Ausgabe 12/2012 - Schwerpunkt Das gute Leben

Gut & reichlich

Damit die Lage der Menschheit besser wird, müssen die Menschen selbst besser werden.

Leo Tolstoi

01. 
GOLDRAUSCH

Nicholas Gregory Mankiw ist ein bedeutender Mann. Unter der Präsidentschaft von George W. Bush brachte es der Harvard-Professor für einige Zeit zum obersten Wirtschaftsweisen der US-Regierung, zum Vorsitzenden des Council of Economic Advisers. Mankiws Lehrbücher sind Bestseller, ganz besonders sein "Principles of Economics" – auf Deutsch etwa "Grundzüge der Volkswirtschaftslehre" –, das zum Handgepäck angehender Ökonomen gehört. In diesem Werk findet sich eine steile These zu einer aktuellen Frage: Wie beendet man eine weltweite Wirtschaftskrise?

Die Antwort darauf findet Mankiw in den Ereignissen des Jahres 1896, als die Große Depression endete. Sie begann 1873 mit dem gewaltigen Börsenkrach, der nach Jahren scheinbar ungebremsten Wachstums und einer anhaltenden Schuldenpolitik den Industriekapitalismus erschütterte. Die Entwicklung dieser Jahre erinnert frappant an die latente Krisenstimmung unserer Zeit. Mal gibt es etwas Hoffnung, doch schon bald setzt wieder Stagnation ein. Man wurstelt sich durch. Damals jedoch packten schließlich einige beherzte Männer ihr Glück beim Schopf.

Im August 1896 brach am Klondike River in der Grenzregion von Alaska und Kanada der größte Goldrausch aller Zeiten aus. Glücksritter aus allen Nationen durchsiebten jedes noch so kleine Rinnsal in der Region. Längst nicht alle, aber viele wurden reich. Millionen Unzen Gold wurden gefunden. Sie bildeten erst die Voraussetzung dafür, dass die USA den Goldstandard einführen konnten, der für mehr als 70 Jahre ein Fundament der sich entwickelnden westlichen Wohlstandsgesellschaft wurde.
Glücksritter, so Mankiw, beendeten die erste große Krise des Kapitalismus.
Ob das noch einmal funktioniert?

02.
GLÜCKSKEKSE

Fast zeitgleich mit den Krisen der späten Nullerjahre erfuhr der Begriff Glück eine erstaunliche Neudeutung. Ursprünglich brauchte es zum Glück nicht viel mehr, als zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Es war, wie die landläufige Definition lautet, ein positiver Zufall, der da wirkte. Damit allerdings haben die unzähligen Glücksbeschreiber und -forscher wenig am Hut. Für sie ist Glück etwas anderes, nämlich ein Zustand, in dem sich der Glückliche wohlfühlt. Wer heute sein Glück sucht, wäscht kein Gold, er ist auf der Suche nach dem guten Leben. Aber was ist das überhaupt? Und lässt sich damit eine Krise beenden?

Für unsere Vorfahren um 1896 mögen Konsum und das Materielle noch Glücksbringer gewesen sein, auf deren Grundlage man ein Leben ohne Zwang und Fremdbestimmung führen konnte, ein gutes Leben also. Unter den meisten neuen Glückssuchern aber gilt das Materielle eher als Verursacher einer grauen Grundstimmung: Kaum einer der zahlreichen Ratgeber in allen Formen und Farben und auf allen Kanälen kommt zum Thema "Gutes Leben" ohne den Hinweis aus, dass weniger Konsum mehr Glück bedeute.

Dass weniger mehr ist, gilt allerdings auch für die Glückssuche selbst. Warum, erklärt der amerikanische Publizist Eric Weiner in seinem Bestseller "The Geography of Bliss" (Die Geografie des Glücks), der zu einem auch in Fachkreisen anerkannten Grundlagenwerk geworden ist. "Je mehr wir darüber reden und nachdenken, wie wir glücklich werden, desto weniger funktioniert das", so Weiner auf einer Tagung des Aspen-Instituts im Jahr 2011. "Es gilt heute allgemein als Unglück, nicht glücklich zu sein. Früher haben die Leute nicht erwartet, glücklich zu sein, das war ganz klar die Ausnahme von der Regel. Jetzt glauben aber alle, dass das persönliche Glück möglich ist, obwohl es immer noch die Ausnahme zu sein scheint", fasst Weiner zusammen.

