Ausgabe 12/2012 - Schwerpunkt Das gute Leben

Westwärts!

• Eigentlich fehlen bei dieser Vorstellung nur noch die Jongleure oder Feuerschlucker. Am Eingang lehnt ein Einrad, um die Tür offen zu halten. An der Bar steht ein Collegeprofessor mit schulterlangem grauem Haar und einem T-Shirt, auf dem der Slogan prangt: "Besteuerung ist Sklaverei!" Bei den Canapés sind Herren im Anzug ins Gespräch vertieft mit älteren Semestern mit Motorradweste, Rauschebart und rotem Kopftuch. Studenten Mitte 20 hören ihnen gebannt zu, wie sie über neue Gesellschaftssysteme dozieren und den schleichenden Sozialismus in den USA anprangern, während sie an Rosmarin-Crackern mit Prosciutto knabbern.

Auf einmal steigt einer der Anzugträger auf einen Hocker und begrüßt "alle, die die Freiheit lieben", zur dritten Konferenz des Seasteading Institute in San Francisco. (Der Kunstbegriff Seasteading ist aus sea, Meer, und homesteading, Besiedlung, zusammengesetzt.) Und er fordert sie auf, für die zur Versteigerung ausliegenden Reisen großzügig zu bieten, vom Rundflug im Kampfjet für 3775 Dollar bis zum Wochenende im Ritz Carlton Hotel in Mexiko für 4050 Dollar. Das Institut, das die Weltmeere mit Freidenkern und Freiheitskämpfern besiedeln will, braucht Geld.

Es ist eine virtuelle Einrichtung, die der regen Fantasie von Patri Friedman entsprungen ist, dem 36 Jahre alten Enkel des Ökonomen und Nobelpreisträgers Milton Friedman. Nach einer Jugend mit lila Haaren, Kiffen, Parasailing und Leben in der Kommune hat sich Friedman auf das libertäre Kerngeschäft seiner Familie besonnen. Das lautet: große Ideen formulieren und Gleichgesinnte finden, die Umsetzung aber den Aposteln überlassen. Sein Großvater bewegte sich noch an Land und wollte den Staat aus dem gesellschaftlichen Leben weitgehend entfernen.

Nachkomme Patri Friedman geht einen Schritt weiter: Er träumt von der Besiedlung internationaler Gewässer mit schwimmenden Freistaaten, in denen nach selbst entwickelten Gesetzen gelebt und gearbeitet wird.

 

Bei der Konferenz haben ein paar Hundert Anhänger die Gelegenheit, ihre Visionen zwei Tage lang zu diskutieren und erste Machbarkeitsstudien zu bestaunen.

Patri Friedman wirkt dabei wie der Geist über den Wassern. Er schlendert zwischen den Vorträgen durchs Publikum, hört jedem zu und streicht sich über den dichten schwarzen Kinnbart. Wie und wann seine Vision genau Gestalt annehmen soll, weiß er nicht. Aber eines sei ihm nach knapp vier Jahren als Software-Ingenieur bei Google klar: Gesellschaftsplanung im 21. Jahrhundert funktioniere wie ein Start-up, das man groß aufziehen sollte. "Staaten sind die Unternehmen, Bürger sind die Kunden. Die meisten von uns bekommen schlechten Service, zahlen zu viel und können nicht einmal den Anbieter wechseln. Es gibt keinen Wettbewerb unter den Systemen, denn sie behindern den Markteintritt neuer Konkurrenten."

Portrait Patri Friedman
Vom Großvater und seinem Wüstenfestival inspiriert: Patri Firedman

Friedman will Freiraum für Experimente schaffen. Das Land ist vergeben, da kommt man nur schwer weiter, wie einige wenige Versuche, sogenannte Charter Cities zu schaffen, belegen (siehe brand eins 10/2009). "Als letzte freie Fläche bleibt das offene Meer. Wer einen komplett neuen Markt schaffen will, das hat mir meine Zeit bei Google klargemacht, muss andere Firmen aus derselben Branche einladen, mitzuarbeiten. Das verleiht dem neuen Markt mehr Glaubwürdigkeit."

