Ausgabe 12/2012 - Schwerpunkt Das gute Leben

Poetry Foundation in Chicago

Gedichte für alle!

• Als wir uns im Winter 2003 in Downtown Chicago trafen, um darüber zu sprechen, wie die bis dahin mittellose Poetry Foundation eine Schenkung von 100 Millionen Dollar verkraften könne, hatte John Barr gerade seinen Job bei Société Générale gekündigt (siehe brand eins 05/2004). Er war von New York nach Chicago gezogen, um der Stiftung mit ihren vier Angestellten als Präsident vorzustehen. Barr, der eine Karriere als Investmentbanker hinter sich (damals war so ein Lebenslauf nicht verpönt wie heute) und sechs Bände mit eigenen Gedichten verfasst hatte, sagte: „30 Jahre war ich an der Wall Street – nun sieht es aus, als hätte ich mein Leben lang für diesen Job trainiert.“

Im Winter 2003 hatte der Teppich in Barrs Büro Flecken wie der Boden einer Autowerkstatt. Die Regale, die vom Sperrmüll stammten, bogen sich unter der Last der Manuskripte, und in einer Ecke lagen Barrs zwei Chihuahuas, die inzwischen verstorben sind. Die Poetry Foundation hatte kurz zuvor bekannt gegeben, dass Ruth Lilly, Erbin des Pharma-Konzerns Eli Lilly, der Stiftung einen Teil ihres Vermögens überschreiben würde. Sofort. Ohne Vorgaben oder Beschränkungen.

Beim Wiedersehen im Herbst 2012 sitzt John Barr am Konferenztisch seines Büros – der hellgraue Teppich fleckenfrei – und blickt durch ein Fenster hinunter in das Foyer des Poetry Foundation Building und in den kleinen Garten, den der Architekt John Ronan im Vorhof arrangiert hat. Ein paar Blocks vom alten Büro entfernt eröffnete das Gebäude im Sommer 2011 rechtzeitig zum hundertjährigen Jubiläum der Stiftung – Kostenpunkt inklusive Grundstück: 21,5 Millionen Dollar.

Selbstverständlich meldeten sich während des Baus dieselben Skeptiker zu Wort, die schon vor neun Jahren meinten, dass Geld und Poesie natürliche Feinde seien. Peter Minarik etwa, ein ehemaliger Treuhänder der Stiftung, der 2004 abtrat, weil ihm der neue Kurs missfiel: „Das Haus ist nichts als ein Monument für John Barr.“

Ruth Lilly hingegen, die 2010 im Alter von 94 Jahren verstarb und sich nie zu ihren Motiven für die Schenkung geäußert hat (es ist lediglich bekannt, dass sie Gedichte an die Stiftungs-Zeitschrift »Poetry« schickte, die regelmäßig abgelehnt wurden), wäre ganz sicher glücklich über den Bau. Er ist ein Monument ihrer Großzügigkeit, wie die Widmung am Eingang erklärt.

Unmöglich, nicht begeistert zu sein von dem Gebäude, das Zentrum aller Aktivitäten der Stiftung sein wird und der gesamten Dichtkunst als Zuhause dienen soll. „Soweit ich weiß, ist dieses Projekt einmalig auf der Welt“, sagt Barr. „Ein Haus, das entworfen wurde, um die Poesie zu repräsentieren, gab es noch nie.“ Außerdem löst das Haus sehr elegant alle Platzprobleme der Stiftung. Es gewann 2012 den Ehrenpreis des American Institute of Architects für den besten Neubau.

Vor acht Jahren hatte die Nachricht vom Geschenk in der Dichterszene für Aufregung gesorgt und eine Mischung aus Unverständnis, Neid und Sorge provoziert. Sollte dieses Geschenk, das jede Dimension sprengte, die Natur der Poesie als antikommerzielle Kunstform zerstören? Auch die Belegschaft war überfordert. Bis dahin war sie fast ausschließlich damit beschäftigt gewesen, "Poetry" zu verlegen. Ein Heft, das seit 1912 Schriftsteller wie Robert Frost, T. S. Eliot und Carl Sandburg entdeckt hatte.

