Ausgabe 09/2012 - Was Wirtschaft treibt

Schwein gehabt

Was wurde aus ... Neuland?

In der Ausgabe 09/2012 berichteten wir über Neuland, einen Verbund von Fleischproduzenten, die sich artgerechter und umweltschonender Tierhaltung verschrieben haben. In dem Beitrag kam auch der damalige Neuland-Geflügelbauer Werner Langfeld vor. Nun enthüllte die »Zeit«, dass er Fleisch falsch deklariert hat.

• Sie haben Namen. Damit fängt es an. Sie heißen Zicke, Naomi oder Krümelchen. "Sie sind Lebewesen", sagt der Bauer Gerald Seedorf, "sie haben Gefühle, Eigenschaften, eine Geschichte, wenn man so will." Pause. "Trotz allem." Auch Seedorfs Schweine werden irgendwann gegessen. Das ist das zwangsläufige Ende ihrer Geschichte. "Bis dahin aber", sagt Seedorf "muss ich sehen, dass jedes Schwein anders ist, jedes Schwein hat seinen Charakter."

Charakter also. Seedorf sagt über Zicke: "Futterneidisch und ein bisschen egoman." Über Naomi: "Dünn wie ein Model, wenngleich nicht ganz so hübsch." Über Krümelchen: "Ein Muckelschwein, so nennt man Sauen, die von stärkeren Artgenossen dominiert werden und deshalb weniger Fressen abkriegen." Einen Borg taufte er Ronaldinho, weil der ihn an den brasilianischen Fußballer erinnerte. Einem anderen kastrierten Eber gab Seedorfs Tochter den Namen Schweinsteiger. Warum? Seedorf: "Hm, weiß nicht, vielleicht weil er humpelte."

Stoetze in Niedersachsen, Ortsteil Hohenzethen. Äcker, Felder, Fachwerk. Bauernland. Es ist halb acht Uhr morgens, und Gerald Seedorf sitzt in der Küche und trinkt Kaffee. Gleich wird er in den Stall gehen und seine Schweine füttern. Der Stall steht an der L252 nach Bad Bevensen hinter Sträuchern am Waldrand. 200 Vormast- und 300 Endmastschweine hält Seedorf im Schnitt. Bis sie ihr Schlachtgewicht von 130, 140 Kilogramm erreicht haben, was insgesamt etwa ein halbes Jahr dauert.

Neben der Stalltür ein Schild. Schwarze Silhouetten eines Huhns, einer Kuh, eines Schweins, darunter Gelb auf Grün: Neuland. Seedorf öffnet die Tür. Die Schweine trampeln. Seedorf öffnet die Futterdosierer. Die Schweine quietschen. Ein Mix aus mehreren Getreidesorten und Erbsen, durchsetzt mit Rapsschrot, Kartoffelprotein, Mineralien und Vitaminen, knirscht durch die Rohre und landet staubend in den Trögen. Seedorf wirft Zweige und Plastikbälle in die mit Stroh ausgelegten Freigehege. Ein Teil des Strohs wird gefressen und sorgt für Ballaststoffe. Das Spielzeug ist wichtig bei Rangfolgekämpfen, die Schweine spielerisch austragen. Seedorf wirft einen Blick in die Krankenbucht: "Hab' ich schon von Ronnie erzählt?"

Der Neuland e.V. wurde 1988 gegründet. Als Träger fungieren der Deutsche Tierschutzbund (DTschB), der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Das Credo: möglichst artgerechte umweltfreundliche Haltung von Nutztieren, die dem Kunden mehr Qualität an der Fleischtheke und dem Erzeuger ein gutes Geschäft bescheren soll.

Derzeit sind etwa 180 Bauern bei Neuland, die etwa 70 Fleischereien und Metzgereien beliefern. Drei Vermarktungsgesellschaften kümmern sich um Beratung, Schlachtung und Vertrieb. Zu den Abnehmern gehören neben den Neuland-Händlern auch Großküchen von Allianz, Concordia, Google, Siemens, RTL und ZDF, dazu etliche Universitäten und Kindergärten. Der Jahresumsatz betrug zuletzt etwa 15 Millionen Euro.