Noch einen Lehrsatz hat er aus Silicon Valley mitgebracht: "Das Modell muss skalierbar sein." Muss also nicht nur für ein paar Dutzend Kunden funktionieren, sondern für Tausende oder Millionen. Dann, so die Logik der Start-up-Welt, sinken die Fixkosten pro Kunde, und Investoren können auf eine gute Rendite hoffen – sofern man das Zusammenleben von Menschen mit einem Start-up vergleichen will.

Bis es so weit ist, haben die Natur, das Seerecht und die Finanzmärkte den Seasteadern erhebliche Hindernisse in den Weg gelegt. Friedman beschäftigt sich seit einem guten Jahrzehnt mit der großen Pioniertat: nämlich seit einem Besuch des legendären Burning-Man-Festivals in der Wüste Black Rock in Nevada, wo jeden Sommer rund 50.000 Menschen eine Art Stadt gründen. Es entstehen Kommunen, die sich eigene Regeln geben, in denen Bargeld verpönt ist und wo jeder sich mit Kostümen, Kunstprojekten, Musik und Drogen ausleben kann. Nach einer Woche ist der Spuk vorbei. Für viele regelmäßige Burner ist das Festival eine Riesenparty und Auszeit von den Fesseln der gesellschaftlichen Normen. Für Friedman war es eine Geschäftsidee.

"Nach meinem ersten Burning Man habe ich angefangen, mich mit neuen Ländern und Städten im Ozean zu beschäftigen. Dann bekam ich ein eher praktisch orientiertes Buch eines pensionierten Ingenieurs namens Wayne Gramlich in die Finger. Er wohnte bei mir im Silicon Valley um die Ecke, also kamen wir ins Gespräch." Während Gramlich Seasteads vor allem als praktische Herausforderung sah und untersuchte, wie eine Familie auf dem Wasser leben kann, war es für Friedman eine grandiose soziale Vision, an der man viele Gleichgesinnte und Unternehmen beteiligen sollte. Er begann zu recherchieren und stieß auf Haven Co, das kurzlebige Experiment, ein Rechenzentrum auf einer ehemaligen Militärplattform vor der englischen Küste zu betreiben. Am Ende verfasste Friedman sein eigenes Manifest und stellte es 2002 ins Netz, bevor er bei Google anheuerte, "um einen ordentlichen Lebensunterhalt zu verdienen".

Leben ohne Steuern und Staat

Es sollte sechs Jahre dauern, bis aus der Idee eine Stiftung wurde, bei der Wayne Gramlich gemeinsam mit Friedman als Mitgründer auftrat. In der Zwischenzeit dachte Friedman weiter über das Konzept von Staaten als verkrustete Unternehmen mit lausigem Kundendienst nach und stellte einen Aufsatz zum Thema "Dynamic Geography: A Blueprint for Efficient Government" ins Netz. Der Durchbruch gelang ihm, als der Unternehmer und Milliardär Peter Thiel mehr als eine Million Dollar in das Seasteading Institute steckte. Der war mit Paypal und Facebook reich geworden und betätigt sich seitdem als professioneller Querdenker (siehe brand eins 01/2012). Er unterstützt eine Reihe von Forschungsvorhaben, die alle ein tiefes Misstrauen in etablierte Systeme verbindet.

Grenzen sind dem gebürtigen Deutschen, der in San Francisco lebt, ein Dorn im Auge. Das Hochschulwesen behindere Innovationen, und zu viele Regeln knebelten eine echte Marktwirtschaft. "Ich glaube nicht mehr daran, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind", schrieb Thiel in einem Essay 2009. "Ich konzentriere mich auf Technologien, die der Freiheit neuen Raum geben können. Unsere Zukunft mag von einer einzigen Person abhängen, die jene Maschinerie der Freiheit baut oder fördert, um die Welt sicher für den Kapitalismus zu machen."

Ganz klar, Friedman ist eine dieser Personen. So spricht denn auch Thiels rechte Hand James O'Neill bei der Seasteading-Konferenz das Geleitwort. O'Neill, schlank, im beigen Anzug mit braunem Haar und sanfter Stimme, arbeitete mehrere Jahre unter der Regierung von George W. Bush und macht aus seiner Verachtung für Regulierung und Aufsichtsbehörden keinen Hehl. "Es gibt keine Garantie für den Fortschritt. Die Welt blickt auf Amerika. Amerika blickt auf Kalifornien. Kalifornien blickt auf die Bucht von San Francisco. Aber die Region steuert nichts wirklich Wertvolles bei. Der Blick aufs Meer ist unsere letzte Hoffnung." Es folgt eine Eloge auf Widerständler, die das staatliche Gewaltmonopol nicht länger hinnehmen wollen. "Der rechte Weg ist steil und gefährlich, aber klar markiert. Seasteader stehen allein da, um den Traum von Freiheit zu verwirklichen. Der American Dream braucht Stimulation von außen", schließt O'Neill.

