Ausgabe 09/2012 - Schwerpunkt Interessen

Der Preis ist heiß

• Damit fängt der Ärger schon an: Alfred Nobel (1833-1896) war kein Freund der Wirtschaftswissenschaft. Im Gegenteil. "Ich hasse sie von Herzen", schrieb der Unternehmer und Erfinder des Dynamits einst in einem Brief, den sein Urgroßneffe Peter Nobel im Jahr 2001 veröffentlichte.

Damals wollte Peter Nobel zusammen mit anderen Nachkommen die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises stoppen. Die Familie hält ihn für einen reinen "PR-Coup von Ökonomen". Doch ihr Widerstand hatte keinen Erfolg – obwohl der Preis nicht auf Alfred Nobel zurückgeht und gewiss auch nicht in seinem Sinn gewesen wäre. Im Gegensatz zu den "harten" Naturwissenschaften hielt er die Sozialwissenschaften, zu denen die Ökonomie gehört, für zu weich und unpräzise, um damit die "komplexen Phänomene" der Welt zu untersuchen. Dennoch wird die Ehrung jährlich von der Schwedischen Notenbank verliehen. 69 Forscher wurden damit bislang ausgezeichnet. Und naturgemäß provoziert die Auswahl der Geehrten regelmäßig Widerspruch.

Der Vorwurf des "PR-Coups von Ökonomen", den die Familie Nobel erhebt, ist nicht einfach von der Hand zu weisen. Akademische Moden spielen eine Rolle, und auch der Zeitgeist beeinflusst, was vom Auswahlkomitee als ehrenswert erachtet wird. Der Nobelpreis für Ökonomie ist die bedeutendste Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaftler - er ist auch die umstrittenste. Aber es bleibt die Frage, ob die Zunft ohne diesen publikumswirksamen Preis wirklich besser dastünde.

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Kurz vor seinem Tod stiftete Alfred Nobel die Auszeichnungen für Medizin, Chemie und Physik sowie für Literatur und Frieden. In seinem Testament hatte er verfügt, diejenigen wissenschaftlichen Beiträge auszuzeichnen, die "der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben". Womöglich wollte er mit dem Preis auch eine Art Wiedergutmachung leisten, "für die Schäden, die mit Nobels Erfindung, des Dynamits, überall auf der Welt angerichtet worden waren", sagt die Publizistin Karen Horn, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat (siehe Literaturhinweis im Kasten).

Seit 1901 werden die Nobelpreise von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften vergeben. Das Preisgeld hatte der unverheiratete und kinderlose Millionär vor seinem Tod in eine Stiftung eingezahlt. Sie sollte jährlich die Fortschritte in den Naturwissenschaften herausstellen.

Die Idee für den Wirtschaftsnobelpreis kam erst viele Jahre später. Im Jahr 1968 nutzte die Schwedische Notenbank die Popularität der bereits existierenden Auszeichnungen und lancierte aus Anlass ihres 300. Geburtstages den "Schwedischen Reichsbankpreis für Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel", wie er offiziell heißt.

Finanziert wird er durch die sogenannte Seigniorage. Das ist der Nettoertrag, der sich aus der Differenz des Nennwerts einer Münze oder Banknote und deren Herstellungs- und Verarbeitungskosten ergibt. Während dieser Betrag in anderen Ländern in den Staatshaushalt fließt, finanzieren die Schweden damit den Wirtschaftsnobelpreis. Man kann es auch anders formulieren: Für eine Auszeichnung, die sich mit dem Namenszusatz "Nobel-" schmückt, verzichten die schwedischen Steuerzahler auf ein ihnen zustehendes Guthaben. Seit 2001 ist der Preis mit zehn Millionen Schwedischen Kronen dotiert, was gut einer Million Euro entspricht. Ab diesem Jahr wird es weniger Geld geben.

Erstmals verliehen wurde der Preis 1969 an den Norweger Ragnar Frisch sowie an den Niederländer Jan Tinbergen für ihre Verdienste in der Entwicklung und Anwendung dynamischer Modelle zur Analyse wirtschaftlicher Prozesse.

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Damals war die Welt noch in Ordnung. Doch schon bald formierten sich die Kritiker - und sie hatten gute Argumente. Der Vorwurf lautete, statt bahnbrechender Erkenntnisse seien Beiträge honoriert worden, die schlicht der herrschenden Lehre entsprochen hätten. In den Siebzigerjahren ging die Auszeichnung vor allem an Forscher mit empirischen Methoden oder der keynesianischen Schule. In den Achtzigerjahren wurden vorwiegend Makroökonomen geehrt, und in den Neunzigerjahren standen meist Vertreter der neoliberalen Theorie auf dem Podest, als viermal in Folge Forscher der Universität Chicago geehrt wurden: Merton Miller (1990), Ronald Coase (1991), Gary Becker (1992) und Robert Fogel (1993).

