Ausgabe 12/2011 - Schwerpunkt Warenwelt

Der Stand der Dinge

1. Cargo Cult

Richard Feynman wusste, was Sache ist. Als Atomphysiker war es sein Job, ganz genau hinzusehen - etwa beim Manhattan Project, wo man aus den kleinsten Sachen (Atomen) die größten Dinger (Atombomben) machte. So etwas klappt nur, wenn man erst denkt und dann macht, also vor das Anfassen das Begreifen setzt. Erst denken, dann machen. So klar, wie es klingt, ist das aber nicht. Es geht auch anders.

Immer mehr Forscher, Experten, Manager und Bürger, so der Physiknobelpreisträger, kümmerten sich mehr um die Symbolik ihrer Handlungen als um die Frage, was dabei herauskommt. Feynmans Analyse der aufdämmernden Wissensgesellschaft, die er 1974 in einer Rede am California Institute of Technology abgab, ist herb. Aber die Geschichte klingt vertraut. Sie geht so:

Während des Zweiten Weltkriegs hatten die Amerikaner Stützpunkte auf den Samoa-Inseln errichtet. Die Versorgung der Truppen, aber auch der Einheimischen, erfolgte aus der Luft. Flugzeuge landeten und brachten Dinge, die für die Samoaner neu und großartig waren. Auf diese Güter waren die Samoaner ganz versessen. Und so kam es, dass sich niemand unter ihnen darum scherte, auf welcher Grundlage, mit welcher Technik, dank welchen Systems die Sachen nach Samoa kamen. Es ging nur um die Sachen selbst. Und als nach dem Krieg und dem Abzug der amerikanischen Truppen all die Waren plötzlich ausblieben, taten die Samoaner etwas sehr Merkwürdiges, wie Feynman berichtete: "Sie huldigen einem Flugzeugkult. Sie legen künstliche Landebahnen an, neben denen sie Feuer entzünden, um die Signallichter nachzuahmen. Und in einer Holzhütte hockt ein armer Eingeborener mit hölzernen Kopfhörern, aus denen Bambusstäbe ragen, die Antennen darstellen sollen, und dreht den Kopf hin und her ..."

Kein Detail wird ausgelassen, selbst Radartürme werden von den Samoanern aus Holz nachgebaut, weil sie "hoffen, so die Flugzeuge anzulocken, die ihnen die schönen Dinge bringen. Sie machen alles richtig. Der Form nach einwandfrei. Alles sieht genauso aus wie damals. Aber es haut nicht hin. Nicht ein Flugzeug landet."

Das akademische Publikum fand Feynmans Story lustig, aber der verdarb den Leuten den Spaß. Denn nicht nur das Verhalten der naiven Eingeborenen auf Samoa sei sonderbar - sondern wohl auch das vieler Forscher und Intellektueller. Der Cargo Cult ist überall, und schon in den siebziger Jahren gab es zahlreiche Wissenschaftler, die dem modischen Forschungstrend folgten, symbolisch und zweckfrei, aber dafür stets dem jeweiligen politischen Mainstream angepasst. In Feynmans Generation war man unkritisch mit jeder Form von Großtechnik umgegangen, eine Generation darauf hatte sich das Blatt gewendet. Was früher bombig war, wurde allmählich öko, und zu funktionierenden Geschäftsmodellen geriet beides nur, weil die Politik sich die Nachfrage erkaufte. Bezahlt wird für die symbolische Handlung. Da sitzen sie nun, in Teams und auf Konferenzen, und reden und präsentieren allesamt für die vermeintlich gute beziehungsweise gerechte Sache, drehen die Köpfe hin und her, während die Bambusstäbe im Takt klappern.

Der Cargo Cult sieht super aus, echt professionell, aber er sieht nur so aus. Wir erinnern uns: "Sie machen alles richtig. Der Form nach einwandfrei ..., aber es haut nicht hin. Nicht ein Flugzeug landet."

