Ausgabe 04/2012 - Schwerpunkt Kapitalismus

Ein Ort, an dem du sein kannst, wer du bist

1. Die Siedlung

Wir sind 1968 in den Osdorfer Born gezogen. Es war großartig. Zuvor wohnten wir in einem abbruchreifen Haus neben einer Pferdeschlachterei, das Klo war eine Treppe tiefer, das heiße Wasser kam aus einem Kessel auf dem Herd. Nun lebten wir in einem modernen Plattenbau mit Blick ins Grüne, Klo in der Wohnung, Zentralheizung, fließend Warmwasser. Es störte uns nicht mal, dass das Hufeisen, das unser Block mit zwei weiteren Blöcken bildete, die Schweinebucht genannt wurde. Der Name war schließlich nicht ganz falsch: In einigen Wohnungen lebten verlotterte, kinderreiche Familien, die man hörte, bevor man sie sah.

"Entspannt" ist das Wort, das in fast allen Gesprächen über den Osdorfer Born, eine Plattenbausiedlung im Westen Hamburgs, fällt. "Mir ist als Erstes aufgefallen, wie entspannt hier alle sind", sagt ein Pastor der evangelischen Kirchengemeinde. "Ich finde die Menschen hier ziemlich entspannt", bestätigt die Leiterin der öffentlichen Bücherhalle. "Man lebt hier so schön ruhig", erklärt die Sprecherin der Bürgerinitiative Borner Runde. Selbst die Leiterin der lokalen Geschäftsstelle der stadteigenen Wohnungsbaugesellschaft Saga GWG sagt: "Die Bereitschaft, für Probleme gemeinsam eine Lösung zu finden, ist hier größer als anderswo." Schlendert man durch die Siedlung, vorbei an den brutalen Hochhäusern und den tristen kleinen Blöcken, durch das Einkaufszentrum oder über die Feldwege, die hinter der Siedlung ins Naturschutz-Idyll Osdorfer Feldmark führen, spürt man das selber. Die Menschen sind nicht freundlicher als anderswo, nicht gut gekleidet, eher unauffällig. Aber es wird nicht gedrängelt, es fallen keine bösen Worte, das Tempo ist moderat. Entspannt.

Sie kennen diesen Ort nicht? Aber sicher haben Sie schon von ähnlichen Siedlungen gehört. Nur andere Sachen: 2011 zündeten Jugendliche vor dem Einkaufszentrum im Osdorfer Born einen ehemaligen Imbisswagen an, in dem Kunst gezeigt wurde. 2007 warf eine Frau ihr neugeborenes Baby aus dem zehnten Stock. 2004 gab es Schlägereien zwischen türkischen und russischen Jugendlichen. Und in den Jahrzehnten zuvor waren die Schlagzeilen ähnlich. Das Viertel am Rande der reichen Elbvororte gilt als Paradebeispiel eines sozialen Brennpunktes. "Wenn in einer Siedlung was los ist", sagt Maria Meier-Hjertqvist, Sprecherin der Initiative Borner Runde, "nimmt man gerne Bilder vom Osdorfer Born, auch wenn es dort nicht passiert ist."

Diese Popularität verdankt der Stadtteil vor allem seiner Architektur. Er wurde als Musterbeispiel eines neuen sozialen Wohnungsbaus geplant. Zwischen 1967 und 1971 auf rund einem Quadratkilometer errichtet, sollten dort etwa 15000 Menschen in modernen, gut ausgestatteten Wohnungen mit günstigen Mieten leben. Viele Grünflächen und Einkaufsmöglichkeiten, gute Schulen und eine U-Bahn-Anbindung in die City sollten die Siedlung attraktiv machen. Zudem waren 15 Prozent der Geschossfläche für Eigenheime vorgesehen, was für einen gesunden sozialen Mix aus Mittelschicht und Unterschicht sorgen sollte.

