Ausgabe 12/2012 - Schwerpunkt Das gute Leben

Wie es mir gefällt

Portraits von Gerd Knop, Armin Mey, Wolfgang Bartko und Tina Oelker; schwarzweiß.
Mit sich im Reinen, Gerd Knop, Armin Mey, Wolfgang Bartko, Tina Oelker (von links oben, im Uhrzeigersinn)

• Man kann nicht behaupten, dass sie übermäßig viel Glück hatten. Zufrieden sind sie aus einem anderen Grund. Der Erste, Gerd Knop, nahm einen Karriereknick in Kauf, um auch im Konzern der unabhängige Geist bleiben zu können, der er vor dem Berufseinstieg war. Der Zweite, Armin Mey, hatte eigentlich nicht das Geld, ein verfallenes Schloss in Sachsen-Anhalt wiederzubeleben. Davon abbringen ließ er sich dennoch nicht. Die Dritte, Tina Oelker, lebt allen Unkenrufen zum Trotz von ihrer Malerei. Der Vierte, Wolfgang Bartko, ließ sich auch von einer Entlassung nicht entmutigen, sondern machte einmal mehr, was ihn immer schon reizte: eine neue Erfahrung.

Knop, Mey, Oelker, Bartko - vier Menschen, die Widerstände überwunden haben. Keine Durchstarter. Aber Persönlichkeiten, die genau wissen, was sie vom Leben wollen.

Portrait Gerd Knop
Hat das Gefühl, die richtigen Prioritäten gesetzt zu haben: Gerd Knop

Der Teilzeit-Manager

1963 bis 1969 Studium der Volkswirtschaftslehre
1971 Referendar an einer Handelsschule
1973 bis 1979 Ausbildungsleiter bei einem Hersteller von Chemiefasern seit
1979 bei der Otto Group

Als er erfuhr, dass sein zehnjähriger Sohn unheilbar krank war, der Zustand des Jungen immer schlechter und in einigen Jahren zum Tod führen würde, war Gerd Knop nicht nur unendlich traurig. Er hatte erstmals das Gefühl, nicht Herr über sein Leben zu sein. "Ich musste akzeptieren, dass es so etwas wie Schicksal gibt." 20 Jahre ist das her. Er war Abteilungsleiter beim Versandhändler Otto in Hamburg. Die ärztliche Diagnose traf ihn wie ein Schock. An seiner Lebenseinstellung aber änderte sie nichts.

Männer wenden häufig jahrzehntelang ihre ganze Kraft für die Karriere auf, ohne ihre wirklichen Werte und Ziele zu ergründen. Im Alter oder nach einem Schicksalsschlag wachen sie auf, bedaurn, zu wenig Zeit für Familie, Freunde und die anderen Facetten des Lebens gehabt zu haben.

Bei Knop ist das anders. Die Entwicklung seiner Kinder mitzuerleben war ihm ebenso wichtig wie ein interessanter Beruf. Vor allem wollte er sich von seinem Arbeitgeber nicht vereinnahmen lassen, sondern eine gewisse Distanz bewahren. Eine Perspektive einnehmen, von der aus er Dinge infrage stellen kann. "Kritische Loyalität" nennt er das. Der heute 70-Jährige sitzt in einem Besprechungsraum bei Otto. Noch immer arbeitet er für den Konzern. Offen erzählt er von Widerständen, mit denen er im Berufsleben zu kämpfen hatte. Die Angst, etwas zu sagen, das seinem Arbeitgeber nicht gefallen könnte, ist ihm fremd. Knop strahlt die Würde eines Menschen aus, der immer tat, was er für richtig hielt.

Die ersten Berufsjahre prägten ihn. Er unterrichtete an einer Handelsschule und beobachtete, wie unmotiviert die meisten Kollegen ihre Stunden abrissen. Er arbeitete als Personaler für einen Hersteller von Chemiefasern und war schockiert, wie viele Manager der Branche bereitwillig die Augen vor ökologischen Sünden verschlossen. "So will ich nie werden", dachte Knop.