2. Second Life

Es haut nicht hin. Kein Flugzeug landet. Kann sich hier übrigens noch jemand an Second Life erinnern? Mitte des vergangenen Jahrzehnts waren Web-Experten und viele Medien ganz hin und weg von den unglaublichen Möglichkeiten dieser virtuellen Welt, die im Jahr 2003 von der kalifornischen Software-Schmiede Linden Lab eröffnet worden war. Avatare, also künstliche, im Cyberspace ansässige Stellvertreter echter Menschen, sollten ein tolles Leben führen. Freitagabend ging man nicht in die Disco, sondern feierte virtuelle Partys. Und alles war wie immer. Man tat Dinge, die man im wirklichen Leben nicht mal zu denken wagte. Unter dem Schutz der Anonymität ließ man sich eine dicke Distanz wachsen. Jeder konnte den Helden, die Diva oder den Durchstarter spielen. Da mochte man im ersten Leben ein noch so risikoscheuer Spießer sein - im virtuellen Raum war das ohne Belang. Die Risikogesellschaft, die sich im wirklichen Leben zunehmend vor allem fürchtete, fühlte sich hier in Sicherheit, im Netzwerk, dem Ort, an dem alles nicht so ernst gemeint ist und nichts solche Konsequenzen hat wie im kalten, bösen ersten Leben. Das war keine Übung. Das war eine Flucht.

Wer allerdings damals verhalten einwandte, dass es nicht so übel wäre, sich auch mal um diese erste Welt, um sein wirkliches Leben und die reale Wirtschaft, zu kümmern, statt weiterhin mit Hochdruck die Simulationsgesellschaft zu befördern, galt als tumber Reaktionär, rückständig und fortschrittsfeindlich.

Der große Kult um Second Life ist seit einiger Zeit abgekühlt. Die Account-Anmeldungen in der Pseudowirklichkeit sind rückläufig, auch wenn sich die "Einwohnerzahlen" der künstlichen Welt von zwei Millionen (2006) auf fast 22 Millionen (2011) vervielfacht haben. Wie immer steckt hinter den beeindruckenden Zahlen, wenn es ums Web geht, eine recht überschaubare Substanz. Zieht man alle inaktiven Dateileichen ab, dann verbleiben zwischen 35 000 und 60 000 Nutzer. Ein mittleres Städtchen also, weit entfernt von der Metropole, geschweige denn einer neuen Welt.

Ein Phänomen wie Second Life hat noch eine Reihe weiterer Ursachen - Motive, der realen Welt zu entfliehen, gab es zu allen Zeiten reichlich. Das Abflachen des Hypes ist in diesem Fall hingegen recht eindeutig. Warum Second Life nicht mehr so richtig brummt? Weil es in der echten Welt viel aufregender zugeht. Second Life verschwindet 2007/2008 aus den Medien, der Zeit also, in der die Masters of the Universe mit ihren Spekulationen und faulen Krediten es geschafft hatten, eine ganz reale Krise zusammenzuschustern, die sich dank enormen politischen Einsatzes in eine Währungskrise erweitern ließ. Die Wirklichkeit stahl Second Life die Show, und es ist eine feine Ironie, dass es das ganz große Spiel war, die ganz große Simulation, die die Internetwelt in den Schatten stellte.

Man war mitten in der Simulation auf die Realität gestoßen. Was nicht heißt, dass man damit seine Illusionen verliert.

Denn rund um die Krisen der vergangenen Jahre wird der ganz große Cargo Cult aufgeführt. Die wichtigsten Eingeborenen-Häuptlinge des Planeten haben ganz dicke Helme aus Holz auf ihren Köpfen, aus denen große Bambusstäbe ragen. Sie lassen für sehr viel Geld Landebahnen anlegen und Signalfeuer brennen, die für Flugzeuge gedacht sind, die es nicht gibt. Täglich wird der Kult umfassender, kommen neue Beschwörungen und Rituale dazu. Das Wort Realwirtschaft ist in der Kultausübung zentral. Doch das ist ein Begriff, der zu wichtig ist, um ihn Leuten zu überlassen, die mit lustigen Helmen und merkwürdigen Kulten hantieren und darauf warten, dass sich die Dinge von selbst erledigen.

In der Welt der Dinge stellt man andere Fragen, und das geht immer wieder so, wie Feynman gelernt hat: von den kleinen Sachen zu den großen Dingern. Fangen wir also an. Was ist Sache?

