Ausgabe 04/2012 - Schwerpunkt Kapitalismus

Grundeinkommen

Wenn Freiheit keine Angst mehr macht

• Eine Hauptschule in Deutschland. „Stellt euch mal vor“, sagt der Mann an der Tafel zu den Zehntklässlern, „jeder bekäme ein Grundeinkommen von 1500 Euro pro Monat.“ Theo Wehner, Arbeits- und Organisationspsychologe an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, will wissen, wie die Schüler reagieren. Geld vom Staat, ohne dafür arbeiten zu müssen: eigentlich wunderbar. Fast wie im Schlaraffenland. Doch erst einmal fällt keinem etwas ein. Schweigen. So etwas haben sie noch nie gehört. „Wie jetzt“, sagt schließlich einer, „dann bräuchte ich mir ja keine Lehrstelle zu suchen.“ „Nun ja“, entgegnet Wehner, „du könntest schon, aber die 1500 Euro hättest du auch, wenn du dir keine suchst.“ Der Junge denkt kurz nach. „Nee, das geht nicht“, sagt er dann. „Man muss 'ne Arbeit oder 'ne Lehrstelle haben. Erst dann kann man das Geld kriegen.“ Keiner der anderen Schüler widerspricht.

Wehner war überrascht. Selbst jene, die vom Arbeitsmarkt nicht viel zu erwarten haben, machen sich dessen Rationalität und Zwänge zu eigen. Sie haben das Credo der Erwerbsarbeitsgesellschaft verinnerlicht: Wer es nicht zu einem Job oder einer Lehrstelle bringt, hat die Latte gerissen. „Dass man ohne Anstrengung und Antreiben das machen könnte, was man will, ist nicht sozialisiert“, sagt Wehner. Die Frage, was Menschen tun würden, wenn sie nichts tun müssten, empfinden viele als Zumutung. Diese Erfahrung machte Wehner nicht nur bei deutschen Hauptschülern, sondern auch im Seminar mit Schweizer Senioren-Studenten. Als er ihnen die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens erläuterte, schlugen ihm massive Aggressionen entgegen. „Ich habe 40 Jahre gearbeitet und mir meine Rente verdient“, entrüstete sich einer. „Und Sie sagen, dass man das alles ohne Arbeit bekommen soll? Eine lebenslange Rente von Geburt an? Wissen Sie, was Sie da sagen?“

Kein Zweifel, das bedingungslose Grundeinkommen ist eine Provokation. Ein festes Einkommen, für das niemand auch nur den Willen zur Arbeit unter Beweis stellen muss. Eine Art Daseinsprämie, monatlich auszuzahlen an jeden Bürger, nur weil er auf der Welt ist. Vielen macht so etwas Angst. Wehner holt weit aus und zitiert Erich Fromm, der vor mehr als 70 Jahren über „Die Furcht vor der Freiheit“ geschrieben hat. Eine Freiheit, die der Mensch gern wieder loszuwerden versucht, irgendwie. Oder gar nicht erst annimmt.

Stürmische Reaktionen sind jedenfalls garantiert. Als Wehner in einem Interview mit »Zeit Online« Sympathie für die Idee des Grundeinkommens bekundete, erhielt er 1431 Zuschriften, allein 518 in den ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung. „Das Thema löst sofort heftige Emotionen aus“, resümiert der Wissenschaftler. „Es drängt die Menschen dazu, sich zu positionieren.“

Der Zweck: Sozialkleister oder Kulturimpuls?

In Basel zieht sich der Winter stets besonders früh zurück. Schon Ende Februar sitzen die Leute im Freien und essen Pizza. Vielleicht schafft mildes Klima den idealen Nährboden für die Erweckung einer schönen Utopie.

Daniel Häni, ein Kulturunternehmer aus Basel, und Enno Schmidt, ein Künstler aus Frankfurt am Main, haben dort 2006 die „Initiative Grundeinkommen“ ins Leben gerufen. Die steht nun vor ihrer bisher größten Herausforderung: Sie will das Projekt an die Urnen bringen. Häni, Schmidt und ihre Mitstreiter wollen ein Grundeinkommen, das "der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben" ermöglicht. Und es soll in die Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft aufgenommen werden.

