Ausgabe 04/2012 - Was Menschen bewegt

Darf es etwas weniger sein?

- Es gab kein Schlüsselerlebnis. Keine Erfahrung, die die Welt plötzlich in anderem Licht erscheinen ließ. Es wuchs langsam, beinahe unmerklich. Doch irgendwann wusste Gerhard Hüttermann, 54: Es reicht. Es muss sich etwas ändern.

Seit 1990 arbeitet er als Unternehmensberater, steigt 1995 bei einem der ganz Großen der Branche ein, Jahresumsatz weltweit mehrere Milliarden Euro. Er bleibt 15 Jahre, ist an vier Tagen pro Woche auf Tour, immer in fremden Städten, arbeitet von 9 bis 22 Uhr, manchmal länger. Wenn er mit den Kollegen danach noch an der Bar etwas trinkt, reden sie über den Job. So stehen sie vier Tage lang "hundert Prozent unter Strom". Fremdenlegion nennen sie diese Einsätze, die ihr Leben sind. Am fünften Tag wird im Büro oder von zu Hause gearbeitet. Nur die Wochenenden verbringt Hüttermann mit seiner Partnerin. Es ist kein schlechtes Leben, wirklich nicht.

Im Laufe der Jahre steigt er in der Firma auf. Er verdient sehr gut, kauft eine schöne Wohnung. Er hat keine materiellen Sorgen, aber eine Frage: Wozu das Ganze? Die Konzernzentrale verlangt, was alle Konzernzentralen verlangen: Wachstum bei Umsatz und Profit. "Alles folgte dem Primat: schneller, höher, weiter. Es wurde kaum hinterfragt, welche Folgen das für Gesellschaft und Umwelt hat", sagt er im Rückblick.

Solche Gedanken gehen ihm auch durch den Kopf, wenn er montags morgens in der Business Lounge des Flughafens Berlin-Tegel sitzt und die Kollegen sieht, im teuren Anzug, Laptop auf den Knien, das Handy in der einen, zwei Tageszeitungen in der anderen Hand. Er ist einer dieser viel beschäftigten Leute, die sich zur Elite zählen, weil sie eine Menge Geld verdienen und sich für unentbehrlich halten.

Früher galt nur: schneller, weiter, höher. Jetzt weiß er, dass freie Zeit ein Gewinn ist

2007 macht er dreieinhalb Monate Pause, ein Sabbatical, weil er in der alltäglichen Mühle nicht dazu kommt, sich Gedanken über sein Leben zu machen. Er paddelt im Kajak durch Mecklenburg-Vorpommern und nimmt an zwei Schweige-Wochen mit Yoga und Meditation teil. Dabei wandelt sich das Unbehagen in eine Erkenntnis: dass weniger mehr ist. Dass er mit weniger Geld, weniger Arbeit, weniger Kommunikation, weniger Ablenkung besser leben könnte - und dafür mit mehr Aufmerksamkeit belohnt würde für das, was wirklich wichtig ist.

Er zögert lange, bis er den Job kündigt. Es ist ein Wechsel, der gründlich bedacht sein will, ein Sprung aus dem gewohnten und satten hinein ins materiell ungesicherte Leben. Er muss sich umstellen, aber kaum einschränken. Bahn statt Flugzeug, zu Hause kochen statt ausgehen, seltener und billiger Urlaub machen als zuvor: Er fühlt sich bereichert durch die Zeit, die er gewonnen hat, die neuen Kontakte, den offenen Blick. Nur die Ungewissheit, wie viel er im nächsten Monat verdient, verunsichert ihn manchmal. Er arbeitet jetzt als Partner für eine Unternehmensberatung, die sich auf Nachhaltigkeit spezialisiert hat, und als Coach für Führungskräfte. Es geht um mehr Sinn, nicht mehr darum, "zu bewerten, ob es sich für Unternehmen lohnt, die Buchhaltung nach Rumänien oder Asien zu verlagern". Sein Arbeitspensum und Einkommen hat er im Vergleich zu früher halbiert. Er sagt: "Es war eine Werte-Entscheidung."

Gerhard Hüttermann ist ein Downshifter. Downshiften heißt herunterschalten, freiwillig und bewusst auf Geld verzichten, um Zeit für anderes zu haben. Es bedeutet weniger Konsum, weniger soziale Sicherheit, aber mehr Freiheit. Die Idee entwickelte sich vor etwa 20 Jahren in verschiedenen Industriegesellschaften, besonders in den USA, in Großbritannien und Australien. Es war eine Bewegung von Leuten wie Hüttermann, aufgeklärte obere Mittelschicht, die nicht radikal aussteigen wollten und auch kein Weltverbesserungsfuror antrieb. Sie fühlten sich eingesperrt im Hamsterrad von Karriere und Konsum. Ihr Motto lautet: "Lebensstandard ist, wenn du mit Geld, das du nicht hast, Dinge kaufst, die du nicht brauchst, um Leute zu beeindrucken, die du nicht magst." So wuchs aus der Mitte der Gesellschaft eine praktische, pragmatische Kritik an der Wachstumsökonomie.