Der Dichter A. R. Ammons erklärte einst, "die Geschichte der modernen Poesie in Amerika und "Poetry" sind untrennbar miteinander verbunden". Doch am Ende des Monats stand immer die Frage, wo man das Geld für die Stromrechnung auftreibt. Was sollten die Redakteure und Hobbydichter mit dem plötzlichen Reichtum anstellen – außer neue Möbel zu bestellen?

Wer vom Garten ins Foyer des Gebäudes tritt, entdeckt auf der rechten Seite die Bibliothek mit 35000 Bänden, die bislang in Lagerhäusern verstaut waren. Nun schmökern Schulkinder und Besucher in den Büchern. Bibliothekarin Katherine Litwin verfügt über ein Budget, um rare Exemplare aufzukaufen und beschädigte zu restaurieren. "Ich habe hier den Job, von dem jede meiner Kolleginnen auf der Welt träumt", sagt sie.

Auf der gegenüberliegenden Seite liegt das Auditorium mit 125 Plätzen. Ein ausgeklügeltes System mit mehr als 100 Mikrofonen und Lautsprechern gewährleistet, dass die Stimme des lesenden Dichters in jeder Ecke des Raumes in originaler Lautstärke zu hören ist. "Ein fantastisches Hörerlebnis", sagt die Medienbeauftragte Stephanie Hlywak. Und weist auf die Stühle hin, die so gestaltet sind, dass beim Verrücken kein Geräusch entsteht. "Natürlich sind die Fenster dreifach verglast, damit der Autolärm nicht eindringt", sagt sie.

Im Obergeschoss stehen die Schreibtische der rund 25 Angestellten, die von ihren Gehältern leben können und krankenversichert sind. So stellt man sich das Büro eines überfinanzierten Start-ups im Silicon Valley vor: weiße Möbel, ergonomische Stühle, Apple-Computer der neuesten Generation und eine schicke Küche. Viele sehr junge, sehr gut gekleidete Mitarbeiter sitzen hier. Was machen die alle?

Wenn John Barr darüber redet, was in den vergangenen neun Jahren passiert ist, spricht er von "dem Experiment". Es ist einmalig, eines, das den Lauf der Literaturgeschichte verändern könnte und mit einer Frage am besten zusammengefasst ist: Kann eine kleine Stiftung mit viel Geld eine Kunstform vom Rand der öffentlichen Wahrnehmung in ihr Zentrum rücken?

Die Antwort ist kompliziert.

John Barr scheint dieses Experiment zu genießen, denn er feiert zwar bald 70. Geburtstag, gealtert scheint er jedoch nicht. Trotz vieler Anfeindungen und Kontroversen. Trotz eines langen, gehässigen Porträts im Magazin "New Yorker", das ihn als konservativen Funktionär darstellt, der unter der Woche die amerikanische Poesie vermarktet wie eine neue Brause und am Wochenende in seine 15-Zimmer-Villa in Connecticut jettet.

Die Autorin Dana Goodyear, eine von "Poetry" gedruckte Dichterin, hatte sich provoziert gefühlt von einem Essay Barrs. Der Aufsatz kritisierte, die amerikanische Dichtung existiere nur im Getto der Literatur-Fakultäten, beschäftige sich mit sich selbst und sei einem größeren Publikum vollkommen egal. "Poesie in Amerika", so schrieb Barr, "hat schlechte Laune." Und riet den Dichtern, ein Leben zu führen wie Hemingway: raus aus der Sicherheit, die die Universität bietet, rein in die reale Welt, wo das Abenteuer lauert. Nur mit relevanten Themen könne man das Publikum erreichen.

"Na ja, die hitzige Reaktion auf mein Essay bestätigt doch, dass ich nicht ganz falsch lag", sagt Barr. Sein Lächeln sagt: Wir sind mächtig stolz auf unsere Arbeit und sprechen gern darüber. In dem Chaos von vor neun Jahren wirkte die teure Tweed-Jacke fehl am Platz - zu grauem Teppich und weißen Möbeln passt sie perfekt.