Im Geist des britischen Denkers John Locke hatten die Väter der amerikanischen Verfassung ihre berühmte Phrase vom "Pursuit of Happiness" formuliert, die konsequent mit "Recht auf Glück" fehlübersetzt wird. Gemeint war damit eine Gesellschaft, in der jeder die Möglichkeit haben sollte, nach seinem Glück zu streben – also nach seiner Fasson, wie man damals sagte, glücklich zu werden. Von euphorischen Wallungen war dabei nie die Rede. Glückseligkeit, Happiness, Glücksgefühle – das sind und bleiben private, weitgehend geschlossene Veranstaltungen.

Das heißt allerdings nicht, dass man über die Grundlage des guten Lebens, also die Voraussetzungen des persönlichen Glücks, nicht nachdenken sollte. Erst recht nicht in Zeiten, in denen viele so tun, als wachse das Glück auf den Bäumen.

03.
EXISTENZMINIMALISMUS

Kurz vor Ausbruch des großen Goldrausches von 1896 veröffentlichte ein berühmter Vorgänger von Professor Mankiw, der englische Volkswirt Alfred Marshall, ebenfalls einen Bestseller der Volkswirtschaftslehre, und auch er trug den Titel "Principles of Economics". Marshall, bei dem unter anderem John Maynard Keynes in die Lehre ging, beschäftigte sich mit der ihm und seinem Fach eigenen Nüchternheit mit der Frage, was für die meisten Menschen seiner Zeit unter einem guten Leben zu verstehen sei. Marshall dachte über das Volk nach, die Mehrheit, die gewöhnlichen Menschen also, die immer stärker in den Fokus der Wissenschaften gerieten. Was braucht ein durchschnittlicher Arbeiter, um im Sinne des Unternehmens die "volle Leistungsfähigkeit" zu erbringen? Eine Frage, die bis heute die Gemüter des Managements bewegt.

Marshall zählt auf: Eine gute Wohnung wäre nötig, mit einigen Zimmern, "warme Kleidung (...), frisches Wasser, reichlich Getreidenahrung" und "mäßig viel Milch, Fleisch, ein wenig Tee etc." sowie auch "etwas Bildung und Erholung". Unternehmen, die ihren Mitarbeitern derlei vorenthielten, müssten sich nicht wundern, wenn die Leistungsfähigkeit ihrer Arbeiter nachlasse, so Marshall, ganz so wie "die eines Pferdes, das nicht sorgfältig gepflegt wird, oder einer Dampfmaschine, welche ungenügend gespeist wird". Und Marshall kommt zu einer berühmten Schlussfolgerung: "Jede Konsumtion bis zu dieser Grenze ist absolut produktive Konsumtion."

Das klingt in Zeiten des gefühlten Rechtsanspruchs auf Glück ein wenig herb und erinnert, falls überhaupt an etwas Gegenwärtiges, höchstens an die kalten Bestimmungen der Hartz-IV-Gesetze.

Man kann den alten Marshall aber auch anders in den herrschenden Geist unserer Zeit übersetzen, in jenen Neo-Biedermeier, in dem sich Antimaterialismus und die neue Suche nach dem Glück zu einem neuen Mainstream verdichten. Man braucht dazu nur "absolut produktive Konsumtion" durch "absolut sinnvolle" oder "moralisch richtige Konsumtion" zu ersetzen, und schon ist man mitten im Zeitgeist angelangt, in dem das gute Leben zu einer Spielart moralischer Effizienz geworden ist. Und das ist ganz und gar nicht neu.

