Ausgabe 04/2012 - Schwerpunkt Kapitalismus

Glück ist machbar

- Man trifft sich wie jeden Tag um halb neun im Café "The Beat" an der East Fremont Street. Der Unternehmer Tony Hsieh und seine Morgengesellschaft sind in Gespräche vertieft. Die Themen ergeben sich spontan, je nachdem, wer den Weg in die Geisterstadt gefunden hat, die auf Stadtplänen als Downtown Las Vegas verzeichnet ist. Wer auf den Bürgersteig tritt, kann in ein paar Kilometern Entfernung den Turm des Stratosphere Hotels und Casinos ausmachen, das den Beginn des Las Vegas Strip markiert. Dahinter erst beginnt das Las Vegas, das Touristen kennen: glitzernde Bauten, in denen es um Glück aus dem Automaten geht.

Im Café geht es um andere Themen. In einer Ecke sitzt der Neuro-Ökonom Paul Zak aus Kalifornien und erläutert einem Dotcom-Investor, wie das Hormon Oxytocin Glücksgefühle und Vertrauen auslöst. Er nennt es vollmundig "das moralische Molekül". Am anderen Ende des Tisches erzählt der 26-jährige Patrick Olson, wie er in der Autostadt Las Vegas in den kommenden zwölf Monaten ein Bikesharing-Programm aus dem Wüstensand stampfen will. "Wir fangen klein an, 200 Räder an 20 Mietstationen, aber das schafft neue Verbindungen für eine Gemeinde, in der sich Menschen wieder begegnen."

Im Zentrum der wild fabulierenden Tafelrunde sitzen Hsieh und zwei Mitarbeiter, die jede Idee notieren. Wer sie überzeugen kann, wird vielleicht noch einmal nach Las Vegas eingeladen und kann sogar mit Wagniskapital rechnen, um seine Geistesblitze im Brachland rund um die East Fremont Street auszuprobieren. Der 38-jährige Hsieh nennt es das Downtown Project (DTP). Dessen Ziel ist es, aus den Ruinen, die Stadtflucht und Verfall hinterlassen haben, eine neue Kommune zu schaffen. Das private Urbanismus-Experiment ist Hsieh 350 Millionen Dollar seines Vermögens wert, um "die lebenswerteste Gemeinde der Welt zu schaffen", wie er mit todernster Miene sagt.

Das mag verrückt klingen, aber der Mann macht alle paar Jahre mit einer neuen, unerhörten Idee von sich reden. Je unmöglicher das Projekt erscheint, umso nonchalanter klemmt sich der Sohn taiwanesischer Einwanderer dahinter. In der Schule und an der Universität Harvard baute er Nachhilfe zum Geschäft aus. Mit 24 entwickelte er eine neuartige Anzeigenbörse namens Link-Exchange, die er für 265 Millionen Dollar an Microsoft verkaufte. Scheinbar nebenbei ist Hsieh zum Multimillionär, Bestseller-Autor und Guru moderner Unternehmenskultur jenseits des rücksichtslosen US-Kapitalismus geworden. Der Erfolg scheint ihm recht zu geben. Im Online-Geschäft brach er mit fast allen Regeln und baute bis 2009 aus einem drögen Internet-Schuhversand eine Kultfirma namens Zappos.com mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Dollar auf.

Zappos wurde vor allem dank seines lockeren Betriebsklimas und eines ansteckend fröhlichen Kundendienstes zur wertvollen Marke (siehe "Die Spaß-Firma", brandeins 11/2008). Wer im Callcenter des Unternehmens am Stadtrand von Las Vegas den Hörer abnimmt, folgt nicht sklavisch einem vorformulierten Text, um Kunden abzuwimmeln, sondern ist vom Chef angehalten, frei von der Leber weg zu plaudern. Die 1200 Angestellten am Firmensitz in der Wüste (weitere 3000 Beschäftigte arbeiten im Lieferzentrum in Kentucky) haben viel Raum zur Selbstentfaltung. Wer will, darf im Schlafanzug zur Arbeit kommen oder vor seiner Bürowabe eine Kegelbahn einrichten. In dem sogenannten Kulturbuch stellt sich die gesamte Belegschaft jedes Jahr vor und vermittelt die Kernbotschaft der Firma - "Hab Spaß und probiere verrückte Sachen aus". Jüngstes Beispiel: Statt der sonst üblichen einjährigen uneingeschränkten Umtauschfrist kündigte Zappos für den 29. Februar eine Schaltjahr-Klausel an. Wer an dem Tag etwas bestellte, kann es vier Jahre lang umtauschen.