Radikales Downshifting, wenn auch auf Zeit, probiert Caspar Richter. Der 31-Jährige ist gut ausgebildet, polyglott, schlagfertig, energisch. In Maastricht hat er den Bachelor in European Studies gemacht, danach in London Umwelt- und Techniksoziologie studiert. 2008 bekam er einen Job in Berlin bei einer Klimaschutzagentur. Als Projektmanager war er für eine Studie über den Effekt energiesparender Techniken in 1000 Haushalten verantwortlich. Umweltmanagement, das passte perfekt. "Ich komme aus einem grünen Elternhaus", sagt er. Obwohl Berufsanfänger, wurde er ordentlich bezahlt. Er war auf dem Weg nach oben, wie es schien, angetrieben von Idealismus, ausstaffiert mit robustem Selbstbewusstsein und wachem Verstand.

Doch seit drei Monaten ist er arbeitslos, aus freien Stücken. Weil er kein Rädchen in einem Getriebe werden will, das sich in seinen Augen in die falsche Richtung bewegt. "Geld reicht nicht als Begründung, um zu arbeiten", sagt er. Von Öko-Illusionen ist er kuriert. "Wenn man den Klimakollaps vermeiden will, geht das nur mit Verzicht und höheren Preisen für Energie." Stromsparsteckdosen hält er für Placebos, die Ökogutachter-Branche für teilweise sinnlos.

Er lebt nun von Erspartem, braucht 1000 Euro im Monat. Die Wohnung kostet 350 Euro, Krankenversicherung 150. Früher hatte er 1800 Euro netto. Er muss sich einschränken. Bars in Berlin-Mitte sind gestrichen. Dafür hat er keine Zeitnot mehr.

In Japan gälte er als Neet. Neet ist ein Akronym: Not in education, employment or training. Neets sind Leute zwischen 15 und 34 Jahren, die sich Schule, Arbeit, Universität verweigern. Allein in Japan wird ihre Zahl auf mehr als 600000 geschätzt. Sie wollen nicht zur normierten, fordernden Arbeitswelt gehören.

"Ich bin in einer Findungsphase", sagt Richter. Ob er in einem Jahr an einer Dissertation arbeitet, in einer Kneipe oder auf einem Ökohof, hält er sich offen. Er liest viel, Psychoanalyse, Marx, Kritische Theorie, Buchtipps von Freunden. Und er spielt Klavier. An der Hand trägt er eine Manschette -Sehnenscheidenentzündung. Zu viel geübt. Auch mit dem, was man gern tut, kann man sich überfordern. Er sitzt in Cafés, raucht wieder, trifft Freunde und sucht eine Antwort auf die Frage: Welche Arbeit ist nicht entfremdet? Eine Doktorarbeit, vielleicht. Doch "mein Wissensdrang ist noch zu unreif dafür". Deshalb diese Pause. "Freiheit ist nicht das, was die Leute dafür halten. Freiheit ist nicht Fernseher anmachen, Chips essen, Füße hoch. Freiheit ist anstrengend."

Er duscht seit drei Monaten morgens kalt. Wegen des Energieverbrauchs. Und weil er wissen will, ob das geht. Es geht.

Caspar Richter und Gerhard Hüttermann stehen für den postmateriellen Wertewandel, den der US-Politologe Ronald Inglehart in den westlichen Ländern seit vier Jahrzehnten auf dem Vormarsch sieht. Auch in Deutschland: Disziplin, Erfolg, Fleiß und Gehorsam haben als dominierende Leitbilder ausgedient. An ihre Stelle sind Freiheit, Individualität und Selbstverwirklichung gerückt. Ingleharts These: Sobald ein gewisses Wohlstandniveau erreicht ist, bleicht der traditionelle Tugendkanon aus.

