Ausgabe 07/2012 - Das geht

Uhrig Bau

Mit Kloake Kohle sparen

- Wenn Peter Geueke an kalten Tagen dampfende Kanaldeckel sieht, dann ärgert er sich. Jedes Wölkchen über dem Trottoir ist für ihn eine vorwurfsvolle Sprechblase, in der steht, dass unter der Stadt ein Vermögen in die Kläranlage fließt - in Form von Energie. Dabei ließe sich diese Quelle leicht anzapfen.

Seit mehr als sechs Jahren arbeitet er mit seinem Team bei der Firma Uhrig Kanaltechnik in Geisingen bei Freiburg an einem System, das dem Abwasser die Wärme entzieht und sie nutzbar macht. Wer duscht, kocht oder wäscht, erhitzt Wasser und spült es nach getaner Arbeit durch den Abfluss. Es ist dann immer noch warm, die Temperatur liegt zwischen 12 und 20 Grad.

"Die Idee, diese Energie zu nutzen, ist so banal, dass es schon wehtut", sagt der Abteilungsleiter Geueke. Dazu braucht man lediglich einen Wärmetauscher: Unter einem flachen Blech im Kanal erwärmt sich kaltes Wasser in einem Rohrsystem am vorbeiströmenden Abwasser und wird zurück ins Haus gepumpt. Erkaltet fließt es zurück in den Kanal, um abermals Abwärme mit nach oben zu bringen. Ein cleverer Kreislauf.

Die Technik heißt Therm-Liner und wurde von der badischen Tiefbau-Firma bereits 31-mal installiert. Geueke, der früher beim Konzern Bilfiger Berger in Nigeria und Katar tätig war, reist nun kreuz und quer durch die Republik, um auf das größte Energieleck in deutschen Haushalten aufmerksam zu machen. Eine seiner erfolgreichen Reisen führte nach Mannheim. Die dortige Stadtentwässerung heizt ihr Pumpwerk mittlerweile mit einem Wärmetauscher aus Geisingen.

Rund 220000 Euro hat sie für die Umrüstung bezahlt. Bei weiter steigenden Energiepreisen amortisiere sich die Anlage in acht Jahren, rechnet der Bürgermeister Lothar Quast vor. Über eine Länge von 15 Metern strömt zirka 16 Grad warmes Wasser über das patentierte Blech. Keine hohe Temperatur, aber die Masse macht's. Bei 400 Litern pro Sekunde entzieht der Wärmetauscher dem Abwasser 76 Kilowatt. Und erspart dem Pumpwerk bei einem Heizbedarf von insgesamt 103 Kilowatt umgerechnet 10000 Liter Heizöl pro Jahr.

Mit der Wirtschaftlichkeit der Abteilung von Peter Geueke ist es noch nicht so weit her. Im Schnitt dauere ein Projekt vom ersten Gespräch bis zur Inbetriebnahme vier Jahre, rechnet er vor - das für ein Vorhaben, "in dem meist keine 100000 Euro stecken". Er winkt ab. Doch sein Chef Thomas Uhrig, der das Familienunternehmen mit 120 Mitarbeitern in zweiter Generation leitet, hat einen langen Atem. Wie viel er in die Energiequelle Abwasser investiert hat, will Uhrig nicht verraten. Bislang subventioniert er die Abwassernutzung mit den Gewinnen aus dem Tiefbau und der Kanalsanierung.

Dass der Therm-Liner auch 2012 noch keinen Profit abwerfen wird und Geuekes Abteilung von neun auf sechs Mitarbeiter verkleinert werden musste, bringt Uhrig nicht vom Kurs ab. "Wir sind Überzeugungstäter", sagt der hochgewachsene 55-Jährige mit dem Auftreten eines Schauspielers; nur die Schwielen an den Händen verraten den Bauingenieur. Ihn ärgere die "Hosenträgermentalität in Deutschland", die Leute setzen auf Bewährtes, statt in Neues zu investieren.

Um effektiv für sein System zu werben, fehlen ihm allerdings die Mittel. Außerdem erweist sich ausgerechnet die erfolgreiche Arbeit seiner Firma und anderer Unternehmen aus der Branche als Hürde: Über Jahrzehnte wurden alle Abwässer in unterirdische Kanäle gelenkt, wo sie keiner mehr sehen und riechen muss. Aus dem Auge aus dem Sinn - deshalb wurde diese Ressource wohl auch im Erneuerbare-Energien-Gesetz nicht berücksichtigt. "Dabei erfüllt Abwasser alle Kriterien", ärgert sich Uhrig.

Fernwärme aus dem Untergrund könnte ein Viertel des Bedarfs in Deutschland decken

Doch er bleibt optimistisch. Je höher die Energiekosten, desto größer das Interesse am "städtischen Erdöl", prophezeit er. Wie damals, Anfang der Achtzigerjahre, als die Rohstoffpreise in die Höhe schossen und erstmals die Idee aufkam, Abwasser als Energiequelle zu nutzen. Und der Unternehmer denkt noch weiter: Mit einem intelligenten Kanalsystem wäre es möglich, warmes Abwasser aus Industriegebieten in Wohngebiete zu leiten, wo sich die angeschlossenen Haushalte mit Energie versorgen könnten. Ein unterirdisches Fernwärmenetz. Theoretisch könnte damit ein Viertel des bundesweiten Bedarfs gedeckt werden.

Theoretisch - denn nicht überall ist die Umrüstung rentabel. Beim heutigen Stand der Technik lohnt sich der Wärmetausch im Untergrund erst bei Städten ab 5000 Einwohnern. Der Firmenstandort Geisingen hat etwas mehr als die Hälfte - und so wird Peter Geueke auch in Zukunft zumindest an seinem Arbeitsplatz die Wölkchen über den Gullideckeln ertragen müssen. -

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