Das Magazin "Fortune" kürt die Firma regelmäßig zu einem der zehn besten Arbeitgeber des Landes. 2009 hat Amazon sie für seinerzeit 1,2 Milliarden Dollar übernommen und lässt Hsieh - der nach wie vor Vorstandsvorsitzender ist - dort weiter nach seinen unkonventionellen Regeln arbeiten. Zu seiner Rolle als Unternehmer kam die des Vordenkers und Vorbildes, dessen Autobiografie "Delivering Happiness" die Spitze der Bestseller-Listen von "New York Times" und "Wall Street Journal" erklomm. 2010 gründete er eine Beratungsfirma gleichen Namens, die Nachhilfe in Glücksvermittlung erteilt.

Eine Stadt der glücklichen Seelen - das wird das nächste Projekt. "Wir suchten fünf Jahre nach einem neuen Standort für den Firmensitz. Einen Campus, der nicht gegen meine eigenen Grundsätze verstößt", sagt er, als sich die Kaffee-Runde nach anderthalb Stunden des wilden Brainstormings aufgelöst hat. Hsieh tritt wie üblich betont leger auf: ein dunkles Zappos-T-Shirt, Jeans und Turnschuhe, ein MacBook unterm Arm, einen Blackberry und ein iPhone auf dem Tisch. Einer seiner Merksätze: eine einzige Tür für alle, die kommen und gehen, damit sich Manager, Mitarbeiter, Kunden und Gäste wie die Kugeln in der Lottotrommel direkt begegnen. "Wir waren wegen des rasanten Wachstums von Zappos auf drei Gebäude verteilt, das ist nicht gut", sagt er. Er wolle "glückliche Kollisionen" schaffen, denn die führten zu Kreativität, Leidenschaft und letztlich Produktivität.

Mit viel Geld viele Kreative anlocken

Daher die Idee, das Unternehmen in das tote Stadtzentrum zu verpflanzen. "Apple, Google, Nike, sie alle haben diese tollen Campus-Anlagen", sagt Hsieh. "Aber das sind Inseln, die mit der Außenwelt fast keinen Kontakt haben." Stattdessen schwebte ihm so etwas wie die New York University vor, die mitten ins Gewühl von Manhattan eingebettet ist und Interaktion mit der Nachbarschaft erzwingt. Als er erfuhr, dass die Stadt Las Vegas ihr altes Rathaus aufgeben wollte, war die Saat für das Downtown Project gelegt: mit Zappos als Pionier, um ein ganzes Viertel mit rund acht Quadratkilometern Fläche umzukrempeln.

Das Adjektiv "alt" ist für Bauwerke in Las Vegas Ausdruck eines ganz speziellen Zeitgefühls: Besagtes Rathaus stammt aus dem Jahr 1973 und liegt am schäbigen Nordende des Las Vegas Boulevard, wo die Straße sang- und klanglos unter der Autobahn verschwindet. Daneben liegt ein stillgelegter Busbahnhof. Der Wind pfeift über den Vorplatz des elfstöckigen Betonrings. Eine Immobilienfirma kaufte der Stadt das marode Bauwerk für 18 Millionen Dollar ab und hat es für 15 Jahre an Zappos vermietet. Das Unternehmen wird von diesem Sommer an insgesamt 40 Millionen Dollar in den Umbau und die Renovierung stecken, um den Komplex bis zum Herbst nächsten Jahres zu einer fröhlichen Spielwiese umzubauen -ausreichend Platz für 2000 Zappos-Beschäftigte, daneben hat sich die Firma bereits weitere drei Hektar gesichert.

"Abreißen und neu bauen wären erheblich billiger gewesen, aber wir wollten unbedingt zeigen, dass uns die Erhaltung der historischen Bausubstanz wichtig ist", sagt Zach Ware, einer von Hsiehs Managern für das Downtown Project. "In dieser Stadt werden bei neuen Casinos schon die Sprenglöcher mit eingebaut, weil niemand etwas renoviert." Zach Ware ist wie die anderen aus Hsiehs Kernmannschaft über den Umweg des Schuhversands zum Stadtplaner geworden. Mit Mitte 30 ist der ehemalige Produktmanager nun für einen erheblichen Teil des Ausbaus der alten Innenstadt zuständig.