Dann wurde gebaut. Die Eigenheime kamen an den Rand des Viertels. Die Läden ballten sich in zwei Zentren, zu denen je eine Kneipe gehörte, kein Restaurant und kein Veranstaltungsort. Die einzige Schule war bald überfüllt, weitere Schulen wurden eilig in Baracken untergebracht, das Gymnasium eröffnete drei Jahre nach Fertigstellung der Siedlung. Den U-Bahn-Anschluss gibt es bis heute nicht. Nur die Architektur war tatsächlich, nun ja, repräsentativ: Zwei "Wohnbänder", etwa 500 Meter lange Hochhausreihen, von denen eines dank versetzt angeordneter Balkone wie zerhackt wirkt, prägen bis heute das Bild des Osdorfer Borns. Sie wurden bald zu einem Symbol der Fehlplanung im sozialen Wohnungsbau.

Es dauerte nicht lange, bis sich die Utopie in einen Albtraum verwandelte. Ich erinnere mich, als wir, noch vor der Fertigstellung der Siedlung, einen damals prominenten Fernsehmoderator beobachteten, der über sie berichtete: an einem Sonnentag auf einer Wiese vor einem kleinen Block. Solche Bilder gab es nie wieder. Gezeigt wurden später die Hochhäuser, dazu fielen die Stichworte Anonymität, Gewalt, menschenunwürdig. Wir wussten nicht, wovon gesprochen wurde. Wir gingen bei den Nachbarn ein und aus, kannten jeden in unserem Block mit vier Häusern à sechs Parteien, hatten den Postboten in der Küche sitzen, besuchten die übergewichtige Zeitungsfrau, um deren Mofa wir uns Sorgen machten, wenn es sich unter ihr bog.

Heute leben im Osdorfer Born Menschen aus rund 70 Nationen, vor allem solche mit wenig Geld. Alte gibt es mehr als früher, auch weil viele, die herkamen, geblieben sind. Ein Drittel der Bewohner, schätzt eine Gesprächspartnerin, sind noch aus dem Erstbezug, es sei eher ein Fünftel, meint eine andere. Jedenfalls sind es nicht wenige, was für die Siedlung spricht.

Doch das Bild vom Born ändert sich nicht. Eher wird es mit Gewalt zurechtgebogen. Ein Mitarbeiter der Straßensozialarbeit, die sich unter anderem um Schulabbrecher kümmert, sagt mir am Telefon, dass sie oft versucht hätten, mit Journalisten zu reden, aber immer ent-, wenn nicht gar getäuscht wurden. Als Beispiel nennt er ein Fernsehteam, das Kindern 100 Euro zahlte, damit sie sich Waffen besorgen und dann filmen lassen. Die Arbeit der Straso, wie sie im Viertel genannt wird, wird überall in höchsten Tönen gelobt, doch in diesem Text ist sie kein Thema: Die Straso spricht nicht mehr mit der Presse.

2. Armut

Soweit ich mich erinnere, sind wir immer arm gewesen. Meine Mutter hat nie einen Beruf erlernt, mein Vater war ein kleiner Gauner, der dauernd erwischt wurde. Heute würde man sagen, er war einer der Hunderttausenden vom Krieg traumatisierten Männer, die sich mit Alkohol selbst therapierten, doch damals war er nur ein weiterer Kerl, der das Haushaltsgeld vertrank, bis er sich totgesoffen hatte. Danach lebten meine Mutter und ich von Sozialhilfe. Das ging gut. Wir hatten eine Sachbearbeiterin im Sozialamt, die uns kannte und sich kümmerte.

"Es gibt zwei Probleme, die hier alle haben: Das Geld reicht nicht. Und die Anträge werden nicht verstanden", sagt Andrea Hitter. Die Sozialpädagogin leitet die Elternschule Osdorf, die Kurse für Kinder und Eltern anbietet, wo man sich beraten lassen oder andere Eltern treffen kann. Wir sitzen an einem Vormittag im Büro der 54-Jährigen, durch die Tür hört man Kinderlachen und Geschirrklappern: Zehn Mütter und ihre Kleinen haben sich heute im Kursraum zum Basteln und Klönen getroffen. Jede zahlt zwei Euro für die Kursleitung, das Bastelmaterial und Kaffee. Wer keine zwei Euro hat, gibt einen.

