Ausgabe 09/2012 - Schwerpunkt Interessen

Goliath gegen Goliath

• Es ist längst Alltag. Man sucht nach einem Flug oder einem Restaurant und findet bei Google ein paar als Anzeigen gekennzeichnete Links ganz oben oder am Rand, darunter Verweise auf andere Internetseiten, Reisebüros oder Stadtführer, neuerdings sogar detaillierte Routen und Preise, Stadtpläne und Rezensionen, die man auf einen Blick vergleichen kann. Das erweckt den Anschein eines objektiven Resultats – so wie der Besuch in einem immer wieder neu und gut sortierten Supermarkt, der immer geöffnet hat und jeden einzelnen Kunden kennt. Doch in den Augen zahlreicher Kritiker ist es das genaue Gegenteil: ein optisch und technisch perfektes, tatsächlich aber zunehmend unfaires Geschäftsgebaren, bei dem bestimmte Waren auf schlechte Regalplätze verwiesen oder gar nicht angeboten werden.

"Google drückt immer mehr eigene Produkte in den Markt und bevorzugt sie. Das ist Teil einer globalen Eroberungsstrategie", sagt Michael Weber, Geschäftsführer des deutschen Onlinekartendienstes Hot Maps. "Google nutzt seine dominante Position bei der Suche zweifach aus. Es promotet systematisch seine eigenen Dienste und stuft gleichzeitig die Angebote anderer Seiten herab oder schließt sie aus den Ergebnissen aus", ergänzt Shivaun Raff, Vorstandsvorsitzender des britischen Suchmaschinenanbieters Foundem. "Die Manipulation von Googles Suchergebnissen zu seinen eigenen Gunsten ist schlichtweg eine Tatsache", sagt Brent Thompson, Lobbyist bei der amerikanischen Reiseseite Expedia. Der deutsche Jurist Boris Paal, Professor an der Universität Freiburg, beschreibt die Konsequenzen mangelnder Suchmaschinenneutralität so: "Auf Dauer droht die Wahrnehmung der Wirklichkeit verzerrt zu werden. Das hat nicht zuletzt Auswirkungen auf die grund- und verfassungsrechtlich verankerte Meinungs- und Informationsfreiheit."

Getäuschte Verbraucher und geprellte Internetfirmen, so lauten die schweren Vorwürfe gegen den Marktführer Google, denen in den USA die Wettbewerbsbehörde FTC und in Europa die EU-Kommission nachgehen.

Was die Kritiker verbindet, ist ihre Zugehörigkeit zu zwei Interessengruppen, die beide "mehr Fairness und Transparenz bei der Suche" fordern – und die von Microsoft aus der Taufe gehoben wurden und finanziell gefördert werden. Beide Gruppen arbeiten seit ein paar Jahren mit Nachdruck daran, das Thema in den USA und Europa in die Öffentlichkeit zu bringen. Denn so kann der Kampf gegen Google geführt werden, ohne die Firma ständig beim Namen nennen zu müssen.

Dazu bedient sich der europäische Verband Icomp (Initiative for a Competitive Online Marketplace) und die amerikanische Fairsearch einer Reihe von Lobbying-Firmen, PR- und Werbeagenturen, die Statistiken und Zitate online und in den Medien streuen sowie aus Mitgliedsbeiträgen Gutachten bezahlen, mit denen Politiker von Berlin, Brüssel und London bis Washington alarmiert und sensibilisiert werden sollen. Beide Interessenverbände werden nicht müde, mehr Transparenz zu verlangen, machen aus ihrer eigenen Arbeitsweise und Organisation aber ein Geheimnis.

Fairsearch entstand im Oktober 2010 als Reaktion auf die Ankündigung Googles, den Marktführer für Buchungssoftware ITA zu kaufen. ITA wurde 1996 von Computerwissenschaftlern am Massachusetts Institute of Technology gegründet und entwickelte sich zum führenden Software-Anbieter für Reiseportale und Airlines. Auch Microsofts Service Bing Travel nutzte die Software.

Nach dem Übernahmeangebot taten sich eine Handvoll dieser Reisefirmen unter Federführung Microsofts zusammen, um den Kauf zu verhindern: Die einen fürchteten um ihren Zugang zu ITAs Dienst, die anderen waren mit einem eigenen Übernahmeversuch abgeblitzt.