In den kommenden Jahren will Tony Hsieh 100 Millionen Dollar in den Erwerb von Grund und Boden investieren, weitere 100 Millionen in den Bau bezahlbarer Wohnungen. Und noch einmal je 50 Millionen in die Ansiedlung junger Technologie-Firmen, in den Einzelhandel und in neue Schulen. "Wir wissen, dass wir nicht auf alle Fragen eine Antwort parat haben, aber die Zappos-Kultur hat uns zwei Dinge gelehrt, die sich auch auf die Entwicklung einer neuen Stadt anwenden lassen", sagt Ware. "Jedem den nötigen Freiraum zu geben, seiner Leidenschaft und seiner Intuition zu folgen und dabei bescheiden zu bleiben. Wer etwas nicht weiß, ist klug genug, bei Fachleuten Rat einzuholen."

Für ihn gleicht die Stadtplanung dem Aufbau eines Internetunternehmens. "Wir legen den Quellcode für unser Projekt offen und bauen eine Plattform, auf der andere kreativ tätig werden können. Das ist nichts anderes, als die Architektur für ein System aus Hardware und Software zu definieren, das offene Schnittstellen besitzt. Wir wollen nicht Gebäude hinstellen, die dann mit Leben gefüllt werden müssen, sondern umgekehrt verfahren. Wir bringen die richtigen Leute zusammen, die gemeinsam Neues schaffen. Wir wollen uns, soweit es geht, im Hintergrund halten."

Dicke Wälzer über die ideale Stadt haben zuvor weder Ware noch Hsieh gelesen. Nur der Titel eines Buches fällt immer wieder: "The Triumph of the City" des Harvard-Ökonomen Edward Glaeser. Hsieh fand das Werk durch Zufall, wie er sagt, und kaufte 400 Exemplare, um sie jedem Gast und Mitarbeiter, der Interesse haben könnte, in die Hand zu drücken. In dem 2011 erschienenen Buch preist Glaeser die Stadt als "unsere größte Erfindung" und diskutiert die Bedingungen, unter denen Metropolen "uns reicher, schlauer, grüner, gesünder und glücklicher machen". Entscheidend ist für ihn die räumliche Nähe kreativer Köpfe. Bei mehr als 250 solcher Menschen pro Hektar passiere "etwas Wunderbares", referiert Ware: "Innovationsleistung und Produktivität steigen schneller, als die Bevölkerungszahl zunimmt."

Haben Sie eine Idee? Dann ab in die Wüste!

Dieses sogenannte superlineare Wachstum fasziniert Hsieh, denn: "Firmen werden langsamer, je größer sie werden. Bei Städten verhält sich das genau umgekehrt. Wir wollen, dass sich beide Systeme befruchten." Die Kultur von Zappos soll auf die Stadt übertragen werden, damit sie zu neuem Leben erwacht. Und umgekehrt soll die kreative City die Firma befruchten. Eine wunderbare Symbiose, bei der am Ende auch noch Rendite winkt.

Bislang existiert dieser Tummelplatz junger, kreativer Kommunarden nur in Ansätzen und vor allem auf dem Papier. Hsieh und sein Team sind in den 23. Stock des Ogden eingezogen, eines Apartmentturms, dessen Vorbesitzer pleiteging, gegenüber dem Rathaus. Wie eine üppig finanzierte WG leben sie dort in Mietwohnungen, deren Türen immer offen stehen. Besucher können auf kleinen weißen Täfelchen am Eingang sehen, wer gerade wo zu erreichen ist. Besprechungen finden im Flur, in wechselnden Wohnzimmern und im Café statt, später am Abend zieht das Projektteam in den "Downtown Cocktail Room", eine Bar um die Ecke, deren Eigentümer Hsieh bei gastronomischen Neugründungen berät. Fast jeden Tag ziehen Besucher durch Hsiehs Behausung, die aus zwei zusammengelegten Apartments besteht und eigentlich eine Abfolge von Besprechungsräumen und wild dekorierten Partyräumen ist. An einer Wand prangt eine Satellitenaufnahme der Gegend, auf der wichtige Grundstücke markiert sind. An einer anderen kleben Post-its in sieben verschiedenen Farben, auf denen Downtown-Mitarbeiter ihre Wunschprojekte notiert haben - ein Supermarkt, ein Stadtgarten, Restaurants.