Sie suchen das Glück am Arbeitsplatz. Und erleben, dass die Seele dabei schlappmacht

Es ist nicht überraschend, dass 87 Prozent der Befragten einer Allensbach-Umfrage 2007 bekundeten, dass es im Leben wichtig sei, "gute Freunde zu haben", doch nicht einmal halb so viele (42 Prozent) "wachsendes Einkommen" für erstrebenswert erklärten. 81 Prozent wollen "für die Familie da sein", aber nur 44 Prozent im Beruf aufsteigen. Manche deuten solche Zahlen als ein Alarmsignal: Das Leistungsprinzip sei auf dem absteigenden Ast, der ökonomische Abstieg Deutschlands vorgezeichnet.

Jedenfalls ist der Wertewandel unbestreitbar. Und er beschreibt längst mehr als das Selbstverständnis des postalternativen Bürgertums in der Kölner Südstadt, im Hamburger Schanzenviertel oder in Berlin-Mitte. Doch Selbstbilder und Lebenswirklichkeit sind nicht identisch. In der Arbeitswelt schlägt sich der Bewusstseinswandel nur vereinzelt nieder.

Vielmehr steigt die tatsächliche Wochenarbeitszeit in Deutschland seit zehn Jahren, die Arbeitsverdichtung nimmt zu. Mögen Klagen über Burn-out auch extrem medial verstärkt sein, gibt es doch Daten, die zeigen, dass Arbeitsdruck krank macht. Psychische Erkrankungen sind inzwischen der häufigste Grund für Frühverrentungen. In der IT-Branche, die sich wenig um Einsatzzeiten schert, registrierte eine Studie des Instituts für Arbeit und Technik bei 41 Prozent der Teilnehmer "massive Anzeichen einer chronischen Erschöpfungssymptomatik". Über Müdigkeit oder Nervosität klagen IT-Arbeiter drei- bis viermal häufiger als der Durchschnitt.

Der französische Soziologe Alain Ehrenberg hat die Überforderung als Signatur der Epoche beschrieben. In "Das erschöpfte Selbst" skizziert er eine Gesellschaft, in der die Menschen nicht so sehr unter Kontrollen und Zwängen leiden als an dem Gefühl, dass ihnen etwas Wesentliches fehlt. Der Fabrik-Kapitalismus hat seine Prägekraft verloren. Die moderne Arbeitswelt setzt auf das selbstbewusste und selbstbestimmte Individuum, das sich im Job verwirklicht. Von den Schattenseiten ist selten die Rede.

Dass in Deutschland mehr als vier Millionen Menschen mit Depressionen leben, die ärztliche oder therapeutische Hilfe brauchen, ist ein Zeichen. Ehrenberg hält Depression für "die Krankheit par excellence des demokratischen Menschen".

Sabine Meer, 45 (Name geändert) wollte nicht, dass es bei ihr so weit kommt. Seit zwei Jahren arbeitet sie nur noch knapp 20 Stunden in der Woche. Als sie 2011 die Titelgeschichten in "Stern", "Spiegel" und "Zeit" über Burn-out las, sah sie sich bestätigt. "Hätte ich meine Arbeitszeit nicht radikal gekürzt, wäre ich auch einer der Fälle geworden, die da beschrieben wurden." Das Verhältnis zu ihrem Chef war schwierig. Ständig änderte er seine Vorgaben. Aber einen Ausweg fand Meer erst, als sie sich fragte: Was kann ich, was will ich?

1998 hatte sie über ein religionswissenschaftliches Thema promoviert. In Fachkreisen kannte man ihren Namen. Aber sie traute sich nicht zu, es bis zur Professorin zu bringen. Auf Tagungen auftreten, Seilschaften bilden, Konkurrenten ausstechen, das schreckte sie ab. Der Kälte des Universitätsbetriebs fühlte sie sich jedenfalls nicht gewachsen.

Deshalb stieg sie in die Verwaltung ein, war bald zuständig für ein achtköpfiges Team. Froh machte sie diese Verantwortung nicht. Wollte sie wirklich Abteilungsleiterin sein? Immer so weiter, vielleicht noch 25 Jahre lang? Es war eine typische Krise für 40-Jährige, wenn sie spüren, dass es mit den einst unbegrenzten Möglichkeiten wohl doch nicht mehr so weit her ist und die größten Chancen endgültig passé sind.

"Ich habe die Arbeit reduziert, weil ich wusste, dass ich sonst zusammenklappe", sagt sie. Sie verdient jetzt 1500 Euro netto, vorher waren es 2700. Sie spielt wieder Geige und hofft, als Musikerin semiprofessionell arbeiten zu können. Sie träumt insgeheim von einer Rückkehr in die Wissenschaft und genießt es, von ihren Freunden beneidet zu werden, weil sie eine Balance zwischen Freiheit und Sicherheit gefunden zu haben scheint.