Demnächst zeigt das ZDF die ersten Folgen der vielfach ausgezeichneten britischen Fernsehserie "Downton Abbey", in der das Schicksal der englischen Landadelsfamilie Crawley vom Jahr 1912 an beschrieben wird – gedreht nach dem brillanten Drehbuch des Oscar-Preisträgers Julian Fellowes. Zu Beginn scheint die Welt des Materialismus noch in Ordnung. Doch der Schein trügt. Spätestens mit dem Ersten Weltkrieg befindet sich das Establishment im Wertewandel. Die Jungen suchen nicht mehr nach Gütern, sondern nach Lebenssinn, und aus versnobten Landadelsgören werden aufopfernd pflegende Krankenschwestern, die dann auch noch den Chauffeur heiraten. Das Sein bestimmt das Bewusstsein nur noch beim Personal, das sich – von Butler Mister Carson abwärts - strikt auf die Bewahrung der Klassengesellschaft und der eigenen Rolle darin verlegt. Wir lernen: Die Herrschaften begehren auf, nicht die Basis. Deren Glück und gutes Leben bestehen in der Verlässlichkeit und in der Sicherheit, einen Platz in der festen Hackordnung ihrer Zeit gefunden zu haben. Das ist eine gute Lektion.

Ein Jahrhundert später würde man die jungen Crawleys zum "postmateriellen Milieu" zählen, zu den Leuten, denen Besitz, Gut und Materialismus nicht so wichtig sind – auch weil sie reichlich davon haben. Das soll die Zukunft sein, wie Politik, Kultur und Medien uns unablässig suggerieren. Daran soll sich der Rest orientieren, denn nur das ist das wirklich gute Leben. Das Problem ist jedoch: Eine allgemeine Definition kann es gar nicht geben. Wer auf der Suche nach dem guten Leben ist, der sucht immer auch nach sich selbst. Was tut mir wirklich gut?

04.
DIE FÜNF STUFEN

Davor allerdings steht die Frage: Was brauche ich? Und diese Frage bewegte den amerikanischen Sozialpsychologen Abraham Maslow, als er 1943 seine populäre Bedürfnispyramide formulierte. Auf den unteren drei Stufen finden sich als Bedürfnisse: Existenzsicherung, Sicherheit und soziale Eingebundenheit. Fast alle in der Menschheitsgeschichte gegründeten Institutionen und Gemeinschaften versuchen, diese drei Grundbedürfnisse zu befriedigen. Hier fände sich der Sozialstaat wieder, aber auch der Kapitalist im Sinne Alfred Marshalls. Zu seiner Zeit war nichts merkwürdig daran, ein Existenzminimum für arme Leute zu formulieren. Doch zum Leben gehört mehr, weiß Maslow ein halbes Jahrhundert später, als man bereits die ersten Schritte in der Konsumgesellschaft gegangen ist. Auf seiner vierten und fünften Stufe finden sich jene menschlichen Bedürfnisse wieder, die mit Geld nur schwer zu kaufen sind: Anerkennung, Respekt und ganz oben – Selbstverwirklichung. Genau darum geht es bei der Frage nach dem guten Leben.

Was ist richtig gut für mich? Was passt für mich? Was macht mich wirklich glücklich?

Bezeichnen die ersten drei Stufen, was für alle gleichermaßen gilt, beginnen darüber die persönlichen Abschnitte der menschlichen Existenz. Die ersten drei Stufen sind politisch, hier können und müssen alle miteinander verhandeln, in Gruppen, Familien, Staaten und Unternehmen. Doch eine weiter wird es privat. Was hier gut ist, lässt sich nicht mehr an Modellen und Beispielen lehren. Jeder muss es selbst herausfinden.

Damit sind viele heute gut beschäftigt. Und übersehen dabei, dass eine Pyramide, auch eine aus Bedürfnissen, ein Bauwerk ist, das ein Fundament braucht - eben die drei handfesten, materialistischen Ebenen. Sie sind die unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass die Frage nach Selbstbestimmung, Freiheit und persönlichem Glück überhaupt erst gestellt werden kann. Richtig ist immer, ausnahmslos: ohne Fressen keine Moral.