Konkret bedeutet das: 2500 Franken für jeden Bürger, ob alt oder jung, gesund oder krank, berufstätig oder nicht. 2500 Franken – das entspricht etwa der für die Schweiz statistisch errechneten Schwelle zur Armut, ist aber deutlich höher als die Sozialhilfe. Am 21. April beginnt die Aktion. Wenn binnen 18 Monaten 100.000 Menschen unterschreiben, kann das Schweizer Volk über das Grundeinkommen abstimmen. Allerdings sind selbst die engagiertesten Verfechter skeptisch, ob sie die Mehrheit der Bevölkerung schon im ersten Anlauf hinter sich bringen können. Dabei ist die Schweizer Grundeinkommens-Debatte seit Langem viel engagierter, bunter und konkreter als in Deutschland, wo sie über akademische Zirkel kaum hinausgekommen ist. Was Götz Werner, in Deutschland der Kantor der Bewegung, sich seit Jahren wünscht, nämlich ein epidemisches Ausbreiten der Idee – im Nachbarland ist sie auf bestem Wege.

Warum wird sie ausgerechnet dort zur Bürgerbewegung, nicht aber hierzulande? Vielleicht, weil die Unwuchten des Kapitalismus, die man mit dem Grundeinkommen ins Lot zu bringen hofft, in der Schweiz deutlich weniger spürbar sind. Es knirscht nicht so laut im Gebälk. Zwar gibt es Armut – an der Zürcher Bahnhofs-Brücke sitzen Obdachlose, deren Hunde gesünder aussehen als ihre Besitzer – doch im Gesamtkontext des wohlhabenden Landes wirkt derlei fast pittoresk. In Deutschland liegt die Arbeitslosenquote aktuell bei mehr als sieben Prozent, in der Schweiz bei weniger als drei Prozent. Zwar gelten gemäß EU-Definition, die 60 Prozent des Durchschnittseinkommens eines Landes zum Maßstab nimmt, in beiden Ländern gut 14 Prozent der Bevölkerung als von Armut bedroht. Wegen des hohen Schweizer Durchschnittseinkommens handelt es sich um Armut auf hohem Niveau.

Eine der zentralen Ideen des Grundeinkommens ist es, Menschen zu ermöglichen, sich von schlecht bezahlten, sinnentleerten Arbeiten zu befreien. In solchen Jobs, fand kürzlich die Berliner Bundespsychotherapeutenkammer heraus, herrschen häufig Bedingungen, die erwiesenermaßen krank machen. So fallen Callcenter-Mitarbeiter der Studie zufolge doppelt so häufig aufgrund psychischer Erkrankungen aus wie Menschen mit anderen Berufen. Ähnlich anfällig sind Wächter und Aufseher, Krankenpfleger, Sozialarbeiter und Verkäufer.

In der Schweiz fielen im Jahr 2008 nur 3,3 Prozent aller Arbeitsverhältnisse in diese Kategorie. In Deutschland waren es dagegen rund 22 Prozent. Meist dienen sie als Zwischenstation auf dem Weg von einer Vollzeitstelle zur nächsten. Auch jener Rest klassischer monotoner Industriearbeiter-Jobs, die das Grundeinkommen – nach Ansicht der Befürworter lieber heute als morgen – wegrationalisieren soll, ist im Vergleich zu Deutschland, Frankreich oder Großbritannien ohnehin rar. Die Befreiung vom Joch der Maloche prangt auf dem Banner des Grundeinkommens, als wär's ein Stück aus den Siebzigerjahren. Eine Befreiung, die dank der monatlichen Alimentierung möglich würde, ganz ohne Existenzangst und Not. Der zynisch klingende Begriff „freigesetzt“ erhielte seine ursprüngliche Bedeutung zurück.

Die Schweizer Debatte hat einen anderen Groove als bei den deutschen Nachbarn. Hierzulande wird das Grundeinkommen vor allem als sozialpolitisches Reparaturwerkzeug diskutiert, eine Art weich gespülte Alternative zu Hartz IV. Weil die Sozialsysteme an ihre Grenzen stoßen und die bisherigen Reparaturmaßnahmen (von Tony Blairs Welfare to Work bis zu Gerhard Schröders Agenda 2010 mit Hartz IV) nur eine begrenzte Wirkung hatten, geht es – je nach ideologischem Standpunkt – um Armutsbekämpfung und Existenzsicherung oder um eine effizientere, also billigere und transparentere Sozialpolitik.

Kein Wunder, dass sich die Diskussion in der Bundesrepublik vor allem an Hartz IV entfacht, jenem System fürsorglicher Kontrolle, das die Klasse der Erwerbslosen zurück zu „nützlicher Arbeit“ führen soll, wobei jede Arbeit als nützlich gilt. Gestartet mit dem Versprechen, die dauerhafte Ausgrenzung weiter Teile der Bevölkerung vom Arbeitsmarkt zu überwinden, hat die Reform polarisiert und die Probleme eher noch verschärft. Durch Hartz-IV-Jobs mit zweifelhaftem volkswirtschaftlichem Nutzen sind kaum dauerhafte Beschäftigungsverhältnisse entstanden, mit denen man eine Familie ernähren kann. Die meisten „Aktivierten“ pendeln vielmehr seit Jahren zwischen schlechten und ganz schlechten Jobs. Armut oder die Angst vor sozialem Abstieg gibt es nun bis weit in die Mittelschicht hinein.