Raus aus dem Getto

Die Zahlen lässt er von Stephanie Hlywak - Mitte 30, Typ umtriebige Literaturagentin – vortragen, die neben ihm sitzt. "Denn Stephanie hat die Medienstrategie maßgeblich entworfen." Ihre Zahlen klingen beeindruckend. Als das Erbe überwiesen wurde, bestand das Publikum der Poetry Foundation aus den 11000 Abonnenten des Magazins "Poetry". Im Jahr 2012 wird die Stiftung mit ihren Medienpartnern in Fernsehen, Radio und Print etwa 30 Millionen Menschen erreichen und dazu bewegen, ein Gedicht zu lesen oder zu hören. 500000 Menschen haben innerhalb weniger Monate eine kostenlose App der Website poetryfoundation.org geladen, die ihnen den Zugriff auf Zehntausende Gedichte aus der Datenbank der Stiftung erlaubt.

Für das Experiment mit der Poetry Foundation musste John Barr zunächst die Finanzierung sichern. Sein Talent als Banker sollte sich für die Stiftung schnell auszahlen. Er und der Aufsichtsrat reichten die Schenkung an drei Fonds weiter, deren konservative Investments sie streng kontrollieren. Das Stiftungsvermögen verdoppelte sich trotz der Finanzkrise auf mehr als 200 Millionen Dollar und ermöglicht der Stiftung heute ein jährliches Budget von acht bis neun Millionen Dollar.

Der nächste Schritt bestand darin, herausfinden, wer die Probanden dieses Experiments sind. Im Jahr 2005 beauftragte die Stiftung Wissenschaftler der Universität Chicago mit einer repräsentativen Umfrage. Bis dahin hatten keine wissenschaftlichen Studien über das Verhältnis der Amerikaner zur Dichtkunst vorgelegen. Einige Erkenntnisse entsprachen den Erwartungen: dass mehr Frauen als Männer Gedichte lesen oder dass Poesie im Leben von Afroamerikanern eine wichtigere Rolle spielt als bei Weißen oder Asiaten.

Aber einige Zahlen überraschten Barr und seine Kollegen: dass zwei Drittel der Befragten mehr Gedichte lesen wollen; dass 80 Prozent aller regelmäßigen Leser im Kindesalter Gedichte lieben lernten; dass 99 Prozent der Befragten sich freuen, wenn sie zufällig ein Gedicht im Radio hören; dass beinahe ebenso viele Menschen glauben, Gedichte würden die Lebensqualität erhöhen; dass die Leser von Gedichten fast proportional aus allen Bildungs- und Einkommensschichten stammen. "In einem Satz", so Barr: "Unser potenzielles Publikum ist riesig und wartet nur darauf, dass wir es ansprechen."

Den Leitgedanken für das Experiment lieferte Harriet Monroe, die Gründerin des Magazins "Poetry", als sie 1912 schrieb: "Möge die offene Tür die Politik unseres Magazins sein – möge der Poet sie niemals verschlossen oder halb verschlossen vorfinden. Wir sollen den besten Vers der heutigen Poesie drucken, unabhängig von seiner Herkunft, Form, Schule, Theorie." Hundert Jahre später kann eine Organisation wie die Poetry Foundation sich nicht darauf beschränken, Worte auf Papier zu drucken. Sie muss Monroes Maxime multimedial denken.

Das intellektuelle Aushängeschild der Stiftung bleibt das Magazin, dessen Chefredakteur Christian Wiman, 46, fast zeitgleich mit Barr antrat. "Unser Alltag hat sich nicht grundlegend geändert", sagt Wiman. "Mal abgesehen von dem schalltoten Raum, in dem wir unsere Podcasts aufzeichnen. Früher mussten wir bei jedem Sirenengeheul von draußen unterbrechen."

Sechs Redakteure lesen die eingeschickten Gedichte, mehr als 100.000 im Jahr. Für 300 hat das Magazin in einem Jahrgang Platz. Der Chefredakteur ist bekannt dafür, keine Rücksicht auf große Namen zu nehmen. Kommt schon mal vor, dass ein berühmter Autor anruft und mit Prügel droht, weil er nicht gedruckt wurde.

Wiman konnte mit seinem Stil die Auflage des Magazins fast verdreifachen, doch was noch wichtiger ist: Er steigerte das Ansehen der Publikation. Selbst die Konkurrenz liebt "Poetry". Alice Quinn von der Poetry Society Of America sagt: "Wenn das Heft kommt, lese ich es sofort. Das ist das größtmögliche Lob."