Das Modell Neuland unterscheidet sich maßgeblich von den Praktiken der Agrarindustrie, die hierzulande jährlich rund 60 Millionen Schweine, drei Millionen Rinder, 700 Millionen Hühner, Puten und Enten produziert. Marktanteil 99 Prozent. Es sind überwiegend Tiere, die auf schnelle Gewichtszunahme gezüchtet sind und die Mastfabriken durchlaufen. Wenig Platz. Künstliches Licht. Schlechte Luft. Automatisierte Fütterung. Wachstumshormone. Tonnenweise Antibiotika. Bei Neuland ist das anders, wenn auch nicht bio. Der Verein sieht sich zwischen Markt und Vernunft.

Die Mitglieder müssen sich strengen Richtlinien unterwerfen. Die Bestandsobergrenzen: 95 Sauen und 650 Mastplätze bei Schweinen, 200 Mutterkühe und 150 Mastplätze bei Rindern, 6000 Hühner, 10000 Legehennen, je 2000 Puten, Enten und Gänse sowie 1000 Mutterschafe. Die Tiere müssen ausreichend Auslauf und Weideflächen haben. Die Wandfläche der Ställe muss zu einem Fünftel aus Fenstern bestehen; Spaltenböden sind untersagt. Ferkeln dürfen nicht die Zähne abgekniffen und die Schwänze kupiert, Hühnern dürfen nicht die Schnäbel beschnitten und Rinder nicht angebunden werden. Das Futter muss aus heimischer Produktion stammen, gentechnisch veränderte Substanzen und der Einsatz von Antibiotika sind verboten. Der Transport zum Schlachthof darf nicht länger als vier Stunden dauern.

Die Arbeit auf den Höfen ist aufwendig. Zum Beispiel Ronnie, ein stattlicher Borg, der an einer Gelenkentzündung laborierte und nur noch kriechen konnte. Seedorf flößte ihm wochenlang das Futtermehl, mit Wasser verdünnt, per Spritze ein. "Man schaut dem Schwein ja jeden Tag in die Augen", sagt Seedorf, "spricht mit ihm, gibt ihm einen Klapps auf den Hintern." Vier Wochen dauerte es, dann lief Ronnie wieder. Auf die Frage, was Schweine brauchen, sagt Seedorf: "Was wir auch brauchen: Gesellschaft, Abwechslung und Liebe."

Bad Bevensen, Eppenser Weg 29. Thomas Strauß sitzt im ersten Stock eines Flachbaus zwischen Lagerhallen, Garagen und dem Schlachthof Hencke. Ein breitschultriger Mann mit kernigem Händedruck. Strauß ist Fleischermeister und Geschäftsführer der für Norddeutschland zuständigen Neuland GmbH Produktvermarktung. An diesem Nachmittag liegt viel Papier auf seinem Schreibtisch. Strauß bereitet die anstehende Gesellschafterversammlung vor. Man wird über die gestiegenen Kosten bei Futtermitteln reden. Und ob man deshalb nicht die Fleischpreise anheben muss. Und dann gibt es noch diese leidige Sache, die auf eine aktuelle Initiative des Neuland-Vereins zurückgeht und für Irritation unter Mitgliedern gesorgt hat. Doch darüber, so Strauß, "reden wir nicht so gern".

Schon lieber über die guten Nachrichten: 10,7 Prozent Umsatzsteigerung 2011. Tendenz steigend für 2012. Berlin ist mit 15 Metzgereien und 28 Filialen der größte Absatzmarkt. "Dort", so Strauß, "kennt uns jeder." Bei manchen Fleischern stünden die Kunden samstags in Schlangen bis auf den Gehweg. "Es wird honoriert, dass unsere Marke auf Werten basiert; bei uns sind Bauer und Tier keine Nummer." Die Erzeuger seien auch nicht gezwungen, sich wöchentlich wechselnde Preise vom Handel diktieren zu lassen, der bei Fleisch "gnadenloses Dumping betreibt". Die Preise liegen mindestens ein Drittel über konventioneller Ware. Strauß: "Wer den Wert unserer Produkte erkennt, ist bereit, mehr zu bezahlen."