3. Wow, is that pretty!

Wer die Welt der Dinge entdeckt, der sucht das Gegenständliche, eine Kontur, einen Rahmen, an dem entlang man sich vorstellen kann, was Sache ist. Da geht es nicht um eine persönliche Interpretation, eine Sichtweise von vielen möglichen, sondern um das "wahre Wesen" der Welt. Wer in Zeiten wie diesen danach fragt, der spricht immer auch eine ganze Reihe weiterer Fragen mit an: Wie ernst ist die Lage wirklich? Muss ich eigentlich irgendetwas ernst nehmen? Ist all das Krisengerede nicht auch eine Simulation? Oder, um es mit dem großen Psychologen und Menschenkenner Paul Watzlawick zu sagen: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Kommt darauf an, in welcher Wirklichkeit man lebt. Da gibt es die, die jede Stimmungsschwankung in den Märkten unmittelbar trifft, deren Existenz ins Schlingern gerät. Da gibt es eben aber auch viele, die die Krise nur aus dem Fernsehen kennen - und für die sie ungefähr so gruselig ist wie der Schwedenkrimi im Spätprogramm. In echt, sagt man sich, kann doch nichts passieren.

Das ist nicht ignorant, sondern logisch. Seit Jahrzehnten wird überall zugespitzt und übertrieben. Im Kampf um die Aufmerksamkeit gilt längst das Motto: Wer lauter schreit, hat recht. Die Sache selbst ist nicht so wichtig, relevant ist, schnell und medienwirksam empört zu sein. Jeder verkauft die Katastrophen, Weltuntergänge, Bedrohungen, die ihm in den Kram passen. Das verdrängt, wie wir heute wieder sehen, den letzten Rest an Sachlichkeit aus den Diskussionen. Es war mal eine Tugend, in Diskussionen sachlich und gegenständlich zu bleiben, kühl und pragmatisch zu argumentieren statt in alarmistischer Aufgewühltheit. Das war mal. Heute ist überall Gefühl und Symbol. Die Welt ist so zugemüllt mit symbolischen Handlungen, dass die Sache selbst keinen Platz mehr hat.

Und da kommt es schon mal vor, dass Leute, die ihre Ideen mit symbolischen Handlungen in Schwung brachten, selbst darunter leiden. In seinem 2009 erschienenen Werk "Whole Earth Discipline - An Ecopragmatist Manifesto" wundert sich etwa Stewart Brand darüber, dass bei Umweltfragen Symbole und Emotionen statt Pragmatismus und Sachlichkeit herrschen, Tugenden, auf die Deutschland sich mal was einbildete, die sich aber, wie Brand findet, in der aktuellen deutschen Haltung zu grüner Gentechnik und Atomkraft verloren gegangen sind. Der Klimawandel braucht keine Symbolhandlungen, findet Brand. Der Mann weiß, wovon er redet.

Brand ist einer der wichtigsten Vordenker dessen, was man mal Gegenkultur nannte. Sein größtes Talent war es aber immer, neue, abstrakte Ideen anschaulich zu machen. Brand ist Pragmatiker, ein Visionär, der weiß, dass Leute sich nichts vorstellen können, wenn man ihnen nicht Symbole gibt, die sie zum Handeln ermutigen. So hielt er es als Organisator der Hippie-Festivals im San Francisco der sechziger Jahre, so begann er seine Alternativ-Bibel "The Whole Earth Catalog", die die Kultur der Ökoszene wie des frühen Internets gleichermaßen prägte. So hält es Brand als Initiator des Global Business Network. Die Ironie bei der Geschichte ist, dass Brand heute seine Ökopragmatik gegen eine symbolschwangere Vorstellung von Ökologie durchsetzen muss, deren Dramaturgie er entscheidend mitprägte. Im Jahr 1966 startete er eine Kampagne, in der er die US-Weltraumbehörde Nasa aufforderte, eine Fotografie der ganzen Erde zu veröffentlichen. Das verschwörerische Motto "Warum haben wir eigentlich noch kein Foto der ganzen Erde gesehen?" ließ Brand auf Tassen, T-Shirts und Anstecknadeln drucken. Damit schaffte er es sogar in Tom Wolfes Beat-&-Hippie-Epos "The Electric Kool-Aid Acid Test" und erlangte damit literarischen Weltruhm. Ein Weilchen später, im Dezember 1968, veröffentlichte die Nasa endlich ein Foto von der ganzen Erde, geschossen aus einem Fenster eines kleinen Raumschiffs der Apollo-8-Mission, die den Mond umkreiste. Im Vordergrund sieht man den Mondhorizont, im Hintergrund geht die Welt auf.