"Um auf die Liste zu kommen, muss eine Idee vier Bedingungen erfüllen", sagt Don Welch, der für das 50 Millionen Dollar schwere Portfolio von 100 bis 200 noch zu gründenden Einzelhandelsgeschäften zuständig ist. "Steht jemand mit Leidenschaft hinter der Idee? Hilft sie beim Aufbau der Gemeinschaft? Lässt sie sich umsetzen, und ist sie wirtschaftlich tragfähig?" In den ersten drei Monaten seines neuen Jobs hat sich Welch mit mehr als 100 Bewerbern getroffen, die auf tatkräftige Unterstützung und bis zu 300000 Dollar Kapital hoffen.

Der 34 Jahre alte Welch hatte sieben Jahre als Händler und Risikomanager bei der Citibank in New York gearbeitet, bevor ihn Hsieh nach Las Vegas lockte. "Mit 25 wusste ich, wie mein Leben verlaufen würde: hart arbeiten, viel verdienen, mich früh zur Ruhe setzen", berichtet er. "Aber bei ein paar Besuchen hier habe ich gesehen, dass ich mehr erreichen kann. Dass ich die Chance habe, an etwas Unerhörtem und Größerem zu arbeiten. Diese Idee muss einem nicht groß angepriesen werden. Sie verkauft sich von selbst." Praktischerweise ist seine Verlobte die Cousine von Tony Hsieh. Sie gab ebenfalls ihren Job bei einer Bank auf und kümmert sich jetzt um das mit 50 Millionen Dollar dotierte Bildungs-Portfolio.

Wenn ein Interessent die erste Hürde nimmt, bietet ihm das Downtown Project Hilfe, einen Geschäftsplan auszuarbeiten, schießt Startkapital zu und sucht nach einer geeigneten Immobilie. "Wir verstehen uns nicht nur als Inkubator, sondern auch als Begleiter, als Katalysator mit den nötigen Ressourcen und Beziehungen", sagt Welch."Wenn jemand hier ein Geschäft aufmacht, muss er nur bei der Bank anrufen und sagen: ,Ich gehöre zum DTP', und alles geht seinen Gang."

Darüber hinaus will sein Team allen Gründern Zugang zu einem System bieten, das lästige Aufgaben wie die Buchhaltung erledigt. "Wir müssen glücklicherweise nicht auf 20 Prozent Rendite pochen. Wir sprechen stattdessen vom Return on Community, und der sieht schon bei zwei Prozent gut aus", sagt er. Die Killerphrase "Das rechnet sich nicht" wolle sein Chef nicht hören, ergänzt er.

Ähnlich umgarnen Hsieh und seine Mitstreiter auch Technikfirmen, für die Las Vegas nicht als idealer Standort gilt. Auch Zappos siedelte sich 2004 nur deshalb dort an, weil es in der vom Tourismus dominierten Stadt Tausende billige Arbeitskräfte für Callcenter gibt. Hoch qualifizierte Programmierer muss Zappos nach wie vor aus dem Silicon Valley oder New York abwerben. Das Inkubatorprogramm für Tech-Gründer, das mit 50 Millionen Dollar ausgestattet ist, hat bislang fünf Firmen angelockt; sogar Interessenten aus Korea sprechen vor. Das Angebot: eine halbe Million Dollar Risikokapital je Start-up und die Gelegenheit, auf ganz neuem Terrain experimentieren zu dürfen.

Einer, der sich überzeugen ließ, ist der Harvard-Absolvent Keller Rinaudo. Er hat seine Firma Romotive, die einen mit dem Smartphone gesteuerten Roboter entwickelt, gerade von Seattle nach Las Vegas verlegt. "Silicon Valley ist natürlich erste Wahl, aber dort gibt es mehrere Probleme. Die Region brummt, ist superteuer, und alle haben diese Söldnermentalität - immer auf den nächsten, besseren Job zu schielen", sagt Rinaudo. Sein Wagniskapitalgeber habe ihn trotzdem für verrückt erklärt, den Umzug in Hsiehs Enklave überhaupt in Erwägung zu ziehen, sei aber nach einem Besuch in Las Vegas nun auch überzeugt. "Hier haben wir die Chance, unseren eigenen Stamm zu gründen", sagt der Roboter-Bauer, der bislang eine Million Dollar Kapital eingesammelt hat.

