Ausgabe 12/2011 - Schwerpunkt Warenwelt

Der Mann ohne Geheimnisse

- Der Mann, der im Netz alles über sich mit allen teilt, sagt zuerst, er habe sich nicht sofort getraut. Sein Projekt sei noch nicht so weit. Er sagt das mit leiser Stimme, als wolle er nicht zu viel verraten. Dabei steht mehr über ihn im Netz als über die meisten anderen Menschen. Rainer Wasserfuhr, 42 Jahre alt, schwarzer Anzug und Halbrandbrille, Programmie rer aus Dresden, führt sein Leben öffentlich. Auf seiner Website steht lexikalisch geordnet, was er liest, denkt und mit wem er Bier trinkt. Er selbst hat es dort hineingeschrieben. Nicht für ein großes Publikum, sondern für sich selbst und seine Freunde.

Wasserfuhr hat rübergemacht ins Netz. Seit elf Jahren hat er keinen Fernseher mehr, er hat kein Radio und liest keine gedruckte Zeitung. Anfang des Jahres hat er sein letztes Buch verschenkt: "The Singularity is Near" von Ray Kurzweil, dem Zukunftsforscher. In seiner Wohnung hat er kaum mehr als eine Matratze, einen Rechner und eine Kaffeemaschine, sagen Menschen, die dort waren.

Er hat das Café "Müslihaus" in der Dresdner Neustadt für das Treffen vorgeschlagen. Ein gemütlicher Ort, so analog, wie eine Gaststätte nur sein kann, mit alten Holztischen, mit Sofas und verschwommenen Fotografien an der Wand. Wasserfuhr war nicht ans Mobiltelefon gegangen, hatte nicht auf Mails geantwortet, beides hält er für überkommene Formen der Kommunikation. Erst auf eine öffentliche Anfrage per Twitter hatte er einem Gespräch zugestimmt. Den vereinbarten Termin hat er bei Facebook als öffentliche Veranstaltung gepostet. Und jetzt ist niemand gekommen. Das irritiert Rainer Wasserfuhr. Dann aber kommt tatsächlich eine Frau herein, die er kennt. Sie stellt sich als Lydia vor und setzt sich aufs Sofa.

Der 42-Jährige gehört zu den Menschen, die man im Netz unter ihrem Vornamen findet. Er ist der "@rainer" auf Twitter, "Rainer" auf Linkedin und "rainer" beim Bookmarking-Dienst Delicious, einfach weil er der erste Rainer dort war. Egal, welche Ecke man im Netz neu entdeckt, die Chance ist groß, dass Wasserfuhr schon da ist. Mit jedem neuen digitalen Profil gibt er ein Stück der realen Welt auf. Er lebt so sehr im digitalen Raum, dass es für Normalvernetzte schwierig wird, ihm zu folgen.

Die Hälfte seiner Online-Zeit verbringe er bei Facebook, je ein Viertel bei Twitter und Google Plus. Und: "Seit das Internet in die Hosentasche kommt, sind auch meine Freunde dabei." Auf dem Sofa im Müslihaus sitzen jetzt drei Frauen und lauschen.

Einer wie Wasserfuhr passt nicht ins datenschutzhysterische Deutschland. Wir schützen unser Leben vor dem Netz. Wir twittern und kommentieren unter Pseudonym, lassen unser Haus bei Google verpixeln und setzen alle Privatsphäre-Häkchen bei Facebook. Bücher wie "Die Facebook-Falle: Wie das soziale Netzwerk unser Leben verkauft" bilden den Trend ab.

Ein Bote aus der Zukunft

Das kann man getrost für Unfug halten. Aber man sollte nicht den Fehler machen, Rainer Wasserfuhr als Spinner abzutun. Denn von seinem Experiment kann man einiges über unser künftiges Leben im Netz lernen. Er beteiligt sich nicht am Streit um Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung und Netzneutralität - weil sie ihn längst nicht mehr betreffen: Wer alles ins Netz stellt, braucht sich nicht mehr zu schützen. Er telefoniert nicht mehr. Sein E-Mail-Postfach dient ihm nur noch zum Sammeln der Informationen, wer ihn auf Twitter erwähnt oder ihm auf Xing eine Nachricht schickt. "Das Recht auf Privatsphäre prallt auf mein Recht, mein Leben zu digitalisieren", sagt er.