Das Foto führte genau zu dem, was Brand mit seiner Kampagne beabsichtigte, es wurde das mit Abstand meistzitierte Umweltfoto aller Zeiten. Schon in den frühesten Bildunterschriften fand sich der Hinweis auf eine "zerbrechliche Erde", die man nun besser schützen müsse, auf die "Ausgesetztheit des Blauen Planeten", seine "ganze Verletzlichkeit", um nur die bis heute meistgebrauchten Phrasen zum Bild zu nennen. Da hing nun die kleine Erde im schwarzen Nichts des Weltraums - das machte betroffen, angeblich auch den Apollo-8-Kommandanten Frank Borman, der die aufgehende Erde an Bord des Raumschiffs entdeckte - ein Bild, das sein Bewusstsein verändert habe. Tatsächlich sagte Borman laut Funkprotokoll von Apollo 8 bei der aufgehenden Erde: "Wow, is that pretty!", "Mann, sieht das hübsch aus!" Doch das interessierte niemanden, schon gar nicht die in die Mode gekommenen Vertreter der Gegenkultur. Die wollten ihren Cargo Cult. Dann sieht man, was man sehen will: Die Erde sei "zerbrechlich".

So ist das: Ideen suchen sich ihre Dinge - und viele Menschen halten das für Beweise. Im Zeitalter der digitalen Konstruktion ist das doppelt gefährlich. Jedes Foto, jeder Film, all die vermeintlich sichtbaren und damit scheinbar offensichtlichen "Fakten" lassen sich perfekt manipulieren. Dazu ist noch nicht mal ein Computer nötig; unsere Vorurteile tun's auch.

Zeigen soziale Netzwerke ihre Teilnehmer wirklich so authentisch, echt, unverfälscht, wie es heute überall heißt? Verstellen sich Menschen etwa neuerdings nicht mehr, wollen sie nun nicht mehr gefallen? Und sind die digitalen Gebirge, die das Datamining hervorbringt, wirklich qualitativ besser als das, was man vorher über seine Kunden wusste? Oder ist all das nur eine neue Variante einer aufgehenden Erde, die mal pretty ist, mal betroffen macht, je nachdem, wie man die Dinge sieht? Es haut nicht hin. Kein Flugzeug mit schönen Sachen landet.

4. Im Zweifel Dings

Warum ist das so? Das Objekt ist tückisch, weil wir unserem Verstand weniger trauen als den Dingen, die wir anfassen können. Schon immer galt: im Zweifel Dings. Wann immer es im Laufe der menschlichen Evolution brenzlig wurde, die Welt als zu komplex erschien und ihr Lauf als garstig, wandten sich die Menschen dem Materiellen zu, den Dingen. Und das ist heute wieder der Fall. Es ist zwar reichlich da, doch der Nachschub scheint gefährdet. So wird verspeist, was da ist. So war das immer schon. Hunger, Krankheit und Feinde wurden an Ort und Stelle, im Hier und Jetzt bekämpft. Erst allmählich sorgte das Bewusstsein und seine unausweichliche Folge, das Denken, dafür, dass man auf Vorrat handeln konnte, dass man Reserven anlegte, investierte, aus Sachen Güter wurden, die über den Tag hinaus wirkten und Bedürfnisse befriedigten. In Krisenzeiten wird offensichtlich das archaische Basisprogramm aktiviert. Menschen, denen es vor der Komplexität der modernen Welt ohnehin graut, schalten um auf Notprogramm. Natürlich trügt der Schein mit den sicheren Dingern. Da kaufen Leute Gold zu Höchstpreisen, weil sie "eine sichere Anlage" wollen. Experten nennen das verrückt. Dirk Baecker nennt es "normal". Der Soziologe, Professor an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, sagt: "Die Leute kaufen Gold, weil sie was zum Anfassen wollen, was scheinbar Reelles." Verluste werden billigend in Kauf genommen, denn "darum geht es gar nicht. Die Leute wollen Zeit gewinnen, sie schaffen sich einen Vorrat. In Zeiten tiefgreifender Veränderung gewinnt das Materielle immer. Die Leute sind einfach überfordert - und da kann man mit Vernunft und Rationalität einpacken." In Krisenzeiten ist immer ein bisschen Spätherbst: Man legt sich Vorräte an. Man hofft, über den Winter zu kommen.