Transparenz ist gut – vor allem bei anderen

Vordergründig ging es der Lobby-Gruppe um "Wettbewerb, Transparenz und Innovation" – tatsächlich wollte sie vor allem das US-Justizministerium dazu bewegen, den Google-Deal abzulehnen. Fairsearch-Gründungsmitglieder sind neben Microsoft, Expedia und ihre beiden Töchter TripAdvisor, die Berichte von Touristen bündelt, und der Reise-Discounter Hotwire sowie die Buchungsfirma Sabre Holdings, der das Reiseportal Travelocity gehört, und die Reisesuchmaschine Kayak.

Die Fäden laufen bei der Glover Park Group in Washington zusammen. Das Unternehmen für strategische Kommunikation wurde von Mitarbeitern der Clinton-Regierung und Journalisten gegründet und organisierte in der Vergangenheit unter anderem Kampagnen für Al Gores Klimaschutzbestrebungen, die Familienberatung Planned Parenthood und Expedia.

Wer über die Fairsearch-Website Kontakt aufnehmen will, landet bei Ben Hammer, einem ehemaligen Technikjournalisten, der heute Vizepräsident von Glover Park ist. Er spricht gern über alles, nur nicht über das Verhältnis zwischen Glover Park, Fairsearch, Expedia und Microsoft. "Wir schreiben Transparenz ganz groß", hebt er an, um sogleich sein Missfallen darüber auszudrücken, seine Auftraggeber nennen zu sollen: "Das tut nichts zur Sache. Frage ich Sie vielleicht, wie viel Sie verdienen?"

Wie viele Mitarbeiter an der Kampagne in den USA arbeiten, wer genau sie bezahlt und wie sie das Thema "unfaire Suche" im US-Kongress und beim Justizministerium beackern, will Hammer ebenso wenig verraten wie auf die Frage nach der Fairsearch-Repräsentanz in Europa antworten. Dort beschäftigt sein Kunde seit Februar vergangenen Jahres mindestens einen Lobbyisten in Brüssel.

Sein Kollege Thomas Vinje, der zuvor jahrelang in Sachen unfairer Wettbewerb gegen Microsoft antichambrierte, sei nicht zu sprechen, sagt Hammer knapp. "Im Übrigen gefällt mir diese Unterhaltung nicht. Deswegen lege ich jetzt auf."

Lobbyisten und ihre Auftraggeber müssen sich registrieren und ihre Budgets offenlegen, insofern ist ein Blick in die einschlägigen Unterlagen hilfreich, um die Schlachtordnung beim Milliardengeschäft mit Onlinesuche, Onlinewerbung und Onlinebuchungen besser einordnen zu können. Microsoft etwa beschäftigte im Jahr 2011 insgesamt 77 Fürsprecher in der US-Hauptstadt und gab 7,3 Millionen Dollar aus, um seinen Interessen Gehör zu verschaffen – etwa durch Treffen mit Abgeordneten und dem gezielten Verteilen von Positionspapieren und anderen Argumentationshilfen an all jene, die Google die Daumenschrauben anlegen können. Im ersten Quartal dieses Jahres gab Microsoft 1,8 Millionen Dollar für derlei Aktivitäten aus – Spenden an Kongressmitglieder nicht eingerechnet. Das Unternehmen Expedia ließ sich seine Präsenz in Washington 2010 rund 1,9 Millionen Dollar, 2011 rund 1,2 Millionen Dollar kosten, wiederum ohne Spenden.

Angesichts solcher Aufwendungen seiner wichtigsten Mitglieder kann es sich Fairsearch leisten, bescheiden zu sein. Der Verband zahlte vergangenes Jahr 140000 Dollar an die Glover Park Group, in diesem Jahr bislang 90.000 Dollar. Dafür stellte die Agentur Mitte 2011 den ersten Lobbyisten ein und gab 80.000 Dollar für "Wettbewerb im Suchmaschinenmarkt" aus.