Damit knüpft er geschickt an einen der ältesten Gründungsmythen der USA an, der große Treck nach Westen im 19. Jahrhundert, die Landnahme bis zum Pazifik. Damals wurden die Begriffe Homesteading und autarkes Landleben sogar in mehreren Gesetzen verbrieft. Heute, so die Logik der Seasteader, muss der fortschrittlich denkende Amerikaner über den Kontinent hinauswachsen und im Ozean siedeln, um ein wahrhafter Pionier zu sein.

Die Bewegung tut noch mehr, als sich nur dieses historische Mäntelchen umzuhängen. Sie misstraut dem Staat, will keine Steuern bezahlen und predigt die Heilslehre der Internet-Elite, die daran glaubt, dass jedes Problem am besten durch die Gründung einer Firma zu lösen sei. Der Aufbau und Erhalt einer bürgerlichen Gesellschaft wird zum Software-Projekt, in das man investieren kann.

Mit seiner Rede hat O'Neill allerdings viele der eher praktisch veranlagten Zuhörer schnell verloren, wie ein Blick in die Runde verrät. Die Seasteading-Pioniere sind alle aus unterschiedlichen Gründen zu diesem Treffen gereist. Manche betrachten sich tatsächlich als Opfer eines gierigen Staates. Andere haben die 400 Dollar Eintritt bezahlt, um mehr über die technischen Herausforderungen zu erfahren, die der Umbau eines Kreuzfahrtschiffes oder einer Bohrinsel zum Freistaat mit sich bringt.

Wie lebt man auf dem Wasser?

An Fragen herrscht kein Mangel. Wie etwa wird sich ein schwimmendes Gemeinwesen finanzieren? Wie mit Elektrizität und Lebensmitteln versorgen? Wie Handel betreiben? Wie sein Verhältnis zu den Küstenstaaten regeln, vor deren Gewässern es herumfährt oder fest verankert ist? Andere wollen das Geschäftsklima ausloten oder einen aus Thiels Mitteln finanzierten Forschungsauftrag ergattern. Friedmans Stiftung hat es verstanden, mit einem möglichst vagen Konzept Freidenker und Freibeuter aller Schattierungen zu ködern. Dazu gesellt sich ein loses Bündnis von Forschern und Ingenieuren, die oft Studenten an den Details werkeln lassen, um Konzeptstudien anzufertigen.

"Das Geheimnis liegt darin, eine Art Cheerleader für die Idee zu sein, ohne dass wir selber viel Geld in die Hand nehmen müssen", sagt George Petrie. Der Marine-Ingenieur arbeitete 25 Jahre an einem eher unbekannten College im Staat New York, bevor er sich bei Friedmans Stiftung meldete. "Ich sah eine Präsentation auf einem Kongress, und da ging mir ein Licht auf", sagt Petrie. Fünf Wochen später war er Director of Engineering des Instituts, trotz des vollmundigen Titels allerdings nur auf Teilzeitbasis. "Den Immobilienaspekt der Idee habe ich sofort begriffen: ein neues Leben mit Meerblick. Das libertäre Gedankengut war da nur der Zuckerguss."

Überzeugte Seasteder: Autor Joe Quirk
Randolph Hencken, Geschäftsführer des Instituts
Ingenieur George Petri …
… und Investor James O'Neill

Seitdem hat Petrie seine eigene Verkaufsmasche entwickelt. "Wenn man Leuten mit dem Wettbewerb der Systeme kommt, schalten sie nach zwei bis drei Minuten ab. Was sie sofort verstehen, ist der Appell an den eigenen Lebensstandard. Wer ist nicht frustriert darüber, wie kaputt unser System ist? Wer würde nicht gern einen Neuanfang wagen, am besten in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter?" Wer so argumentiere, sagt der Marine- Ingenieur, finde schnell Zuspruch unter Utopisten und könne deren kostenloses Engagement für das Projekt einsetzen.