50 Prozent träumen von einem Sabbatical. Aber nur ein Prozent gönnt sich die Auszeit

Weniger zu arbeiten ist eine Möglichkeit. Nach einem Burn-out ist der zumindest zeitweilige Rückzug ohnehin üblich, um im Anschluss an eine Erholungsphase wieder ins Unternehmen zurückzukehren. Downshifting ist deshalb gerade für Arbeitnehmer in hoch individualisierten und gut bezahlten Branchen eine Alternative, wenn sie ihre Karriere nicht abbrechen, aussteigen und den Beruf hinter sich lassen wollen.

Tatsächlich sind Downshifter hierzulande Ausnahmeerscheinungen. Die Hürden auf dem Weg zu weniger Arbeit erscheinen manch einem plötzlich unüberwindbar. Dass es im Deutschen kein brauchbares Wort für Downshifter gibt, ist kein Zufall.

Wie viele der 41 Millionen Deutschen, die erwerbstätig sind, schon einmal ein Sabbatical eingelegt haben, das Angebot für einen besser bezahlten, aber zeitfressenden Job ausgeschlagen oder dauerhaft die Arbeit reduziert haben, ist unbekannt. Es gibt eine europaweite, bislang nicht ausgewertete Studie aus dem Jahr 2004, die Anhaltspunkte gibt. Laut Eurobarometer scheuen die Deutschen -viel stärker übrigens als Briten oder Niederländer - das Risiko, aus dem Job auszusteigen. Auf die Frage "Planen Sie, Ihre Arbeitszeit zu reduzieren?" antworteten in Deutschland nur 3,3 Prozent mit Ja und 5 Prozent mit "Ja, vielleicht". In Großbritannien waren 13,1 Prozent fest entschlossen, 17,5 spielten mit dem Gedanken. Ganz ähnlich in den Niederlanden: Knapp ein Drittel der Befragten erklärte mehr oder weniger entschlossen, die Arbeitszeit zu beschränken. Hierzulande wollte das dagegen nicht einmal jeder Zehnte.

Dass die Deutschen beim Tausch Geld gegen Freizeit zögerlich sind, zeigt beispielhaft der öffentliche Dienst in Berlin. Dessen Beschäftigte können seit Mitte der Achtzigerjahre ganz regulär eine bezahlte Auszeit nehmen, indem sie drei Jahre lang auf ein Viertel des Gehalts verzichten und im vierten Jahr ein bezahltes Sabbatical einlegen. 1999 nahmen das weniger als ein Prozent der Berechtigten in Anspruch. Laut Umfragen aber ist fast jeder zweite an einem Sabbatical interessiert.

Warum diese Kluft zwischen Traum und Tat? Was hindert uns? Ein Grund ist offenbar, dass wir mehr als unsere Nachbarn aufs Geld schauen. Laut Eurobarometer bekundeten 19 Prozent der Briten und Niederländer, weniger arbeiten zu wollen, auch wenn sie mit weniger Geld auskommen müssten. Bei den Franzosen waren es 17 Prozent, bei den Deutschen nur neun.

Dieser Befund deckt sich mit den Erfahrungen von Arnd Corts, der als Coach seit acht Jahren in Hagen Leute berät, die weniger arbeiten möchten. Der Anteil der Downshifter, sagt er, sei sehr niedrig. Er habe Klienten, "die ihr ganzes Arbeitsleben ändern wollen. Aber am Ende bleibt davon nur übrig, dass sie mit dem Fahrrad und nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit fahren. Arbeit garantiert eben Geld und Anerkennung. Dass Leute wirklich drastisch weniger arbeiten, passiert selten."

Spätestens am Gelde scheiden sich in Deutschland offenbar die Geister - doch der Umkehrschluss, dass sich nur die obere Mittelklasse ein Zurückschalten finanziell leisten kann, ist falsch. Wie vielfältig die Motive der Downshifter sind, zeigt das Beispiel von Manuela Ludwig, 40. Sie hat zwei Kinder im Alter von drei und zwölf und hat beide in ihren ersten drei Lebensjahren zu Hause versorgt. Klingt normal? Ist es aber nicht. Ihr Mann war zu jener Zeit arbeitslos und das Geld knapp. Doch die Fremdsprachenassistentin Manuela Ludwig hatte einen Vorsatz: "Ich will meine Kinder selbst erziehen."

