Ausgabe 05/2012 - Schwerpunkt Loyalität

Die Bilanz im Kopf

"Wir kommen als Menschen mit einem Gerät auf die Welt, mit dem sich Loyalität ziemlich gut entwickeln lässt."

brandeins: Wie definieren Sie Loyalität, Herr Förstl?

Hans Förstl: Loyalität bedeutet für mich Verbindlichkeit. Sich auf jemanden verlassen zu können, auch unausgesprochen, informell - so wie wir es tagtäglich bei Kollegen, Freunden oder in der Familie erleben und vor allem erwarten.

Ist das angeboren?

Wir kommen als Menschen auf jeden Fall mit einem Gerät auf die Welt, mit dem sich Loyalität ziemlich gut entwickeln lässt.

Sie meinen das Gehirn.

Ja, und das menschliche Gehirn ist ziemlich schräg. Diese ausgeprägten Stirnlappen etwa finden Sie bei keinem anderen Lebewesen. Letztlich ist unser imposantes Frontalhirn im Wesentlichen mit sozialen Prozessen beschäftigt. Schon in den ersten Lebenswochen eines Säuglings ist dieser Bereich ständig am Bilanzieren: Was investiere ich, was bekomme ich zurück?

Ein Säugling zieht bereits Bilanz seines sozialen Handelns?

Es beginnt mit dem Lächeln der Mutter, und dafür ist das Kind brav. Später wird es komplexer, die Beziehungen ändern sich. Und in dieser Entwicklung tritt im Alter von drei bis fünf Jahren etwas Besonderes ein: Der Mensch lernt, bei seiner Bilanzierung auch den inneren Zustand des anderen einzurechnen. Noch später kann er sogar kalkulieren, dass Menschen auch Überzeugungen folgen, selbst wenn diese von der Realität, wie wir sie wahrnehmen, abweichen. Man beschreibt dies als "Mentalisierung" oder auch die Theory of Mind.

Was ist so faszinierend daran?

Die Theory of Mind, kurz ToM genannt, ist die Grundlage sozialen, sittlichen Verhaltens. Ohne Interesse am anderen, ohne Gefühl für dessen Bedürfnisse und ohne ein differenziertes Verständnis seiner Perspektiven entwickeln sich weder Mitgefühl noch Rücksicht oder Loyalität. ToM gibt es bei einigen Tieren, es ist aber vor allem eine besondere und ständige menschliche Leistung, in einigen Berufssparten kann sie extrem hoch entwickelt sein. Damit meine ich übrigens nicht in erster Linie Psychotherapeuten, sondern auch Immobilienmakler oder Finanzberater.

Im Wirtschaftsleben spricht man von sozialer Kompetenz, eher eine Zusatzqualifikation.

Das mag so sein, ich als Nervenarzt kann Ihnen aber sagen, dass diese, wie Sie es nennen, Zusatzqualifikation in unserem Gehirn einen Großteil der Ressourcen besetzt. Sie scheint uns in der Evolution also ziemlich wichtig geworden zu sein. Das lässt sich gut an Personen mit einer autistischen Veranlagung zeigen: Deren oft erhebliche Spezialbegabungen sind letztlich auch ein Hinweis darauf, wie viele freie Ressourcen durch das Fehlen von ToM-Leistungen auf einmal nutzbar werden.

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Hans Förstl wägt ab. Langsam fügt er sich in das Gespräch, sucht nach Worten und Einstiegen. Seine Arbeit nennt er "Neurologie mit praktischer Anwendung". Vor Patienten könne sich die Klinik derzeit nicht retten. Vor allem sogenannte affektive Erkrankungen nehmen zu, die unter anderem durch Enttäuschungen im Berufsleben entstehen können.

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Haben Menschen, die sich etwa als Mobbing-Opfer sehen, eine nicht ausgeglichene Bilanz im Frontalhirn?

Das könnte man so sehen. Wenn ich glaube, dass meine Mitmenschen nicht loyal mit mir umgehen, dann liegt es entweder an den Leuten - oder an meiner eigenen falschen Formel im Gehirn:Dann bilanziere ich fehlerhaft.

Aber ist Loyalität nicht gerade das Gegenteil von Bilanzieren, sondern vielmehr das Einstehen für jemanden ohne Gegenleistung?

Der bekannte Evolutionspsychologe Robert Trivers entwickelte bereits 1971 das Modell vom reziproken Altruismus. Seine Botschaft lautet: Ihr glaubt gut zu handeln, in Wirklichkeit aber folgt ihr einer knallharten Kosten-Nutzen-Kalkulation eures Gehirns. Und das Gehirn ist perfekt im Kalkulieren: Es rechnet heutigen Aufwand schon mit einem Nutzen auf, den erst die Zukunft verspricht.

