Ausgabe 12/2012 - Schwerpunkt Das gute Leben

Ein-Kind-Politik

Chinas schwarze Kinder

• Für ein Kind, das eigentlich gar nicht existiert, ist Wang Bochao ganz schön lebhaft. Juchzend kickt er seinen Fußball durch die Wohnung, von der Küche zur Couchecke und zurück, immer wieder, bis der Großvater aus seinem Zimmer kommt und ihm einen strengen Blick zuwirft. Artig zieht sich der Vierjährige aufs Sofa zurück und schaltet den Fernseher an. Blecherne Trickfilmstimmen plärren durch den Raum. "Stell den Ton leiser, sonst kommt Opa gleich wieder", ruft seine Mutter. Doch was kümmert ihn die Lärmempfindlichkeit der Erwachsenen?

Wang Bochao lebt in einer Neubausiedlung am Stadtrand von Peking. Dort hat seine Familie vor einigen Jahren im Tausch für ihr Ackerland, das einer Autobahn weichen musste, eine Hochhauswohnung zugewiesen bekommen. Er ist ein Kind wie Millionen andere in China: aufgeweckt, liebenswert, anstrengend – und illegal. Denn er ist das zweite Kind seiner Eltern und hätte nach Auffassung der örtlichen Familienplanungsbehörde nie das Licht der Welt erblicken dürfen. Mit seiner Geburt habe die Familie gegen die Ein-Kind-Politik verstoßen, sagen die Beamten. Und wenn seine Eltern erwidern, dass Chinas Gesetz Landbewohnern wie ihnen durchaus ein zweites Kind erlaube, schalten sie auf Durchzug. Bochaos Existenz wollen sie erst anerkennen, wenn die Familie die sogenannte Gesellschaftsversorgungsgebühr bezahlt, eine Art Entschädigung für die Kosten, die er der Gemeinschaft verursacht. "Sie verlangen 143.850 Yuan", sagt seine Mutter Feng Yajie in einem Ton, als habe man sie aufgefordert zu fliegen. Feng und ihr Mann arbeiten in einem Kaufhauslager, und 143.850 Yuan (18.000 Euro) entsprechen etwa zwei Jahreseinkommen. Doch bevor die Familie das Geld nicht aufbringt, hat ihr Sohn kein Anrecht auf einen öffentlichen Kindergarten- oder Schulplatz, bekommt keine Krankenversicherung und schon gar keinen Personalausweis. Er lebt staatenlos im eigenen Land.

Schatten von zwei Personen auf dem Asphalt

Seit fast 34 Jahren ist die Ein-Kind-Politik der Stoff, aus dem chinesische Familiendramen gemacht sind. Eingeführt, um Chinas rapides Bevölkerungswachstum zu bremsen und die knappen Ressourcen an Ackerland und Rohstoffen zu schonen, hat sich die Geburtenplanung als umstrittenstes demografisches Experiment der Menschheitsgeschichte erwiesen. Deng Xiaoping rühmte es einst als "Zeichen des höchsten Humanismus", und die Pekinger Regierung rechnet vor, dass China ohne die Geburtenbeschränkung heute 400 Millionen Menschen mehr versorgen müsste. Kritiker halten dem entgegen, dass die Ein-Kind-Politik die Alterung der Gesellschaft beschleunige und das Verhältnis der Geschlechter aus dem Gleichgewicht gebracht habe.

Doch vor allem ist es die menschliche Tragweite, die das Unterfangen unheimlich erscheinen lässt. Das bessere Leben, das die Geburtenplanung verspreche, sei mit Millionen schlechteren Leben erkauft, kritisieren Menschenrechtsaktivisten. Denn durchzusetzen sei die Politik nur mit den Mitteln eines autoritären Staates, der seine Methoden nicht zur Debatte stellen muss. Unzählige Frauen werden zu Abtreibungen oder Sterilisationen gezwungen. Wo die Schwangerschaftspolizei nicht rechtzeitig interveniert, werden Familien ihrer Existenz beraubt, indem sie horrende Bußgelder zahlen oder ihr gesamtes Hab und Gut abgeben müssen. Und ihre Kinder werden gleich mitbestraft, indem der Staat ihnen die Bürgerrechte verweigert. "Hei Haizi" werden die verbotenen Zweit- oder Dritt-Kinder deshalb genannt: "schwarze Kinder".