Eine gute Vorstellung von Rainer Wasserfuhr bekommt, wer ihn sich als das Gegenteil des omnipräsenten Netzlautsprechers Sascha Lobo vorstellt. Statt sich zu inszenieren, schweigt Wasserfuhr an diesem Abend gern. Statt über neue Techniken zu reden, versucht er, sie in sein Leben zu übernehmen. Kontakt mit der Welt hält er über das schwarze Eee-Netbook und sein iPhone. "Die Online-Welt ist für mich eindeutig der Fleischwelt überlegen", sagt er. "Ich versuche, die andere da mit hineinzuziehen."

Wasserfuhr ist kein Digital Native. Geboren 1969, wuchs er in einem katholischen Elternhaus in Wipperfürth in Nordrhein-Westfalen auf. "Der liebe Gott als Erziehungsinstrument war sehr präsent." Als Schüler meldete er sich vom Religionsunterricht ab. Stattdessen gründete er die Informatik-AG. Nach dem Informatikstudium in Kaiserslautern entdeckte er das Internet. Dank einer der ersten Online-Stellenanzeigen der Universität kam er nach Dresden. 16 Jahre ist das her, doch er spricht davon, als wäre es ein anderes Leben.

Als Programmierer hat er für Siemens Gepäckförderanlagen, für Adidas eine Print-on-Demand-Software für Produktkataloge und für die Deutsche Post das System zur Paketverfolgung entwickelt. Gerade arbeitet er als Freiberufler für Globalfoundries, einen Halbleiterhersteller, der in Dresden Siliziumwafer produziert. Diese Industrie gehört zu den verschwiegensten der Welt, deshalb ist sein berufliches Tun der blinde Fleck in der bestens dokumentierten Online-Karte seines Lebens.

Jeder Kuss wird protokolliert

Er erzählt von seinem Weg in die Welt der Daten. "Ich bin ein Fan von Wikipedia", sagt er. Er hat die Artikel über Walter Scheel, den Kölner Dom, die Gemeinde Wipperfürth und den Kigali International Airport angelegt. "Irgendwann habe ich mir den Spaß erlaubt, dass meine Benutzerseite aussieht wie die einer Person, die für Wikipedia relevant ist. Das bin ich natürlich nicht." Der Artikel beginnt mit: "Rainer Wasserfuhr (*28. Mai 1969 in Wipperfürth) ist ein Informatiker, Berater und selbst ernannter Zukunftsforscher." Das war wohl der entscheidende Schritt auf dem Weg ins Datennetz. Ihm gefiel die Idee, sein Leben und seine Gedanken lexikalisch aufzubereiten. Er legte ein eigenes Wiki an, nur für sich, und nannte es Mindwiki. Dabei ist er ein schüchterner Mensch. Doch im Internet berichtet er davon, mit wem er ein Bier getrunken hat ("RainerWasserfuhrDrankBeerWith"), wen er geküsst hat ("RainerWasserfuhrHasKissed") und woran er gescheitert ist ("ComBots"). Den größten Streit hatte er daraufhin mit seinen Eltern, deren persönliche Daten er deshalb löschte.

"Je mehr wir dem Megacomputer beibringen, desto mehr übernimmt er die Verantwortung für unser Wissen. Er wird zu unserem Gedächtnis", schreibt Kevin Kelly, Herausgeber der Zeitschrift "Wired". Wer eine Version von Wasserfuhrs Gedankenwelt haben will, kann sie sich herunterladen. 4,3 Megabyte schwer ist die Datei Mind.zip, eine Art Wikipedia seiner Gedankenwelt, in die er in vielen Tausend Stunden seine Gedanken eingepflegt hat. Man braucht einige Stunden, bis man sich in diesem komplexen Geflecht zurechtfindet. Das ist sein einziger Schutz.