Was aber dagegen tun? Wie lassen sich Begeisterung und eine differenzierte Sichtweise über ein ganzes Berufsleben hinweg aufrechterhalten? Die Lösung fand er, als er bereits drei Jahre bei Otto in der Personal- und Organisationsentwicklung tätig war: Er beschloss, seine Arbeitszeit um 50 Prozent zu kürzen. Die halbe Stelle, so Knops Überlegung, würde ihm ermöglichen, anderen Interessen nachzugehen; ihn gleichzeitig davor bewahren, die Ziele seines Arbeitgebers unkritisch zu übernehmen.

Das Kalkül ging auf. Doch zunächst bekam er die negativen Folgen seiner Entscheidung zu spüren. Als Abteilungsleiter in Teilzeit zu arbeiten war damals noch viel ungewöhnlicher als heute. Der Schritt galt als Signal für den freiwilligen Verzicht auf Karriere. "So mancher Kollege verlor von heute auf morgen das Interesse an mir", sagt Knop. Informationen etwa über frei werdende Stellen oder organisatorische Veränderungen seien nun häufig an ihm vorbeigegangen.

Knop teilte sich seine Arbeitszeit flexibel ein. Mal blieb er länger, mal ging er früher, mal kam er gar nicht, sondern arbeitete zu Hause. "Das empfanden einige Kollegen offenbar als Provokation." Sein Vorgesetzter sei von der Idee ebenfalls nicht begeistert gewesen. "Er glaubte, dass die Teilzeit nur der Anfang vom Ausstieg war. Aber da er mich halten wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als einzuwilligen."

Bald schon zeichneten sich erste Vorteile der halben Stelle ab. Dank ihrer verbesserte Knop paradoxerweise seine Position im Unternehmen. Denn indem er abseits des internen Gerangels um Posten agierte, erwarb er sich den Ruf des konstruktiven Problemlösers. Er avancierte zum persönlichen Ratgeber mehrerer hochrangiger Kollegen und zum Mann für die besonderen Aufgaben. Beispielsweise leitete er das Projekt zur Neugestaltung der Großraumbüros. Tausende Arbeitsplätze galt es in technischer und ergonomischer Hinsicht auf den neuesten Stand zu bringen. Zudem managte er das sogenannte Hauptschulprojekt, das weit über die Grenzen Hamburgs hinaus großes Aufsehen erregen sollte.

Michael Otto, der damalige Chef und heutige Aufsichtsratsvorsitzende des Versandhauses, gehörte zu einer Gruppe von Unternehmern, die Ende der Neunzigerjahre vor Ort etwas gegen die Arbeitslosigkeit tun wollten. Die Umsetzung überließen sie Knop. Als der herausfand, dass es in Hamburg nicht einmal sieben Prozent der Hauptschulabsolventen gelang, übergangslos eine nicht vom Staat bezahlte Lehrstelle zu finden, machte er das zum Kern des Projekts.

Wie aber verhilft man Schülern, denen aufgrund schlechter Erfahrungen in der Schule und schwieriger familiärer Verhältnisse jedes Selbstbewusstsein fehlt, zu einem Ausbildungsplatz? Knop brachte Schulen und Unternehmen an einen Tisch, sorgte dafür, dass Lehrer und Manager die gegenseitigen Vorurteile ausräumten. Er wies jeder beteiligten Schule ein Unternehmen zu, dessen Personalreferenten fortan dort als Berater tätig waren. In ausführlichen Gesprächen wurden die wahren Interessen und Stärken der Jugendlichen ergründet, mit Hingabe Bewerbungsunterlagen erstellt. Nach und nach brachte Knop immer mehr Firmen dazu, speziell für sie ausgewählte Schüler einzuladen.