Spätestens 1998 konnten sich die Kritiker im Recht fühlen. In jenem Jahr hatte der amerikanische Hedgefonds Long-Term Capital Management (LTCM) aufgrund von Fehlspekulationen beinahe einen Kollaps des internationalen Finanzsystems ausgelöst. Nur dank milliardenschwerer Kapitalspritzen zahlreicher Banken war damals das Schlimmste verhindert worden. Peinlich für die Königlich Schwedische Akademie: Sie hatte ein Jahr zuvor ausgerechnet die beiden US-Ökonomen und LTCM-Mitinitiatoren Robert Merton und Myron Scholes für eine neue Methode bei der Bewertung von Finanzderivaten ausgezeichnet.

Aber es ging nicht nur um das rein Fachliche. Auch der Vorwurf, die Schwedische Akademie sei frauenfeindlich, weil sie bei der Preisvergabe keine Ökonominnen berücksichtige, hielt sich lange. Tatsächlich wurde erst 2009 mit der Amerikanerin Elinor Ostrom eine Frau geehrt. Kritiker machten geltend, dass bereits in den Siebzigerjahren die Wirtschaftswissenschaftlerin Joan Robinson eine Ehrung verdient gehabt hätte. Doch offenbar entsprach Robinson nicht den Vorstellungen des damaligen Komitees, das fürchtete, die bekennende Keynesianerin und Anhängerin des chinesischen Diktators Mao Zedong werde entweder den Preis ablehnen oder in ihrer Rede den ökonomischen Mainstream harsch kritisieren.

Noch bevor der Preis überhaupt je vergeben worden war, hatte sich der Ökonom Paul Samuelson auf Anfrage der Schwedischen Reichsbank gegen eine Verleihung ausgesprochen: Damit werde eine viel größere Gruppe von preiswürdigen Wissenschaftlern ausgeschlossen, deren Arbeit sich in Qualität und Quantität kaum von der letztlich ausgezeichneten unterscheide. Dieses Votum hielt die Schwedische Reichsbank weder davon ab, den Preis einzuführen, noch ihn 1970 ausgerechnet Samuelson zu verleihen – der Mann nahm ihn selbstverständlich an.

Selbst der schwedische Ökonom und Sozialist Gunnar Myrdal, der ursprünglich zu den Gründern des Wirtschaftsnobelpreises gehört hatte und der die Auszeichnung 1974 selbst erhielt, forderte in seiner Dankesrede die Abschaffung des Preises, solange "reaktionäre" Forscher wie Friedrich August von Hayek damit geehrt würden. Tatsächlich gehörte im selben Jahr auch der Österreicher Hayek zu den Preisträgern, der mit seiner liberalen Weltanschauung den Theorien Myrdals diametral gegenüberstand. Hayek selbst sagte während des Nobel-Banketts und in Anwesenheit des schwedischen Königs, dass, wenn er gefragt worden wäre, er sich stets gegen einen solchen Preis ausgesprochen hätte, weil die Auszeichnung den Laureaten eine Autorität verleihe, die niemandem in der Ökonomie zustehe.

Auch der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman betätigte sich als Kritiker, bevor er selbst den Preis annahm. Er warf dem Nobel-Komitee vor, mehrheitlich Forscher zu berücksichtigen, die ihre produktivsten Jahre längst hinter sich hätten. Das Durchschnittsalter der Laureaten liegt tatsächlich bei 67 Jahren, der älteste Preisträger, Leonid Hurwicz, durfte 2007 die Auszeichnung mit 90 entgegennehmen.

Doch ausgerechnet bei Krugman machte man eine Ausnahme: Er war selbst erst 56 Jahre alt, als er für seine Beiträge zur Außenhandelstheorie und zur ökonomischen Geografie ausgezeichnet wurde. Selbstverständlich erzürnte dies eine Heerschar konservativer Forscher, die in dem Amerikaner einen linken Populisten sahen. Das Nobel-Komitee beeilte sich, klarzustellen, dass es "niemals eine politische Haltung" einnehme.

Der Fall macht deutlich, dass das Nobel-Komitee zwar in all seinen Entscheidungen angreifbar, aber eben doch unberechenbar ist. Peter Englund, der Sekretär des Komitees, wehrt sich denn auch vehement gegen die Unterstellung, der Ausschuss lasse sich bei seinem Selektionsprozess von kurzlebigen Moden oder sonstwelchen Interessen leiten. Vielmehr garantiere der äußerst breit angelegte Nominierungsmodus die größtmögliche Vielfalt, sagt er (siehe Kasten). Und tatsächlich zeigt ein Blick auf die Preisträger zumindest der vergangenen 15 Jahre eine gewisse Ausgewogenheit.

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Doch dazu musste sich das Komitee erst überwinden, wie Sylvia Nasar, Professorin für Journalismus an der amerikanischen Columbia Universität, feststellt. Sie lieferte 1998 die literarische Vorlage für den oscargekrönten Hollywood-Film "A Beautiful Mind". Das Werk erzählt die Lebensgeschichte von John Forbes Nash Jr., einem Mathematikgenie, das zeitlebens mit großen psychischen Problemen kämpfte und 1994 für seine Verdienste in der Erforschung der Spieltheorie den Nobelpreis erhielt.