"Im Grunde leisten Seiten wie Facebook Ähnliches: Auch hier wird mein Leben mehr oder weniger detailliert dokumentiert", sagt Christian Heller. Er ist im Netz als Plomplom bekannt. "Post-Privacy - Prima leben ohne Privatsphäre" heißt sein gerade erschienenes Buch. Darin fragt er: "Was aber ist mit dem Teil meines Lebens, der noch in keiner Datenbank steht? Die Intelligenzen des Netzes müssen etwas nicht direkt gesagt bekommen, um es trotzdem mit guter Trefferquote vorherzusagen." Heller glaubt, die Privatsphäre sei nur noch Einbildung: "Es geht nur noch darum, den Rückzug möglichst unblutig zu gestalten - und das Unabwendbare vielleicht lange genug hinauszuzögern, damit wir uns ein wenig darauf einstellen können: Es wird keinen Bereich mehr geben, in dem wir uns vor fremden Blicken sicher glauben können." Es ist die Erfahrung, die jeder macht, der von Amazon plötzlich gute Bücher, von iTunes die richtigen Lieder und auf Facebook die echten Freunde vorgeschlagen bekommt. Wir leben schon alle mehr wie Wasserfuhr, als wir denken.

Später am Abend sitzt Wasserfuhr in der Kneipe des Programmkinos "Thalia" und raucht. Die Kunststudentin Heidi ist mitgekommen. Sie war eine der Frauen auf dem Sofa und steht auf Rainers Geküsst-Liste. Sie sagt: "Rainer zieht das in allen Bereichen durch. Das war schon krass, als ich ihn kennenlernte und dass er das mit der öffentlichen Kommunikation auch in Beziehungen durchzieht. Man hat eigene Maßstäbe, wie etwas zu sein hat. Und er bricht sie."

Sein Mindwiki ist öffentlich und bietet anderen die Möglichkeit zu kommentieren. Allerdings tut das kaum einer. Heidi: "Ich habe mir oft die Frage gestellt, ob du dich nicht einsam fühlst, wie ein Eremit?" Wasserfuhr: "Das ist für mich eine völlig stabile Realität."

Er legt jetzt ein abgegriffenes Notizbuch auf den Tisch. Hintendrin steckt die Visitenkarte von Ray Kurzweil, dem Popstar der Zukunftsforscher. Wasserfuhr erzählt, es habe ihn Überwindung gekostet, sein Idol anzusprechen, als es im vergangenen Jahr in Dresden war. So schwer ihm die Kontaktaufnahme fiel, so fasziniert ist er. Die von Kurzweil initiierte Singularity-Bewegung prophezeit, dass Mensch und Computer bald verschmelzen werden. Sobald Rechner intelligenter als Menschen seien, werde sich die Entwicklung überschlagen. Das Tempo der Annäherung gebe das Moore'sche Gesetz vor, das eine regelmäßige Verdopplung der Chipleistung voraussagt. Kurzweil hat öffentlich gewettet, dass es im Jahr 2029 so weit sein wird.

Rainer Wasserfuhr wird dann 60 Jahre alt sein. Er sagt, dass sein Mindwiki dann einen guten digitalen Zwilling abgeben werde, den auch engste Freunde nicht mehr von ihm unterscheiden könnten. Er plant eine Singular-Akademie nach Kurzweils Vorbild, in der es Kurse zum Umgang mit Daten geben soll; mit richtiger Adresse in einem ehemaligen Lokschuppen der Bahn. Die erste Lektion soll sich mit der Google-Plus-Seite von Facebook-Chef Mark Zuckerberg beschäftigen. Zwischen den Anhängern verschiedener Netzwerke würden die nächsten Kämpfe der digitalen Welt ausgetragen, sagt Wasserfuhr. Er steckt sich eine Zigarette an. Rauchen kann tödlich sein, steht auf der Packung. Einen wie ihn schreckt das nicht.

In Daten konserviert, fühlt er sich unsterblich. -

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