Die Wirkung war enorm. Die Quote der Jugendlichen, die direkt nach dem Hauptschulabschluss in die Lehre gingen, stieg binnen weniger Jahre auf mehr als 20 Prozent. Inzwischen haben mehrere Regionen im In- und Ausland das Hamburger Erfolgsmodell kopiert. Knop wurde 2009 für seine Arbeit mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Schon zuvor war man auch außerhalb des Konzerns auf ihn aufmerksam geworden, sodass Knop zusätzlich zu seiner halben Stelle bei Otto zeitweise als Prozessberater für verschiedene Produktionsbetriebe arbeitete und am Fachbereich Psychologie der Universität Hamburg Seminare zum Thema Problemlösen in der Praxis gab.

Der größte Vorteil der Teilzeitstelle zeigte sich, als sein Sohn aufgrund einer Nervenkrankheit im Rollstuhl sitzen musste und darüber hinaus erblindete. Der Junge entwickelte trotz seiner Erkrankung und seiner geringen Lebenserwartung großen Ehrgeiz. Er wollte Abitur machen und studieren. Zudem spielte er unermüdlich Schach.

Knop entschied, ihn zu fördern, so gut er konnte. Er gab seine Nebentätigkeiten in anderen Firmen und an der Universität auf. Seinen Job bei Otto setzte er fort, strich aber konsequent alle Termine, die er für verzichtbar hielt. So konnte er seinen Sohn regelmäßig zu mehrtägigen Schachturnieren ins Ausland und auch auf einwöchige Schulexkursionen begleiten. Während des Geschichtsstudiums seines Jungen ging er oft mit zu den Seminaren und Vorlesungen, las ihm zu Hause die wissenschaftliche Literatur vor und ließ sich von ihm die schriftlichen Hausarbeiten diktieren.

Vor einem knappen Jahr ist sein Sohn gestorben. Wenn er von gemeinsamen Erlebnissen und den intensiven Gesprächen erzählt, die er mit ihm führte, strahlt Gerd Knop. "Ich habe heute das gute Gefühl", sagt er, "dass ich die richtigen Prioritäten gesetzt habe."

 

Portrait Armin Mey
Hat ein Ziel, möchte es aber gar nicht erreichen: Armin Mey

Der Schlossherr

1988 bis 1989 Maurerlehre
1989 bis 1991 Studium der Architektur

seit 1996 SchlossbesitzerBei Armin Mey ist das mit den Prioritäten so eine Sache. Sie erscheinen auf den ersten Blick fragwürdig. Warum beispielsweise lässt er mit großem Aufwand den Raum restaurieren, der Anfang des 20. Jahrhunderts den Zusammenkünften einer Freimaurerloge diente, statt sich zuerst um die Stellen im Dach zu kümmern, durch die es reinregnet? Warum kauft er kistenweise Silberbesteck und antiquarische Bücher, wo doch so mancher Raum immer noch mehr an eine Ruine erinnert als an einen herrschaftlichen Wohnsitz?

Man muss mit dem 43-Jährigen einen Abend in seinem Schloss Beesenstedt verbringen, um zu verstehen, wie er tickt und warum es ihn so erfüllt, dem Anwesen in Sachsen-Anhalt, das über viele Jahre verfiel, neues Leben einzuhauchen.

Er hat es sich im großen Saal vor dem Marmorkamin gemütlich gemacht, trinkt Wein von den benachbarten Gütern und erzählt von der wohlhabenden Familie Nette, die sich 1895 diesen 5000 Quadratmeter großen Herrensitz erbauen ließ, 1947 aber enteignet wurde und dem sogenannten Freien Deutschen Gewerkschaftsbund der DDR weichen musste. "Offiziell fanden hier Schulungen statt. In Wahrheit aber feierten die Gewerkschaftsfunktionäre hier regelrechte Orgien", sagt Mey mit breitem Grinsen. Zwischen 1989 und 1996 stand das Schloss leer. Seitdem wohnt er hier und baut nach und nach den Renovierungsstau ab, dessen Umfang Gutachter auf elf Millionen Euro bezifferten. Eine surreal anmutende Summe für einen Mann, der zum Zeitpunkt des Kaufs weder Einkommen noch Ersparnisse hatte.