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Robert Trivers ist eine Art akademischer Rockstar. Berühmt wurde er durch die Verknüpfung der Biologie mit den Gesellschaftswissenschaften - und weil er auch im Alter von 69 Jahren mit Vorliebe Turnschuhe trägt und ungeniert das Wort "motherfucker" nutzt, gern auch im wissenschaftlichen Diskurs wie bei der Präsentation seines neuen Buches über Täuschung und Selbsttäuschung in der ehrwürdigen Royal Society of Arts in London. Als ihn der Leiter der Veranstaltung auf das Ende seiner Redezeit hinwies, beschimpfte der Harvard-Professor Trivers den Pedanten sogar als "rude motherfucker".

Trivers Theorie des reziproken Altruismus beruht auf der Überlegung, dass selbstloses Verhalten, welches einem Individuum kurzfristig mehr kostet als nutzt, langfristig eine positive Wirkung auf den Fortpflanzungserfolg hat. Nur so konnte sich altruistisches Verhalten in der Naturgeschichte entwickeln. Bei Delfinen, Primaten, sogar Fledermäusen lässt sich beobachten, dass sie einem anderen Tier einen Vorteil verschaffen, wenn der Nutznießer sich später revanchiert. So teilen Schimpansen Nahrung nur mit Artgenossen, von denen sie zuvor auch etwas erhalten haben oder die sie anderweitig unterstützten, etwa bei der Fellpflege. Voraussetzung ist ein gewisses Intelligenzniveau und Erinnerungsvermögen, um Betrüger zu entlarven und wiederzuerkennen. Der Psychologe Robin Dunbar ist der Ansicht, dass sich die menschliche Sprache vor allem deshalb entwickelt hat, um die Identifizierung von Betrügern zu erleichtern. Für Robert Trivers sind Täuschungen manchmal allerdings auch Ausdruck von Loyalität, wenn wir nämlich Mitmenschen belügen, um sie nicht zu kränken.

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Loyales Verhalten setzt demnach einen komplizierten Abwägungsprozess voraus -überfordert der uns nicht?

Der Trick ist ja, dass wir Loyalität eben nicht ständig neu verhandeln müssen. Das Verletzen sozialer Regeln wird grundsätzlich selten ausgesprochen. Wir bewegen uns im Raum der Emotionen, etwa dem Gefühl, sich auf jemanden verlassen zu können. Außerdem lernen wir auch, kleinste verräterische Merkmale der Mimik des Gegenübers zu registrieren, die uns ein Gefühl intuitiver Unsicherheit bereiten.

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Verhaltensbiologen haben nachgewiesen, dass wir bekannte Menschen -die eine Testphase gewissermaßen schon bestanden haben -keiner permanenten Loyalitätsprüfung mehr unterziehen. Wir verlassen uns auf sie. Bei Fremden werden Kosten und Nutzen umso pedantischer kalkuliert. Das ergibt auch Sinn: Putzerfische zum Beispiel - kleine, fleißige Helfer, die sich bis in den Rachen riesiger Fische begeben, um dort Parasiten und faules Gewebe wegzuknabbern - verhalten sich ihrer Stammkundschaft gegenüber oft wenig loyal. Neue Kunden hingegen werden zuvorkommend behandelt. Der Stammkunde muss warten, der neue Kunde nicht. Der Putzerfisch investiert in künftige Loyalität (vgl. auch brandeins 03/2012). Man spricht von biologischen Märkten. Verhaltensforscher und Psychologen tummeln sich nun auf dem Feld der Ökonomie. Sie setzen dem klassischen Prinzip der Profitmaximierung die Verhaltensökonomie entgegen, 2002 erhielten mit Daniel Kahnemann und Vernon Smith erstmals zwei Verhaltensökonomen den Wirtschaftsnobelpreis.

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Deuten die verbreiteten Klagen zum Beispiel über Burn-out oder Mobbing möglicherweise auf unausgewogene Kosten-Nutzen-Rechnungen hin? Oder anders gefragt: Sind die Menschen heute anspruchsvoller und dünnhäutiger als früher?

Unser Leben hat sich sehr verändert: Nie wurde so viel gearbeitet, ohne etwas Sichtbares zu produzieren - das trägt nicht unbedingt zur Zufriedenheit bei.

Was hat Zufriedenheit mit Loyalität zu tun?

