Ausgabe 04/2012 - Schwerpunkt Kapitalismus

Billig kommt teuer

- Wer Ende 2007 zu viel Zeitung las, konnte leicht den Eindruck bekommen, die soziale Marktwirtschaft stünde vor dem Ende. Die Blätter des Springer-Verlags trommelten mit Verve gegen den Postmindestlohn von 9,80 Euro pro Stunde, der schon im folgenden Jahr gelten sollte. Für die Kommentatoren von "Welt" bis "Bild" war das ein klarer Fall von Staatsdirigismus und ein unlauterer Eingriff in die Tarifautonomie. Zeitungen aus anderen Verlagshäusern wussten allerdings zur gleichen Zeit von rüden Methoden bei den privaten Briefzustellern zu berichten. Von unbezahlten Überstunden und Stundenlöhnen um die fünf Euro war die Rede.

Für die einen war der Postmindestlohn die Rückkehr des real existierenden Sozialismus in Deutschland. Für die anderen war alles darunter ein klarer Fall von Manchester-Kapitalismus.

Beiden Seiten ging es in dem Streit um ihre Interessen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi sorgte dafür, dass den Medien die Geschichten über unanständig bezahlte Zusteller nicht ausgingen. Die Briefbranche eignete sich wunderbar als Exempel für eine Mindestlohn-Kampagne. Den vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales per Allgemeinverbindlichkeitserklärung der gesamten Branche verordneten Tarifvertrag hatte Verdi im November 2007 mit dem Arbeitgeberverband Postdienste e.V. ausgehandelt. Weil der ohne die privaten Briefdienstleister auskommt und der Markt von dem Riesen Deutsche Post AG beherrscht wird, waren sich beide Seiten beim Mindestlohn von 9,80 Euro schnell einig. Schließlich sollte am 1. Januar 2008 das Briefmonopol für Briefe bis 50 Gramm fallen. Da kam der Post AG ein für die private Konkurrenz problematisches Lohnniveau sehr gelegen.

Auch die Schlagzeilen der Springer-Blätter waren nicht uneigennützig. Im Juni 2007 hatte die Axel Springer AG ihren Anteil am Briefdienstleister Pin Group AG auf 71,6 Prozent erhöht und dafür stolze 510 Millionen Euro bezahlt. Der noch defizitäre Briefdienst sollte sich mit dem vollständigen Fall des Briefmonopols zu einem wichtigen Geschäft des Konzerns entwickeln. Angesichts des vergleichsweise geringen Brief-Volumens, der noch im Aufbau befindlichen technischen Infrastruktur und des vorwiegend über die Preis-Konkurrenz geführten Wettbewerbs mit dem Marktführer Deutsche Post AG, blieben dafür nicht viele strategische Optionen.

Für die Pin Group wie für den anderen großen privaten Postdienstleister, TNT Deutschland war in der lohnintensiven Branche eine geringe Bezahlung die Voraussetzung für ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Ein Mindestlohn, der nur knapp unter den 10,14 Euro lag, die die Post AG ihren Briefträgern damals mindestens bezahlte, war da mehr als ein Ärgernis. Er konnte, so die Drohung des Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner, das Ende von Pin und Massenentlassungen bedeuten.

Genau so kam es. Schon im Januar 2008, also noch nicht einmal einen Monat nach Einführung des Mindestlohns, musste die Pin AG Insolvenz anmelden. Man könnte dies als Beweis dafür ansehen, dass höhere Löhne Arbeitsplätze zerstören. Damit hätte man allerdings höchstens einen Teil der Geschichte verstanden. Das Scheitern der Pin Group hatte andere Gründe.

Gute Aussichten bei der Pin Mail AG Berlin

Axel Stirl sitzt in seinem nüchternen Berliner Büro mit Blick auf die Spree und demonstriert die Verbundenheit seiner Mitarbeiter. Zu diesem Zweck zeigt er stolz ein Foto zweier Säuglinge, deren Strampelanzüge in den knallgrünen Firmenfarben der Pin Mail AG leuchten: "Das haben mir meine Mitarbeiter geschenkt", sagt er.