In der Alpenrepublik spielt all dies keine allzu große Rolle. „Der Vorteil in der Schweiz ist, dass ein Grundeinkommen als sozialpolitische Maßnahme zur Eindämmung der Armut nicht unbedingt gebraucht wird“, sagt Daniel Häni. „Deshalb kann die Idee hier viel freier auftreten, als Kulturimpuls.“

Während man in Deutschland, wie Theo Wehners Mitarbeiter Max Neufeind es ausdrückt, das Grundeinkommen häufig „als eine Art Feldlazarett hinter den Fronten des Industriekapitalismus missversteht“, ist in der Schweiz nicht der soziale Notstand die treibende Kraft. Gerade deshalb, findet Enno Schmidt, „kann die Idee hier besser kompostieren“. Druck im Kessel, sagt er, „führt nicht zu etwas Neuem, sondern zu einer weiteren Notlösung. Dann endet das Grundeinkommen im Schachern um eine Wohltat – mit der man, geschickt angewandt, noch mehr Druck ausüben kann als mit Hartz IV. Es muss nur niedrig genug sein. Und nicht so ganz bedingungslos.“

Entscheidend sei die Irritation, das Innehalten, die Frage an einen jeden: Was wäre, wenn ...? „Gerade die Bedingungslosigkeit des Grundeinkommens stört jede Gewohnheit“, sagt Theo Wehner, „die des Clochards genauso wie die des Managers. Es katapultiert den Menschen heraus aus seinen Gewohnheiten.“ Hänis Frage „Was würden Sie arbeiten, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre?“ richtet sich an alle Schweizer, auch an jene, die 10.000 oder 50.000 Franken im Monat verdienen und für die sich durch ein Grundeinkommen nichts ändern würde. So jemand würde ja wegen 2500 Franken im Monat nicht aufhören zu arbeiten. Und was würden Daniel Häni und Enno Schmidt tun, wenn sie nichts tun müssten, weil für ihr Einkommen gesorgt wäre?
"Das Gleiche wie bisher", antwortet Häni.
"Aber noch besser", sagt Schmidt.

Jeder arbeitet, weil er will, nicht weil er muss

Der belgische Philosoph und Ökonom Philippe van Parijs, der nicht unter Kommunismusverdacht steht, hat das Grundeinkommen einmal zugespitzt als Baustein auf der „Capitalist road to communism“ bezeichnet. Eine Provokation, die von wenigen aufgegriffen wurde. Auch aktuell spielt die Systemfrage kaum eine Rolle. Klaus Wellershoff etwa, früher Chefökonom der UBS, der größten Schweizer Bank, jetzt Unternehmensberater in Zürich und Wanderprediger in Sachen Grundeinkommen, hält nichts davon, die Idee „auf der Kapitalismus-Kommunismus-Achse zu verorten“. Einerseits bestehe eine gewisse Verwandtschaft zur Negativen Einkommensteuer des radikal-liberalen Freimarkt-Theoretikers Milton Friedman, andererseits sei auch Karl Marx nicht so weit weg mit seinem Prinzip „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“.

Da revolutionäre Umwälzungen derzeit nicht zu erwarten sind, bleibt die Frage, ob ein Grundeinkommen dem Kapitalismus etwa eine bessere Reputation verschaffen, seine Daseinsberechtigung stärken, ihn wetterfest machen kann. Philippe van Parijs nähert sich der Antwort auf verschlungenen Wegen: „Der Kapitalismus hat dann eine Daseinsberechtigung, wenn es gelingt, sein gigantisches produktives Potenzial zu bändigen und es in den Dienst der Freiheit aller zu stellen.“ Klingt viel komplizierter als seine Antwort auf die Frage, wie das denn geschehen soll: durch ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Das würde den Markt nicht außer Kraft setzen. Auch an der Verfügungsgewalt und dem Eigentum an Produktionsmitteln änderte sich nichts: Kapitalist bleibt Kapitalist. Es würde allerdings die Menschen vom Joch des Erwerbszwanges befreien: Jeder arbeitet, weil er will, nicht weil er muss.