05.
DIE POSTMATERIALISTEN

Am 14. April 1912, kurz vor Mitternacht, streifte die Steuerbordseite der RMS "Titanic" einen etwa 300000 Tonnen schweren Eisberg. Am 15. April um 2.20 Uhr versank das Symbol des Materialismus im kalten Atlantik. Es ist kein Zufall, dass Julian Fellowes seine Geschichte von Downton Abbey an dem Tag beginnen lässt, an dem die Nachricht vom Unglück die Welt erreicht. Zum ersten Mal gibt es Zweifel. Die Eliten kommen ins Grübeln. Ein Wertewandel beginnt.

Die neue Frage: Was ist gut für alle? Dabei war von Glück noch nicht die Rede. Man sprach, bescheidener, von Zufriedenheit, einem ausgeglichenen Zustand, der sich aber zur dramatischen Selbstinszenierung, wie heute üblich, wenig eignet. Die Titanic brauchte weniger als drei Stunden für ihren Untergang, Werte versinken langsamer. Sie brauchen zuweilen Jahrzehnte.

1977 beschreibt der amerikanische Politologe Ronald Inglehart, was passiert, wenn das Wrack nach langem Sinken auf Grund trifft. Sein Buch zum Thema, "Die stille Revolution", macht den Begriff des Wertewandels in den westlichen Gesellschaften populär. Inglehart baut unmittelbar auf Maslows Überlegungen auf. Natürlich kommt das Fressen vor der Moral. Menschen und Gesellschaften, die materiellen Mangel leiden, versuchen diesen zunächst zu beseitigen und steigen erst dann auf die Ebene der "erhabenen" Bedürfnisse um. Dazu unterteilt er die bisherige Menschheitsgeschichte in drei große Abschnitte:

(1) die vormodernen Gesellschaften, die vom Mangel gekennzeichnet sind - und in denen die meisten Menschen täglich um ihre Existenz kämpfen,

(2) die Industriegesellschaften, die auf der Grundlage der kapitalistischen Wirtschaftsordnung diese Mangelgesellschaft beseitigen. Sie sorgen für zunehmenden Wohlstand und umfassende Sicherheit und bereiten so den Boden für

(3) die postmoderne Gesellschaft, die auf Konsum und wissensbasierten Dienstleistungen beruht. Hier ist das Versorgungslevel mit materiellen Gütern so hoch, dass die Selbstverwirklichung zum wichtigsten Ziel wird. Insofern ist die Suche nach dem guten Leben mehr als die trendige Glücksritterei unserer Tage, mehr als ein bisschen Zeitgeist, der schon wieder vorübergeht.

In den Siebzigerjahren, als Inglehart sein Modell des Wertewandels und der postmodernen Gesellschaft entwickelt, kann man die Veränderung schon greifen. Massenkonsum ist normal geworden, es wachsen Generationen heran, die materielle Not nur aus den Erzählungen der Alten kennen. Und es sind vor allen Dingen diese Kinder der Wohlhabenden, der Bessergestellten, die die materiellen Werte der Gesellschaft und deren ökonomische Basis besonders rigoros ablehnen. Natürlich ist das Selbstbetrug, aber wenn der Hunger nicht mehr plagt, kann sich jeder eine eigene Realität bauen. So kommt es, dass auch in Sachen Wertewandel die Schere zwischen Arm und Reich auseinanderklafft: Die Reichen erklären den Armen unentwegt, dass Konsum nicht glücklich macht.