"Man kann sich nicht vorstellen, was man bei den Behörden alles beantragen kann", sagt Hitter. "Und wie das alles miteinander zusammenhängt! Es ist eine Flut von Formalitäten, durch die ich auch nicht immer durchsteige. Dauernd ändert sich etwas." Die ebenso resolute wie empfindsame Frau erinnert sich gut daran, dass früher ein Sachbearbeiter für alle Belange zuständig war. "Das war ganz niedrigschwellig. Doch das gibt es nicht mehr." Niedrigschwellig sind heute nur noch nichtstaatliche Hilfen. Die Hamburger Tafel zum Beispiel: Sie verteilt im Born jede Woche Lebensmittel an rund 700 Familien. Die Armut sieht man den Menschen dort häufig von Weitem an: Sie sind blass oder überbräunt, ausgezehrt und zugleich übergewichtig, müde. Und man spürt, dass sie diese Unterstützung brauchen. "Es fehlt überall an Geld", sagt Andrea Hitter, "vor allem für Kinderkleidung:für den Schneeanzug, für Schuhe."

Wir bekamen unsere Bekleidung einige Zeit aus der Kleiderkammer im Bieber-Haus am Hamburger Hauptbahnhof, wo man stundenlang warten musste, um dann drei Hosen, drei Jacken oder drei Hemden vorgelegt zu bekommen, aus denen man auswählen durfte. Die Armen trugen alle das Gleiche, man erkannte sie schon von ferne. Später gab es Kleidergeld, das man selber ausgeben durfte, sodass die Sozialhilfeempfänger fortan unterschiedlich, aber nicht unbedingt besser gekleidet waren.

Andererseits ist die Armut keineswegs total. Eine Mitarbeiterin der stadteigenen Wohnungsbaugesellschaft, die hier 2820 Wohnungen verwaltet, etwa 70 Prozent des Bestandes, wundert sich über die Elektronik-Ausrüstung vieler Mieter. Am Monatsanfang, sagt sie, finde man überall Kartons von Flachbildschirmen und Computerspielkonsolen. Dabei hat sie keinen Zweifel daran, dass viele Leute wirklich kein Geld haben. Aber es stellt sich schon die Frage, ob diesen Menschen einfach nur fehlt, was sie für Kredite zahlen müssen, die sie aufgenommen haben, um sich etwas zuzulegen, von dem sie gehört haben, dass man das heute hat. Sagen wir mal: eine Heimkinoanlage.

Klar, das kennt man. Und auch für Sozialpornografie gibt es hier Stoff: Familien, die in der dritten Generation von Transferleistungen leben, Kinder, die sich bereits in der Kita als Verlierer fühlen, minderjährige Schwangere. Aber abgesehen davon, dass sich hinter all diesen verratzten Leben ein Elend und eine Traurigkeit verbergen, die unerträglich wären, würde man genau hinsehen, sind sie eine Minderheit.

Häufiger sind Menschen wie Bernd Meier, ein Maschinenbauingenieur, der zuletzt als Betriebsleiter arbeitete. Der heute 62-Jährige wurde 2005 arbeitslos, als seine Firma insolvent war, und stellte fest, dass er in seinem Beruf Entwicklungen verpasst hatte, die er nicht aufholen konnte. Er hatte ein "Schonvermögen", wie er sagt, von dem er und seine Frau nun leben. Sie erlauben sich jeden Monat ein Budget von 1200 bis 1400 Euro für alle Kosten. "Wir schreiben uns einen Einkaufszettel, und wenn man im Laden etwas sieht, wo die Hand zuckt, muss man sich sagen: Das brauche ich nicht unbedingt."