"Wenn wir das Strafgeld nicht irgendwo auftreiben können, wird Bochao ein Leben lang benachteiligt sein", sagt Feng Yajie. Während die Nachbarskinder in einen gut ausgestatteten staatlichen Kindergarten mit Spielplatz und Englischfrüherziehung gehen, verbringt ihr Sohn die Tage zu Hause mit seinem Großvater. Wirklich schwierig wird es, wenn Bochao in zwei Jahren ins Schulalter kommt. Die öffentliche Schule, die seine ältere Schwester besucht, würde ihn zwar aufnehmen, aber nur gegen hohe Gebühren, die sich das Ehepaar kaum leisten kann – zumal, wenn es Geld sparen will, um seinen Sohn eines Tages zu legalisieren.

Die billigere Alternative wäre eine private Wanderarbeiterschule, doch die ist schlecht ausgestattet und staatlich nicht anerkannt. Im scharfen chinesischen Bildungswettbewerb könnte Bochao mit einer solchen Ausbildung nicht mithalten. "Die Situation bringt uns alle zur Verzweiflung", gesteht Feng. Ihre Eltern seien beide krank geworden, und sie selbst leide unter Schlafstörungen. "Wir versuchen, unsere Sorgen von den Kindern fernzuhalten, aber es fällt uns schwer, fröhlich und optimistisch zu sein."

Wie viele Mütter Fengs Kummer teilen, ist unklar, doch es dürften Millionen sein. Chinas jüngste Volkszählung im Jahr 2010 ergab, dass 13 Millionen Chinesen nicht staatlich registriert sind. Die öffentlich zugänglichen Daten enthalten zwar keine Angaben über die Gründe, doch chinesischen Experten zufolge handelt es sich dabei überwiegend um schwarze Kinder. "Wahrscheinlich sind es in Wirklichkeit noch mehr, denn viele werden versucht haben, sich vor den Volkszählern zu verstecken", sagt der Bevölkerungsforscher Liang Zhongtang, ehemaliges Mitglied der Pekinger Kommission für nationale Bevölkerungs- und Familienplanung.

13 Millionen Illegale: Das entspricht einem Prozent der chinesischen Bevölkerung oder in etwa der Einwohnerzahl von Bayern. Ohne Papiere haben sie in China kaum Chancen auf eine gute Ausbildung und später auf eine feste Arbeit. Wenn ihre Familien es sich nicht leisten können, ihre schwarzen Nachkommen zu legalisieren, haften die Kinder für ihre Eltern.

Manchmal hilft höhere Gewalt

Auch Wen Qiang hätte nie zur Welt kommen sollen. Ein Unwetter rettete ihm das Leben. "Meine Mutter war im neunten Monat mit mir schwanger, als sie von der Familienbehörde entdeckt wurde", erzählt der 25-jährige Bauernsohn aus der zentralchinesischen Provinz Hunan. Die Beamten hätten sie mit Gewalt in ein Auto gezerrt und zur Zwangsabtreibung ins Krankenhaus fahren wollen, doch ein Gewitter habe die Bergstraßen unbefahrbar gemacht. Vor Aufregung hätten bei seiner Mutter die Wehen eingesetzt, und so sei er doch noch lebend geboren worden. Wen ist das dritte Kind seiner Eltern.

"Ich habe zwei ältere Schwestern, und meine Eltern wollten unbedingt noch einen Jungen", sagt er. "Bauern wünschen sich eben unbedingt einen Sohn, der einmal den Hof übernehmen kann." Zur Strafe konfiszierte das Parteikomitee des Dorfes das gesamte Mobiliar der Familie. Viel gab es nicht zu holen: einen Tisch, einige Hocker und ein selbst gezimmertes Bett.