Diese Rhetorik passt nicht zum sonst klaren Stil von Stirl. Offenbar fürchtet der Vorstandsvorsitzende, dass dem Geschäft noch immer der Ruf des Dumping-Lohn-Schmuddelkindes der Branche anhaften könnte. Sein Berliner Unternehmen, gegründet 1999, war das älteste und eines der erfolgreichsten im Verbund der einstigen Pin Group. Stirl, promovierter Volkswirt mit sicherem Auftreten, leitet die Firma seit 2006. Er hat die turbulenten Jahre der schnellen, durch Zukäufe vorangetriebenen bundesweiten Expansion erlebt. Ebenso die Insolvenz der Pin Group, die Eigentümerwechsel, die zähen Jahre, in denen die Berliner sich am lokalen Markt wieder Vertrauen erarbeiten mussten. Heute gehört das Unternehmen jeweils zur Hälfte der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und dem einstigen Konkurrenten TNT.

Das nur am Rande: Holtzbrinck hat im Sommer 2007 die Mehrheit seiner Pin-Group-Anteile zu einem sehr guten Preis an Springer verkauft. Nach der Insolvenz schnappte man sich die Berliner Pin Mail AG, das Filetstück im Verbund, zurück - vermutlich recht günstig. Der Insolvenzverwalter Horst Piepenburg darf keine Zahlen nennen. Er sagt nur so viel: "Wir hätten die Pin Group als Ganzes notfalls auch verschenkt." Schön für Holtzbrinck - weniger schön für Springer.

Zurück zu Axel Stirl in sein Berliner Büro. Er kann nicht klagen. Für 2010 weist der Jahresabschluss ein Betriebsergebnis von 1,7 Millionen Euro im Vergleich zu 288000 Euro im Vorjahr auf. Tendenz für 2011 und 2012 laut Stirl: "Wir sehen eine positive Entwicklung. Die Menge an Briefen, die wir in Berlin direkt zustellen, nimmt von Jahr zu Jahr zu." Ein gutes Geschäft also, ohne unanständig niedrige Löhne, wie sie vor 2007 einzelne Unternehmen im Pin-Verbund in die Schlagzeilen brachten. "Unsere Zusteller verdienen heute im Schnitt 8,70 Euro die Stunde, bei einer 40-Stunden-Woche. Die Untergrenze dürfte bei etwa 8,50 liegen. Von unseren derzeit 1050 Mitarbeitern sind mehr als 98 Prozent sozialversicherungspflichtige Vollzeitkräfte. Wir haben in der Stadt einen Marktanteil von etwa einem Viertel der in Berlin zuzustellenden adressierten Briefe", sagt Stirl.

Die Bezahlung ist schlechter als bei der Post AG. Aber - vor allem für angelernte Kräfte - deutlich besser als etwa im Reinigungs- oder Bewachungsgewerbe. Dass Stirl sich Mühe geben muss, fair mit seinen Mitarbeitern umzugehen, liegt auch an seinem größten Kunden: Das Land Berlin, bis vor Kurzem rot-rot regiert, lässt seine Briefe von Stirls Boten verteilen. Im Roten Rathaus hätte man es ihm kaum durchgehen lassen, wenn er seine Angestellten ausgebeutet hätte. Schon die Vergaberichtlinien des Landes schreiben einen Mindestlohn von 7,50 Euro die Stunde vor.

Eine Frage drängt sich auf: Wenn die Berliner Pin Mail auch mit halbwegs anständigen Löhnen Geld verdient - war die Aufregung um den Mindestlohn dann nichts als heiße Luft? Nicht ganz.