Google hat erst relativ spät erkannt, wie wichtig es ist, engen Kontakt zu den Kongressabgeordneten und Regierungsbehörden zu halten, dann allerdings seine Investitionen in die politische Arbeit massiv aufgestockt. Nach Informationen der "New York Times" beschäftigt der Suchmaschinenriese elf hauseigene Lobbyisten sowie ein Dutzend externe Firmen. Im Jahr 2010 gab der Konzern dafür 5,2 Millionen Dollar aus. Fast genauso viel investierte Google allein im ersten Quartal 2012 in professionelle Stimmungsmache in Washington. Selbst Facebook, inzwischen auch Zielscheibe von Ermittlungen wegen seiner Geschäftspraktiken und möglicher Datenschutzverletzungen, hat seine Lobbying-Ausgaben massiv erhöht: von 1,35 Millionen Dollar im gesamten vergangenen Jahr auf 650000 Dollar von Januar bis März diesen Jahres.

Wie eine Kampagne genau funktioniert, beschreibt der Expedia-Manager Brent Thompson, der sich als Vater von Fairsearch bezeichnet, obwohl sein Unternehmen gar nicht von ITAs Diensten abhängig ist, sondern seine eigene Buchungssoftware benutzt. "Wir betrachten eine solche Kombination generell als ungesund", sagt Thompson vage. "Es ist ein weiteres Indiz dafür, dass Google von einem reinen Informationsvermittler zum Anbieter wird." Deswegen lautete die ursprüngliche Mission von Fairsearch, die Akquisition zu verhindern. Da der Deal im April 2011 vom US-Justizministerium genehmigt wurde, muss Thompson einräumen: "Wir haben unser großes Ziel nicht erreicht." Und sagt im selben Atemzug: "Aber wir haben kleinere Siege errungen und dafür gesorgt, dass Google Zugeständnisse machen und Auflagen akzeptieren musste." Dazu gehört der weiterhin ungestörte Zugang zu ITAs Dienstleistungen für Reiseunternehmen.

Doch obwohl das Thema eigentlich die gesamte Reisebranche angehe, seien bislang nur wenige neue Mitglieder zu Fairsearch gestoßen, sagt der Expedia-Mann. "Ich vermute, dass sie Angst vor Vergeltungsaktionen von Google haben. Denn ihr Geschäft ist komplett vom Zugang zu ITA abhängig." Zudem hätten die Fluggesellschaften die Probleme, die ihnen durch manipulierte Suchmaschinen entstehen, noch gar nicht erkannt. Die Airlines sähen vor allem die Reiseportale als Konkurrenz, die Provisionen kassieren und so Gewinnspannen drücken. Dabei könnte Google den Gesellschaften die Passagiere direkt zuführen. Oder eben auch nicht.

Nicht zuletzt wegen des mangelnden Zuspruchs in den USA hat Fairsearch seine Arbeit und Mitgliederwerbung auf Europa ausgedehnt. Vor allem seit die Ermittlungen der EU-Kommission gegen Google Fahrt aufgenommen haben und von Milliardenbußgeldern die Rede ist. Zu Details der transatlantischen Kampagne schweigt sich Thompson allerdings aus.

Aufklärungsarbeit bei so komplizierten technischen Themen wie Suchalgorithmen, sagt er, sei ein hartes Brot, "das man am besten Dienstleistern wie Glover Park überlässt." Neben Glover Park kümmern sich noch vier weitere Firmen in Washington um Pressearbeit, Werbung und juristische Fragen. Um Themen und Vorgehen abzustimmen, schalten sich die Mitgliedsfirmen regelmäßig zu Telefonkonferenzen zusammen. "Am Telefon kommen da 35 bis 40 Leute zusammen. Sicherlich verfolgt jeder von uns eigene Geschäftsinteressen mit Fairsearch, aber die allein würden uns kein Gehör verschaffen", sagt der Expedia-Mann.