Die Frage nach den ökonomischen Wirkungsmechanismen führt geradewegs in die Vorlesung über Mikroökonomie aus dem ersten Semester des Studiums der Volkswirtschaftslehre. Wie reagiert der Mensch auf den bedingungslosen Geldtransfer vom Staat? Das „Wirtschaftssubjekt“ fährt sein Arbeitsangebot zurück, sagt die Grenznutzentheorie, es ist nicht mehr bereit, zu den bisherigen Löhnen das gleiche Maß an Arbeit zu leisten. Wie im Lehrbuch haben die Menschen nun tatsächlich die Option, sich zwischen Arbeit, Freizeit oder anderen Aktivitäten zu entscheiden. Mit dem Unterschied, dass die Entscheidung gegen Erwerbsarbeit nicht automatisch einer Entscheidung gegen Einkommen und Konsum gleichkommt. Ökonomen haben einmal den Begriff vom „Grenzleid der Arbeit“ geprägt. Arbeit ist in den meisten Fällen nämlich kein Quell der Freude, sondern mit Mühsal verbunden, ein notwendiges Übel, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Die Unternehmen müssten nun eine höhere Entschädigung für dieses Grenzleid anbieten: mehr Geld, mehr Verantwortung und Partizipation, mehr Sinn, weniger Druck. Ein Systemwechsel stünde nicht an. Denn von Adam Smith über Karl Marx bis Hans-Werner Sinn gilt der Egoismus als Triebfeder des Kapitalismus. „Indem der Einzelne seine eigenen Ziele zu erreichen sucht“, schreibt Smith, „dient er oft den Interessen der Gesellschaft besser, als wenn er sie bewusst verfolgt.“ Der mit Grundeinkommen ausgestattete Mensch kann frei überlegen, was gut für ihn ist, jenseits aller Sozialromantik und Solidaritäts-Träumerei.

Die monatliche Überweisung vom Staat, frei von jeder Bedingung, von jeglichem Zwang, hätte sogar etwas zutiefst Unternehmerisches. Sie versetzte einen jeden in die Lage, sein eigenes Leben zu gestalten. Der Tag könnte einen neuen Rhythmus aus Tätigkeit, Kontemplation und Nichtstun finden; andere Ausbildungen kämen in Betracht, nicht allein fokussiert auf bestmögliche Karrierechancen. Ein solches Grundeinkommen wäre kein Spielzeug der Sozialutopisten und auch kein wohlfahrtsstaatlicher Sozialkleister, sondern könnte sich zu einem Innovationskatalysator entwickeln, zur Dampfmaschine des 21. Jahrhunderts. Jeder wäre ökonomisch in der Lage, seine Chancen zu nutzen, und müsste nicht ständig auf vermeintliche Widernisse und Risiken achten. Die bequeme Ausrede, nur wegen des Geldes in einem öden Job zu bleiben, verlöre an Überzeugungskraft.

Mit dem Grundeinkommen gäbe es immer eine Alternative zum „Weiter so!“, besonders für jene, die sich in schlecht bezahlten, sinnentleerten Jobs quälen. Wer würde noch stinkenden Müll wegkarren, dreckige Klos schrubben, im Schlachthof Gedärme aus Schweineleibern zerren wollen? Der Arbeitsmarkt wäre dann ein Markt im eigentlichen Sinne – weil die Menschen frei wären, ein Angebot anzunehmen oder abzulehnen.

Das Menschenbild: Faulpelz oder Sinnsucher?

Die große Unbekannte ist und bleibt das menschliche Verhalten. Niemand weiß, wie sich Menschen, die nicht dem Idealkonstrukt des Homo oeconomicus entsprechen, unter solch utopischen Bedingungen verhalten. Es kursieren eine Vielzahl mehr oder weniger plausibler, aber allesamt nicht beweisbarer Annahmen. Vielleicht schleppen sie sich ja weiter zur ungeliebten Arbeit, aus Gewohnheit, Pflichtgefühl oder falschem Verständnis des Paulus-Zitats, wonach einer, der nicht arbeiten will, auch nicht essen soll. 67 Prozent der Schweizer Stimmbürger, viele mit einer 44-Stunden-Woche geschlagen, votierten bei der von den Gewerkschaften betriebenen Volksabstimmung "Sechs Wochen Ferien für alle" im März gegen den schrittweise wachsenden Urlaubsanspruch bis 2018. Die Wirtschaft hätte das ohne große Verwerfungen verkraftet. "Zusätzliche Ferien sind für viele bedrohlich", sagt der Baseler Soziologe Ueli Mäder. Arbeit an sich gilt offenbar als sinnstiftend – kein gutes Omen für die Volksinitiative zum Grundeinkommen. Möglicherweise weiß mancher nicht, was er mit sich anfangen soll, wenn er weniger arbeitet. „So etwas muss geübt werden“, sagt der Zürcher Arbeits- und Organisationspsychologe Wehner. „Wer nicht weiß, wie er die Freiräume füllen soll, hat regelrecht Stress.“