Meier sieht in der Knappheit eine Chance: "Wenn ich im Kleiderschrank vier Pullover habe, bricht die Welt nicht zusammen, wenn ich mir keinen fünften kaufe." Er kenne viele Leute, die zuerst an Geldmangel gelitten hätten, um sich dann mit der Situation zu arrangieren und etwa in eine kleinere Wohnung zu ziehen, wo sie nun glücklicher seien. Er kenne aber auch Verzweifelte: "Menschen, die sich immer alles leisten konnten, leiden, wenn sie das Bild, das sie von sich hatten, aufgeben müssen."

Neben armen Arbeitslosen gibt es auch arme Arbeitnehmer im Born. Sie fahren morgens mit dem Bus, der immer zu spät kommt und immer zu voll ist. Zu einer Arbeit, die kaum einer machen will und für die sie trotzdem nur wenig bekommen. Und stehen dann abends vor einer Familie, die schon so lange nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll.

3. Keine Arbeit, keine Freizeit

Wie schon erwähnt, wurde in meiner Familie nicht gearbeitet, und so war auch Arbeitslosigkeit für uns kein Thema. Um uns herum war das anders. Alle Männer arbeiteten, die Frauen kümmerten sich derweil um Haushalt und Kinder. Das Geld war trotzdem überall knapp, und so wurde nach Feierabend schwarz gearbeitet. Ich war als Kind nur einmal bei einem Friseur, weil danach der Friseur zu uns kam. Er wohnte mit einem Haufen Kinder und Tieren in einer Schrebergartenhütte. Ganz sicher war er froh über ein paar Mark extra, außerdem kam er so ganz schön rum.

Die Arbeitslosigkeit liegt im Osdorfer Born über dem Hamburger Durchschnitt, aber für einen größeren Teil der Armut sind Niedriglöhne verantwortlich, die dafür sorgen, dass die Menschen weder Zeit noch Geld haben. "Bewegungskurse werden bei uns gut angenommen", sagt Andrea Hitter von der Elternschule, "Musik ebenfalls, aber Kurse mit Kunst laufen gar nicht. Die Eltern schaffen es nicht, dem Kind einen Malkurs zu ermöglichen, weil sie dafür im Alltag keinen Raum haben. Alles ist für sie eine Herausforderung: das Geld, die Ämter, die Arbeit, der Haushalt, das Leben mit dem Partner und so weiter."

Diese Überforderung kennt auch Tobias Woydack, einer der Pastoren der evangelischen Maria-Magdalena-Kirchengemeinde. "Es heißt immer Managerkrankheiten, wenn es um die Folgen von Stress geht, um Burn-out, Angstzustände, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen und so weiter. Aber Manager haben zumindest mal eine Auszeit. Die Leute hier sind die ganze Zeit dabei, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen. Und das stresst sie."

Woydack kam 2007 in den Osdorfer Born. Es ist seine erste Pastorenstelle. Sein Vikariat hat er im wohlhabenden Eppendorf gemacht, und so war der Wechsel heftig, aber inzwischen ist ihm das Viertel ans Herz gewachsen. Arbeit, sagt der 37-Jährige, sei wichtig fürs Selbstwertgefühl, für die Anerkennung, fürs soziale Umfeld. Und all das fehle vielen Menschen. Andrea Hitter sieht das genauso. Früher, sagt sie, machte man eine ehrliche Arbeit, und wenn das Geld nicht reichte und man arm war, war das okay - man hatte einen Wert, weil man etwas tat, etwas konnte. "Aber heute gibt es Menschen, die gar nichts mehr machen können: Für viele gibt es keine Tätigkeiten mehr."