Für Mey ist Schloss Beesenstedt heute Zuhause, Lebensaufgabe und Existenzgrundlage. In seiner Jugend in der DDR hatte er sich immer beengt und kontrolliert gefühlt. Er hatte sich gesehnt nach einem Ort, an dem er mit seinen Freunden unbehelligt feiern, diskutieren oder Pläne schmieden konnte. Den hat er sich hier geschaffen. Regelmäßig kommen Leute zu Besuch, die auf der Suche nach neuen Inspirationen ein paar Tage, manchmal auch Wochen bleiben. Gerade sitzen drei Russen mit ihm um den Kamin. Einen von ihnen kennt Mey schon lange, ein in Berlin lebender Künstler, der zwei Freunde mitgebracht hat, die als Jobnomaden um die Welt reisen. Mey genießt diese meist spontanen Zusammentreffen in immer neuen Konstellationen. Seine Gäste sollen hier tun und lassen können, was sie wollen. "My castle is your home" ist einer seiner Lieblingssätze.

Seit dem Mauerfall 1989 sind in Ostdeutschland zahlreiche Schlösser verwaist. Beesenstedt sei nicht das erste, das er bezogen habe, erzählt Mey. Gemeinsam mit seiner damaligen Freundin mietete er Anfang der Neunzigerjahre für wenig Geld das vollkommen heruntergekommene Schloss Stolpe auf Usedom. Auch dort machte er sich mit großem Engagement daran, das Anwesen zu sanieren und als kulturellen Treffpunkt zu etablieren. Dass er zu DDR-Zeiten Maurer gelernt und in Moskau Architektur studiert hatte, kam ihm zugute. Doch dann geschah, womit er nicht gerechnet hatte. Nachdem er und seine Freundin die ersten Reggae-Konzerte veranstaltet hatten, wurden sie regelmäßig von Neonazis aus der Region attackiert. "Die Rechtsradikalen sprengten unsere Events, verprügelten unsere Gäste und zündeten einmal sogar das Schloss an."

Mey und seine Freundin machten sich auf die Suche nach einer neuen Immobilie, unterstützt von der Treuhandanstalt, deren Aufgabe es war, die einst Volkseigenen Betriebe und Besitztümer zu privatisieren. Als er erstmals den Herrensitz in Beesenstedt betrat, sei er gleich in den Bann gezogen worden von der Aura dieses Ortes, erzählt er. Stilvolle Holztreppenhäuser, prunkvoller Stuck und die riesigen Räume spiegelten den verschwenderischen Lebensstil der Erbauer wider. Das billige Resopalmobiliar, das über das Parkett geklebte Linoleum und Ölporträts von Lenin, Marx und Ulbricht dokumentierten die Geschmacklosigkeit des DDR-Sozialismus. "Das nehmen wir", habe er schon nach wenigen Minuten der Besichtigung zu seiner Freundin gesagt.

Geld hatten beide keines. Dennoch bekamen sie das Schloss - mit der Auflage, 700000 D-Mark in die Renovierung zu investieren. Mey nahm einen Kredit auf, den er bekam, weil sich die Treuhand-Leute für ihn stark machten. "Seit der Zeit in Stolpe standen die auf uns." Sofort begann er, das Schloss wieder auf Vordermann zu bringen. Dabei sei es ihm nicht so sehr darum gegangen, ein behagliches Zuhause zu schaffen. "Es faszinierte mich, weitere Spuren der wechselhaften Geschichte des Schlosses zu ergründen." Das ist auch der Grund, warum er als Erstes das Logenzimmer mit seiner unter mehreren Farbschichten verborgenen Malerei im Empire-Stil monatelang restaurieren ließ.

Die Gemäuer wurden zu Meys Lebensmittelpunkt. Sein Hunger nach Freiheit ist bis heute nicht gestillt. "Meine Lebenszeit zu verkaufen, indem ich etwa für ein Architekturbüro arbeiten würde, kommt für mich nicht infrage."