Am Gold lässt sich auch prima der Kult ums Materielle erkennen. Was man anfassen kann, muss echt sein - und ehrlich. Echt? Während man Wissen erst mal begreifen und durch Abstraktions-und Kommunikationsarbeit in die Welt holen muss, verlangt die Zustimmung zum Materiellen nicht viel - außer der Sehnsucht nach einer Zeit, in der die Technik noch nicht alles so kompliziert gemacht hat. Früher war alles besser - aber wann war früher denn eigentlich? Wann war denn die Welt und der Mensch noch nicht abhängig von komplexer Abstraktion?

Verdammt lange her. Der moderateste Vorschlag: Seit ungefähr 2,5 Millionen Jahren nutzen Menschen Werkzeuge, die man als einfache Maschinen definieren kann oder aber als Prothesen, als Erweiterung des Menschen selbst. Der technische Mensch, der Homo Faber, formt seine Welt zu Gegenständen um. Darin findet er sich leichter zurecht. Die Welt ist das, was wir aus ihr machen, aber vorher gilt: Die Welt ist das, was wir von ihr wissen. Die Wissensgesellschaft ist also mindestens 2,5 Millionen Jahre alt. Reicht das nicht, um sich daran zu gewöhnen?

5. Let's get physical

Es sieht nicht so aus: Abstraktion sorgt für Unbehagen, der Gegenstand hingegen beruhigt. Es gibt viele Menschen, die, wenn sie verunsichert sind, schnell etwas zu beißen brauchen, am besten etwas Handfestes. Das ist total okay. Aber muss man diese Erfahrungen gleich auf alles übertragen? Sieht ganz so aus. Nehmen wir mal das Wort Realwirtschaft. In der klassischen Volkswirtschaftslehre ist der reale Sektor schlicht alles, was nicht zur Finanzindustrie gehört. Doch spätestens seit der Bankenkrise wird in der Öffentlichkeit das schöne Wort "real" beständig mit "reell" verwechselt, also echt mit solide und anständig. So wird der Anschein erweckt, die ehrliche Wirtschaft bestünde aus allen Betrieben, in denen geschraubt und gebastelt wird - Maschinen, Möbel, Mettwurst. Der Teil der Wirtschaft, die nichts Gegenständliches herzeigen kann, ist damit als halbseiden deklassiert. Eigentlich bedauernswert.

Im Mittelalter wurden Mönche, also Wissensarbeiter, die sich den Kopf mit theologischen Fragen vernebelten, zum Jäten in den Klostergarten geschickt. Maos Kulturrevolution verfrachtete Intellektuelle aufs Rübenfeld. Reine Kopfarbeit ist nicht gottgefällig beziehungsweise konterrevolutionär.

Wer schwitzt, hat recht.

Landschaftsgärtner wissen das. Ihr Gewerbe brummt in Krisenzeiten. Wohlhabende Menschen, die ihr Vermögen durch Wissensarbeit gebildet haben, kaufen sich Gärten und Wälder, ziehen sich Gummistiefel und Handschuhe über und schultern den Spaten. Was jahrhundertelang als Inbegriff der Armut galt, harte körperliche Arbeit, ist heute zum Luxus der von der Transformation verunsicherten Wohlstandsbürger geworden. Da "spürt man sich wieder", da kann "man sehen, was man geschafft hat".

Solche Gefühlswellen sind typisch für Umbruchzeiten. Zurück aufs Land wollte man auch in den sechziger und frühen siebziger Jahren.

Das war nur kurz nachdem Peter Drucker den "Wissensarbeiter" als neuen Motor des Kapitalismus ausgemacht hatte, den angestellten Kopfmenschen, der in seiner Freizeit nach einem Ausgleich suchte, nach sensorischer Erlösung. Diese Leute machten überdies auch Sachen, die ihren Eltern nie eingefallen wären, etwa im Rudel und mitten in Städten auf hartem Asphalt zu laufen - Marathon; oder auf merkwürdigen Apparaten nach Feierabend zu schwitzen - Workout. Als Arbeitslosigkeit und Wachstumskrisen Anfang der achtziger Jahre den Westen erschütterten, sang Olivia Newton-John "Let 's get physical". Was der Kopf nicht richten konnte, sollten nun die Muskeln erledigen. Doch das klappte schon damals nicht.