Es geht um eine faire Suche – und um Macht

Ironischerweise beliefert sein Unternehmen Google mit Suchergebnissen für Reiseverbindungen – was das unermüdlich vorgebrachte Argument der systematischen Benachteiligung entkräftet. Für Thomson geht es ohnehin um etwas anderes: "Um die Vormachtstellung von Google. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein einziges Unternehmen jemals so viel Marktmacht besaß", sagt er. "Aber wir versuchen gar nicht erst, das dem Verbraucher klarzumachen. Dafür bräuchten wir eine Riesenkampagne, so groß wie die für die Anschnallpflicht oder die Krebsvorsorge. Wir setzen auf höherer Ebene an, um Untersuchungen von Politikern und Ermittlungsbehörden in Gang zu setzen." Etwa Anhörungen im Kongress, in denen gewogene Senatoren Vertreter von Google vorladen und Firmenvertreter die Gelegenheit erhalten, über angerichtete Schäden zu klagen. Die kritischen Aussagen werden anschließend von der Glover Group bei jeder sich bietenden Gelegenheit verbreitet.

Ähnlich verfährt der Verband Icomp. Microsoft gründete im März 2008 auch diese Interessenvereinigung gegen Google und unterstützt sie seitdem finanziell. Der Verband ist inzwischen in fünf europäischen Ländern aktiv, außerdem in Australien, Argentinien und Indien. Der Vorstoß nach Japan ist geplant. Struktur und Arbeitsweise gleichen der von Fairsearch: Die aus den USA stammende, aber weltweit agierende Kommunikationsagentur Burson-Marsteller übernimmt das Tagesgeschäft und fungiert als Sprachrohr und Organisationszentrale mit Niederlassungen in London, Berlin und Madrid. Die 20 Icomp-Mitgliedsfirmen treffen sich alle paar Monate, um die Nachrichtenlage zu erörtern und spezielle Themen in Arbeitsgruppen abzustimmen.

"Wir sind kein Dienstleister für unsere Mitglieder, sondern bieten ihnen eine Plattform zum Austausch und Informationen an, aber keine kostenlosen Gutachten oder Anwälte", sagt der ehemalige FDP-Bundestagsabgeordnete Christoph Waitz, der als Icomps Deutschlandsprecher fungiert. Dass Microsofts Engagement immer wieder zur Sprache kommt, stört Waitz nicht. "Microsoft hat mit Icomp ein Thema angepackt und anderen Unternehmen eine Plattform gegeben, Fragen zu stellen, auf die Google nicht bereit ist zu antworten. So können wir den Finger in die Wunden legen und auf diskriminierendes Verhalten hinweisen." Das Anliegen des Verbands sei ein grundsätzliches. "Es geht unabhängig von Google darum, was passiert, wenn Quasimonopole entstehen, die zu einem Hindernis für die Entwicklung der digitalen Wirtschaft werden. Das Thema Google hat sich in zwei bis drei Jahren vielleicht erledigt, dann geht es mit Sicherheit um einen anderen dominanten Player." Deswegen will Icomp "politischen Einfluss in zahlreichen Ländern gewinnen".

Ein Meilenstein im Lobbying ist ein Rechtsgutachten, das der Freiburger Professor Boris Paal kürzlich in Berlin vorstellte. "Suchmaschinen, Marktmacht und Meinungsbildung" heißt die 91 Seiten dicke Studie, die Icomp bei Paal in Auftrag gab, nachdem man auf dessen Arbeiten aufmerksam geworden war. "Meine durch Vorveröffentlichungen dokumentierte Position habe ich nicht geändert", sagt Paal, "sondern mit dem Gutachten noch einmal bestätigt. Icomp hat zu keinem Zeitpunkt Einfluss auf den Inhalt der Studie genommen." Anzunehmen ist aber auch, dass ihn der Verband nicht angeheuert hätte, wenn er eine Pro-Google-Position verträte.

Mit Paals Gutachten, sagt Icomp-Sprecher Waitz, habe sich eine Gruppe kleinerer wie größerer Konkurrenten zum ersten Mal mit einem fundierten juristischen Papier in Berlin zu Wort melden können. Den Politikern zeige es konkrete Handlungsschritte auf, um Googles angebliche Marktmanipulationen zu korrigieren oder zu unterbinden. "Der nächste Medienbericht der Bundesregierung wird bereits vorbereitet, und wir glauben, dass die Paal-Studie einen wichtigen Beitrag leisten kann", sagt Waitz. Selbst bei Entscheidern gebe es immer noch erheblichen Aufklärungsbedarf, von Verbrauchern einmal ganz zu schweigen.