25 teure Monate

Von Januar 2008 bis Januar 2010, als das Bundesverwaltungsgericht die Allgemeinverbindlichkeitserklärung zum Postmindestlohn wegen eines Formfehlers kippte, musste Stirls Pin Mail höhere Löhne als heute bezahlen. Bei einer Untergrenze von 9,80 Euro veränderte sich das gesamte Lohngefüge wegen Nacht-, Leistungs- und Feiertagszuschlägen erheblich. "Der Mindestlohn bedeutete eine Ausgabensteigerung von etwa 18 Prozent", sagt Stirl. Wir hätten das auf Dauer nicht durchgehalten. 2008 mussten wir eine Kapitalerhöhung vornehmen. Ich habe im Unternehmen transparent gemacht, dass der Mindestlohn auf Kosten der Arbeitsplatzsicherheit geht, und das war keine Rhetorik." Nach Januar 2010 sanken auch wieder die Löhne.

Nur: Weshalb kann Stirl seinen Leuten im Schnitt 8,70 Euro die Stunde zahlen, während andere Pin-Group-Unternehmen in den Jahren der wilden Expansion auch mal mit fünf Euro operierten - und am Ende trotzdem Verluste machten?

Antwort Nummer eins: Bei der Briefzustellung kommt es auf den Skaleneffekt an. Je größer das Volumen, desto geringer die Transportkosten pro Brief. Das Auftragsvolumen der Pin Mail lastet, anders als das der alten Group, die notwendige Unternehmensinfrastruktur hinreichend aus.

Antwort Nummer zwei: Die Pin Mail ist ein lokales Unternehmen. Etwa 80 Prozent der von ihr zugestellten Briefe werden innerhalb Berlins transportiert. Für Sendungen, die sie mangels eines eigenen Netzes an die Deutsche Post weiterreichen muss, berechnet sie den Kunden das Post-Porto. Die alte Pin Group wollte der Deutschen Post auf Augenhöhe begegnen und, ohne die dafür nötige Infrastruktur zu haben, das gesamte Bundesgebiet abdecken. Das konnte, zumindest in einem überschaubaren Zeitrahmen, nicht funktionieren.

Diese Managementfehler, nicht der Mindestlohn, waren der entscheidende Grund für das Scheitern der alten Pin Group.

Große Pläne bei der Axel Springer AG

Der 17. September 2007 muss ein schöner Tag im Berliner Hochhaus der Axel Springer AG gewesen sein. Kurz nach dem Einstieg bei der Pin Group AG hatte der Vorstand zum Capital Markets Day geladen. Der "Bild"-Chefredakteur Kai Dieckmann referierte über die Markenstärke seiner Zeitung, der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner erläuterte die Unternehmensstrategie, Finanzvorstand Steffen Naumann gab einen Einblick in die Zahlen. Für die Präsentation der Springer-Tochter Pin Group ("Growth Potential in Mail Services") waren die Vorstände Karsten Böhrs und Julian Deutz zuständig. Die Aussichten, von denen sie in ihrer Powerpoint-Präsentation zu berichten wussten, waren glänzend. Für 2007 prognostizierten sie einen Umsatz von 350 Millionen Euro (es wurden dann nach Berechnungen des "Manager Magazins" nur knapp 300 Millionen bei operativen Verlusten von 70 Millionen Euro). Bis 2010 sollte der Umsatz auf mindestens eine Milliarde Euro und einen Marktanteil von 15 Prozent wachsen. Als "long-term target EBITDA margin", also Gewinn vor Steuern und Abschreibungen, waren 15 Prozent angepeilt.

Das wären beim für 2010 geplanten Umsatz von einer Milliarde Euro stolze 150 Millionen Euro Gewinn gewesen. Von der endgültigen Liberalisierung des Briefmarktes am 1. Januar 2008 versprach man sich offenbar eine ähnlich dynamische Entwicklung wie von der des Telekommunikationsgeschäftes.

Aber im Gegensatz dazu stagniert der Briefmarkt, was angesichts des Internets nicht unbedingt überraschend ist. Möglicherweise unterschätzten die Springer-Strategen auch ihren großen Konkurrenten, die Deutsche Post AG, die, trotz Liberalisierung, noch immer einen Marktanteil von rund 90 Prozent bei Briefen hat. Sie war schon im Jahr 2007 längst nicht mehr die dröge Behörde von einst, sondern vom Vorstandsvorsitzenden Klaus Zumwinkel modernisiert worden.