Nein, die Welt der Dinge kehrt nicht zurück - schon deshalb nicht, weil sie nie weg war. Nach fast zwei Jahrzehnten, in denen das Hohelied des Virtuellen gesungen wurde und alles andere als überholt galt, wollen die Leute vielleicht nur nicht mehr mit hohlem Gequatsche belästigt werden. Sie verlangen Verbindliches - Handfestes.

6. Berührungsängste

Verlässliches. Die Leute wollen wissen, was Sache ist. Das ist ihr, unser gutes Recht. Was wäre Führung und Management, in der Politik wie in Unternehmen, denn anderes als die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte so darzustellen, dass sie für die Adressaten verständlich und damit nutzbar sind? Wer nicht Klartext redet, kann auch nicht orientieren, kostet Nerven, Zeit, Vertrauen - ein Überforderter, der ständig andere überfordert. Komplexität nervt. Aber auch das Gegenteil ist richtig. Wohlstand und Entwicklung basieren auf Komplexität - und schaffen ständig neue Komplexitäten.

Hier haben die Krisen ihren Ursprung, sagt man, hier liegt das eigentliche Problem, so heißt es jedenfalls. Den Widerspruch kann man lösen, durch Selbsttäuschung beispielsweise. Man fordert einfach eine Ökonomie, in der "echte Menschen mit echten Produkten" handeln sollen. Was dabei herauskommt, kann man im Lebensmitteleinzelhandel besichtigen. Da finden sich Regal um Regal unzählige Industrieprodukte, die alle "echt", "handgemacht" und "natürlich" sind. Künstlich bedeutet hier: bedrohlich. Die Supermärkte sind voll mit den Illusionen, die wir verlangen. Wer nicht hören will, muss fühlen.

Vielleicht könnte das sogar helfen.

Denn dass man sich und die Dinge so schlecht fühlt in dieser Welt und nichts richtig spürt, könnte schlicht ein technisches Problem sein. Es reicht noch nicht fürs echte Gefühl.

Das griechische Wort haptós bedeutet fühlbar und ist der Stamm von Haptik, einem Schlüsselwort für die Technologie des 21. Jahrhunderts. Für die meisten Leute ist Haptik, wenn sich etwas gut anfühlt. Das stimmt zwar auch, ist aber zu wenig, wie Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungslabors an der Universität Leipzig (siehe auch brand eins 12/2008), weiß.

"Die Haptik ist das größte Fenster unseres Gehirns in die Welt", sagt er. Form, Gewicht, Größe, Beschaffenheit, Struktur, eine Vielzahl elementarer Informationen über Dinge und Sachen erhalten wir nur, wenn wir sie anfassen. Allein die menschliche Haut ist ein unglaublich dichtes Netzwerk an Sensoren und Antennen, die ständig Informationen ans Gehirn liefern. So kann Grunwald kühl und selbstbewusst den Stellenwert der Haptik bestimmen: "Berührungsreize sind elementar für das, was Menschen ausmacht", sagt er, "wir versuchen ständig, alles zu ertasten, zu erfühlen. Schauen Sie mal auf Hände und Füße, wie schwierig das ist, die still zu halten. Das ist der Berührungshunger - wir wollen was über die Welt erfahren." So ist der Mensch.

Doch was kriegt er? Meist halbe Sachen, wie Grunwald findet, Touchscreens zum Beispiel. Die meisten Leute halten die für den letzten Schrei, aber der Forscher ist nicht glücklich mit den Dingern. "Die geben doch nicht mal nach, wenn man sie berührt - und das setzt jede Berührung eigentlich voraus, dass sich da auf der Gegenseite was tut. Menschen wollen Dinge, die leben", fordert Martin Grunwald. Lebende Displays? Natürlich nicht. Aber Oberflächen, die Strukturen aufweisen, erfühlbar sind und deshalb begreifbar, sagt er, das wäre sehr nützlich: "In der Industriegesellschaft wurde alles glatt gemacht, Oberflächen wurden einfach nivelliert. Jetzt muss man alles wieder rauer machen", sagt Grunwald. Man muss wieder begreifen lernen.