So arbeitete er mit einer Gruppe von 64 Studenten aus Arizona zusammen, die in vier Teams unentgeltlich Konzeptstudien für einen Freistaat auf See entwickelten. Science-Fiction als Seminararbeit. Zur Konferenz stellt Petrie eine Weltkarte vor, auf der all jene Gebiete farblich markiert sind, in denen ein schwimmender Ministaat gut aufgehoben wäre. Dort, wo der Wellengang nicht zu hoch ist, das Wasser nicht zu tief, keine Gefahren durch Piraten oder Konflikte drohen und wo Küstenstaaten solchen Experimenten freundlich gesonnen sein könnten.

Konkret geht es um Fragen des Lebens auf dem Wasser. Zwei gängige Modelle, die Friedman und seine Anhänger immer wieder vorstellen, sind umgebaute Kreuzfahrtschiffe und ausrangierte Bohrinseln. Beide bergen jedoch erhebliche Schwierigkeiten, wenn Hunderte von Menschen Monate oder Jahre auf See verbringen wollen. "Die normale Kabine auf einem Kreuzfahrtschiff misst vielleicht zehn Quadratmeter. Das ist auch in Ordnung, da man nicht viel Zeit in ihr verbringt", gibt Petrie zu. Ebenso spartanisch sind Bohrinseln, da ihr Personal nur ein paar Wochen in Schichten arbeitet und dann wieder ausgeflogen wird. Wenn jemand langfristig auf See leben und arbeiten soll, brauche er dreimal so viel Platz.

Sollten einmal, wie es das Institut in futuristischen Zeichnungen gern ausmalt, ganze Kolonien auf dem Meer entstehen, müssten noch ganz andere Probleme gelöst werden. Wie schützt man sie etwa vor Stürmen? Schwimmende Wellenbrecher, die meterhohen Wogen widerstehen, sind daher ein weiteres Thema, für das Petrie Forschungspartner zu rekrutieren versucht. "Das kostet Millionen, aber eigentlich haben große Energieunternehmen ein Interesse daran, solche Lösungen zu entwickeln", sagt der Ingenieur. Immerhin arbeiten schon einzelne Arbeitsgruppen im Verbund mit dem Institut an wirtschaftlichen Detailfragen, etwa wie man eine Fischzucht im offenen Meer betreibt oder Strom aus Wellenkraft oder dem Temperaturgefälle im Ozean gewinnt. "Das lässt sich alles lösen. Es ist nur eine Frage des Geldes und der Zeit."

Patri Friedman ergeht sich derweil in den großen Fragen des Seasteading. Für ihn ist das Konzept eine Art Labor der Evolution, das sich wie eine Computersimulation durchspielen lässt. "Das Wasser, der Ozean ist eine großartige Plattform, um den Evolutionsprozess zu beschleunigen. Wenn man davon ausgeht, dass unsere soziale DNS aus Gesetzen und Regeln besteht, dann gibt es kein besseres Medium, um möglichst viele Modelle für eine bessere Gesellschaftsform gleichzeitig und schnell durchzuspielen. Einige werden gedeihen, andere scheitern. Und die Menschen können entscheiden, in welchem System sie leben wollen."

Auf dem Land, sagt Friedman, sei diese Art des Experimentierens nicht möglich, obwohl er auf Nummer sicher gegangen ist und eine Firma namens Future Cities Development gegründet hat, die in Honduras eine Stadt auf dem Reißbrett entwirft. "Wir befinden uns im Zeitalter der Dinosaurier, die sich langsam bewegen und keine Entwicklungssprünge zulassen. Ich habe keine Geduld, die Probleme des 21. Jahrhunderts mit der gesellschaftlichen DNS des 18. Jahrhunderts anzupacken", stichelt er gegen die US- Verfassung. "Das Programm in Honduras erlaubt begrenzte politische Experimente in einem entlegenen Teil der Welt. Wenn wir allerdings die technischen Probleme des Seasteading lösen, können solche Regierungsexperimente auf zwei Dritteln der Erdoberfläche vorgenommen werden. Das ist eine skalierbare Idee, wie bei Google."