Befürworter und Gegner des Grundeinkommens treffen beim Streit um das Menschenbild aufeinander. „Der Mensch ist ein faules und antriebsloses Wesen, das man morgens aus dem Bett treiben muss“, rufen die einen. Deshalb dürfe der Staat ihn notfalls zu etwas zwingen, einem Ein-Euro-Job etwa. Die anderen entgegnen: „Der Mensch ist von Natur aus tätig.“ Zwar sei die Alternative „RTL 2 und Sonderangebots-Bier“ ausdrücklich gestattet. Doch für die meisten gelte, was Erich Fromm schon vor 45 Jahren geschrieben hat: „Sicher würden viele Leute gerne für ein oder zwei Monate nicht arbeiten. Die allermeisten würden aber dringend darum bitten, arbeiten zu dürfen, selbst wenn sie dafür nichts bezahlt bekämen.“ Nicht zuletzt deshalb haben Tätigkeiten Konjunktur, deren Sinn in sich selbst liegt: ein Ehrenamt, bürgerschaftliches oder familiäres Engagement, den Schulabschluss nachholen, ein Studium oder eine Umschulung. Etwa jeder zweite Hartz-IV-Empfänger hat keine Berufsausbildung.

Seit der Erfindung des Grundeinkommens (Milton Friedman stellte die Negative Einkommensteuer 1962 vor) kursieren Überlegungen, die Idee zu testen. Auch Daniel Häni und Enno Schmidt dachten daran. Hundert Menschen, ausgestattet mit einem auskömmlichen Grundeinkommen, sollten drei Jahre lang von Erwerbsarbeit freigestellt werden (siehe brand eins 08/2008: „Wer nicht muss, der kann“). Häni und Schmidt wollten sie als Dokumentaristen filmisch begleiten. „Was passiert mit denen?“, fragte sich Häni. „Was fangen die an mit ihrer Freiheit?“

Das Experiment kam nicht zustande. Die beiden ließen ihre Idee fallen. Möglicherweise, weil sie die für den Feldversuch benötigten vier bis sieben Millionen Euro nicht auftreiben konnten. Vielleicht störte sie, dass die Probanden von vornherein mit dem Wissen um die zeitliche Befristung in den Versuch gehen würden. Der Anschluss an den Rest der Gesellschaft, die ohne Grundeinkommen weitermacht wie bisher, hätte gefehlt. Und die ermutigenden Berichte aus dem namibischen Dorf Otjivero, wo jeder der 1000 Einwohner vier Jahre lang ein Grundeinkommen von umgerechnet neun Euro pro Monat erhielt, sind für entwickelte Wohlstandsgesellschaften nur von geringem Aussagewert (siehe brandeins 06/2008: „Als das Geld vom Himmel fiel“).

Das Grundeinkommen würde den Kapitalismus verändern. Wie genau, das kann niemand sagen. Führte es dazu, dass mehr dauerhafte, fair bezahlte Jobs entstehen? Dass die Kluft zwischen Arm und Reich nicht noch größer wird? Dass aus dem egoistischen Impuls des „Ich mache, was ich will“ wiederum Solidarität erwächst? Mag sein. Eine Garantie dafür gibt es nicht. Geld allein schafft soziale Ausgrenzung nicht ab. Dazu gehört mehr. Gleiche Bildungschancen zum Beispiel, unabhängig vom sozialen Status des Elternhauses.

Zumindest ermöglichte das Grundeinkommen vielen Menschen die Aufnahme von Tätigkeiten ohne Beurteilung der Leistung, ohne Vergleiche, ohne Anspruch, ohne Druck. Wie bei jener Frau, die neben ihrer Berufstätigkeit im Krankenhaus Bücher sammelt und sie an die Patienten verteilt. „Wenn ich das, was ich hier freiwillig tue, bezahlt bekäme, könnte die andere Seite Forderungen an mich stellen“, sagte sie zu Theo Wehner. „Dann würde man mich mit anderen Freiwilligen vergleichen, ob die ihre Sache vielleicht noch besser machen als ich.“ – „Und wie würden Sie darauf reagieren?“, fragte Wehner. Die Antwort: „Wenn ich es bezahlt bekäme, würde ich sofort damit aufhören.“ ---

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