Das Prinzip: beraten und verkaufen

Strauß kam im März 2007 zu Neuland. Zuvor war er 20 Jahre im Handel beschäftigt. Er hat im Außendienst gearbeitet, die Fleischabteilung eines Supermarkts geleitet und war bei einer Warenhauskette im Bereich Frische tätig, "das heißt Fleisch, Wurst, Fisch und Käse". Strauß: "Ich hatte nichts mit Bauern zu tun, ich kam über Menge." Seine Geschäftspartner bei Fleisch und Wurst hießen Tönnies, Vion oder Westfleisch. Die Marktführer. Milliardenunternehmen. "Wenn ich als Einkäufer eines Warenhauses zu Ostern eine Aktion fahre, beispielsweise Schmorbraten, dann kaufe ich davon vier Tonnen." Wo und wie die Tiere gehalten, womit sie gefüttert, wo und unter welchen Umständen sie geschlachtet wurden? Strauß: "Irrelevant, entscheidend ist der Preis."

Wenn er heute von seinem Büro in Bad Bevensen aus dem Fenster schaut, sieht er montags, mittwochs und freitags Viehtransporter vorfahren. Mal werden sechs Rinder abgeladen, mal zwanzig Schweine. Er weiß, woher die Tiere kommen, die Bauern kennt er persönlich. Und er kennt die Berichte der Gesellschaft für Ressourcenschutz in Göttingen, die Neuland-Bauern alle zwölf Monate kontrolliert. Strauß sagt: "Bei uns können Sie nachvollziehen, welchen Weg ein Tier gegangen ist – von der Geburt bis zum Steak oder zur Leberwurst."

Die Schlachterei Hencke ist ein alteingesessener Familienbetrieb. Andreas Hencke, Inhaber und Geschäftsführer, leitet ihn in fünfter Generation. Er steht auf rot lackiertem Betonboden. Es ist Donnerstag, kein Betrieb an Brühkessel und Bandsäge, die Fleischerhaken blank. "Bei uns herrscht auch an Schlachttagen keine Hektik auf der Rampe." Die Tiere werden einzeln mit Strom betäubt. "Ich will", sagt Hencke, "dass meine Leute Verantwortung für das zu tötende Tier übernehmen, dann arbeiten sie auch gern hier." 400 Schweine und 50 Rinder werden wöchentlich angeliefert, ein Teil davon wird in der hauseigenen Metzgerei weiterverarbeitet.

Er hat eine Familienchronik mitgebracht. Sie beginnt 1871 mit dem Firmengründer Ludolf Hencke. Über Andreas Hencke erfährt man, dass er in Hardys Band am Keyboard steht ("Auch im Bad Bevenser Spielmannszug marschierte er viele Jahre mit"). Was Gründer und Nachkomme verbindet? Hencke: "Wir haben immer aus der Region für die Region produziert." Vor zwölf Jahren arbeitete er erstmals für Neuland. Hencke hat begrenzte Kapazitäten, Neuland kleine Kontingente. "Das passt", sagt er, "wir wollen nicht wie verrückt Wachstum forcieren, um den Erlös wieder in Investitionen zu stecken und noch größer zu werden." Hencke beschäftigt in Schlachterei und Metzgerei 50 Mitarbeiter: "Das reicht, sonst leidet schnell die Qualität."

Der Bauer Gerald Seedorf hat den Hof in Stoetze, 113 Hektar, von seinem Vater übernommen. Mit sieben fuhr er zum ersten Mal Trecker. Da wusste er schon, dass er Landwirt werden wollte. Seedorf machte Abitur, eine Landwirtschaftslehre, studierte Agrarwissenschaft in Göttingen. Er arbeitete auf einem biologischdynamisch geführten Demeterhof, war Betriebsleiter eines konventionell geführten Hofes und Vertreter für Saatgut beim deutschen Ableger des US-Agrarunternehmens Cargill. Er tanzte auf Kuppelpartys mit den Mädchen der Landbauschule, besuchte Versammlungen des Landesbauernverbands und Pflanzenschutztagungen. Seedorf erinnert sich, "dass dort alle Landwirte grüne, graue oder braune Klamotten anhatten und immer nur über ein Thema diskutierten: Wie steigern wir die Produktion?".