Das hat er auch nicht nötig. Das Schloss beschert ihm heute nicht nur viele interessante Begegnungen, sondern auch ein gutes Einkommen. Von März bis September gibt es kaum ein Wochenende, an dem er die Räume nicht für eine Veranstaltung vermietet. Hochzeiten, Maskenbälle, Filmdrehs und Konferenzen bringen ihm einen sechsstelligen Jahresumsatz ein. Im Sommer fand hier das MLove-Confestival statt, bei dem Menschen aus aller Welt zusammenkamen, um sich über die Zukunft mobiler Technik auszutauschen.

Mey hat über die Jahre viel Geld und Arbeit in die Renovierung des Schlosses gesteckt. Eingerichtet hat er es mit ausrangierten Möbeln, die ihre eigene Geschichte erzählen. Die Tische und Stühle im großen Saal stammen wie der pompöse Kronleuchter im Treppenhaus aus dem ehemaligen Berliner Operncafé Unter den Linden. Das Bad in Zimmer 15 benutzte Udo Lindenberg, als er noch im Hotel Intercontinental Hamburg wohnte. Die Möbel im Foyer schmückten einst Hildegard Knefs Suite im Berliner Hotel Schweizerhof.

Immer noch gibt es wahnsinnig viel zu tun. Mey hat eine genaue Vorstellung davon, wie das Schloss einmal aussehen soll. Darum kauft er seit vielen Jahren alte Bücher, die irgendwann einmal in der großen Bibliothek stehen sollen. "Das Bild in meinem Kopf ist das Ziel, das mich antreibt", sagt er. "Aber eigentlich möchte ich es gar nicht erreichen."

Tina Oelker in ihrem Atelier
Fand ihr Thema aus Trotz: Tina Oelker

Die Hasenmalerin

1997 bis 2004 Studium im Fach Design
seit 2005 Vollzeitmalerin

Um die Motivationskraft konkreter Ziele weiß auch Tina Oelker, darum hat sich die 39-Jährige vor fünf Jahren ein solches gesetzt: 1000 Bilder von Hasen will sie malen. Knapp die Hälfte hat sie schon geschafft.

 

Ein kleiner Backsteinbau gegenüber den Landungsbrücken am Hamburger Hafen. Hier ist Oelkers Atelier. Hasenmanufaktur steht draußen an der Wand. Drinnen erfährt man, wohin das kompromisslose Festhalten an einer Leidenschaft führen kann.

Schon während ihrer Kindheit, die von der Gewalt und dem Alkoholismus ihres Vaters geprägt war, verbrachte sie einen Großteil ihrer Zeit zeichnend auf ihrem kleinen roten Stuhl. Sie versank dann vollkommen in ihrer Fantasiewelt. Heute noch, sagt sie, könne sie sich an das wohlige Gefühl erinnern, das sie dabei verspürte. Ein Gefühl, aus dem im Alter von zwölf Jahren der unbedingte Wille entsprang, später einmal Künstlerin zu werden.

Den hat sie durchgesetzt - gegen alle Widerstände von außen und die eigenen Zweifel. Der Kritiker Harald Stazol zählt sie heute zu den "auffälligsten Künstlern Hamburgs". Sie hat sich inzwischen einen Namen gemacht. Und nicht nur in Hamburg, sondern überall, wo sie ausstellt, loben Kenner die Intensität ihrer Bilder. Mit der Folge, dass die sich gut verkaufen. Die Kehrseite von Oelkers Popularität: Acht ihrer Hasenporträts wurden kürzlich aus einer Ausstellung gestohlen.

Manchmal verbringt sie Wochen fast ununterbrochen in ihrer Hasenmanufaktur, spricht mit niemandem, geht nur zum Schlafen nach Hause. Was sie in solchen intensiven Schaffensphasen durchlebe, könne sie mit Worten gar nicht beschreiben. Nur so viel: "Die Malerei ist für mich ein höchst emotionaler Prozess." Die schönsten Momente erlebe sie, wenn es ihr gelinge, an der Leinwand richtig loszulassen und ihr Seelenleben ungefiltert zum Ausdruck zu bringen. "Hinterher bin ich körperlich am Ende. Aber total glücklich."