Keine vier Monate nach dem Capital Markets Day und den dort vorgetragenen optimistischen Zukunftsvisionen hatte der Insolvenzverwalter Horst Piepenburg das Ruder der Pin Group übernommen. Eine Ursache der Insolvenz: Springer und andere Anteilseigner weigerten sich, weitere zehn Millionen Euro nachzuschießen. Damit war das Unternehmen zahlungsunfähig. Die Axel Springer AG musste ein Investment von 572 Millionen Euro abschreiben. Dank der Mindestlohn-Debatte konnte aber die Politik für diese aus Aktionärssicht unerfreuliche Entwicklung verantwortlich gemacht werden. Die publizistische Kampagne gegen den Mindestlohn diente auch der Entlastung des Vorstands. Allerdings: Der Mindestlohn war zum Zeitpunkt des Springer-Rückzugs im Dezember 2007 noch gar nicht rechtskräftig.

Blick in den Datenraum

Wer Genaueres über den Post- und Logistikmarkt erfahren will, ist beim Hamburger Unternehmensberater Horst Manner-Romberg an der richtigen Adresse. Er hat unter anderem für die Bundesnetzagentur, Bertelsmann, die Deutsche Post AG, das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und den Bundestag Studien erarbeitet und gilt als einer der versiertesten Kenner der Branche. Sein Kommentar zu Springers Post-Plänen: "Das war Wunschdenken. Ich verstehe nicht, wie man bei der Due Diligence, der Prüfung der Bücher vor dem Kauf, die strukturellen Probleme der Pin Group übersehen konnte. Die Verluste waren sichtbar. Man hätte den Unterschied zwischen der Pin Mail Berlin und dem Gesamtnetzwerk erkennen müssen. Der einzelne Mitarbeiter der Pin Group war deutlich weniger produktiv als bei der Deutschen Post AG, weil das Volumen geringer und der Automatisierungsgrad nicht so hoch war. Dass der Aufbau eines zweiten Netzwerkes, den die Pin Group betrieben hat, unter diesen Rahmenbedingungen und auf Basis des eingeschlagenen Weges, gescheitert ist, war für den interessierten Beobachter nicht wirklich überraschend."

Die Probleme begannen schon lange vor dem Springer-Einstieg und den ehrgeizigen Expansionsplänen. Um bundesweit präsent zu sein, wurden zahlreiche regionale Briefdienste gekauft. "Eine ganze Reihe von Gesellschaften der Pin-Group waren schon Mitte 2007 in größeren finanziellen Schwierigkeiten", sagt Claus Zanker, Geschäftsführer beim Stuttgarter Beratungsunternehmen Input Consulting. Er hat in mehreren Studien den Briefmarkt untersucht. Seine Einschätzung, der auch andere Marktbeobachter zustimmen: "2007 hat Pin eine grandiose Einkaufstour durch die deutsche Briefdienstleister-Landschaft gestartet. Sie wollten mit aller Macht bis Jahresende ein lückenloses Zustellnetz in Deutschland haben. Also haben sie überall regionale Anbieter zu relativ hohen Preisen gekauft. Die unterschiedlichen Strukturen zu integrieren, hat die Pin Group sträflicherweise vernachlässigt. Die IT-Systeme haben nicht zusammengepasst. Das war ein Flickenteppich unterschiedlicher Zustellmodelle. Manche haben die Briefe zusammen mit Zeitungen ausgetragen, andere hatten eigene Zusteller. Das Netzwerk war viel zu teuer, nicht leistungsfähig, und es hatte Bestandteile, die schon beim Kauf und völlig unabhängig vom angekündigten Mindestlohn defizitär gearbeitet haben."