Wer in Downtown mitmischen will, muss allerdings auch Zappos Spaßkultur akzeptieren. Romotives dreiköpfiges Team lebt ebenfalls im Ogden, mailt und lötet im Wohnzimmer. Kinder von Zappos-Mitarbeitern kommen zum Spielen mit den Robotern vorbei, die Firma lädt jede Woche zum gemeinsamen Abendessen.

Diese "Gemeinschaft des Teilens" ist für Zach Ware, der das Tech-Portfolio managt, ein Indiz, dass die Idee vom organischen Wachstum verfängt. "Andernorts muss man Geldgeber hinter verschlossenen Türen überzeugen. Wir veranstalten einmal in der Woche ein Treffen, zu dem jeder kommen kann. Wer sich hier niederlassen und Geld haben will, muss seine Idee allen vorstellen. Das sorgt für eine Selbstauslese der richtigen Leute mit der richtigen Denke." Was als Tüftlerabend für ein Dutzend vereinsamter Zappos-Programmierer begann, ist inzwischen unter dem Namen Tech Jelly zu einer Veranstaltung geworden, zu der sich rund 100 Geeks mit ihren Laptops einfinden - eine Treppe hoch vom Café, in dem Hsieh Hof hält.

Was der Politik misslang, will Hsieh schaffen

Der will nun auch nicht mehr die Klaviatur der sozialen Medien bedienen. Früher war Hsieh noch ein begeisterter Anhänger des Internets und prahlte damit, wie viele Hundert seiner Mitarbeiter twitterten - Chefetage inklusive. Heute bevorzugt er echte Begegnungen. "Ich habe keine Zeit fürs Fernsehen, für Twitter oder Facebook." E-Mail, SMS und ständige Gespräche zwischen Tür und Angel halten ihn auf Trab. Seine Vortragstätigkeit hält er durch sechsstellige Honorarforderungen in Grenzen, oder er schickt eine Mitarbeiterin.

Es ist die erstaunliche Wandlung eines Internet-Entrepreneurs. Er sagt: "Wer etwas von mir will und dieses Projekt verstehen will, muss mich besuchen. Dann nehme ich mir Zeit. Ein Unternehmen nach seiner Social-Media-Strategie zu fragen, ist ungefähr so blödsinnig, wie sich nach einer Telefonstrategie zu erkundigen. Wenn ich mit jemandem eine Beziehung aufbauen will, überlege ich mir auch keine Strategie zum Einsatz meiner Gesichtsmuskeln. Das sind Werkzeuge, die man in Maßen einsetzt, aber auch nicht mehr. Für das, was wir hier aufbauen, brauchen wir sie nicht. Die Leute, die das spannend finden, kommen zu uns."

Die ersten Teilnehmer dieses urbanen Experiments können es gar nicht vermeiden, einander ständig über den Weg zu laufen, denn die Auswahl an Treffpunkten ist überschaubar. Downtown ist seit den Achtzigerjahren offiziell Entwicklungsgebiet mit dem Anspruch auf öffentliche Zuschüsse zum Wiederaufbau. Die Ergebnisse sind bescheiden. Die alte Glitzermeile entlang der East Fremont Street wurde in den Neunzigerjahren zur Fußgängerzone umgebaut und mit einem gewaltigen Baldachin überzogen, um Touristen anzulocken. Aber nach wie vor strömen jedes Jahr rund 40 Millionen Besucher auf den Strip und lassen dort ihr Geld. In die heruntergekommenen Überbleibsel der alten Casinos aus Las Vegas' wilden Jahren und die Souvenirläden an der East Fremont Street verschlägt es gerade einmal zwei Millionen Menschen. "Viele Besucher und selbst Einheimische verirren sich nicht hierher", gibt die Stadtdirektorin Elizabeth Fretwell zu. "Wir versuchen seit Jahrzehnten, die Gegend wiederzubeleben."