Die glatte Welt der Industrie geht zu Ende, und da hilft keine Flucht in eine klinisch reine zweite Welt, in ein Second Life. Zumindest nicht, wenn man mehr will als eine billige Kopie des wirklichen Lebens.

7. Sachen machen Ärger

Die Dinge, deren Oberflächen wieder "rau gemacht werden sollen", wie Grunwald sagt, diese Dinge waren ihrem Wesen nach nie anders.

Das deutsche Wort "Sache" leitet sich vom gotischen "sakans" ab, ein Wort, das so viel wie Streit bedeutet. Das deutsche Wort "Ding" wiederum verweist auf das im Englischen immer noch munter in Gebrauch stehende Wort "thing", der alten germanischen Bezeichnung für Gericht, dem Ort also, an dem man die Sache mit den Sachen, die zum Streit führen, klarstellen lassen kann.

Heute mögen uns solche Zusammenhänge überraschen. Die Distanz zwischen den Menschen und den Dingen ist seit der industriellen Revolution gewachsen. Dass die Industriegesellschaft zu "Entfremdung" führen musste und zur "Verdinglichung" aller Verhältnisse, das war nicht nur Karl Marx klar. Die Menschen entfernen sich von dem, was sie herstellen, und damit entfernen sie sich aber auch vom Wesen der Dinge. Die Geschichte der Entfremdung von den Gegenständen erklärt ein wenig die verzweifelte Suche des modernen Menschen nach Sinn hinter dem, was wir tun. Das Handfeste ist schließlich auch der Beweis dafür, wozu Menschen imstande sind. Die Dinge und die Ressourcen, aus denen sie entstehen, standen immer im Mittelpunkt unserer Kultur. Jedes menschliche Artefakt beweist, dass wir Probleme lösen können. Auf dieser Grundlage bewegten wir uns vorwärts. Doch wo Sachen sind, ist auch Gewalt, ist Mord und Totschlag. Daran erinnert uns, wie ein fernes Echo, die Etymologie des Wortes Streit.

Der Raub, das "gewaltsame Wegnehmen einer Sache" (Wikipedia), wurde dabei nie überwunden, er wurde nur entschärft, kultiviert - also das, was man heute organisiert nennen würde. Die wichtigste Aufgabe von organisierten Gemeinschaften, zu denen die Staaten gehören, ist es, die Güterverteilung so zu managen, dass die Verluste an Menschenleben, Zeit und Energie überschaubar bleiben. Auch wenn wir im Laufe unserer Kulturgeschichte viele gute Gründe und noch mehr gute Worte für diesen Vorgang gefunden haben, er ist im Kern das geblieben, was er ist: das gewaltsame Wegnehmen einer Sache. Der Apparat ist die meiste Zeit und zum größten Teil mit diesem Wegnehmen beschäftigt, das notfalls mit Gewalt geschieht. Zwischen den organisierten Gemeinschaften tobten Kriege. Immer geht es um die Verurteilung der Räuber, immer um die Legitimierung des eigenen Raubs. Die Geschichte ist eine einzige Materialschlacht. Unsere Kultur verschweigt das.

Die Industrialisierung brachte eine massive Warenflut. Die Welt der Dinge war zunehmend überall. Und sehr schnell fanden sich Kritiker von links wie rechts, die sich in ihrer Konsumkritik bis heute einig sind. Die tiefe Skepsis gegen Sachen - schnöden Materialismus - ist zu einer Grundkonstante der Gesellschafts- und Systemkritik geworden.

Darin steckt die Grundwahrheit, dass mehr Sachen zu mehr Streit führen. In den Ideen und der Geschichte der pazifistischen und demokratischen Bewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist diese Einsicht allgegenwärtig. Davon zehren heute alle Verzichtsprediger.

8. Wissen über Dinge

Nun kann niemand dafür sorgen, dass die Ursache des Streits aus der Welt verschwindet - die Abschaffung des Materialismus und der Welt der Dinge funktioniert nur um den Preis der Selbstabschaffung, also dann, wenn auch der Mensch sich von diesem Planeten rückstandsfrei zurückzieht. Einige Fundamentalisten fänden das prima.

Dann blieben noch die routinemäßigen Verzichts- und Sparparolen, die allerdings nichts weiter sind als Symbolhandlungen, die nichts bringen außer ein wenig Seelenfrieden. Kann man denn die Dinge nicht anders sehen?

