise, dass es in wissenschaftlichen Fachzeitschriften empfohlen wurde. "Beta" soll die Geschichte der Menschheit erzählen, "Gamma" die Zukunft.

9. Die Künstler

Die gute Nachricht für die Künstler: Man kann heute in Deutschland als Comic-Zeichner überleben, wenn man einigermaßen etabliert ist. Die Verlage suchen einheimische Künstler, auch weil im Ausland das Interesse an deutschen Comics gewachsen ist und man mit dem Verkauf von Lizenzen Geld verdienen kann. Zeitungen drucken Graphic Novels in Fortsetzungen ab, allen voran die "FAZ". Und wer Humor hat, kann mit Postkarten, Kalendern und Postern gut verdienen. Mit einigen Nebeneinnahmen, die in der Literaturbranche normal sind, können Comic-Künstler allerdings nicht rechnen: Hörbücher gibt es selbstverständlich nicht, und auch Taschenbuchausgaben sind bei einem Medium, in dem es auch um Druck- und Papierqualität geht, nicht empfehlenswert. Stark unterentwickelt ist der Bereich Lesungen, doch das könnte sich ändern: Einige Autoren haben mit Multimedia-Veranstaltungen schon Erfolg gehabt.

Der einsame Künstler muss allerdings nicht unbedingt das Zukunftsmodell sein. In Japan, wo Mangas Volksliteratur sind und die jährliche Gesamtauflage bei mehr als einer Milliarde liegt, ist die Produktion weitgehend industrialisiert: Comics werden wie Animationsfilme arbeitsteilig in Studios produziert. In den USA ist eine Arbeitsteilung zumindest bei den populären Heftserien ebenfalls die Regel. Im franko-belgischen Raum, wo viele Bände zumindest sechsstellig verkaufen, hat sich das System dagegen nicht durchgesetzt: Es gibt zwar einige Studios, der Künstler ist in der Regel aber immer noch einsam.

Isabel Kreitz: Deutschland - Ein Bilderbuch(Dumont)

60 Jahre Bundesrepublik Deutschland - und für jedes Jahr eine Seite mit einer kurzen Szene: über die Fünftagewoche, die Einführung der Mehrwertsteuer, die Ölkrise, Uwe Barschel, die Love Parade. Die Blätter, die zuerst als Serie in der "Frankfurter Rundschau" erschienen, erzählen weniger die Geschichte der BRD und der DDR, als dass sie die Atmosphäre einer Zeit vermitteln, die umso ferner erscheint, je genauer man hinsieht. Und die Hamburgerin Isabel Kreitz sieht sehr genau hin.

10. Die Zukunft

Momentan sind Goldgräberzeiten, und so erscheinen auf dem Markt nun die Zocker, die mit geringem Einsatz großen Gewinn suchen - es gibt zurzeit mehr schlechte Graphic Novels als je zuvor. Gleichzeitig gehen andere Formate in der öffentlichen Wahrnehmung unter, vor allem die klassischen Alben, die groß wie Zeitschriften sind und mit einer Standardlänge von 48 Seiten viele wohl an "Asterix" oder "Lucky Luke" erinnern. Doch auch hier gibt es einiges zu entdecken, etwa die mehr als 40 Alben des grandiosen Franzosen Lewis Trondheim. Dagegen kann man sich die Graphic Novels über Batman, Superman etc. meist sparen. Das liegt wohl daran, dass Superhelden-Comics zurzeit eher als Begleiter der lukrativen Superheldenfilme betrachtet werden und die Unternehmen jedes Experiment vermeiden.

Das aber ist der Kern der interessanten Comics: Sie sind inhaltlich oft extrem, was an den erschwerten Produktionsbedingungen liegt. Selbst für eine kurze Graphic Novel braucht ein Zeichner oft mehrere Jahre. Anders Nilsen arbeitete 15 Jahre an den gut 600 Seiten seines Meisterwerks "Big Questions", das in Deutschland demnächst bei Atrium erscheint - der zu erwartende Gewinn steht dazu in keinem Verhältnis. Da geht es nur noch darum, dass man mit seiner Arbeit selbst zufrieden ist. Das ist der Grund, warum Comics so lange so gut, so vielfältig, so verblüffend waren: weil keine Kritiker darüber richteten, keine Buchhändler die Reaktionen der Käufer beobachteten, kein Hype die Fata Morgana eines schnellen Erfolgs erzeugte. Es gab nur die Leser und die Künstler, die um nichts baten als: Zeig uns, was du kannst! Der Reprodukt-Chef Dirk Rehm erzählt, dass man in mehreren europäischen Ländern festgestellt habe, dass es dem Markt für Graphic Novels umso besser gehe, je lebendiger die Szene sei, die sich intensiv damit beschäftigt. Vielleicht wird also alles so bleiben: Wir werden mehr sein, uns in neuen Comic-Läden, pardon, Graphic-Novel-Shops treffen und weiterhin unsere Begeisterung teilen. Wir werden wie früher beeindruckt sein, weil uns die Comics etwas sagen, was wir sonst nicht hören. Und wir werden all dies endlich mit mehr Menschen teilen. -

Christian Straboni & Laurence Maurel: Chapeau, Herr Rimbaud (Matthes & Seitz)

Der Dichter Rimbaud trifft 1886 im Exil in Abessinien einen entflohenen Sträfling, mit dem er in den Waffenhandel einsteigt. Eine Mixtur aus klassischem Abenteuer und groteskem Humor prägt die erste Graphic Novel des kleinen Berliner Verlags Matthes & Seitz, der auf schwere Literaten und Philosophen spezialisiert ist. Der Verleger veröffentlichte den Band, weil er Rimbaud schon im Programm hatte, fand die Produktion aber so befriedigend, dass er auch künftig immer mal wieder Graphic Novels herausgeben will.

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