2001 kaufte er die Rübenquote eines Bauern, der für Neuland Schweine mästete. Als er sah, wie die Tiere quietschvergnügt durch den Stall tobten, dachte er: "So was gibt es noch?" Er nahm Kontakt auf. Ein Berater schlug ihm vor, einen alten Stall zu renovieren, mit Vormastschweinen zu bestücken und zusätzlich einen neuen zu bauen für Endmastschweine. Seedorf besorgte sich einen Kredit, Fördergelder, bestellte den Bauunternehmer und erwarb Anteile bei Neuland. Anfang 2003 kamen die ersten Ferkel. Einige Monate später besuchte er erstmals eine Mitgliederversammlung. "Das war ein total buntes Bild", berichtet er begeistert, "lauter spannende Typen, die an eine Idee glaubten, da gab es Rede und Gegenrede, und alle fanden es gut, wenn jemand seine Meinung sagte."

Als Neuland anfing, war das Image der Branche noch geprägt von einem Werbeslogan der Agrarwirtschaft: "Fleisch ist ein Stück Lebenskraft." Das wird schon lange nicht mehr so gesehen. BSE, Vogelgrippe, Dioxin in Schweinekoteletts. Kühlhäuser voller Gammelfleisch. Salmonellen. Jedes fünfte deutsche Masthähnchen ist von resistenten Bakterien befallen. Die Themen sind Dauerbrenner in den Medien. Bestseller wie die von Hans-Ulrich Grimm ("Vom Verzehr wird abgeraten") oder Jonathan Safran Foer ("Tiere essen") haben Debatten ausgelöst.

"Das Thema Fleischkonsum und Tierschutz gewinnt zunehmend an öffentlichem Interesse", sagt Matthias Minister, Inhaber und Geschäftsführer der Neuland-Fleisch Süd GmbH in Radolfzell am Bodensee. "Davon können wir nur profitieren; wir stehen für hohes Niveau, hohe Glaubwürdigkeit und eine über Jahrzehnte bewährte Struktur." Michael Gruner, Abteilungsleiter der Hochschulgastronomie beim Studentenwerk Braunschweig, sagt: "Wenn ich an Neuland denke, fallen mir vor allem zwei Begriffe ein: Vertrauen und Sicherheit." Der Berliner Metzger Klaus Gerlach lobt: "Frische und Geschmack stimmen einfach, die artgerechte Haltung schmeckt und sieht man." Strauß resümiert: "Wir haben ein kleines, feines Label aufgebaut, das findet auch Ilse Aigner gut." Die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, heißt es, lasse sich bei der Internationalen Grünen Woche in Berlin besonders gern vor dem Stand von Neuland fotografieren.

Das Dilemma: wie am Markt auffallen?

Warum aber gibt es dann nicht mehr Bauern in Deutschland, die sich dem Verband anschließen? Warum ist er in Berlin erfolgreich, aber in anderen Großstädten kaum vertreten? Warum gelingt es den Vermarktungsgesellschaften nicht, mehr Neuland-Fleisch im Lebensmitteleinzelhandel zu platzieren? Kurz: Warum ist das Renommee der Marke ungleich größer als die wirtschaftliche Potenz des Unternehmens? Oder anders gefragt: Warum schafft vernünftige Landwirtschaft keinen größeren Markt?

Oldendorf an der Luhe, zwischen Hamburg und Hannover. Andreas Engel steht vor seiner Mühle, rostroter Backstein, erbaut 1886. Er ist einer von fünf Bauern, die 1988 mit einer Erzeugergemeinschaft das Neuland-Konzept als Erste umgesetzt haben. "Fleischproduktion", sagt Engel, "ist ein volatiles Geschäft." Schwankende Futtermittelkosten. Preisdruck. Schwer kalkulierbares Konsumverhalten. Ein heißer Sommer, und der Absatz sinkt. Ein Fleischskandal, und der Absatz kollabiert. "Wenn ein Schwein geboren wird, ist noch halbwegs abzusehen, wann es gegessen wird", sagt Engel, "ein Kalb braucht zwei Jahre, bis es auf den Teller kommt, beim Rind ist es noch mal anders. Die Tiere wachsen unterschiedlich schnell, der Handel muss aber punktgenau bedient werden." Mit kleinen Beständen ist das schwer zu bewerkstelligen. Warum nicht die Bestandsobergrenzen erhöhen? Engel: "1000 Schweine auf Stroh ist nicht mehr bäuerliche Landwirtschaft." Warum nicht mehr Mitglieder akquirieren? Engel: "Dann haben wir ein Problem mit der Schlachtung, es gibt doch kaum noch Schlachthöfe, die kleine Mengen akzeptieren."