Ein Feindbild – und viele verschiedene Agenden

Für Firmen wie Hot Maps zahlt sich die Mitgliedschaft in der Allianz aus, da ist sich dessen Chef Michael Weber sicher. Er kämpft seit 2008 gegen eine plötzlich schlechtere Platzierung in Googles Suchergebnissen, die zu einem 50-prozentigen Schwund von Besuchern bei Hot Maps geführt habe. Die Folge, so Weber, seien Verluste bei Lizenzeinnahmen sowie bei der Werbung in zweistelliger Millionenhöhe. Er wurde Anfang 2011 Mitglied bei Icomp, als er merkte, dass er mit seinen Sorgen nicht allein war. "Jede Mitgliedsfirma hat anders gelagerte Probleme, aber die Schnittmenge ist identisch: Google geht in einen Markt rein und versucht mit jeder technisch möglichen und rechtlich zulässigen Methode seinen Claim abzustecken", sagt er. Microsoft halte sich bei Icomp extrem zurück und sei sehr diplomatisch, sagt Weber. Das Unternehmen aus Seattle rate oft zur Zurückhaltung, wenn kleine Firmen wie die seine einen zu forschen Ton anschlügen.

Hört man dem hannoverschen Web-Unternehmer länger zu, wird auch klar, dass die Kombination aus einem virtuellen Verband und einer davorgeschalteten PR-Agentur durchaus wertvolle Dienstleistungen bietet: etwa die richtigen Journalisten zu finden, die Interesse an seiner Leidensgeschichte haben. "Wir bekommen Ansprechpartner durch Icomp und das Burson-Marsteller-Sekretariat und sind jede Woche über alle Neuigkeiten aus Brüssel und anderswo bestens informiert", sagt der Hot-Maps-Chef. "Dafür müsste ich sonst jemanden die halbe Woche lang beschäftigen. Das wäre zu aufwendig, aber für alle Icomp-Mitglieder zusammen lohnt es sich."

Augen und Ohren haben Icomp und Fairsearch in Brüssel genug. Laut Transparenzregister der Europäischen Union beschäftigt Microsoft 15 Personen, deren Aktivitäten als meldepflichtige Lobby-Arbeit gelten. Zwei sind für den Zugang zum EU-Parlament gemeldet. Die Präsenz kostet das Unternehmen zwischen 4,5 und 4,75 Millionen Euro im Jahr. Icomp hingegen meldete keinen Lobbyisten in Brüssel und investiert lediglich zwischen 450.000 und 500.000 Euro im Jahr. Fairsearch und seinen EU-Abgesandten sucht man im Melderegister der bezahlten Einflussnahme vergeblich. Google schließlich ist in Brüssel mit sieben Lobbyisten und einem Budget von 600.000 bis 700.000 Euro gemeldet – was angesichts der rechtlichen Probleme in Europa erstaunlich wenig erscheint.

Was also bringen die Allianzen den Konkurrenten von Google unterm Strich? Shivaun Raff, Chefin der Londoner Suchmaschine Foundem, sieht den Vorteil eines Lobby-Verbandes etwas anders als Hot-Maps-Chef Weber. Ihr Unternehmen war das erste, das eine Wettbewerbsbeschwerde in Brüssel einreichte und das amerikanische Pendant FTC zum Handeln drängte. Seitdem ist Foundem prominentes Mitglied bei Fairsearch und Icomp und wird Journalisten gern als Gesprächspartner vermittelt. Foundem veröffentlicht auch selbst Gutachten und betreibt seit Ende 2009 die Website Searchneutrality.org, um die hauseigene Kampagne für mehr Suchmaschinenneutralität zu unterstützen.

"Fairsearch und Icomp sind Allianzen, die unsere Bedenken an die Öffentlichkeit tragen und den Zugang zu wichtigen Leuten in Brüssel und Washington erleichtern", sagt Raff. "Aber es sind einzelne Unternehmen wie unseres, die die Themen bei den Aufsichtsbehörden vorbringen. Man findet garantiert auch ohne Mitgliedschaft in einem Verband Gehör." Warum ist Foundem dann auf beiden Seiten des Atlantiks zahlendes Mitglied? Was genau hat die Firma davon? Raff überlegt lange und sagt dann: "Hmm, gute Frage, darüber habe ich noch nie nachgedacht." Wirklich? "Diese Art der Fragestellung gefällt mir nicht."