Von seinem Status bekam Wen zunächst nicht viel mit. Zwar hänselten ihn seine Schwestern mit dem Spitznamen "schwarzes Brüderchen", doch dafür war er als Sohn der Liebling seines Vaters und der Großeltern. Da die Familie gute Beziehungen zu den örtlichen Kadern pflegte und ihnen regelmäßig Schnaps und Zigaretten zukommen ließ, durfte der Junge die örtliche Schule besuchen. Doch obwohl er zu den Klassenbesten gehörte, blieb ihm der Weg auf eine bessere Schule in der Kreisstadt verwehrt. "Alle Lehrer haben mich mitleidig angeschaut", erinnert er sich. "Ich war ein Kind zweiter Klasse."

Erst als er 14 war, hatten seine Eltern genug Geld gespart, um ihr Bußgeld zu bezahlen und ihm eine offizielle Meldebescheinigung zu besorgen. Einige Jahre früher hätte er womöglich noch eine Chance gehabt, im städtischen Schulsystem Fuß zu fassen und die Universitätsaufnahmeprüfung zu schaffen, doch so blieb ihm nur der Weg auf die Berufsschule, was in China allgemein als minderwertige Ausbildung angesehen wird. Heute arbeitet er in einem Reisebüro. "Manchmal denke ich darüber nach, was hätte werden können, wenn ich kein schwarzes Kind gewesen wäre", sagt Wen. "Aber dann verdränge ich den Gedanken lieber schnell wieder."

In einem freien Land hätten die schwarzen Kinder und ihre Eltern wohl längst Interessenvereinigungen und Internetplattformen gegründet, um sich gegen die Diskriminierung zu wehren. Doch da ihr Problem an die Wurzeln von Chinas politischem System rührt, trauen sich in der Volksrepublik nur wenige, öffentlich darüber zu sprechen. Zu groß ist die Gefahr, sich mit einem Machtapparat anzulegen, der bei der Verteidigung seiner Autorität nicht nach Recht und Gesetz fragt.

Einer der wenigen Mutigen ist Yang Zhizhu, Jura-Professor an der Pekinger Universität für politische Wissenschaften des Parteijugendverbandes. Der 46-Jährige hat selbst zwei Kinder und in einem spektakulären Gerichtsprozess versucht, für seine jüngere Tochter einen Personalausweis zu erstreiten. "Ich ahnte natürlich, dass ich nicht gewinnen würde", sagt er. "Aber jemand musste es einfach mal versuchen."

Ehepaar Yang mit beiden Töchtern
Ungewöhnliche Familie: Die Yangs sind zu viert.

Herr Yang fordert den Staat heraus

Der Professor lebt mit seiner Familie in einer engen Wohnung auf dem Universitätscampus. Die Möbel sind alt und abgenutzt, die Wände mit Kinderkritzeleien bemalt. Durch die undichten Fenster zieht kalt der Herbstwind. Yang spricht laut und in schnellen Salven, wie ein Mann, dessen Nerven der Wut und Enttäuschung der vergangenen Jahre nicht standgehalten haben. Er sei schon immer gegen die Geburtenplanung gewesen, erzählt er. 1990, noch als Student, habe er seinen ersten Artikel zu dem Thema verfasst. Damals argumentierte er, dass die Ein-Kind-Politik gleich doppelt unmenschlich sei: Erstens hätten nicht nur Eltern ein Recht auf Kinder, sondern auch Kinder ein Recht auf Geschwister. Zweitens lasse sich die Regelung nur mithilfe von Grausamkeiten umsetzen, die mit der chinesischen Verfassung unvereinbar seien. Der Text wurde nie gedruckt.

Yangs Kampf mit dem System begann 2009, kurz nach der Geburt seiner zweiten Tochter. Er wusste, was ihm bevorstand, und er wusste, wie er darauf reagieren wollte. "Die Universität entzog mir umgehend die Unterrichtserlaubnis und stoppte meine Gehaltszahlungen", erzählt er. Als Dozent müsse er ein gesellschaftliches Vorbild sein, hielt ihm die Familienbeauftragte der Hochschule vor. Wenn er seinen Status wiedererlangen wolle, müsse er zunächst sein Kind legalisieren und dafür 240642 Yuan (29000 Euro) bezahlen. Yang zog vor Gericht: Mit welchem Recht könne der Staat ein Kind für die Vergehen seiner Eltern bestrafen, klagte er.