Hencke in Bad Bevensen ist eine Ausnahme. Genauso wie die Schlachthof-Initiative Überlingen und das Umweltzentrum Westfalen in Bergkamen. Engel: "Und selbst wenn es mehr kleinere Schlachthöfe gäbe – wo soll die Ware dann hin?" In Hamburg und Bremen konnte sich Neuland nicht etablieren. Hannover, Wolfsburg oder Braunschweig sind, so Engel, "erst punktuell mit Fleischern erschlossen". Großkunden wie McDonald's wiederum kann Neuland mangels Masse nicht bedienen. Strauß: "Die wollten von uns in einer Woche so viel Fleisch, wie wir im Jahr produzieren." Und zur schwachen Präsenz im Einzelhandel sagt Hencke: "Dort werden Rückvergütungen und Werbekostenzuschüsse pro Artikel gefordert, und wenn die einen Billigeren finden, bist du weg."

Komplexe Materie. Mal abgesehen davon, dass der Markt voll ist mit Labeln, die mit Neuland konkurrieren. Demeter, Bioland, Naturland, Ecoland, Ecovin, Gäa im Bio-Bereich. Die Giganten der Branche offerieren ihre Ware unter Marken wie Aktion Tierwohl (Westfleisch), Gutfleisch (Edeka) oder Privathof (gehört zu Wiesenhof, dem Marktführer bei Geflügelfleisch). "Wie soll der Konsument das durchblicken?", fragt Engel. Und: "Wie soll ein Metzger darstellen, dass wir tierfreundlich und umweltfreundlich produzieren und eine bäuerliche Kulturlandschaft erhalten?" Passt auf kein Etikett. Für wirksame Werbung fehlt das Geld. Strauß: "Wir tun uns schon schwer, jedes Jahr den Stand auf der Grünen Woche zu finanzieren."

"Transparenz", sagt Martin Rücker von Foodwatch in Berlin, "ist nicht nur beim Fleisch das große Problem im Lebensmittelbereich." Der Kunde könne die "Qualität von Produkten nicht überprüfen, wie das beim Auto anhand von technischen Daten möglich ist; mangels Information bleibt ihm nur der Preisvergleich, und das ist nicht nur für den Verbraucher ein Dilemma, sondern auch für den Qualitätsanbieter".

Zwischen Wietze, 8000 Einwohner, Landkreis Celle, und Wietzen, 2150 Einwohner, Landkreis Nienburg an der Weser, liegen etwa 60 Kilometer, eine Stunde Autofahrt. In Wietze hat der Fleischhändler Rothkötter Europas größten Geflügelschlachthof gebaut. 135 Millionen Masthühner sollen dort jährlich verarbeitet werden, 370.000 täglich, vier pro Sekunde. Um den Bedarf zu decken, sind in der Gegend 400 Ställe mit 40.000 Hühnern geplant. In Wietzen betreibt Werner Langfeld einen Neuland-Schlachthof. "Wir schlachten derzeit 2500 Hühner", sagt Langfeld und hebt die Stimme: "In der Woche!" Damit erübrigen sich die zuvor gestellten Fragen. Allein im Landkreis Vechta, wieder Niedersachsen, wieder nicht allzu weit von Wietzen entfernt, leben auf einer Fläche fast eineinhalbmal so groß wie Bremen 1,4 Millionen Schweine, 100000 Rinder und zehn Millionen Hühner. "So ein Huhn kostet im Supermarkt dann fünf Euro", sagt Langfeld, "unsere kosten mindestens 20 Euro."