Die Frage, was ich bewege und beeinflusse, wofür ich Anerkennung erhalte, ja, was ich mit meiner Arbeit überhaupt leiste, war früher meist leichter zu beantworten. Mit der modernen Arbeitswelt verändert sich auch die Sichtweise auf mich selbst. Was kann ich, was bin ich, nimmt mich jemand ernst, werde ich adäquat honoriert - das sind auch alles Loyalitätsfragen.

Stellen Sie sich diese Fragen auch?

Natürlich, ich bin seit 22 Jahren in der Lehre tätig, und man ist als Professor mittlerweile nicht mehr so viel Geld wert wie früher. Den Studenten zu erzählen, wie die Welt oder das Gehirn ticken, ist im Zeitalter der Smartphones nicht mehr unbedingt nötig.

Welche Folgen hat diese Entwicklung für die Menschen?

Die Leute kommen zum Beispiel zu uns und sagen, sie seien unendlich erschöpft, nur wissen sie nicht, wovon. Früher wussten sie es, nämlich von der harten, körperlichen Arbeit - aber heute? Vom Telefonieren vielleicht?

Vielleicht fehlt uns der unmittelbare Austausch. Wir kommunizieren immer weniger von Angesicht zu Angesicht. Hat unsere soziale Buchhaltung noch genug Input?

Ich stelle mir diese Frage sehr oft, aber ich kann sie nicht beantworten. Zweifelsohne hatten wir früher mehr Gelegenheit, praktische Erfahrungen zu sammeln. Gegenwärtig erleben wir eine Zerfaserung aller Bereiche, Kurzkontakte ersetzen langfristige Beziehungen, indirekte Kommunikation die direkte. Wie sich das auf unsere Hirnfunktion und unser Befinden auswirken wird, ist schwer zu sagen. Ich bin mir aber sicher, dass Loyalität Zeit zum Wachsen braucht. Wir können zwar viel mehr objektivieren - wie etwa die Ballkontakte eines Spielers und die Spielanteile einer Mannschaft -, aber dies bildet Motivation, Taktik, Chancen und vor allem die innere Einstellung nur sehr ungenau ab. Es gibt aber noch ein ganz anderes Problem: eine stärkere Form der Achtsamkeit.

Was meinen Sie damit?

Kennen Sie das Problem der Prokrastination?

Ich glaube, es handelt sich dabei um das krankhafte Aufschieben von Dingen, die man eigentlich tun müsste.

Genau - und?

Worauf wollen Sie hinaus?

Vor fünf Jahren hätte man jemanden, der Dinge immer zu spät erledigt, den eine ziemliche Unordnung umgibt, eben schlicht als einen chaotischen Menschen bezeichnet oder gutmütig auch als einen verrückten Professor, aber nicht als einen Kranken. Chaos, Kauzigkeit, Unzuverlässigkeit - das waren sogar positive Eigenschaften, wie sie etwa intellektuellen Menschen zugestanden, ja zugeschrieben wurden.

Und heute...?

...liefert die moderne Medizin eine Art "Krankheitsbegriff", die Prokrastination. Das gilt genauso für Burn-out und was es da nicht alles gibt. Das führt zu einem gleich doppelten Problem: Erstens können solche Krankheitskonzepte die Menschen tatsächlich krank machen, man nennt diesen Effekt das Looping-Phänomen.

Und zweitens?

Zweitens liefern wir den Menschen Krankheitsideen von großer Attraktivität. Sie tapsen geradezu in die Falle dieser attraktiven Begriffe. Sie sind kein Chaot - Sie haben Prokrastination! Das legitimiert dann auf einmal sogar illoyales Verhalten.

Inwiefern?

Früher wäre es absolut illoyal den Kollegen gegenüber gewesen, drei Monate nicht zur Arbeit zu kommen. Die müssen schließlich meine Arbeit dann mitmachen. Seit es den Krankheitsbegriff Burn-out gibt, ist es auf einmal absolut normal, monatelang eine Auszeit zu nehmen, nehmen zu müssen.

So steht es zumindest jeden Tag in der Zeitung.

Richtig, und das ist die dritte Verstärkung. Wie kreieren neue Krankheitsbegriffe und damit Krankheiten, und dann erfährt zum Beispiel Egoismus auch noch eine Absolution in der Öffentlichkeit. Achten Sie einmal darauf, wie häufig heute von Achtsamkeit in den Medien die Rede ist: auf sich achtgeben, sich mehr um sich kümmern, Quality Time - diese Neubesinnung auf das Ego wird geradezu als Fortschritt gefeiert. Diese neuen Ego-Ideale konkurrieren aber mit der Loyalität.