Die Stadtverwaltung zählt gerade einmal 21940 Einwohner auf acht Quadratkilometern - was ungefähr 27 Menschen pro Hektar entspricht, also ein Zehntel der Dichte des künftigen Glaeser-Modells. Die meisten fahren tagsüber zur Arbeit ins Gerichtsgebäude oder in die umliegenden Anwaltskanzleien, die alte Einfamilienhäuser zu Büros umfunktioniert haben, und fliehen abends ins Umland. Die weniger Privilegierten kellnern oder strippen in Billig-Casinos. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt laut Statistik bei 16720 Dollar im Jahr, die Hälfte der Bevölkerung hat nicht einmal einen High-School-Abschluss.

Auch der Rest des Ballungsgebiets mit insgesamt knapp zwei Millionen Einwohnern steht im landesweiten Vergleich nicht gut da. Zu sehr hängt die Wirtschaft von Dienstleistungsjobs ab und leidet an der geplatzten Immobilienblase: Seit 2008 sind Bauvorhaben mit einem Volumen von mindestens 15 Milliarden Dollar auf Eis gelegt oder storniert worden, das höchste Hochhaus der Stadt ist eine nagelneue Bauruine. Auf der "Forbes"-Liste für US-Städte mit gutem Geschäftsklima rangiert die einst legendäre "Sin City" auf dem traurigen 135. Platz. Der Stadtforscher Richard Florida, der den Begriff der "kreativen Klasse" geprägt hat, spricht Las Vegas gerade einmal halb so viel Entwicklungspotenzial zu wie San Francisco. Der Stadt fehlt es demnach vor allem an Talent und Technik.

Daran wird auch das Downtown Project trotz seiner üppigen Finanzen wohl so schnell nichts ändern können, denn die kreative Klasse ist wie ein scheues Reh. Gibt es keine Auswahl bei Arbeit und Freizeit und obendrein keine bezahlbaren Wohnungen, bleiben die talentierten Jungen aus. Und neue Firmen können nicht ewig auf Kundschaft warten, während Hsieh sie vorfinanziert und die Werbetrommel rührt.

Fretwell freut sich dennoch: "Es gibt allen neue Hoffnung, dass ein privater Investor so viel Engagement zeigt und Geld in die Hand nimmt. Das kann eine Kommune nicht leisten. Wir können die Infrastruktur planen, das Fundament legen, aber wir haben keine Ahnung, wo der Markt hingeht, was die Trends sind. Allein die Tatsache, dass bald rund 2000 Zappos-Mitarbeiter hier arbeiten, Geld ausgeben und hoffentlich wohnen werden, ist fabelhaft."

Ähnlich sieht es auch der Anwalt Dayvid Figler, der in dem Viertel geboren wurde und den Großteil seines Lebens hier verbracht hat. "Zu meinen Schulzeiten war die Fremont Street voller Geschäfte, man flanierte und kaufte ein. Dann ging es bergab, Bars und Pornoläden überall." Wie es früher aussah, kann der Jurist mit ein paar Klicks auf seinen Laptop zaubern - er ruft einfach die Verfolgungsjagd aus dem James-Bond-Film "Diamantenfieber" aus dem Jahr 1971 bei Youtube auf.

Figler war schon einmal in den Neunzigerjahren voller Optimismus, dass die Wende kommen würde, und kaufte ein altes Haus unweit seiner Kanzlei. Doch der Boom ließ auf sich warten. "Es ging hier nur im Schneckentempo voran. Dank Zappos trägt die Schnecke jetzt Rollschuhe", sagt der Anwalt. Angst, dass die große Firma sich das ganze Viertel aneignen und dort ihre Regeln durchsetzen könnte, habe er nicht. "Diese Stadt hatte schon immer nur ein As im Ärmel: Glücksspiel. Warum nicht einmal eine neue Karte ausspielen?"

Hsieh, der Autodidakt, spielt seine Ambitionen als Stadtplaner eher herunter. "In erster Linie ist das eine egoistische Frage: Will ich hier wohnen? Wenn ich in drei bis fünf Jahren auf diese Frage mit Ja antworten kann, haben wir viel Gutes erreicht", sagt der Unternehmer. Dann, so hofft er, wohnen ein paar Tausend neue Menschen hier und schaffen Nachfrage für die Infrastruktur, die man zum Leben braucht, und regen sich gegenseitig zu Neuem an. "Wenn wir nur den Firmensitz verpflanzt haben und die Straßen nur zur Mittagspause voll sind, würde ich es nicht als Erfolg werten." -

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