Doch, man kann und man muss - nur vorher muss man sich vom Entweder-oder-Denken frei machen. Dadurch wird das Leben aber etwas komplexer als durch die heute üblichen Ja-Nein-Gut-Böse-Klischees. Ganz einfach geht auch. Aber das klappt nicht. Das Wort Kompromiss klingt ein wenig schnöde, aber man sollte es nicht verachten. Zumal es, richtig verstanden, helfen kann, Probleme zu überwinden.

Sachen führen zu Streit - das gilt in Gesellschaften und Systemen, die von der Knappheit dominiert sind. Wo materielle Not herrscht oder für die meisten zum Alltag gehört, sind in aller Regel auch die Verteilungskämpfe am härtesten. Armut macht die Welt nicht netter. Wer nichts hat, muss ein hohes Risiko tragen. Eine materialistische Welt ist eindeutig die bessere Option. Menschen, die etwas zu verlieren haben, sind friedliebender als andere. Es bleibt zwar dabei: Umverteilung ist Raub, eine gewaltsame Wegnahme von Sachen, und der Staat nutzt sein Gewaltmonopol dazu. Allerdings kommen die Opfer mit ihrem Leben davon. Der Friede ist kein Produkt des guten Willens. Er ist erkauft, und das ist gut so. Und was ist mit der Finanz- und Währungskrise? Die lehrt uns, dass die meisten Menschen in einer globalisierten Wirtschaft tatsächlich in einem Boot sitzen. Sie müssen rudern und verhandeln.

Der Eindruck vom Chaos, der Planlosigkeit, den wir haben, liegt vielfach daran, dass wir nicht gelernt haben, die Verbindung beider Welten zu verstehen. Manchmal ist das grotesk, etwa dann, wenn Menschen einerseits gegen Materialismus protestieren, gleichzeitig aber mehr Teilhabe fordern. Das ist albern, aber eine logische Folge unserer Kultur, die nur die Dinge kennt und sich auf Wissen und Abstraktion nicht verlassen will. Dabei wird auch die Welt der Dinge durch Wissen und Verstand organisiert. Erst denken, dann machen - das war nie so wichtig wie heute. Dreht man das um, kommt es zur Krise, das sehen wir überall. Jeder macht, was geht, und es geht heute vieles. Es ist leichter geworden, etwas zu tun, als darüber nachzudenken. Das ist unser Problem.

Was tun? Wir müssen lernen, mit Überfluss und Möglichkeiten umzugehen. Und neue Prioritäten zu setzen.

Die alte Kultur schätzt körperliche Mühen und geringschätzt geistige Arbeit. Sie verehrt den Gegenstand und misstraut dem Geist. So kann dann passieren, dass der Triumph des Geistes, der ein weltweit zugängliches Informationsnetz schuf, im banalen Irrsinn mündet, dass Wissen nichts kosten darf. Das, was wir können, und das, was wir immer noch denken, passt einfach nicht zusammen. Denn wie könnte es sonst sein, dass man geistiges Eigentum nicht schätzt, dass Kopfarbeit immer noch als halbseiden gilt und dass, am allerschlimmsten, Kopfarbeiter selbst kein Selbstbewusstsein haben in einer Welt, die nichts anderes im Kopf hat als dicke Dinger?

Hören wir auf mit unserem Cargo Cult.

Wir tun so, als ob - das ist die wahre Kultur unserer Krise. Und nie traf der Satz des Systemtheoretikers Niklas Luhmann mehr zu als heute: "Kultur verhindert die Überlegung, was man anstelle des Gewohnten anders machen könnte." Machen wir also eine Kulturrevolution, aber diesmal richtig, eine, die nicht nach hinten losgeht, sondern Platz schafft. Alles, was wir dafür tun müssen, ist, unsere träge, selbstgerechte, vereinfachende und irreführende Kultur auf den Müll zu schmeißen.

Als Motto dafür sollte man einen Satz des Luhmann-Schülers Dirk Baecker an jede Wand sprühen: "Die Wissensgesellschaft ist eine Welt, die über die Dinge Bescheid weiß." Wir brauchen nicht zwei, drei Welten, eine ist genug - wenn wir es begreifen. Das wäre endlich kein Kult mehr. Sondern Realwirtschaft, eine gute Sache also.

Echt. -

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