Ausgabe 12/2011 - Schwerpunkt Warenwelt

Digital ist überall

- Zuerst waren es nur ein paar große Computer, die in den sechziger Jahren miteinander vernetzt wurden, um teure Rechenzeit besser zu nutzen. Rechenzentren in Firmen und Forschungseinrichtungen kamen hinzu und dann, in den Achtzigern, immer mehr Leute mit ihren PCs. 1993 explodierte das Internet in die Weltöffentlichkeit hinaus - Ende 1995 fuhren 16 Millionen Menschen auf der Datenautobahn, zehn Jahre später überschritt die Zahl der Nutzer die Milliardenmarke. 2008 gab es erstmals mehr Geräte, die mit dem Internet verbunden waren, als Menschen. Ende 2010 waren zwei Milliarden Nutzer im Netz, dazu noch unter 850 Millionen Domain-Namen registrierte Rechner. Allmählich werden die Internetadressen knapp; das alte Vergabeschema reicht nur für 4,3 Milliarden Adressen.

Und nun sind auch noch die Dinge im Anmarsch. Nicht nur Smartphones und Tablet-Rechner, mit denen die Post-PC-Ära bereits begonnen hat - alles soll ans Netz.

Gegenüber der Stadt Seattle, am Ostufer des Lake Washington, liegt das Anwesen von Bill und Melinda Gates. Dort gibt es eine Empfangshalle, in die 100 Leute passen. Gäste erhalten einen elektronischen Anstecker mit einem Sensor, der ihre Anwesenheit registriert. Am Empfang werden ihre Vorlieben erfragt, etwa, was Musik und Kunst angeht. Das Haus versucht dann, ihnen entsprechend entgegenzukommen. Es merkt sich auch die Temperatur, die der Gast beim Händewaschen bevorzugt, und stellt sie, wenn er das nächste Mal einen Wasserhahn aufdreht, automatisch ein. Und wenn der Besucher ins Bad geht, erscheint möglicherweise ein Gemälde seines Lieblingsmalers auf dem Wandbildschirm.

Das sogenannte intelligente Haus ist auch ein Lieblingsanwendungsgebiet der EU-weiten Forschung, die sich mit Umgebungsintelligenz befasst. Sensoren, RFID-Funkchips und mobile Rechner sollen immer stärker miteinander vernetzt werden und lernen, sich auf die Bedürfnisse der Bewohner einzustellen. Einer Prognose des Netzwerkausrüsters Cisco zufolge wird es im Jahr 2020 rund 50 Milliarden Geräte mit Netzzugang geben. IPv6, die neue Version des Internetprotokolls, ist gerüstet für den Zuzug der intelligenten Dinge: Der Adressraum wird auf 340 Sextillionen Anschriften erweitert, eine Zahl mit 36 Nullen.

Die Zukunft gehört kaum mehr sichtbaren Geräten: winzige Chips, Sensoren und Kameras, kleiner als Brotkrümel. Magische Technik: Die Hardware verschwindet, es bleiben die Funktionen. Eine erste Vorstellung geben Projektionssysteme, mit denen sich Bildschirme und Tastaturen aus Licht auf beliebige Flächen werfen lassen. Zwei winzige Tiefensensoren erkennen, wie man seine Hand bewegt, die Maus und Cursor ersetzt. Das Internet der Dinge soll Alltagsgegenstände verbessern und Services wie Paketverfolgung ermöglichen; es soll zu etwas werden, das immer und überall da ist, wie digitaler Sauerstoff.

Dieses Ziel lässt sich nicht mehr nur mit steter Miniaturisierung erreichen. Bei vielen Geräten ist man an eine biologische Grenze gestoßen: Verkleinerte man sie weiter, würden sie unbedienbar. Also müssen sie auf einen Schlag ganz verschwinden, in den Hintergrund, zum Beispiel in die Kleidung.

Auch die Idee, dass der Mensch digitale Intelligenz unmittelbar in sich aufnimmt - wie von William Gibson vor fast 30 Jahren in seinem Cyberpunk-Klassiker "Neuromancer" beschrieben ist keine Fiktion mehr. Die US-Firma Applied Digital Solutions bietet schon länger einen reiskorngroßen, implantierbaren RFID-Chip an ("Verichip"), der beispielsweise in Herzschrittmachern eingebaut werden kann, um eine ohnmächtige Person schnell identifizieren zu können. Die mexikanische Vertretung des Unternehmens demonstrierte, dass sich entführungsgefährdete Kinder mit denselben Methoden sichern lassen wie Oberklasselimousinen und Haustiere - indem man ihnen den berührungslos auszulesenden Chip unter die Haut spritzt. Eine angekündigte Version, die per GPS zu orten sein sollte, löste so heftige öffentliche Reaktionen aus, dass man sich fürs Erste auf die nur aus kurzer Entfernung lesbare RFID-Variante beschränkte.

Solche intelligenten Dinge erscheinen manchen fragwürdig oder als unnötiger Aufwand. Aber in alternden Industriegesellschaften mit einer großen Zahl an Ein-Personen-Haushalten können sie sich als nützlich erweisen. So wird am Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme (IMS) in Duisburg ein hilfreiches Badezimmer für Demente entwickelt. Mithilfe von Sensoren im Fußboden werden Körpergewicht, Puls und Hygienehinweise erfasst. Die gesammelten Daten kann ein Pfleger mit einem Tastendruck abrufen; so bleibt ihm - idealerweise mehr Zeit für den Menschen.