Von der Glaubwürdigkeit des Magazins profitieren die fünf anderen Programme, die Teil des Experiments sind. Zum Beispiel das Poetry Institute, in dem Dichter aus aller Welt zusammenkommen, um Theorien zur Lyrik zu diskutieren. Oder die sieben Auszeichnungen, die vergeben werden, um möglichst vielen Dichtern zu helfen. Darunter der Ruth Lilly Poetry Prize (100.000 Dollar) für das Lebenswerk eines amerikanischen Autors oder der Neglected Masters Award (50.000 Dollar) für Poeten, deren Werk bislang nicht hinreichend gewürdigt wurde. Die Stiftung verteilt auch Dutzende Stipendien an junge Schriftsteller.

Ohne das tadellose Image des Magazins hätte Stephanie Hlywak wohl auch nicht ihre erfolgreichen Medienpartnerschaften einfädeln können. Das öffentliche National Public Radio (NPR) sendet täglich Programme, in denen Gedichte vorgelesen werden, und eine Fernsehstation produziert eine Dokumentar-Serie zur zeitgenössischen Dichtung. Über einen Verteiler schickt die Stiftung Gedichte an Hunderte Tageszeitungen – die die Verse mit abdrucken. Und der Bezahlsender HBO stellte mithilfe der Poetry Foundation ein preisgekröntes TV-Kinderprogramm her.

Und immer an den Leser denken

Diese Medienpartnerschaften, die unverhohlen darauf abzielen, die Reichweite der Poesie zu erhöhen, die in Kauf nehmen, ein Publikum anzusprechen, das sich nur kurz und oberflächlich mit dem Text beschäftigt, können Puristen kaum ertragen. Zumal sich hier eine Organisation kraft ihres Budgets aufschwingt, für eine komplette Kunstform zu sprechen. David Fenza, Direktor der Association of Writers Writing Programs, sagt: "Lyrik den Gesetzen der Ökonomie auszusetzen und sie im Stile einer Kampagne zu vermarkten, scheint mir ein krasser Verstoß zu sein gegen die Natur der Lyrik." Und J. D. McClatchy, Dichter und Chefredakteur der "Yale Review": "Wenn man Dichtung verständlicher macht, wird sie dann auch besser? Hilft sie dann noch dem Leser? Nein, denn Dichtung soll das Leben der Leute verkomplizieren, nicht vereinfachen. Sie soll keine freundliche Ablenkung bieten. Die Foundation will Poesie scheinbar vermarkten, als sei sie ein neuer Frühstücksbrei."

"Das ist natürlich nicht wahr", entgegnet Barr. "Wir versuchen, Menschen für Poesie zu begeistern, die bislang noch nicht wussten, wie viel Freude und Weisheit sie ihnen schenken kann. Wir zielen nicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Wir versuchen, einen langen Prozess zu starten, der vielleicht 10 oder 20 Jahre dauert und die Basis für diese Kunstform erweitert."

Ein Projekt, das selbst die strengsten Verfechter der reinen Lehre begeistert, heißt "Poetry Out Loud". Nach dem Vorbild der "Spelling-Bee"-Buchstabierwettbewerbe ermittelt jeder Bundesstaat einen Schüler, der am besten Gedichte rezitiert. Die 50 Sieger lädt die Stiftung nach Washington ein, um den Landesmeister zu ermitteln. 2012 nahmen fast 400000 Jugendliche da ran teil. "Diese Veranstaltung ist langfristig betrachtet wohl der wichtigste Teil unseres Experiments", sagt Barr, "denn hier werden wir im Laufe der Jahre einige Millionen neue Leser finden."

Manchmal aber geht es nicht darum, ein Millionenpublikum zu erschließen. Manchmal dürfen die Leute in der Stiftung einfach nur ein mutiges Projekt umsetzen - weil sie es sich leisten können. Christian Wiman wird demnächst eine Dichterin und einen Fotografen nach Afghanistan schicken. Auftrag: Sie sollen die Kriegsgedichte afghanischer Frauen mitbringen, die häufig in Versform kommunizieren. Eine Geschichte, die in dieser Form wohl keine andere Publikation wagen oder finanzieren würde. Wiman hat für Anfang 2013 eine Ausgabe nur für die Afghaninnen reserviert. Auf dieses Heft freuen sich bereits alle Mitarbeiter der Poetry Foundation und denken: vielen Dank, Ruth Lilly!

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