Dass sie heute so lebt, wie sie es immer wollte, verdankt sie vor allem ihrer Hartnäckigkeit. Denn Hindernisse gab es viele. Nach dem Abitur im westfälischen Hamm wurde sie von mehreren Kunsthochschulen abgelehnt, bei denen sie sich um einen Studienplatz beworben hatte. Damals waren Installationen zum Thema Neue Medien en vogue. Oelker aber wollte malen. Die Absagen kratzten genauso an ihrem Selbstbewusstsein wie die Missgunst mancher Kollegen, die sie kennenlernte, als sie nach Hamburg kam. Um von der Malerei leben zu können, sagte man ihr, brauche man einen guten Galeristen. Und einen guten Galeristen finde nur, wer bei einem der besten Professoren der Hochschule für Bildende Künste studiert habe.

Oelker hatte es aber nur ins Designstudium an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften geschafft, wo man sie zu ihrem Ärger auch noch zähmen wollte. Sie solle sich auf ein Thema fokussieren, statt hin- und herzuspringen, so die Aufforderung ihrer Professoren. "Gut, dachte ich. Wenn euch nicht interessiert, was mir alles durch den Kopf geht, kriegt ihr eben nur einen Hasen."

Es war eine Trotzreaktion, die sie zu ihrem Sujet führte. Sie begann, sich näher mit Hasen zu beschäftigen, mit ihren biologischen Eigenarten, ihrer symbolischen Bedeutung und ihrer Rolle in der griechischen Mythologie. Der wilde Feldhase, der ein Sinnbild für sprunghafte Intuition ist, sich nicht domestizieren und äußerlich keinen großen Unterschied zwischen Männchen und Weibchen erkennen lässt, gefiel ihr immer besser. "Ich merkte, dass der Hase gut zu mir passt." Vor allem aber stellte sie fest, dass die Fokussierung auf das eine Motiv eine rein formale Beschränkung war. Dem Ausdruck ihrer Gefühle tat er keinen Abbruch. Im Gegenteil: "Weil ich drin bin in der Thematik und im Erzählfluss, kann ich mich ganz dem emotionalen Prozess des Malens hingeben."

Oelker ließ sich nicht zähmen. Marke, Wiedererkennungswert, auf all das, worum es den Designprofessoren bei ihrer Forderung nach Beschränkung gegangen sein mochte, pfiff sie. Und ließ stattdessen die ganze Wucht ihrer Emotionen auf den Hasen los. Aus dem vermeintlich so lieblichen Motiv machte sie Kunst, die Aufsehen erregte. Galerien in Deutschland, Polen und sogar in New York stellten fortan ihre Bilder aus. "Gefühle werden nicht geschont", weder die des Betrachters noch die der Malerin, sagte die Kulturjournalistin Beate Naß in einer Rede anlässlich einer Vernissage.

Die ersten 100 Hasen hatte Oelker in 100 Tagen gemalt, dann wurden die Abstände größer. Weil sie sich zwischendurch anderen Themen widmen wollte. Und weil sie merkte, dass Unterbrechungen dem Werk guttun. "So kann ich neue Reflexionen und Erfahrungen im nächsten Schub verarbeiten." Wenn die Serie vollendet ist, will sie alle Bilder in einem Raum ausstellen. 1000 Hasen als Spiegel ihres Seelenlebens. Was dann beim Betrachten passiert, darauf ist sie selbst am meisten gespannt.