Unter den Zukäufen waren große und winzige Dienstleister. Nicht lizensierte Anbieter wie Werbemittelverteiler und Anbieter, die sogar eine Lizenz zum Zustellen von Gerichtsdokumenten hatten. Dienstleister, die darauf ausgerichtet waren, dass der Brief am Tag nach der Einlieferung beim Kunden ist, andere mit einer weit weniger anspruchsvollen Infrastruktur. Das Lohnniveau, die operativen Abläufe, die Art der Kunden, die Profitabilität, die technische Ausstattung - alles unterschied sich bei jedem der Tochterunternehmen. Einige der zugekauften Anbieter konkurrierten in einzelnen Gebieten um Kunden. Verglichen mit der ausdifferenzierten Infrastruktur der Deutschen Post AG mit ihrem dichten Netz aus modernen Verteilzentren war die Pin Group kaum konkurrenzfähig. Sie hatte keine andere Wahl, als an der einzigen Schraube zu drehen, mit der sie ihre Kosten senken konnte: der Bezahlung.

"Es war ein Unternehmen im Aufbau. Die Integration war sicherlich noch nicht abgeschlossen. Weitere Investitionen wären nötig gewesen, sicherlich 100 Millionen Euro", sagt der Insolvenzverwalter Piepenburg über das, was er im Dezember 2007 bei der Pin Group vorfand.

"Diese unterschiedlichen operativen Prozesse waren ein echtes Problem", sagt auch Branchenkenner Manner-Romberg. "Man musste Prozesse verändern und integrieren. Die Verluste, die die Pin Group ausgewiesen hat, deuten darauf hin, dass dieser Umbau nicht reibungslos vonstatten ging. Es wurde frühzeitig über Qualitätsmängel berichtet."

Offenbar hatten die Verantwortlichen um den damaligen Vorstandsvorsitzenden Günter Thiel die Probleme beim Aufbau eines bundesweiten Netzes massiv unterschätzt. "Ich hatte vor einigen Jahren zu tun mit einem Briefunternehmen, das eine Kooperation zwischen sechs, sieben Briefdiensten betreibt", sagt Manner-Romberg, um das Problem der Integration zu illustrieren. "Die Aufbauarbeit und Integration dieser überschaubaren Zahl von Diensten dauerte etwa drei Jahre."

Die Pin Group verfügte am Ende, nach Angaben von Axel Stirl, über etwa 220 lokale Dienstleister. Rund 190, schätzt Stirl, seien in der Insolvenz abgewickelt worden.

Horst Manner-Romberg sagt es mit dem trockenen Spott des Hanseaten: "Ich würde nicht vehement widersprechen, wenn jemand bezweifelt, dass die alte Pin Group in ihrer Struktur überlebensfähig gewesen wäre, auch wenn der Mindestlohn nie eingeführt worden wäre. Es gibt Briefdienste in Deutschland, die keine Probleme damit haben, den Mindestlohn zu zahlen: Etwa ein Verlagshaus, das auch einen Briefdienst betreibt, mit einem Umsatz von 500000 Briefsendungen am Tag, die arbeiten sehr sorgsam und mit viel Feinjustierung in ihrem überschaubaren Markt, in der Region, die sie kennen. Die zahlen den Mindestlohn und schreiben eine schwarze Zahl." -