Hat schon mal jemand bei Ihnen nach einem Medikament nachgefragt, das die Loyalität stärkt? Pillen für mehr Selbstbewusstsein werden ja auch verschrieben.

Nein, eine Loyalitätspille hat noch niemand verlangt.

Hätten Sie denn dafür etwas im Schränkchen, vielleicht um die Bilanz im Frontalhirn etwas zu, sagen wir, manipulieren?

Sie haben bestimmt schon von Oxytocin gehört, in den Medien wird es immer das Liebeshormon genannt. Es löst bei Schwangeren die Wehen aus. Wenn die Mutter und ihr Baby einen hohen Spiegel haben, entsteht unweigerlich auch eine Eitel-Sonnenschein-Ekstase. Zürcher Wissenschaftler entwickelten ein Oxytocin-Nasenspray, und dann testeten sie Probanden damit bei einem Investorenspiel. Unter Oxytocin legten alle Teilnehmer ein ungleich größeres Vertrauen in ihre Mitspieler. Es gibt auch Versuche mit Ehepartnern, die sich unter Oxytocin weniger streiten, grundsätzlich scheint sich das Hormon also auf Liebe, Vertrauen und Ruhe positiv auszuwirken. Rein theoretisch ließe sich mit einem solchen Oxytocin-Vernebler im Raum also vielleicht ein loyaleres Verhalten provozieren. Aber so ein Einsatz verbietet sich wohl. Man stelle sich nur Vertragsverhandlungen vor - und danach reiben sich dann alle die Augen und wundern sich, was sie da unterschrieben haben.

Kann Illoyalität auch krankhaft sein?

Ja, schon kleinste Veränderungen im Gehirn, ein geplatztes Äderchen vielleicht - kann uns von einem Moment auf den nächsten die Möglichkeit nehmen, das Hier und Jetzt zu verlassen. Sobald wir aber keine Annahmen für die Zukunft mehr machen können, können wir uns nicht mehr loyal verhalten. Das sind schwere psychische Störungen bei Menschen, die sonst intelligent wirken - sie sind dann nur völlig illoyal.

Was wäre denn Ihr Rezept für Loyalität?

Nun, für alles, was wir erwarten, müssen wir auch einen Preis zahlen, einen Nutzen in Aussicht stellen. Das heißt Verbindlichkeit nicht nur vortäuschen, sondern leben. Möglichst wenig versprechen, was wir später nicht halten können. Das Gehirn vergisst nicht. Übrigens ist auch das heute ein Problem geworden, man könnte es die Amerikanisierung des Alltags nennen: Wir wollen alle immer nett und unkompliziert sein und erwarten das auch von den anderen.

Und?

Das verführt geradezu zu vorschnellen Versprechungen. Wir halten es nicht mehr aus, auf einem Standpunkt zu beharren, auch wenn wir wissen, unser Gegenüber möchte eigentlich etwas ganz anderes hören. Aus lauter Nettigkeit täuschen wir jeden Tag mit winzigen Versprechungen und Unwahrheiten - aber wie gesagt, das Frontalhirn führt genau Buch darüber, und schnell sind die anderen enttäuscht, und Sie gelten als illoyal. Dabei wollten Sie es doch nur allen recht machen. Ich bin mir sicher, dass echte Loyalität auch heute noch einer der wichtigsten Schlüssel für Erfolg ist. -

Literatur

Hans Förstl: Theory of Mind - Neurobiologie und Psychologie sozialen Verhaltens. Springer; 2006

Hans Förstl: Frontalhirn - Funktionen und Erkrankungen. Springer; 2004

Simon Baron-Cohen: Zero Degress of Empathy. Allen Lane; 2011 Franz de Waal: Primaten und Philosophen -Wie die Evolution die Moral hervorbrachte. Carl Hanser; 2008

Robert Trivers: Deceit and Self-Deception -Fooling Yourself the Better to Fool Others. Allen Lane; 2011

Robin Dunbar: The Human Story - A New History of Mankind's Evolution.Faber & Faber; 2004

Hans Förstl, Jahrgang 1954, wurde in München geboren, machte dort das Abitur, studierte Medizin und wurde Arzt für Neurologie und Psychiatrie. Er habilitierte sich in Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg und hatte Professuren in Mannheim und Perth, Australien. Seit 1997 leitet Förstl die Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Technischen Universität München. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher über das Frontalhirn, Demenz und Alzheimer.

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