Friedman schweben modulare Strukturen vor. Siedlungen, die sich wie Einzeller oder Amöben frei kombinieren und ihre Ideen wie Erbgut austauschen können. "Bis wir ganze Staaten auf See haben, wird es Jahrzehnte dauern. Aber wir können klein anfangen und Erfahrungen sammeln." Den Anfang sollen umfunktionierte Schiffe machen, die gerade außerhalb der nationalen Gewässer eines Staates liegen, gefolgt von in seichteren Gewässern verankerten Plattformen.

Dort könnten erste Siedler das Leben auf dem Meer ausprobieren und Unternehmer testen, ob sich mit Aquakultur oder einem anderen Geschäft tatsächlich Geld verdienen lässt. "Wenn in den kommenden Jahren genügend Firmen an entsprechenden Konzepten arbeiten, können wir die Kosten pro Quadratmeter so weit senken, dass ein Domizil im Meer so viel kostet wie ein Apartment in einer Großstadt", prophezeit Friedman, nach den neuesten Berechnungen des Instituts umgerechnet zwischen 200.000 und 400.000 Euro.

Welche Regeln und Gesetze sich diese neuen Gemeinschaften geben werden, ist Friedman egal. "Ich halte mich an die Ideen meines Großvaters. Es geht darum, so viele Rechte wie möglich zu garantieren, so wenige Vorschriften wie möglich zu erlassen und den Staat so klein wie möglich zu halten. Ich habe keine Ahnung, wie man eine Gesellschaft gestaltet, in der der Staat auf Dauer klein bleibt. Es geht darum, einen Marktplatz zu schaffen, in dem tausend Modelle gedeihen. Einige werden erfolgreich sein."

Damit die Rechnung aufgeht, braucht man Kundschaft, die auf das Glücksversprechen anspringt. Wie einst die Pioniere, die gen Westen zogen. Oder jene enttäuschten Arbeiter, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren an den "kalifornischen Traum" glaubten und Los Angeles zur Millionenstadt wachsen ließen. Um den neuen Treck zu bewerben, hat Friedman einen Vertrag mit dem Verlag Simon Schuster abgeschlossen. Das populärwissenschaftliche Buch, das beschreibt, wie Meeresstädte die Welt verändern, soll kommendes Jahr erscheinen.

Zeit, aus den USA abzuhauen

Friedmans Versuchsanordnung einer neuen Demokratie zieht viele in ihren Bann; alle verfolgen dabei eigene Motive. Randell Young etwa, ein Risikokapitalist aus Newport Beach vor den Toren von Los Angeles: Er steht am Rande der Veranstaltung, zwirbelt seinen sorgfältig getönten und getrimmten Schnurrbart und sieht sich das bunte Treiben amüsiert an. "Es ist höchste Zeit, aus den USA abzuhauen, da wir uns zu einer kollektivistischen Gesellschaft entwickelt haben. Wer will noch länger in einem Staat leben, der mein Einkommen besteuert und jedes Jahr wissen will, wie viel ich verdiene? Das kann man nur unterstützen, wenn man arm ist oder Teil des Regimes", giftet der Finanzier. "Heute ist das Ticket zur Freiheit eine kleine Wohnung in Monaco, die kostet um die acht bis zwölf Millionen. Da ist ein Platz auf einem Seastead keine schlechte Alternative. Alle Menschen, denen an Freiheit und freiem Unternehmertum liegt, werden diese Idee unwiderstehlich finden." Seinen amerikanischen Pass, sagt Young, wolle er allerdings nicht abgeben. Aber vielleicht finde sich eine Geschäftsidee, in die es sich zu investieren lohne.

Interessent mit Kopftuch, auf dem Totenköpfe abgebildet sind
Was wäre ein Freistaat im Meer ohne Freibeuter? Interessent auf der Seasteading-Konferenz

Philipp Kalwies ist der einzige Deutsche, den es zur Seasteading-Konferenz verschlagen hat. Er ist seit ein paar Jahren offizieller und unentgeltlicher Botschafter der Bewegung in der Bundesrepublik, nur aus ganz anderen Gründen als Young. "Ich habe über Friedman 2003 gelesen und war von der Idee fasziniert", sagt der bekennende Anarcho-Kapitalist und Mitglied im libertären Forum Große Freiheit. Er lud Friedman im April 2009 zu einem Vortragsabend nach Hamburg ein, zu dem rund 15 Gäste erschienen. "Er hat eine Stunde geredet, wir haben ihn zwei Stunden lang ausgefragt."