Und dann erzählt sie die Geschichte des Mannes, von dem seine Frau sagte, er sei bei der Bank. "Wir haben uns gewundert, weil der Mann nicht so aussah, aber es stellte sich dann heraus, dass er Bote war. Eines Tages erzählte die Frau, ihr Mann habe ihr ein großartiges Geschenk gemacht: 'Ich habe eine Pflegeserie von ihm bekommen.' Da hat er für seine Frau Seife, Duschbad und Deo von CD gekauft, das war ihre Pflegeserie. Sie fand dann, wie sie sagte, ebenfalls eine 'wunderbare' Anstellung - sie arbeitete hinter einer Wursttheke. Und irgendwann erzählte sie, sie hätten jetzt ein Boot. Das war ein Gummiboot, mit dem sie jedes Wochenende in öffentlichen Verkehrsmitteln zur Elbe fuhren. Diese Menschen hatten wenig Geld, aber das war keine Armut. Den Stolz, mit dem sie alles getan haben, hat mich berührt. Doch diese Haltung ist selten geworden."

4. Rauskommen

Meine Mutter war der Meinung, dass ich zumindest etwas von der Welt sehen sollte, wenn wir schon kein Geld hatten, und so waren wir in der ganzen Stadt unterwegs. Wir kannten viele Leute: Fahrstuhlführer in Kaufhäusern, die alle kriegsbeschädigt waren, Vertreterinnen großer Lebensmittelfirmen, die in Supermärkten Kostproben ihrer Produkte anboten, die Klofrau im Elbe Einkaufzentrum, Frau Süß, bei der wir oft lange saßen. Mit zwölf war ich schon allein unterwegs, immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

In anderen Stadtteilen gibt es Cafés, Restaurants, Kinos, die die Menschen abends aus dem Haus locken. Im Born gibt es so gut wie nichts. Zwei Dönerbuden. Eine Bowling-Halle, immerhin. Zwei Kneipen, die nicht so aussehen, als wären neue Gäste willkommen. Das Einkaufszentrum ist nachts zu. Um zehn Uhr abends trifft man auf der Straße nur noch Hundebesitzer. Es gäbe also gute Gründe, das Viertel zu verlassen. Aber die Menschen tun es nicht. "Eines der Hauptmerkmale von Armut", sagt Tobias Woydack, "ist Immobilität. Die Leute kommen hier nicht raus. Wir haben hier Kinder, die noch nie die Elbe gesehen haben." Fünf Kilometer Luftlinie. Mit dem Fahrrad, na, sagen wir 15 Minuten.

5. Hilfe und Selbsthilfe

Mir war klar, dass wir arm waren. Wir kauften billiges Rindfleisch in der Dose, hatten Buttermarken, und wenn die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) in der Vorweihnachtszeit Lebensmittel von unseren Brüdern und Schwestern im Osten billig anbot, griffen wir froh zu. Am Ende des Monats ging meine Mutter oft zur Sparkasse, wo sie um 20 Mark bat, damit wir etwas zu essen kaufen konnten. Andererseits lebten wir im Überfluss. Wir bekamen von den Nachbarn Bücher, Kleidung, Schallplatten, Spielzeug, tausend Sachen. Es war normal, in diesen Kramkreislauf hinabzutauchen, der durch die Siedlung floss, wie es normal war, sich Lebensmittel zu borgen. Wir lebten nicht allein.

"Der Born ist ein Dorf", sagt Maria Meier-Hjertqvist. "Man achtet aufeinander. Wir haben sehr gute Hausgemeinschaften. Erinnern Sie sich an die Frau, die vor ein paar Jahren ihr Baby vom Balkon geworfen hat? Die kannte im Haus keiner. Wenn man die gekannt hätte, wäre das vermutlich nicht passiert." Die 63-Jährige lebt seit 1978 im Osdorfer Born, seit 2000 ist sie Mitglied der Borner Runde. Damals entstand die Bürgerinitiative im Rahmen der Quartiersentwicklung, die von der Stadt in Auftrag gegeben worden war. Etwa hundert Menschen kamen zum ersten Treffen, sie sahen schnell Erfolge, und bald machte sich die Gruppe selbstständig. Seitdem hat die Initiative für etliche Verbesserungen gesorgt, unter anderem für eine neue Busverbindung in die Innenstadt. Und für ein Bürgerhaus, das Ende 2012 eröffnet werden soll.