Wolfgang Bartko im Klassenzimmer
Findet, dass die Welt zu groß und bunt ist, um sich allein einer Sache zu widmen: Wolfgang Bartko

Der Universalist

1972 bis 1977 Bühnenmeister bei einem Tourneetheater
1974 bis 1979 Studium der Kunstgeschichte
1976 bis 1990 Inhaber einer Möbelbaufirma
1990 bis 1999 Selbstständiger Konzeptionist
2002 bis 2005 Key Account Manager bei Siemens
seit 2009 Deutschlehrer für Menschen ausländischer Herkunft

Neugier ist keine Frage des Alters, das zeigt Wolfgang Bartko. Der 59-Jährige hat als Handwerker, Konzeptemacher und als Manager gearbeitet. Jetzt ist er Lehrer. Angst vor neuen Aufgaben hatte er nie. Im Gegenteil: Er machte sich stets mit dem Anspruch ans Werk, jeder Disziplin seinen eigenen Stempel aufzudrücken.

Er sitzt in Wien in einem Kaffeehaus. Die Bedächtigkeit, mit der er spricht, steht in Kontrast zu seinem bewegten Leben. Überhaupt fällt es nicht leicht, den Mann in eine Schublade zu stecken. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein konservativer älterer Herr. Dann holt er plötzlich seinen Tabak aus der Hosentasche, dreht sich in aller Ruhe eine Zigarette und erzählt, dass er praktizierender Buddhist sei.

30 Stunden pro Woche gibt er Deutschunterricht für Menschen ausländischer Herkunft – auf seine Weise. Bartko hat seine eigene Didaktik entwickelt, eigene Lesegeschichten für die Schüler verfasst und ein eigenes Wörterbuch.

Wie lernt man am effektivsten eine Fremdsprache? Diese Frage hat er sich gestellt, bevor er sich ohne Lehrerausbildung bei einem Bildungsträger bewarb. Er erinnerte sich an seine Zeit als Konzeptemacher in Spanien – wie es ihm erging, als er zum ersten Mal mit der fremden Sprache in Berührung kam. Eines der Geheimnisse guten Unterrichts, sagt er, sei die richtige Dosis Grammatik. Die Schüler dürften einerseits nicht mit zu vielen Regeln überfrachtet werden. Andererseits brauchten sie Orientierung. "Sonst wissen sie mit den Vokabeln, die sie dazulernen, nichts anzufangen." Bartko macht daher die Schüler am Anfang mit dem Aufbau eines typischen deutschen Satzes vertraut. Was steht wo, und wie erklären sich die Endungen der Wörter: "Das müssen sie verinnerlicht haben, während die Ausnahmen jeglicher Art erst mal unwichtig sind."

Das zweite Geheimnis guten Unterrichts sei die Anregung zum selbstständigen Lernen. Als er feststellte, dass es für Fremdsprachenschüler außer Kinderbüchern nichts zu lesen gab, machte er sich daran, Kurzgeschichten zu schreiben, die er auf unterschiedliche Sprachniveaus zuschnitt. "Beim Lesen lernt man am besten. Darum wollte ich für interessanten Stoff sorgen." Doch damit nicht genug. Bartko erinnerte sich daran, wie frustrierend es war, wenn er in Spanien unbekannte Vokabeln im Wörterbuch nicht fand. Die Ursache: In den herkömmlichen Nachschlagewerken sind die Wörter nur in ihrer Grundform erfasst. Man findet "nehmen", aber nicht "nimm", man stößt auf "Haus", sucht aber vergeblich nach "Häuser" oder "Hauses". Um Abhilfe zu schaffen, erstellte Bartko "Das andere Wörterbuch". Mehr als drei Jahre lang erfasste er den deutschen Grundwortschatz in allen konjugierten und deklinierten Formen. 24000 Einträge hat sein Wörterbuch heute. Es liefert keine Übersetzung, sondern den Hinweis auf die Grundform. Somit motiviert es nicht nur dazu, das Wort in einem herkömmlichen Wörterbuch nachzuschlagen. Es regt außerdem dazu an, nach einer Erklärung für die grammatikalische Form zu suchen. Bald soll "Das andere Wörterbuch" als App verfügbar sein. Für seine Schüler hat er es bereits ausgedruckt. "Die tragen das immer mit sich herum", sagt Bartko.