06.
GLEICHBERECHTIGUNG DURCH KONSUM

Die Konsumforscherin Lucia Reisch, Professorin an der Copenhagen Business School und Gastprofessorin an der Friedrichshafener Zeppelin Universität, kennt das Thema gut. "Medial verbreitete Konsumkritik gibt es seit den frühen Siebzigerjahren", sagt sie, "aber heute schreiben selbst Wirtschaftsmedien über 'Stuff, we don't need'". Zur Grundwerteausstattung der postmateriellen Eliten in Wissenschaft, Medien und längst auch Management gehöre ein gepflegter Antimaterialismus, eine betonte Konsumkritik. Nun ist Reisch, die auch im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung sitzt, keineswegs eine blinde Konsumbefürworterin, die allem Materialistischen das Wort redet. Sie betont die Grenzen des Machbaren und berichtet von ihrem "schlechten Gewissen, wenn ich, wie so oft, ins Flugzeug steige, weil ich weiß, was das für meine persönliche Ökobilanz bedeutet". Reisch fordert seit Jahren mit Nachdruck einen "umfassenden Diskurs über die Konsumgesellschaft". Allerdings weiß sie auch, was Diskurs bedeutet, nämlich nicht, das Kind mit dem Bade auszuschütten: "Was aktuell kaum noch klar wird, ist der Unterschied zwischen einer intellektuellen Debatte und der Realität des Konsums", sagt sie. "Die postmaterialistischen Eliten erwecken den Eindruck, dass sich ohnehin alle Menschen vom Konsum distanzierten. Doch das ist einfach falsch. Wir sehen die Realität der normalen Leute gar nicht mehr – und das stört mich, auch weil dabei ein falsches Bild der Wirklichkeit rauskommt."

Das ist auch eine Haltungsfrage. Längst hat man sich an die Überlegenheitsgesten der Postmaterialisten gewöhnt, die all jene, die in Supermärkten, Shopping-Centern und Outlets nach materieller Befriedigung suchen, als "Konsumidioten" denunzieren – ganz so, wie ihre Vorfahren einst postulierten, dass die "Unterschichten" eben über keinen Geschmack verfügten. Nur: Wer den Überfluss beklagt, muss ihn erst mal kennen, und zwar so gut, dass er nichts vermisst, wenn er weniger wird. Von diesem Zustand sind die meisten Menschen auf diesem Planeten aber weit entfernt, nicht nur in Schwellen- und Entwicklungsländern, sondern auch in den Wohlstandszonen des Westens. Materielle Armut und erzwungener Konsumverzicht sind im Gefolge der Schuldenkrise Millionen Menschen wieder vertraut, nicht nur in Spanien, Griechenland und Portugal. Für die große Mehrheit der Bürger hat das gute Leben nach wie vor eine ganze Menge mit materiellem Wohlstand zu tun, mit Hülle und Fülle. Das sind die wahren 99 Prozent.

"Konsum ist eben nicht nur zuweilen ein Problem, sondern auch eine wesentliche Grundlage von Identität, Demokratie und Emanzipation", sagt Reisch. "Diese Seite kommt zu kurz. Aber wer den Konsum an sich kritisiert, muss sich auch mit diesen Fakten auseinandersetzen. Mit der Geschichte der Teilhabe beispielsweise, der Frage, was ein gutes Leben immer auch bedeutet hat: den Zugang zum Materiellen, zu Gütern."

Der breite demokratische Zugang zu Gütern und Dienstleistungen war von jeher die Grundlage aller Sozialutopien. Es ist schön, wenn Menschen eine Idee teilen, aber noch besser ist es, zuvor ein wenig Brot und Wurst zu reichen. So dachten Arbeiterbewegungen, die Konsumgenossenschaften gründeten, Gewerkschaften, deren Geschäftszweck die materielle Teilhabe ist, und Volksparteien, deren Fundament immer die Entschärfung von Interessengegensätzen durch Teil habe war. Der Industriekapitalismus war letztlich deshalb so erfolgreich, weil er aus reichend Güter für alle schaffte. Für die oberen Bedürfnisetagen allerdings kann er so wenig sorgen wie Politik und Ideologie.

Das sind die wahren Grenzen des Machbaren.

07.
SELBSTVERWIRKLICHUNG

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt im Wirtschaftswunderland Deutschland eine einfache Devise: konsumieren und Klappe halten. Das gute Leben war schnell beschrieben: essen und trinken, so viel man wollte, Ferien im Süden, ein kleines Auto, ein Häuschen vielleicht. So verdaute sich alles besser, was einem im Magen lag, auch das viele schwere Zeug aus der Nazizeit, der verlorene Krieg, die eigenen Verstrickungen, die Scham darüber, dass man sich selbst so sehr betrogen hatte. In dieser Welt verwirklichte man sich nicht selbst, sondern hielt sich lieber aus allem raus.