Wir sitzen im Stadtteilbüro, wo sich viele Initiativen treffen. Am Nebentisch wartet eine Gruppe pakistanischer Frauen, von denen eine singt, ein junges indisches Paar meldet sich für einen Sprachkurs an, einmal unterbricht uns ein Araber, der etwas erzählen will. Die Borner Runde ist im Viertel höchst geachtet, man kommt mit Sorgen auf sie zu, und so hat die arbeitslose Verwaltungsangestellte viel zu erzählen. Das meiste fällt in zwei Kategorien: groteske Fehlplanungen, wie parallele Fahrstühle in Hochhäusern, die jeweils nur in jedem zweiten Stockwerk halten, sodass sich Menschen, die direkt übereinander wohnen, nie begegnen. Und engagierte Bürger, Initiativen, Hilfsorganisationen, die sich um solche Probleme kümmern.

Meier-Hjertqvist erzählt auch von der Fehlplanung, von der viele meinen, sie habe dem Viertel das Genick gebrochen: der Fehlbelegungsabgabe. 1990 wurden Mieter öffentlich geförderter Wohnungen verpflichtet, einen Ausgleich zu zahlen, wenn ihr Einkommen eine bestimmte Marke überschritt. Die Idee war, den Mehrwert abzuschöpfen, aber zumindest im Osdorfer Born führte sie dazu, dass die Besserverdiener wegzogen. Dann waren sie fort, die Wortgewandten, Aktiven, Selbstbewussten.

Die Quartiersentwickler suchten also neue Macher, veranstalteten Mieterfeste und vergaben Beetpflegepatenschaften, sodass sich die Menschen vor ihrer Haustür bei der Arbeit treffen. Die Saga GWG förderte die Umwandlung von Rasenflächen in private Gärten, vor einigen Blocks stehen heute kleine Schreberhütten. "Die Mieter haben gerne ein Mitspracherecht, wenn es um ihre Belange geht", sagt Judith Swyzinski, die Geschäftsstellenleiterin der Saga GWG im Osdorfer Born. "Aber sie engagieren sich auch, wenn sie Gelegenheit dazu bekommen."

Außerdem wurden in den Eingängen der Hochhäuser "Logen" eingebaut, kleine Büros, die bis heute über Eingliederungsmaßnahmen von Langzeitarbeitslosen besetzt werden. Diese Portiers nehmen Post an, räumen vor dem Haus auf, informieren die Hausmeister über anstehende Reparaturen, erhöhen das allgemeine Sicherheitsgefühl und sorgen für Austausch - Klatsch nannte man das früher, als es noch ohne Hilfe ging. Zu jeder Loge gehört ein Gemeinschaftsraum mit einer Küchenzeile, in dem sich die Mieter treffen können.

Das alles waren keine großen Taten. Die teuerste Neuerung waren wohl die Logen - Umbauten und Durchbrüche im Plattenbau sind aufwendiger als in gemauerten Häusern. Auch bei der Borner Runde sind nur 20 Menschen immer aktiv. Aber das reicht, denn sie haben das Viertel hinter sich. In der Regel, sagt Meier-Hjertqvist, sind die Nichtdeutschen besser vernetzt, so wie das überall unter Zuwanderern ist. Aber jeder Tag bringt neue Möglichkeiten. Andrea Hitter von der Elternschule sagt: "Die Vernetzung findet in den Hilfsprojekten statt, in der Elternschule, im Sprachkurs." Sie erzählt, wie die Leiterin der Bücherhalle zu einem Treffen für minderjährige Mütter kam und sich am folgenden Tag mehrere Mütter dort anmeldeten. Sicher, Kleinigkeiten. Aber um mehr geht es nicht. Maria Meier-Hjertqvist erzählt: "Früher kam ab und zu der spätere Wirtschaftssenator Ian Karan vorbei, um mit den Kindern Tischtennis zu spielen - wer gegen ihn gewann, bekam zehn Euro. Das hat einen der Jungen so weit gebracht, dass er heute in einem Verein aktiv erfolgreich spielt."