Ein anderes Beispiel für nützliche Anwendungen ist in der Kapelle des Palazzo Medici Riccardi in Florenz zu besichtigen. Dort hat Benozzo Gozzoli 1459 den Freskenzyklus "Reiterzug der Heiligen Drei Könige" gemalt. In den Figuren hoch an der Decke sind viele Persönlichkeiten der Zeit zu erkennen. Besonders die Mitglieder der Familie Medici fallen ins Auge - wenn man die Möglichkeit hat, genau hinzusehen.

Das ist nun dank Alessandro Valli von der Universität Florenz, einem Liebhaber der Künste und Pionier auf dem Gebiet der Interaktion mit Maschinen, möglich. Er hat die Fresken fotografiert, dann haben Kunsthistoriker interessante Bereiche ausgesucht und dazu Kommentare aufgezeichnet. Das System reagiert auf Gesten, die Ausschnitte werden auf einen Großbildschirm projiziert. Zwei unauffällige Webcams sind auf den Besucher gerichtet und erkennen, worauf er zeigt.

In Hamburg installierte Amnesty International an einer Bushaltestelle bereits das erste Plakat, das registriert, wie man es ansieht - mithilfe einer integrierten Kamera und Gesichtserkennungssoftware. Der Slogan lautet: "Es passiert nur, wenn keiner hinsieht." Wer das Motiv fixiert, sieht ein friedliches Paar. Wer es nicht fixiert, sieht einen Mann, der seine Frau schlägt.

So soll aus unzähligen Dingen, die nichts weiter als da sind, ein Kosmos aus pfiffigen Badezimmern, klugen Küchen, cleveren Plakaten und und und werden. Er soll uns nahe sein wie der eigene Körper und dennoch die ganze Welt umfassen. Und er soll neue, informative Ebenen einziehen zwischen uns und der Realität.

Steve Mann, Professor an der Universität Toronto, beschäftigt sich seit den achtziger Jahren mit dem, was heute "Wearables" heißt - Technik zum Anziehen. In den Anfängen war seine Ausrüstung genauso schwer wie er selbst. Er wagte sich damit nur nachts auf die Straße.

Mitte der achtziger Jahre verkündete der damalige Leiter des Media Labs am Massachusetts Institute of Technology (MIT), Nicholas Negroponte, eine neue Mission: "Things That Think." Er schwärmte von kommunizierenden Manschettenknöpfen und Computern, die so klein sind, dass man sie essen kann. Vieles ist mittlerweile Realität. RFID-Chips werden verwendet, um alles Mögliche unter Kontrolle zu halten - von Rasierklingen, Pokerchips bis zu Hotelhandtüchern. Und der britische Industriedesigner Hannes Harms hat ein System namens NutriSmart entwickelt: Winzige Chips befinden sich direkt in Lebensmitteln, sodass der Schinken im Sandwich bereitwillig Auskunft über sein Herkommen und seine Kalorien geben kann.

Steve Mann trägt heute nichts mehr, was an monströse Prototypen erinnert. Seine Display-Brille ist nicht auffälliger als eine Sonnenbrille, am Gürtel seiner Hose befinden sich eine Einhandbedienung, ein winziger PC und ein Funkmodem. Eine von ihm erfundene "Vibraweste" verschafft ihm die Möglichkeit, entfernte Dinge, etwa ein vorüberfahrendes Auto, direkt am Körper zu spüren.

Mode spielt inzwischen eine wichtige Rolle, um Technik zugänglicher zu machen. Mitchell Page von der Universität Sydney präsentierte vor einiger Zeit Trikots mit Leuchtdioden-Panels, die bei Basketballspielen Informationen in Echtzeit anzeigen, etwa den Punktestand, die Zahl der Fouls oder die Restzeit. Die Daten wurden drahtlos von einem Zentralrechner auf die Kleidungsstücke übermittelt. Page berichtete, die Athleten hätten verhindert, dass an der Datenkleidung Dinge wie Puls oder Erschöpfungsgrad abgelesen werden kann, um dem Gegner keinen Vorteil zu verschaffen.

Smarte Bekleidung kann auch Wege aus dem wiederkehrenden Modedilemma weisen. Im Zweifelsfall geben die Textilien bekannt, was man an welchem Tag und zu welcher Zeit getragen hat - eine App gibt dann Empfehlungen für Unentschlossene. Dabei helfen sollen in die Kleidung integrierte Funkchips. Die Informatikerinnen Sea Ling und Maria Indrawan von der Monash University in Melbourne berichten, dass ein Prototyp der Software nach einer Lernphase, passend zur Tages- und Jahreszeit, individuelle Ratschläge erteilte.

"Mit dem Aufkommen des Internets der Dinge wird sich sicherlich auch unsere Vorstellung von Privatsphäre ändern", heißt es in einem Papier der EU-Kommission zum Thema. Tatsächlich kann es die Privatsphäre aber auch schützen. Wer etwa in Singapur mit der Bukit-Panjang-LRT-Linie, einer vollautomatischen Kabinenbahn, fährt, macht eine interessante Beobachtung. Auf einigen Strecken fährt der Zug sehr nahe an Wohnhäusern vorbei - kurz zuvor werden die Fensterscheiben der Waggons undurchsichtig, damit niemand den Anwohnern ins Schlafzimmer schauen kann. Die Scheiben sind aus "Privacy Glass", das sich auf Knopfdruck von durchsichtig auf intransparent umschalten lässt. Signalgeber an der Strecke sorgen automatisch dafür, dass an den Zugfenstern der elektronische Vorhang jeweils zur rechten Zeit fällt und sich wieder hebt. -