Nach beiden Interviews schicken sowohl Raff als auch Weber Links und Zitate, die zum Teil wortwörtlich bei Fairsearch zu finden sind, auch wenn Icomp-Sprecher Waitz versichert, man arbeite mit dem US-Verband weder zusammen, noch stimme man sich inhaltlich ab.

US-Branchenkenner, die den Onlinemarkt und die Scharmützel von Lobbyisten und Interessenverbänden schon länger beobachten, haben für die nur kaum verschleierte Anti-Google-Kampagne von Fairsearch wenig Verständnis und schütteln über die Resonanz bei Politikern nur den Kopf. "Gegen Ignoranz und Dummheit von Politikern, zumindest in den USA, ist kein Kraut gewachsen", sagt Danny Sullivan, der den angesehenen Fach-Blog Search Engine Land betreibt. "Wer auf Google eindrischt, kann politisch punkten, und das zählt – ungeachtet der Tatsache, dass die meisten Abgeordneten keinen Schimmer haben, wie eine Suchmaschine funktioniert. Google tut genau das Gleiche wie Microsoft auf Bing: Es präsentiert seine eigenen Produkte, aber leitet trotzdem jede Menge Besucher an andere Dienste weiter."

Sullivan wertet regelmäßig die Suchergebnisse von identischen Abfragen auf beiden Suchmaschinen aus und kann im Vergleich zu Bing keine Manipulation oder Verzerrung bei Google entdecken. Eines der Fairsearch-Mitglieder, die Bewertungsseite Yelp, musste bei einer Kongressanhörung sogar einräumen, dass 75 Prozent der Besucher via Google zu ihr finden. "Wie kann man da behaupten, Google schade dem Wettbewerb und verursache wirtschaftlichen Schaden?", fragt Sullivan. Von einem Unternehmen wie Google zu verlangen, Produkte von Wettbewerbern zu bevorzugen oder seine Suchformel offenzulegen und in Absprache mit der Konkurrenz zu ändern, sei ungefähr so verrückt, wie von einem kommerziellen Fernsehsender zu fordern, die Shows der Konkurrenz zu bewerben. "Da scheint eine Doppelmoral durch: Wir legen bei Google höhere Maßstäbe an, als sie unsere eigenen Mitglieder einhalten können", sagt er.

Etwas weniger kämpferisch, aber genauso kritisch urteilt Gigi Sohn, Präsidentin der unparteiischen Stiftung Public Knowledge in Washington, die seit 2001 Offenheit und Transparenz im Internet verlangt – allerdings ohne sich von der einen oder anderen großen Firma dabei finanzieren zu lassen. "Die Tatsache, dass Microsoft von Anfang an hinter Fairsearch stand, ist an sich nichts Schlechtes. Aber ich störe mich an dem Fokus auf den Konkurrenten Google, mit dem suggeriert wird, es gäbe eine einfache Lösung. Falls Google wirklich seine eigenen Angebote systematisch bevorzugt, ist das ein Problem", erklärt die Juristin. "Aber dass ein erfolgreiches Unternehmen mehr als 80 Prozent Marktanteil erzielt, heißt noch lange nicht, dass es wettbewerbswidrig handelt."

Sohn sieht in den Initiativen eher den Versuch, ein David-gegen-Goliath-Szenario aufzubauen, bei dem sich große Konzerne bekriegen und hinter betroffenen kleinen Firmen verstecken. Wirklich erfolgreich sei das aber nicht: "Fairsearch mag einen Teilsieg erzielt haben, als die Übernahme von ITA verzögert und mit Auflagen versehen wurde und Google jetzt in Europa über Konzessionen diskutieren muss. Aber in der Öffentlichkeit sind sie gescheitert. Google ist allseits beliebt. Die meisten Leute auf der Welt halten die Marke für nützlich, cool, innovativ."

Nur nicht die Politiker in Washington D. C., fügt Gigi Sohn hinzu. "Hollywood, Telekomfirmen, die Internetkonkurrenz: Sie alle hassen Google, weil es eine Goldgrube ist und sich angeblich an ihrer Arbeit bereichert. Und diese Leute stellen Schecks für Politiker aus."

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