Seitdem der blinde Aktivist Chen Guangcheng im Jahr 2005 gegen Zwangssterilisierungen vor Gericht gezogen war und letztlich selbst im Gefängnis landete, hatte es niemand mehr gewagt, die Familienpolitik in aller Öffentlichkeit herauszufordern. In Internetforen sorgte der Prozess prompt für Aufsehen. Kommentatoren verglichen Yang abwechselnd mit dem biblischen David, der sich mutig gegen den Riesen Goliath stellt, und dem traurigen Don Quijote, der verzweifelt gegen Windmühlen kämpft. Ein Held war er für beide Seiten.

Yang verstand es, seine Popularität zu nutzen. Per Mikroblog berichtete er über den Prozessverlauf, Hunderttausende lasen mit. Ohne diese Berühmtheit hätte die Regierung es wohl kaum zugelassen, dass der Rechtsprofessor über zwei Jahre und drei Instanzen gegen sie zu Felde zog, doch schließlich war ihre Geduld am Ende. Die Familienpolizei hatte längst herausgefunden, dass Yangs Frau, die lange für ein großes Unternehmen gearbeitet hatte, ausreichend Geld auf dem Konto hatte, um die Gesellschaftsversorgungsgebühr zu bezahlen. Im April 2012 wurde das Geld eingezogen. "Einige Tage später klopfte ein Beamter an unsere Tür und übergab uns einen Personalausweis", erzählt Yang. "Unsere Tochter ist wohl das erste Kind in China, das zwangslegalisiert worden ist." Auf Druck der Universität verzichtete Yang schließlich auf eine erneute Klage. Seitdem bekommt er wieder sein Gehalt, nur unterrichten darf er noch immer nicht.

Mutter und Tochter im Kinderzimmer
Professor Yangs Ehefrau musste für ihre jüngere Tochter Strafe zahlen

Vor dem Gesetz sind alle ungleich

Dass Peking bei der Ein-Kind-Politik keine Kompromisse macht, sagt viel über das chinesische Regierungssystem aus, meint der 64-jährige Bevölkerungsforscher Liang Zhongtang. "Es geht längst nicht mehr nur um Demografie, sondern um Macht." Jahrelang gehörte er zum Kommandostab der Geburtenkontrolle, doch inzwischen ist er einer ihrer Kritiker. Die Politik sei schon von Mao Zedong auf den Weg gebracht worden und der Versuch gewesen, Chinas Probleme mit einem einzigen großen Wurf zu lösen. Wohl kein Gesetz in der Geschichte der Volksrepublik sei mit größerer Konsequenz durchgesetzt worden. "Mit der Geburtenplanung hat der Staat seinen Bürgern gezeigt, wie stark er ist." Doch gerade deshalb mag es der Regierung heute schwerfallen, ihre Politik zu ändern und etwa eine Amnestie für schwarze Kinder zu erlassen, die in China inzwischen immer häufiger gefordert wird. Schließlich kann die Partei schwer zugeben, dass sie ihren Bürgern in der Vergangenheit womöglich Unrecht getan hat.

"Bei den Regeln gab es von Anfang an viel Willkür", sagt Liang. Gesteuert wurde die Geburtenpolitik durch planwirtschaftliche Quoten. Örtliche Behörden bekamen jährliche Babykontingente, die sie nicht überschreiten durften. Wie sie die Vorgaben umsetzten, blieb weitgehend ihnen selbst überlassen. Erst 1995 erließ Peking erstmals eine Bestimmung, wonach Zwangsabtreibungen oder Sterilisierungen verboten wurden. Üblich sind sie allerdings bis heute. "Mit Rechtsstaatlichkeit hat das alles nichts zu tun", sagt Yang Zhizhu. Ebenso wenig rechtmäßig sei es, dass Chinesen längst die Möglichkeit haben, sich über die Ein-Kind-Politik hinwegzusetzen. "Geburtslizenzen sind auf dem Schwarzmarkt seit Langem ein blühendes Geschäft."