Die Realität: viel Arbeit, wenig Geld

Langfeld hat vor 20 Jahren angefangen, Geflügel zu halten. Enten, Gänse. Zunächst für den Eigenbedarf. Die Langfelds haben zehn Kinder. Irgendwann war ein Neuland-Betrieb für Legehennen zu verpachten. Langfeld übernahm. Als Neuland einen Schlachthof für Geflügel suchte, pachtete er eine Halle und stattete sie entsprechend aus. Als dieser Schlachthof 2009 nicht mehr den geänderten EU-Richtlinien entsprach, nahm er eine halbe Million Euro auf und baute einen neuen. "Ich war damals 52", sagt Langfeld, "in diesem Alter macht man das nicht einfach so." Heute ist er Neulands einziger Hühnermäster in Norddeutschland und verhandelt gerade mit dem Verein eine Erhöhung der Bestandsobergrenze sowie modifizierte Vorschriften beim Futter, um profitabler sein zu können. An der Vorgabe, nur Tiere zu mästen, die maximal 45 Gramm täglich zunehmen, und ökologisch verträgliches Futter zu verwenden, will er festhalten. "Neuland braucht das weiße Fleisch in seinem Sortiment", sagt Langfeld, "ich sehe mich hier als Überzeugungstäter."

So denken viele. Anders lässt sich auch nicht erklären, warum einer wie Seedorf zweimal täglich in den Schweinestall geht. Sein Erlös pro geschlachtetem Schwein liegt nach Abzug aller direkten Kosten zwischen 15 und 17 Euro. Das macht bei 2,2 Durchläufen und 1400 Schweinen jährlich maximal 24.000 Euro. Davon gehen 16000 Euro Zinsen ab für den Kredit, den Seedorf aufgenommen hat, sowie etwa 4000 Euro Mitgliedsbeitrag bei Neuland, der sich nach der Anzahl der gehaltenen Tiere richtet. "Am Ende bleiben 4000 Euro für 2000 Stunden Arbeit."

Die Schweine allein reichen ohnehin nicht. Wirtschaftlich überleben kann er nur dank der Flächenprämie der EU, die jedem Landwirt zusteht (etwa 300 Euro pro Hektar), den Erlösen aus dem Anbau von Roggen, Wintergerste, Süßlupinen und Sojabohnen. Seit einiger Zeit ist er an einer Biogasanlage beteiligt. Klassische Mischkalkulation. Kürzlich hat er gehört, dass es aus Brüssel Prämien für Blumenwiesen gibt, mit denen brachliegende Äcker neben Straßen aufgehübscht werden sollen. "Für artgerechte Tierhaltung gibt es null", so Seedorf, "klingt absurd, ist aber so." Auch Engels Unternehmen rechnet sich weniger der Schweine oder Gänse wegen, die er für Neuland hält. Roggen. Weizen. Gerste. Ein bisschen Buchweizen. Veredelung in der Mühle, damit kommt Geld rein. "Wir arbeiten 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr, machen keinen Urlaub, dafür wissen wir, dass wir das Richtige machen."

Vor etwa einem Jahr starteten der Deutsche Tierschutzbund (DTschB) und der Neuland-Verein auf Anregung von Ministerin Aigners Landwirtschaftsministerium eine Initiative. Ziel: die Entwicklung eines Labels für möglichst artgerechtes und umweltschonendes Fleisch. Kurios daran: Der DTschB ist einer der Träger von Neuland und verfügt damit bereits über ein solches Label. Noch kurioser: Der DTschB konsultierte weder den BUND noch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die ebenfalls zu den Trägern gehören. Auch Bauern, Vermarkter oder Fleischer von Neuland wurden nicht gefragt. Entwickelt wird das Label stattdessen in Zusammenarbeit mit der Universität Göttingen und Vion N.V., einem international operierenden Fleisch- und Wurstwarenproduzenten mit Sitz in den Niederlanden.