Für Nasar symbolisiert die Auszeichnung Nashs den Sinneswandel innerhalb des Komitees. Bei jener Preisfindung tat sich der Ausschuss besonders schwer. Traditionelle Vertreter der Zunft, insbesondere der langjährige Vorsitzende Assar Lindbeck von der Universität Stockholm sowie Ingemar Stahl von der Universität Lund, wehrten sich dagegen, die von Nash propagierte Spieltheorie als wirtschaftswissenschaftliche Disziplin anzuerkennen. Die Fronten waren derart verhärtet, dass die Bekanntgabe des Gewinners um eineinhalb Stunden verschoben werden musste.

Rückblickend dürfte vor allem die Erkenntnis dazu beigetragen haben, dass die damals rasant gestiegene Beachtung wirtschaftlicher Themen in der Öffentlichkeit auch einen neuen Typus an Preisträgern legitimierte. Sozusagen als Kompromiss verlieh man 1994 den Preis noch zwei weiteren Wissenschaftlern, nämlich dem Amerikaner John Harsanyi sowie dem Deutschen Reinhard Selten.

Mit dem Laureaten Nash fand eine Zäsur statt. Kurz darauf trat Assar Lindbeck vom Vorsitz zurück, es kamen neue Köpfe, darunter auch Nichtökonomen, ins Gremium, und in der Folge erhielt der Wirtschaftsnobelpreis eine andere Dynamik. Das zeigte sich bereits 1998, als mit dem Inder Amartya Sen ein Ökonom zu Ehren kam, der auch die Ethik als Teil der Wirtschaftswissenschaft betrachtet und sich mit Themen wie Armut, Menschenrechte und Ungleichheit beschäftigt. Mit dem US-israelischen Psychologen Daniel Kahneman gewann 2002 erstmals ein Fachfremder den begehrten Preis.

Nur schwer aus der Welt zu schaffen ist der Vorwurf, dass das Nobel-Komitee leichtgewichtige oder gar politisch motivierte Beiträge zu honorieren sucht. Vermutlich hängt das damit zusammen, dass in den vergangenen Jahren vermehrt Ansätze einer Theorieentwicklung und weniger das Lebenswerk eines einzelnen Ökonomen ausgezeichnet wurden. So bemängelt der amerikanische Wirtschaftshistoriker Bruce Caldwell, dass der Wirtschaftsnobelpreis kaum mehr wertvolle Fortschritte hervorbringe, wie dies bei den übrigen echten Nobelpreisen der Fall sei.

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Doch an diesem Punkt muss man sich entscheiden, was einem lieber ist: ein Preis, der wirtschaftswissenschaftliches Denken in der Öffentlichkeit bekannt macht. Oder einer, der den Geehrten in Fachkreisen großes Ansehen beschert. Und vielleicht trägt gerade die heutige Praxis des Nobel-Komitees dazu bei, überraschende Beiträge und Erkenntnisse populär zu machen, die in der Vergangenheit kaum je eine Chance dazu gehabt hätten.

Robert Solow sieht das jedenfalls so. 1987 erhielt er den Wirtschaftsnobelpreis. Er gewann einst auch die von der Vereinigung amerikanischer Ökonomen verliehene John-Bates-Clark-Medaille, die an einen Wirtschaftswissenschaftler geht, der noch nicht 40 Jahre alt ist. Die Auszeichnung hat in der Fachwelt ein größeres Gewicht, da der Preisträger noch in seiner besten Schaffensphase ist. Doch Solow bringt es unmissverständlich auf den Punkt: "Niemand kennt die Clarke-Medaille, beim Nobelpreis hingegen weiß jeder, was das ist."

Der Nobelpreis für Wirtschaft

Vor der Preisvergabe ist streng geheim, was die Jury diskutiert und wer als möglicher Preisträger infrage kommt. Zunächst sammelt das Nobel-Komitee der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften Hunderte von Nominierungen aus der Fachwelt ein. Dazu werden Ökonomen und andere Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern befragt, darunter auch die bisherigen Preisträger. Diese Empfehlungen bleiben 50 Jahre geheim. Ein Blick hinter die Kulissen wird folglich erstmals im Jahr 2019 möglich sein. Die Nominierungen werden dann vom aktuell sechsköpfigen Nobel-Komitee (darunter ein Nichtökonom) sowie von weiteren Experten bewertet, was zu einer Art Short-List führt, die der Abteilung für Sozialwissenschaft der Königlichen Akademie unterbreitet wird, die schließlich Mitte Oktober den neuen Preisträger auswählt. Die Ehrung selbst findet immer am 10. Dezember in Stockholm statt, dem Todestag Alfred Nobels. An diesem Datum werden auch die Nobelpreise für die Naturwissenschaften überreicht.

Literaturhinweis:

Karen Ilse Horn: Die Stimme der Ökonomen – Wirtschaftsnobelpreisträger im Gespräch. 
Erscheinungsdatum: 24.9.2012; 376 Seiten; Hanser Verlag; 24,90 Euro

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