In dieser Welt wuchs Albert Sellner, Jahrgang 1945, auf. Der Publizist und Buchhändler wurde im tschechischen Leitmeritz geboren, ein Baby, das seine nach Kriegsende flüchtenden Eltern nach Neumarkt bei Nürnberg brachten. Dort, erinnert sich Sellner, "mochte uns keiner richtig. Wir waren eine Flüchtlingsexistenz, man war weniger als heute ein Hartz-IV-Empfänger". Doch gegen den "materiellen Mangel konnten wir ja was tun, schlimm war, dass wir nicht dazugehört haben". Er kämpft um Anerkennung, aber irgendwann, so mit 15, wendet er sich ab. Er will kein Leben ohne Respekt, eines, das im besten Fall gut genug ist.

Den Muff der Adenauer-Zeit durchbrechen zu Beginn der Sechzigerjahre Willy Brandt und John F. Kennedy, "die gaben uns viel Hoffnung". Wenig später liest Albert Sellner Marx und Hegel, beginnt ein Studium der Osteuropäischen Geschichte in Erlangen und gerät in den "Politikrausch meiner Generation, die meinte, dass sich ein besseres Leben politisch organisieren lässt". Das Jahr 1968 verbringt Sellner im Sozialistischen Deutschen Studentenbund SDS, die Notstandsgesetze der Bundesregierung radikalisieren ihn und viele andere.

Ein gutes Leben? "Das war für uns ein Ziel individualistischer Spießer. Wir wollten kein gutes Leben. Wir sahen uns als Helden. Über Geld wurde nicht gesprochen – außer schlecht, versteht sich", erinnert sich Sellner. Natürlich entstammten dabei die strammsten Klassenkämpfer den wohlhabendsten bürgerlichen Haushalten, aus denen die Apanagen für die Revolutionäre kamen. Sellner hingegen musste arbeiten gehen.

1971 gründet er mit seinen Genossen den Verlag- und Buchversand Politladen in Erlangen. Das ist unternehmerisch opportun, denn "die Leute haben sich ständig irgendwelche politischen Bücher gekauft, auch wenn sie sie meistens nicht gelesen und noch viel seltener verstanden haben. Aber Mitte der Siebzigerjahre war die Luft raus, plötzlich haben alle nur noch nach Belletristik gefragt – und die Linke wurde, wie wir das nannten, von einer 'Psychowelle' erfasst. Wir waren schwer beleidigt", sagt Albert Sellner. Die "Psychowelle" hat etwas mit der Suche nach dem Selbst zu tun, das ist zu jener Zeit politisch nicht korrekt. Sellner entschließt sich dazu, Kommunarde zu werden, er zieht aufs Land. Hier reden zu nehmend mehr Leute vom guten, vom besseren Leben, das aber nie auf Kosten anderer gehen soll. Die junge alternative Szene geht ihre ersten Schritte. Dass man sich wohlfühlen darf, ist plötzlich mehr als eine "bürgerliche Attitüde", wie es 1968 noch geheißen hatte.

Nach zwei Jahren Landkommune geht Sellner nach Frankfurt am Main, arbeitet als Journalist für das politische Satiremagazin "Pardon" und wechselt 1980 zu dem vier Jahre zuvor von Daniel Cohn-Bendit begründeten "Pflasterstrand", dem damals wichtigsten linksalternativen Medium der Bundesrepublik.

Von hier aus machte sich eine ganze Generation von Künstlern, Publizisten und Politikern auf, um nach dem guten Leben zu suchen.