Seitdem rührt Kalwies die Werbetrommel für sein Verständnis von Seasteading. "Wenn ich rede, nehme ich den libertären Kram komplett raus. Das zu erklären dauert Monate, denn die Deutschen sind so sehr dem Staatsgedanken verhaftet, dass sie sich ein Leben ohne Staat nicht vorstellen können." Stattdessen betont der Verkaufstrainer die wirtschaftlichen und technischen Aspekte. "Technisch sehe ich keine Schwierigkeiten, es ist eine Geldfrage. Beim Politischen soll sich jeder sein Lieblingsland vorstellen und es auch haben, selbst wenn jemand ein kommunistisches Seastead aufmachen will."

Für jeden etwas

Ebenso eklektisch geht Friedmans Botschafter die Frage nach dem besten Regelwerk einer schwimmenden Gemeinschaft an. "Da sollte man sich die besten Teile aus aller Welt zusammen stellen: die Verfassung, die Redefreiheit und das Recht auf Waffenbesitz aus den USA, das Bürgerliche Gesetzbuch aus Deutschland, die Unternehmensgesetze von Hongkong, das Zollsystem von Chile und die Drogengesetze aus den Niederlanden oder Portugal."

Bis 2020, glaubt Kalwies, wird es die ersten schwimmenden Ministaaten geben. Hoffentlich in der Nordsee und "lieber nicht vor der kalifornischen Küste, sonst besteht immer das Risiko einer militärischen Intervention der USA".

Was eine Neugründung namens Blueseed plant, ist für Puristen wie Kalwies nur ein fauler Kompromiss. Das im Silicon Valley beheimatete Unternehmen will ein altes Kreuzfahrtschiff zum Brutkasten für Gründer umbauen und 22 Kilometer vor der Küste Nordkaliforniens verankern. Der Standort in internationalen Gewässern hat einen Vorteil: Ein paar Hundert ausländische Tüftler könnten dort Kabinen und Arbeitsräume mieten und für Meetings per Fähre oder Hubschrauber aufs Festland übersetzen, ohne eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen zu müssen.

"Wir sind kein richtiges Seastead, sondern ein gewinnorientiertes Unternehmen. Unser Modell basiert darauf, mit den US-Behörden eng zusammenzuarbeiten, sonst geht es nicht. Aber wir sind eine Brücke auf dem Weg zur neuen Gesellschaft", sagt der Blueseed-Gründer Dario Mutabdzija. Auch er hat von Peter Thiel eine Investition in ungenannter Höhe erhalten, sucht aber weiterhin dringend nach Geldgebern, um sein auf 50 Millionen veranschlagtes Projekt bis Anfang 2014 zu realisieren.

Der Chefingenieur Petrie sieht ganz andere Probleme am Horizont, als Wagniskapital einzutreiben. "Der Gedanke, aufs Meer zu ziehen, lockt all jene an, die genügend Mittel haben, um ihren als repressiv empfundenen Regierungen zu entkommen. Sie werden viel Geld ausgeben, um solche Plattformen zu bauen und zu betreiben. Aber damit sie funktionieren, muss man jede Menge normale Menschen wie dich und mich anwerben, die dort arbeiten", sinniert der Planer.

Und beschreibt den seiner Meinung nach verhängnisvollen Haken an Patri Friedmans großer Freiheit: "Jede Gemeinschaft scheitert, weil einige die Macht an sich reißen und Regeln zu ihrem Vorteil erlassen. Genau das wird auch bei Seasteads passieren, das liegt einfach in der Natur des Menschen. Aber bis es so weit kommt und eine Siedlung mit 20.000 Bewohnern scheitert, bin ich glücklicherweise schon lange tot."

Mehr aus diesem Heft

Das gute Leben 

Tautes Heim

Vor fast 90 Jahren entwarf der Architekt Bruno Taut in Berlin-Neukölln eine Siedlung für Arbeiter: mit kleinen Wohnungen, schmalen Reihenhäuschen und bescheidener Ausstattung auf engem Raum. Trotzdem ist seine Hufeisensiedlung bis heute begehrt. Aus guten

Lesen

Das gute Leben 

Mit Erika fing alles an

Vom Insektenbekämpfer zum Fliegenretter: die erstaunliche Verwandlung des Hans-Dietrich Reckhaus.

Lesen

Idea
Read