Egal ob er Deutsch unterrichtet, Möbel baut oder eine Konzernabteilung managt – genau hinsehen und dann den eigenen Weg gehen, das macht für ihn den Reiz jeder Tätigkeit aus. Abgeschaut hat er sich das von seinem großen Idol, dem italienischen Humanisten Leon Battista Alberti, von dem er als Zwölfjähriger erstmals im Lateinunterricht hörte. Der 1472 verstorbene Alberti hatte sich als Schriftsteller, Mathematiker, Kryptologe und Architekt betätigt und dabei hervorragende handwerkliche, kaufmännische und intellektuelle Fähigkeiten bewiesen. "Der hat mir imponiert", sagt Bartko.

Er selbst ist in München aufgewachsen, wo sein Vater eine Schlosserei hatte. "Mit sechs lernte ich, wie man schweißt." Trotzdem habe er in der Familie schon früh als Kopfmensch gegolten, der zum Beispiel Rechtsanwalt werden sollte. Aber Wolfgang Bartko hatte keine Lust dazu.

Während seines Kunstgeschichtsstudiums jobbte er im Vertrieb eines Büromöbelgroßhändlers. Das Geschäft litt unter den langen Lieferzeiten. Bartko wollte wissen, warum, und fand heraus, dass es zu wenige Monteure gab. Damit war seine erste Geschäftsidee geboren. Bartko ließ die angestrebte Dissertation sausen, stellte ein Montageteam auf die Beine und wurde Unternehmer. Zudem kaufte er auf der Handwerksmesse Profigeräte und baute fortan eigene Möbel. Er war einer der Ersten, der sich auf ergonomisch gestaltete Büroarbeitsplätze spezialisierte.

Auch als Angestellter behielt Bartko seine Haltung bei, ließ seinem Erfindergeist freien Lauf. Ein Bekannter, der schon lange im Siemens-Konzern arbeitete, hatte ihn dorthin geholt, wo er zum Key Account Manager für den Bereich Wireless Modules avancierte. Die stecken etwa in Handys und Navigationsgeräten und ermöglichen die Kommunikation über Funk. Als Bartko klar wurde, dass jedes Navigationsgerät im Auto die zurückgelegten Strecken speichert und damit automatisch Fahrtenbuch führt, hatte er eine Idee. Er ließ ein Gerät entwickeln, das die Daten auslesen konnte, trat dann an SAP heran, um sich eine Schnittstelle zu besorgen und so zu ermöglichen, dass das Reisekostenprogramm des Softwarekonzerns per Knopfdruck die Dienstfahrten der einzelnen Mitarbeiter erfasste. "Gerade für Außendienstler erleichterte das die Spesenabrechnung enorm", sagt Bartko. Weil dem elektronischen Fahrtenbuch auch jederzeit abzulesen ist, wann wo der Verkehr stockt, ließ er darüber hinaus noch einen Verkehrsdienst entwickeln.

Der Universalist fühlte sich in seinem Element. Bis er feststellte, dass sein Arbeitgeber weniger begeistert war. "Ich wurde in die Chefetage beordert, wo man mir klarmachte, dass ich mich wieder auf das Konzerngeschäft konzentrieren sollte." Dieser Ernüchterung folgte bald darauf Bartkos unfreiwilliger Abschied. Als Siemens 2005 seine Handysparte an das taiwanische Unternehmen BenQ verkaufte, wurde Bartko entlassen.

Sieben Jahre ist das nun her. Er war damals schon über 50 und erstmals verunsichert, wie es weitergehen sollte. Da sah er im Fernsehen einen Bericht über Menschen ausländischer Herkunft und ihre mangelnden Sprachkenntnisse. Ihnen Deutsch beizubringen, dachte er sofort, könnte ihm Spaß machen. Dass ihm die entsprechende Ausbildung fehlte, hielt ihn nicht ab. Bartko wusste, was es braucht, um die Verantwortlichen in den Bildungseinrichtungen zu überzeugen: Ideen.

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