Das war nicht einfach, sondern extrem kompliziert, erinnert sich Sellner, "und vor allen Dingen ganz anders als 68, wo immer schwarz-weiß gedacht und gleich die Systemfrage gestellt wurde. Wir wussten nicht alles, aber immerhin so viel, dass es nicht genügt, wenn man sich ständig im Kollektiv die vorgefasste Meinung bestätigt. ,Gut' war jetzt die Lösung für den Einzelnen, das war interessant und richtig. Wir haben damals verstanden, dass das gute Leben eine Suche nach dem ist, was einem entspricht, was einem guttut, und dafür gibt es keine Rezepte. Man muss das selber machen."

Darum, sagt Sellner, heiße das Ding ja auch Selbstverwirklichung. Und die sei, auch wenn man letztlich wie er "in seiner Kultur und in seiner Zeit glücklich gelandet" sei, ein schwieriges, ein hartes, ein ungewisses Unternehmen.

08.
MORALFORSCHUNG STATT GLÜCKSFORSCHUNG

Sellner teilt die Einsicht, dass sich das Materielle und das Selbst in der Praxis so schwer auf einen Nenner bringen lassen, mit vielen seiner Generation. Die ganze Suche nach dem Glück ist möglicherweise nichts anderes als der Versuch, die Widersprüche auf diesem Weg zu umschiffen.

Vielleicht ist auch einfach der polarisierende, rigorose Begriff der Postmaterialisten daran schuld. Wieder so ein Wort, das kein Sowohl-als-auch kennt, sondern nur Gegensätze. Und vielleicht liegt der gefühlte Widerspruch zwischen einem guten Leben in Wohlstand und dem, was man für Glück hält, schlicht daran, dass unsere Moral von gestern ist. Das vermutet Professor Karl Homann, der Doyen unter den deutschen Wirtschaftsethikern: "Für ein gutes Leben", sagt er, "ist wirtschaftlicher Wohlstand notwendig - aber nicht hinreichend."

Der Gesellschaft aber sei es bis heute nicht gelungen, eine hinreichende Ethik zu formulieren, mit der sich die alten Widersprüche – hier das gute Leben, dort der schnöde Mammon, hier geistig, dort materiell – zu etwas Besserem auflösen ließen. Das sei zunehmend gefährlich, wie Homann meint: "Das ist wie bei einem Eisberg. Oben ist die Moral, die kann man sehen. Aber unterm Wasser, unsichtbar, ist die Ökonomie." Wenn die wegschmilzt, ist auch die Moral perdu. Nach Homanns Überzeugung wollen wir das Falsche: "Alle unsere Modelle vom guten Leben sind ethische Modelle von vorgestern. Sie stammen aus einer vormodernen Gesellschaft, die kein Wirtschaftswachstum kannte. Das war eine Nullsummengesellschaft, die für die allermeisten Menschen gar keine Entwicklungsmöglichkeiten bot. Aber wo die Marktwirtschaft die materiellen Möglichkeiten so grundlegend verändert hat, ist alles anders. Unsere Gesellschaft spielt Nichtnullsummenspiele. Die normative Kritik an der Marktwirtschaft, die so normal zu sein scheint, zeigt uns, dass wir die Veränderungen bis heute nicht verstanden haben."

So wird nichts gut, fürchtet Karl Homann, sondern nur der ohnehin tiefe Graben zwischen alter Moral und neuer materieller Fülle tiefer. Wir müssten, sagt er, einfach die Kraft haben, den nächsten Treppenabsatz zu nehmen, zu tun, wozu uns die Marktwirtschaft die Mittel gegeben hat, also weiter nach oben steigen, zum Sinn und damit zu uns selbst. Dazu müsse man aber erst einmal aufhören, die Grundlagen unserer Erfolge, das Materielle, schlechtzumachen und damit, wie Homann sagt, "den Ast abzusägen, auf dem jede Verbesserung der Menschheit stattfindet. Die ethische Devise für ein gutes Leben ist ganz einfach: Verbesserung und Vollendung der Markt wirtschaft zum Wohle aller. Ethik braucht nicht weniger Markt, sondern mehr Markt, einen besseren Markt."

Das ist kein Glücksrezept. Und vielleicht gerade deshalb der neue Goldstandard.

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