Sie wohnt in Berlin und weiß, wie exotisch ihr Lebensentwurf für viele der liberalen, emanzipierten Hauptstädter klingt. "Ich war Mutter und Hausfrau. Das darf man ja heute kaum noch sagen." Weil weibliche Erwerbsarbeit im großstädtischen Mittelschichtmilieu als Zeichen von Selbstbehauptung gilt, deutet sie ihren Ausstieg als nonkonformistische Geste der Selbstverwirklichung gegen gesellschaftliche Erwartungen um. Die Familie lebte von 1600 Euro - Kindergeld, Elterngeld, Hartz IV. Das Budget war so knapp, dass eine kaputte Waschmaschine eine Krise auslöste. Nach Abzug der Fixkosten blieben knapp 800 Euro im Monat zum Leben. Die Geldknappheit war ein reales Problem, nicht der Status. "Ich bewege mich nicht in Kreisen, in denen Leute viel Geld haben", sagt Ludwig.

Geld, das verdeutlicht dieses Beispiel, ist eine wichtige, aber nicht die entscheidende Hürde beim Downshifting. Eine Umfrage in Großbritannien im Jahr 2003 zeigte, dass dort fast jeder Vierte in den vorausgegangenen zehn Jahren beruflich kürzer getreten war. Noch erstaunlicher: Downshifting war von Ungelernten bis in die Oberschicht recht gleichmäßig verteilt.

Auch der Coach Arnd Corts teilt den Eindruck, dass die Sehnsucht nach weniger Arbeit nicht auf Besserverdienende beschränkt ist. "Zu mir kommen grob gesagt zwei Gruppen: In der einen sind es Mittelschichtsangehörige zwischen Mitte 30 und Mitte 40, die ihre Sinnkrise nicht mit einer Harley-Davidson oder einer jungen Freundin bekämpfen wollen. In der anderen sind es Leute, die mit ihrem Beruf unglücklich sind. Wie die Krankenschwester, die merkt, dass die Arbeitsverdichtung zu groß geworden ist. Sie ist überlastet und in einer Krise, weil sie für die Patienten kaum noch Zeit hat."

Wer den Sprung zum Downshifter geschafft hat, empfindet weniger Geld nicht als gravierend. Konsumverzicht wird eher als gerechter Preis empfunden, den man für mehr Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zahlt. Irritierend ist nur die Ungewissheit. Wie bei Gerhard Hüttermann, der sich fragt, wie viel Geld wohl nächsten Monat auf dem Konto ist. Die Religionswissenschaftlerin Sabine Meer sagt: "Ohne die Angst, im Alter zu verarmen, wäre alles viel besser."

Aussteigen oder durchhalten? Beides verlangt Mumm

Es gibt noch ein Motiv, das die Geschichten der Downshifter verbindet: Moral. Wer sich aus der Arbeit zurückzieht, glaubt sich rechtfertigen zu müssen. Caspar Richter stehen mehr als 1000 Euro Arbeitslosengeld zu - doch er hat es nicht beantragt. Weil er keine Arbeit suche, sagt er, habe er kein Anrecht auf Unterstützung.

Manuela Ludwig bezog Hartz IV während ihrer Auszeit. "Ich habe mir meine Elternzeit von Leuten finanzieren lassen, die im Unterschied zu mir gearbeitet haben", sagt sie. Dieses Ungleichgewicht ist aus ihrer Sicht gerechtfertigt, weil die Gesellschaft ja auch etwas von ihr bekommt: zwei Kinder, die später in die Rentenkasse einzahlen. Insofern sieht sie ihren Hartz-IV-Bezug als Geschäft auf Gegenseitigkeit. Damit ist sie nicht in der Rolle der Bedürftigen, die Leistung ohne Gegenleistung empfängt. Es scheint, als hätte das Arbeitsethos noch jene im Griff, die sich zeitweise aus der Arbeitswelt verabschieden.

Die deutsche Skepsis gegenüber dem Downshifting speist sich aus vielen Quellen. Dazu gehört eine robuste Arbeitsmoral, die offenbar jeden Wandel überdauert, und ebenso zähes Festhalten am Job. Der durchschnittliche deutsche Arbeitnehmer war 2008 länger als zehn Jahre bei seinem aktuellen Arbeitgeber beschäftigt. In Dänemark etwa sind es statistisch nur sieben Jahre. Dort scheint Downshifting nicht als biografischer Bruch empfunden zu werden, dessen Konsequenzen gründlich bedacht sein wollen.

Der heikelste Punkt bleibt das Geld. Weniger Gehalt heißt Konsumverzicht, drückt den sozialen Status, macht Angst, sorgt für Ungewissheit. Was die meisten vom Herunterschalten abhält, ist jedoch nicht die Sorge, sich vom Auto trennen zu müssen. Es ist das bange Gefühl, es könnte noch weit Schlimmeres geben als nur Arbeit bis zum Umfallen. -

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