Frau M., Ende 30, arbeitet seit 2004 als Briefsortiererin bei der Pin Mail AG: "Ich arbeite Nachtschicht, meistens von 20 Uhr bis 4 Uhr morgens, insgesamt 35 Stunden die Woche. Mit Nachtzuschlägen und Prämien verdiene ich etwa 1700 Euro brutto im Monat. In Berlin kann man sich mit so einem Einkommen nur eine Wohnung in den Außenbezirken leisten. Briefausträger verdienen weniger als ich, weil ihnen die 25 Prozent steuerfreier Nachtzuschläge fehlen. Ein Briefträger, der voll arbeitet und sechs Jahre im Unternehmen ist, kriegt vielleicht 1100 Euro monatlich raus. Davon kann man keine Familie ernähren. Wir haben Kollegen, Aufstocker, die zusätzlich Geld vom Staat brauchen, weil sie von ihrem Gehalt nicht leben könnten. Das sind meistens alleinerziehende Frauen. Weihnachtsgeld, ein 13. Monatsgehalt oder Urlaubsgeld gibt es nicht. Heute habe ich 25 Urlaubstage im Jahr, in den ersten Berufsjahren waren es 21 Tage. Neben der Arbeit bei der Pin habe ich noch einen zweiten Job. Das machen viele Kollegen so, zum Beispiel wenn ein Briefzusteller vor Schichtbeginn um sieben Uhr noch Zeitungen oder am Wochenende Werbung austrägt. Ich habe einen anderen Beruf gelernt, den konnte ich dann wegen der Kinder nicht mehr ausüben. Ich schätze, dass mehr als die Hälfte meiner Kollegen eine Berufsausbildung hat.

Die Belegschaft ist eher jung, einfach weil die Pin eine junge Firma ist. Das ist gut für die Krankenstände. Es gibt, anders als bei der Deutschen Post AG, kein Gesundheitsmanagement. Ich habe schon den Eindruck, dass Kollegen, die wegen Krankheiten und einfach wegen des berufsbedingten Verschleißes, zum Beispiel Rückenprobleme, längere Fehlzeiten haben, mit Druck und Abfindungsangeboten aus dem Unternehmen gedrängt werden sollen. Aber beweisen kann ich das nicht. Wenn jemand mit Ende 40 oder Mitte 50 seinen Job verliert und vielleicht auch keine Ausbildung hat, kann man sich in etwa vorstellen, welche Chancen er dann noch auf dem Arbeitsmarkt hat. Bei den Zustellern, die im Winter öfter mal erkältet sind, wird mit Anwesenheitsprämien gearbeitet, 50 Euro für Altkräfte, 100 Euro für Neukräfte. Wenn sie sich krankmelden, bekommen sie zwar ihr Grundgehalt weiter, aber nicht die Anwesenheitsprämie. Also gehen sie halb krank zur Arbeit. Die ersten zwei Jahre bekommt man nur Zeitverträge. Viele Kollegen halten das nicht durch. Ich selbst habe, solange ich fit bleibe, keine Angst vor der Zukunft.

Wir haben moderne Briefverteilanlagen, aber man kann nicht alle Briefe über die Maschine fahren. Die verteilen wir von Hand. Mir macht die Arbeit noch Spaß, obwohl es im Prinzip jeden Tag das Gleiche ist, bin ich zufrieden. Solange ich meine Arbeit gut mache, gibt es auch keinen Druck von oben, es kommt immer darauf an, wie man sich anstellt. Außer bei der Bezahlung sind die Arbeitsbedingungen, jedenfalls in meiner Abteilung, in Ordnung. Früher war das Klima wesentlich rauer, die Firma war weniger professionell. Die Personalführung hat mehr mit Einschüchterung gearbeitet, wir mussten öfter unbezahlte Überstunden machen. Das ist auch durch den Betriebsrat besser geworden. Dass ich mindestens ein Viertel weniger verdiene als jemand, der die gleiche Arbeit bei der Deutschen Post AG macht, ist natürlich nicht fair. Aber die Post gibt es auch schon ein paar Jahre länger als die Pin AG. Als die Pin den Mindestlohn zahlen musste, sagte die Geschäftsführung, dass sie mehr Geld ausgibt, als sie einnimmt, und dass das nicht allzu lange geht. Das war auch glaubwürdig. Die Geschäftsführung erzählt seit Jahren, dass sie höhere Gehälter zahlen wolle, wenn der Umsatz wächst, das sorgt inzwischen eher für Erheiterung in der Belegschaft. Das Reden kostet nichts, ob sie es dann tatsächlich machen, ist eine andere Frage. Auf der anderen Seite: Ich habe immer pünktlich mein Gehalt bekommen, auch als es der Firma nach der Insolvenz der Pin Group nicht gut ging."

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