Allerdings ziehen es viele Reiche inzwischen vor, Konflikte mit den Behörden zu vermeiden und ihre zweiten Kinder im Ausland zu bekommen. Hunderte Internet-Agenturen bieten dafür ihre Hilfe an. Auch künstliche Befruchtungen mit Zwillings-Embryonen entwickeln sich zu einem beliebten Weg, um die Regeln zu umgehen, oder ein Paar sucht sich eine Leihmutter, die ein zweites Kind für sie austrägt, um dieses dann von den leiblichen Eltern adoptieren zu lassen.

Wang Bochaos Mutter kann all das zur Verzweiflung bringen. Für Chinas Reiche mag die Ein-Kind-Politik de facto längst außer Kraft gesetzt sein – doch ihrem Sohn droht sie die Zukunft zu zerstören. Dabei glaubt sie, dass ihr ein zweites Kind zustehe. "Mein Mann und ich sind beide als Landbewohner registriert, und da unser erstes Kind eine Tochter war, müssten wir ein Anrecht auf ein zweites Kind haben", sagt sie und zieht aus einem dicken Stapel von Unterlagen Kopien mit den entsprechenden Gesetzespassagen hervor. Zweimal hat sie bereits Petitionen an Chinas höchstes Gericht geschrieben, ohne Erfolg. Einmal erhielt sie zwar ein Schreiben, dass ihre Strafe reduziert werden könne. Doch als sie damit zur örtlichen Familienplanungsbehörde ging, weigerten sich die Beamten, den Brief anzuerkennen. "Sie können einfach nicht zugeben, dass sie einen Fehler gemacht haben", klagt Feng, "und mein Sohn muss dafür büßen."

Ein Kind, zwei Probleme

Als 1949 die Volksrepublik China gegründet wurde, hatte sie 540 Millionen Einwohner. Nach nur einer Generation durchbrach das Land die Milliardengrenze. Um das schnelle Bevölkerungswachstum zu bremsen, führte China 1979 als erstes und bisher einziges Land eine gesetzliche Geburtenbeschränkung ein. Sie wurde als "Ein-Kind-Politik" bekannt, weil den meisten Chinesen seitdem nur noch ein Kind gestattet ist. In China spricht man lieber von der "1-2-3-Politik", weil Landbewohnern unter bestimmten Bedingungen auch zwei und Angehörigen ethnischer Minderheiten drei Kinder zugestanden werden.

Die Geburtenplanung konnte das Bevölkerungswachstum bremsen, aber bisher nicht stoppen. Heute leben in China 1,34 Milliarden Menschen; 2030 werden es 1,5 Milliarden sein. Erst danach ist mit einem Rückgang zu rechnen. Das anhaltende Wachstum ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung seit 1949 dank besserer Lebensverhältnisse von 35 auf 71 Jahre verdoppelt hat.

Obwohl die Regierung angekündigt hat, die Politik bis mindestens 2020 aufrechtzuerhalten, häufen sich Stimmen, die für ein Ende der Ein-Kind-Regelung plädieren. Denn mittelfristig birgt die demografische Manipulation mindestens zwei schwere Risiken:

Erstens führt die Ein-Kind-Politik zu einer schnelleren Alterung der Gesellschaft. Noch gehören die Chinesen zwar zu den jüngeren Völkern (Durchschnittsalter: 34 Jahre; Deutschland: 44 Jahre). Doch ab 2015 wird die Zahl der Erwerbstätigen sinken, und in den Städten, wo die Geburtenplanung die größten Auswirkungen hat, liegt die Altersstruktur bereits auf dem Niveau europäischer Nationen.

Zweitens hat die Familienplanungspolitik Chinas Geschlechterverhältnis durcheinandergebracht. Weil Jungen in China traditionell bevorzugt werden, wurden Mädchen millionenfach abgetrieben oder nach der Geburt getötet. Die Folge: Viele Männer finden heute keine Frau. 2005 gab es in der Generation der Unter-20-Jährigen 32 Millionen mehr Jungen als Mädchen. Bis 2020 dürfte die Überzahl bei Männern im heiratsfähigen Alter bei 50 Millionen liegen.

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