6. Angst

Wir hatten nichts zu verlieren. Wir waren arm, und das würde so bleiben. Auf die Idee, die Hilfe zum Lebensunterhalt zu streichen, weil wir etwas nicht verstanden oder getan hatten, wäre keiner gekommen. Und wir wären auch nie darauf gekommen, so zu tun, als wären wir nicht arm. Armut war eine akzeptable Lebensform.

Das öffentliche Leben im Osdorfer Born ist ein Matriarchat. Die Frauen kümmern sich um die Kinder, den Haushalt, den Austausch. Die Vernetzung findet unter den Frauen statt. Die Männer arbeiten, und wenn sie arbeitslos sind, hängen sie vor dem Fernseher oder dem Computer rum. Haushalt und Kindererziehung sehen sie nicht als ihre Aufgabe an. Und weil es eine Schande ist, arbeitslos zu sein, lässt man sich draußen nicht gern sehen.

"Es gibt überall den Wunsch, einen gutbürgerlichen Eindruck zu machen", sagt Andrea Hitter. "Man möchte dem Bild einer normalen Familie entsprechen, auch wenn dieses Bild völlig absurd ist. Aber die Leute haben das Gefühl, dass sie immer falsch sind. Schon wenn sie den Kreißsaal verlassen, erzählt man den Müttern, was sie zu tun haben, um ihr Kind zu schützen und zu fördern. Und natürlich schaffen sie nicht alles." Nur das eigene Leben ist nirgends ein Thema. Tobias Woydack sagt: "Armut taucht im öffentlichen Leben nur noch als Problem auf. Was früher im Fernsehen zu sehen war, war viel näher am Leben der Armen. Früher hatten einige Leute große Autos, für die anderen waren die unerreichbar. Heute haben alle das Gefühl, sie müssten große Autos fahren."

Dann erzählt Woydack von den drei Mädchen, die zu einer Israelfahrt einer anderen Kirchengemeinde eingeladen waren. Ein Sponsor war da, alles finanziert. Doch die Eltern wollten nicht, dass ihre Kinder dabei sind. Das war die Variante eines Satzes, den man hier von Eltern hört: "Ach, was willst du eine Ausbildung machen, du kommst doch auch so durch." Das ist die Angst. Angst davor, dass die Kinder etwas schaffen, was ihre Eltern nicht geschafft haben, dass sie begreifen, dass ihre Eltern gescheitert sind. Unseren Kindern soll es mal besser gehen? Bloß nicht!

Woydack wünscht sich mehr Mittelschicht im Viertel. "Es wird immer so sein, dass es Arme und Reiche gibt", sagt er. "Nur sind die Unterschiede in den vergangenen Jahren sehr gewachsen. Und die Frage ist, wie man diese Schere wieder zusammenbekommt." Mehr Mittelschicht in den Osdorfer Born? Stefanie Wilken, die Leiterin der Bücherhalle, schüttelt den Kopf. "Das würde vielleicht die Kaufkraft erhöhen, aber sonst?"

7. Zivilgesellschaft

Heute lebe ich in einem vermeintlich besseren Stadtteil, der in fast jeder Hinsicht das Gegenteil vom Osdorfer Born ist: Die Häuser sind schön, die Einkommen hoch, es gibt Restaurants und Kneipen im Überfluss, einen Busbahnhof, mehrere S-Bahn-Linien und einen Fernbahnhof in Laufweite. Nur die Menschen sind alles andere als entspannt. Keiner hat Zeit, alles ist voll, überall wird gedrängelt, es gibt keine Parkplätze. Und alle stehen im Wettbewerb. Zum Beispiel mit ihren Kindern: In den Parks schieben die Eltern ihre Babys in 1000-Euro-Karren durch die Gegend, die Kleinkinder aus den mehrsprachigen Kitas sind alle hochbegabt, sind sie älter, werden sie in riesigen Autos von Förderung zu Förderung kutschiert. Es ist, als hätte sich die Mittelschicht an ihrem eigenen Bild verschluckt und müsste nun die ganze Zeit beweisen, dass das Stück, das sie abgebissen hat, nicht zu groß war.