Vion, das jährlich mehr als neun Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet und Kritikern als Synonym für Agrarfabriken gilt, hat in den Niederlanden mit einer Tierschutzorganisation bereits ein ähnliches Label ("Better Leven") entwickelt. Torsten Walter vom Neuland-Verein redet am Telefon eine halbe Stunde blumig um das Thema herum, ohne seine Beweggründe formulieren zu können. Oder zu wollen. Er spricht auch nicht über Richtlinien zu Haltung, Futter oder Schlachtung. Die Vion Food Group in Düsseldorf lässt eine schriftliche Anfrage unbeantwortet. Die "Unabhängige Bauernstimme", ein Fachmagazin, das der AbL nahesteht, berichtet, bei "Better Leven" spräche man zunehmend über nachlässige Kontrollen und nicht umgesetzte Richtlinien.

Das ist die leidige Sache, über die sie nicht so gern sprechen. Strauß sagt nur so viel: "Da machen sich Ängste breit bei unseren Mitgliedern." Der Bauer Seedorf kann nicht verstehen, warum der Neuland-Verein hilft, zusätzliche Konkurrenz zu Neuland aufzubauen. "Schlimmer noch", sagt Seedorf, "wenn ein Konzern wie Vion involviert ist, muss man davon ausgehen, dass es primär um Masse und den Preis geht und Qualität nur suggeriert wird." Matthias Minister von der Vermarktungsgesellschaft Süd schlägt in dieselbe Kerbe: "Völlig unverständlich, warum beim Programm des Tierschutzbundes keine Vorschriften für Futtermittel gelten sollen, man weiß doch, dass nahezu alle Skandale der Fleischwirtschaft mit Futtermitteln zusammenhingen." Der TSchB, wird nun kolportiert, habe keine Ahnung von Landwirtschaft, und der Neuland-Verein sei naiv, Unternehmen wie Vion zu vertrauen. Vielleicht, heißt es unter Neuland-Bauern, ginge es aber auch nur um die Aussicht auf Lizenzgebühren in Millionenhöhe.

Tierschutzbund hin, neues Label her. "Jetzt erst recht", sagt Gerald Seedorf: "Wir werden weiter beweisen, dass es auch mit kleinen Betrieben in die Zukunft gehen kann." Andreas Engel: "Der Mensch ist, was er isst, und wir müssen diesen Weg allein schon deshalb gehen, damit die Menschen nicht irgendwann tatsächlich glauben, Kühe seien lila." Andreas Hencke: "Ich will gute Produkte, persönliche Beratung, unsere Kunden danken es uns, die kommen von weit her, das verpflichtet." Werner Langfeld: "Wir finden eine Lösung, sonst wäre es ja kein Unternehmertum, sondern Unterlassertum." Und Thomas Strauß: "Natürlich wollen wir weiterwachsen, ganz klar, wir werden dafür aber nicht unsere Ideale verkaufen, und das ist der Grund, warum wir auch weiterwachsen werden." Er sehe das ganz gelassen, sagt Matthias Minister: "Man kann über Tierschutz viel reden, aber man muss das Vertrauen des Konsumenten erst mal gewinnen, und das müssen sie erst noch beweisen."

Apropos Vertrauen. Mittagessen bei Bauer Seedorf. Seine Lebensgefährtin hat Bratkartoffeln gemacht und Salat. Dazu gibt es Schweinekotelett paniert. Goldbraun brutzelnd liegen sie in der Pfanne. Sie kommen von Hannibal. Noch ein Schwein mit Charakter. Seedorf: "Hannibal war ein bissiger Typ mit gedrungenem Körper, den Namen hat er von Hannibal Lecter aus diesem Film." – "Das Schweigen der Lämmer." – "Genau, Hannibal hatte einen Abszess am Hinterbein, üble Sache, haben wir aber mit Geduld und Liebe wieder hingekriegt, bevor er zum Schlachthof ging." Seedorf, Messer und Gabel einsatzbereit in den Händen, lacht herzhaft und sagt: "Nun denn, guten Appetit."

 

Nachtrag vom 23. April 2014:

Die »Zeit« hat im April 2014 enthüllt, dass der im Bericht erwähnte Geflügelbauer Werner Langfeld Fleisch falsch deklariert hat. Lesen Sie dazu bitte auch unser "Was wurde aus ... Neuland?"

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