Stefanie Wilken ist ein Goldstück. Ich frage sie, ob sie viel Elend im Born sieht, und sie lacht wie eine Lehrerin in einer Hasenschule und sagt: "Nein, überhaupt nicht. In Bücherhallen in besser gestellten Stadtteilen streiten sich die Leute eher um 20 Cent. Wir dagegen haben hier ganz selten Diskussionen über Gebühren. Es ist hier alles sehr kleinteilig, vielleicht ist das der Grund dafür, dass man netter miteinander umgeht, auf Augenhöhe." Als sie herkam, wusste die 31-Jährige nichts über den Born, heute, sagt sie, ist es ihr zweites Zuhause.

Wilken erzählt, dass alles gelesen und mit den Bücher gut umgegangen wird; im vergangenen Jahr seien nur sechs Gartenbücher weggekommen. Während wir uns unterhalten, an einem Tisch mitten im Raum, kommen immer wieder Kinder vorbei. "Die Kinder", sagt die Bibliothekswissenschaftlerin, "sind hier sehr selbstständig. Die kommen alleine in die Bücherhalle und kümmern sich selber um Veranstaltungen."

Gefragt nach dem Grund, warum er Pastor geworden sei, hat Woydack geantwortet: "Mein Vater war Pastor, und eigentlich wollte ich das nicht werden. Aber dann habe ich Zivildienst in der Psychiatrie gemacht und dort festgestellt, dass der Gottesdienst die einzige Zeit war, wo die Menschen sein konnten, wie sie sind. Den Rest der Zeit wollten immer alle, dass sie anders sind." Für die Kinder ist der Born vermutlich so ein Ort, wo du sein kannst, wer du bist. Von überforderten Eltern vor die Tür gesetzt, vagabundieren sie durch das Viertel, ohne dass sie einer kontrolliert. Es gibt Leute, die nennen so etwas Verletzung der Aufsichtspflicht, aber ich bin auch so aufgewachsen, und ich nenne es Freiheit. Und manchmal, in guten Momenten, gibt es die sogar für Erwachsene. "Ein Unterschied zu anderen Vierteln", sagt Hitter, "ist vielleicht, dass man sagt, wenn man etwas nicht kann, wenn man zum Beispiel nicht weiß, wie man einen Antrag ausfüllt. Das traut man sich in gutbürgerlichen Vierteln nicht. Aber hier ist das keine Schande, denn hier weiß das kaum einer."

Einmal im Monat findet die Stadtteilkonferenz statt. Dort treffen sich Vertreter aller Hilfseinrichtungen, der Wohnungsbaugesellschaften und der Schulen, Polizisten, Quartiersentwickler. 30, 40 Menschen sitzen dann zusammen und unterhalten sich über alles, was anliegt: Die Bauarbeiten für das Bürgerhaus haben begonnen - Begeisterung. Die Chefin des Klick Kindermuseums, der einzigen Einrichtung im Born, die Besucher aus anderen Stadtteilen anzieht, erzählt, dass sie einen Ableger in der Hafencity eröffnen werden. Die Borner Runde ist mal wieder mit einem Verkehrsproblem beschäftigt, doch seit Wochen laufen die Bürgerarbeiter gegen verschlossene Türen, "und mittlerweile", sagt Meier-Hjertqvist, "sind wir ziemlich auf Krawall gebürstet".

Immer weiter geht es in der Tagesordnung, um die sich als Moderatorin heute Wilken kümmert. Man berichtet, tauscht sich aus: "Wir sollten später noch mal in Ruhe darüber sprechen", "wir sollten das koordinieren." So kann es gehen: Man sucht einen sozialen Brennpunkt und findet die Zivilgesellschaft. -

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